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Band Nr. 101

Volltext: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Ausgabe 1915 (Public Domain)

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Zentralblatt der Bauver waltuag, 18. Dezember 191&. 
noch verstärkt wurden. Die belgische Eigenart findet er am reinsten 
und in Mutvoller, volkstümlicher Frische in der Baukunst Flanderns 
ausgeprägt: m Gent und Brilggo. Die einfachen, kraftvollen Back 
steinbauten der Genter Nikolaikirche und der Liebfrauenkirche in 
Damme, die wuchtigen schmucklosen Festungs- und Schloßbauten 
(Grafenschloß in Gent) sind ihm echte Zeugen belgischen Kunstgeistes. 
Jenes stolzen und in sich selbst gefestigten Geistes, der, wie der 
Herausgeber betont, der Geist des belgischen Bürgers ist, welcher 
der Gunst seines Landes seine frühe persönliche Freiheit wie seine 
gewaltige Spannkraft verdankt. In gewaltigen Monumentalbauten 
hat sich dieser belgische Bürger ein Denkmal seiner Würde und 
Freiheit geschaffen. Die prächtigen Hallenbauten in Flandern, die 
Tuchhalle in Ypern, die ein Opfer dieses Krieges geworden ist, die 
Fleischhallen in Gent und Antwerpen sind überzeugende Beispiele 
dieses großgearteten bürgerlichen Buusinns. Weithin beherrschen sie 
mit ihrem hochragenden Beifried, dem architektonischen Sinnbild 
bürgerlicher Machtfülle, das in der Ebene ruhende Stadtbild. Neben 
diesen durch Klarheit und straffe Fassung des Baukörpers aus 
gezeichneten Bauwerken stellt die malerisch bewegte Architektur des 
Brüsseler und Löwener Rathauses und des Brothauses in Brüssel als 
ein Beispiel für die entgegengesetzte Neigung des Belgiers, den 
Baukörper „durch reichen plastischen Zierrat und wechselvolle 
Licht- und Schattenwirkungen aus gebundener Starrheit und groß 
flächiger Klarheit zu lösen“. Wie hier in der malerischen Gestaltung 
des Außenbaues, so äußert sich auch in der Raumbildung, in der aus 
geprägten Vorliebe für zweischiftige Räume (d. h. für das Unsymme 
trische) die germanische Eigenart. Und nicht minder kommt sie zum 
Ausdruck in dem reichen Schnitzwerk der im Fachwerkbau errichteten 
Wohngebäude, und die hier betätigte Vorliebe für reiche Gliederung 
und Auflösung der Fläche bleibt auch später, als eine reichere 
Zeit den Holzbau durch den dauerhaften Backstein ersetzte, erhalten. 
Erst das Vorbild Italiens wandte auch die belgische Kunst neuen 
Zielen zu. Die neue Lehre der italienischen Renaissance wird gerade 
hier mit besonderem Eifer aufgenommen. Der Verfasser weist auf 
die denkwürdige Tatsache hin, daß Serlios Buch über die Baukunst 
von Pietrer Coeke in Antwerpen 1546 bis 1553 herausgegeben wurde, 
daß Hans Bloem im Jahre 1551 Vitruvs Werke bei Hans Liefrink in 
Antwerpen veröffentlichte und Vrodemann de Vries in Antwerpen 
um diese Zeit seine sieben Bände mit Entwürfen für Karyatiden, Grab- 
inäler und Ornamente füllte. Unter dem Einfluß der neuen Lehre 
beginnt die spätgotische Schmuckfreude einer ruhigen flächenhaften 
Gliederung zu weichen (Rathaus in Antwerpen, Stadthaus in Gent). 
Doch nicht lange hält diese erborgte Ruhe an, und mit dem Ein 
dringen des Barockstils gelangt das eigentliche Wesen vlümisehen 
Seins, die malerische Sinnlichkeit, zu freier Entfaltung. Der Verfasser 
weist darauf hin, daß au der Entwicklung der belgischen Barock- 
architektur die zeitgenössischen Maler regen Anteil gehabt, haben, 
und er gibt der Meinung Ausdruck, daß gewisse Eigenarten des 
belgischen Barockstils, die im einzelnen in dieser kurz zusammen 
fassenden Besprechung nicht angeführt werden können, auf dieses 
Herauswachsen aus der Malerei zurückzuführen sind. Wer sich näher 
zu unterrichten wünscht, greife zu diesem kleinen, sehr zur rechten 
Zeit erscheinenden Buche, das in Anbetracht des reichen Inhalts und 
der vorzüglichen Ausstattung außerordentlich preiswert zu nennen ist. 
Die Denkmäler der Kunst in den südlichen Kriegsgebieten, im 
österreichischen Küstenland, in Istrien, Dalmatien und Südtirol, be 
handeltLeo Planiscig in einer kleinen, mit zahlreichen Abbildungen 
ausgestatteten Schrift (Kunstverlag Anton Schroll u. Ko., G. m. b. H., 
Wien). Audi diese Landstriche sind von früh an der Schauplatz 
schwerer Kämpfe gewesen, und auch hier standen sich als Gegner die 
nordisch-germanische Welt und die romanische Kasse gegenüber. 
Zur Zeit der Völkerwanderung bildete die Isonzoebene das Ein- 
bruclistor der vom Norden vordringenden fremden Stämme. Ger 
manen, Romanen und Slawen fluteten hier durcheinander, und noch 
heute zeigt die Bevölkerung der österreichischen Küstenländer ein 
seltsames Rassengemisch. *0 trägt auch die Kunst dieser Länder 
das Merkmal der Zwiespältigkeit. .Sie zeigt nordische und südliche 
Einflüsse, und zwar in wechselnder Stärke, je nach den Wechsel 
fällen der politischen Machtstellung. Eine Übersicht der vorhandenen 
Kunstdenkmäler., wie sie in der vorliegenden Schrift versucht wird, 
ergibt ein außerordentlich reiches Gesamtbild. An diesem Bilde 
haben die Künste aller Zeiten, von der Antike bis zum Barock und 
Klassizismus mitgewirkt. ln Aquileja künden die im dortigen 
Museum aufbewahrten Bildnisse römischer Kaiser, in Pol» die ltuiiie 
des Amphitheaters, in Spalato der Koloß des Diokletianpalastes von 
der monumentalen Kraft altrömischer Baugesinnung; Spuren der 
„Völkerwanderungskunst“, jener seltsamen Mischung aus spätantiken 
Überlieferungen und aus der eingeborenen Kunstübung der Ein 
wanderer, finden sich in Aquileja, in verschiedenen Orten Istriens 
und vor allem in Dalmatien, das, von den großen Umbauten der 
Kemtissancezeit nicht berührt, sie in großer Zahl bewahrt hat (Museum 
in Zara). Die frühchristliche Zeit hat in den prachtvollen Basiliken 
in Aquileja, St. Giusto in Triest und Parenzo, das Mittelalter in 
den Domen von Trient, Zara und Trau und in den Kastellbauten 
von Görz, Persen und Avio würdige Beispiele seiner Kunst hinter 
lassen. Und Denkmäler der Renaissance- und Barockkunst sind im 
übrigen wohl in den meisten Orten des hier behandelten Gebiets vor 
herrschend. Eine übersichtliche Zusammenstellung des ganzen Kunst 
besitzes, einschließlich der wichtigsten Skulpturen und Gemälde, 
wie sie hier von einem durch eingehende Ortsstudien mit dem Stoff 
wohlvertrauten Kunsthistoriker gegeben wird, wird vielen sehr will 
kommen sein. Die Darstellung hält sich im Rahmen einzelner Orts 
beschreibungen, denen die wichtigsten geschichtlichen Geschehnisse 
vorangestellt sind. Diese Anordnung dos Stoffes macht das kleine 
Buch zu einem nützlichen Nachschlagewerk, das inan als Ergänzung 
heim Studium der Kriegskarten gerne benutzen wird, späterhin wird 
es auch als Reiseführer gute Dienste leisten können. 
Auch Deutschland hat, wenn auch nur vorübergehend, eine seiner 
Grenzprovinzen zum Kriegsgebiet werden sehen. Ostpreußen, vor 
dem Kriege nur wenig beachtet und, um ehrlich zu sein, im Grunde 
auch immer etwas über die Achsel angesehen, ist heute zum Sorgen 
kind der ganzen Nation geworden, und mit der wachsenden Teil 
nahme, die der schwer geprüften Provinz in allen Kreisen jetzt zu 
gewendet wird, ist auch der Wunsch rege geworden, genaueres über 
dieses Grenzland und seine Bewohner zu erfahren. Diesem begreif 
lichen Wunsche kommst eine ausgezeichnete kleine Schrift des 
Berliner Bezirksgeologen Dr. Heß v. Wichdorff entgegen, die zwar 
nur die Landschaft Masuren behandelt, aber innerhalb dieser Be 
schränkung zahlreiche allgemeine, für die Kenntnis der Provinz wert 
volle Mitteilungen enthält und darum jedem, der sich über Land und 
Leute zu unterrichten wünscht, angelegentlichst empfohlen sei („Ma- r 
sureu“. Union Deutsche Verlagsgesellschaft Zweigniederlassung Berlin). 
In der Darstellung des Verfassers nimmt, seinem beruflichen Inter 
esse entsprechend, die Schilderung der Landschaft, ihrer Entstehung 
und ihrer Formen den breitesten Raum ein. Er schildert die Merk 
würdigkeiten der masurischen Tier- und Pflanzenwelt und gibt zuver 
lässige, auf eigenen wissenschaftlichen Forschungen beruhende Mittei 
lungen über die masurischen Seen, ihre Entstehung und ihre heutige 
Gestalt. Er spricht mit der Sachlichkeit des Gelehrten von Wind und 
Wetter, von der Bodenbeschaffenheit und Oberfläche Masurens und 
geht in einem besonderen Kapitel auch auf die Bodenschätze näher 
ein. Die geschilderte Eigenart der örtlichen Verhältnisse kommt auch 
in den Eigenschaften der Bewohner zum Ausdruck, denen der Ver 
fasser eine besonders eingehende und liebevolle Darstellung gewidmet 
hat. Er gibt damit einen beachtenswerten Beitrag zum Verständnis 
der landesüblichen bäuerischen Baukunst, die in einem Scblußkapitej 
ausführlich gewürdigt wird. Das masurische Bauernhaus hat durch 
seine vollendete Holzbautechnik mit Recht eine gewisse Berühmtheit 
erlangt. In neuerer Zeit verschwindet das Holzhaus immer mehr, 
ura bei Neubauten dem feuersicheren Backsteinbau Platz zu machen. 
' Unter solchen Umständen erhält diese durch Beigabe zahlreicher Licht 
bilder und Zeichnungen gerade dem Architekten besonders will 
kommene Darstellung doppelten Wert. Die kleine verdienstvolle 
Schrift, die mit einer stattlichen Zahl von Abbildungen versehen ist 
und übrigens ihre Entstehung einer dankenswerten Anregung des 
Deutschen Bundes Heimatschutz verdankt, wird nicht nur die bisher 
meist sehr oberflächliche Kenntnis der ostpreußischen Landschaft 
vertiefen helfen, sie wird sicherlich auch vielfach zu Bereisungen 
des einstigen Kriegsgebiets anregen, bei denen sie zum Zwecke der 
Vorbereitung sowie als Führer vortreffliche Dienste wird leisten können. 
Von der Schönheit Ostpreußens erzählt in volkstümlicher Art 
auch Prof. Dr, Dethlefsen, der Provinzialkonservator der Kunst 
denkmäler, in einer kleinen, soeben erschienenen Schrift „Das schöne 
Ostpreußen“ (München, R. Piper u. Ko., Verlag). Auch er will mit 
seinem Buche vor allem alte, unberechtigte Vorurteile zerstören und 
die bisher im übrigen großen Vaterlande stets angezweifelte Meinung, 
daß es in der Tat ein schönes Ostpreußen gibt, verbreiten helfen. 
Und man muß es dem Verfasser zugestehen, daß er nicht nur zu 
überreden, sondern auch zu überzeugen versteht. Mit eindringlicher 
Beredsamkeit schildert er die landschaftlichen und architektonischen 
Schönheiten Ostpreußens, die stille Einsamkeit der Samländiacben 
Steilküste, die Merkwürdigkeiten der Hochmoore, den Ernst des 
masurischen Seengebiets, die Eigenart der bäuerlichen Baukunst und 
die monumentale Kraft der Ordensarchitektur. Und wo das Wort 
nicht ausreicht, da treten die schönen, größtenteils ganzseitiger Bilder, 
mit denen der Verlag das kleine Buch verschwenderisch ausgestattet 
hat, in ihre Rechte. Sie bieten im übrigen eine erwünschte Gelegen 
heit, die sach- und fachkundige Darstellung des Verfassers nach 
zuprüfen, und diesen mit photographischer Treue die Wahrheit 
kündenden Zeugen wird selbst der hartnäckigste Zweifler die Be 
rechtigung des Titels anerkennen, den der Verfasser für seine Schrift 
gewählt hat. B d t. 
Verlag von Wilhelm Erng t & Sohn, Berlin. — Für den nichtamtlichen Teil verantwortlich: Fr. Schultze. Berlin. — Druck der Buohdruekerei Gebrüder Ernst. Berlin. 
Nr. 101.
	        
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