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Volume Nr. 4

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

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Centralblatt der Banverwaltung. 
24. Jiiuiiiir 1891. 
Reiseskizzen aus Kaschau in Ober-Ungarn vom Jahre 1887 
Durch folgendes soll die Aufmerksamkeit der Fachgenossen auf 
zwei altehrwürdige Bauwerke gelenkt werden, die von unserer Pro 
vinz Schlesien aus unschwer zu besuchen sind, und zu denen die 
Fahrt sich insbesondere leicht mit einem Ausfluge in die hohe Tatra 
verbinden läfst; es sind dies die St. Elisabeth-Kathedrale und die 
St. Michaelskirche in Kaschau. 
Die St. Elisabeth-Kathedrale. 
An der Stelle, wo jetzt die Kathedrale als Denkmal einer langen 
Baugeschichte sich erhebt, stand bis zum Ende des 13. Jahrhunderts 
eine einschiffige, etwa 14 m breite und 26,50 m lange Kirche mit 
einem aus drei Achteckseiten geschlossenen Chore von 10 m Breite 
und 13 m Länge. Festgestellt wenigstens in den Hauptabmessungen 
wurde der Grundrifs jener Kirche gelegentlich der jetzt im Gange 
befindlichen Wiederherstellungsarbeiten durch den gegenwärtigen 
Dombauleiter Fröde. In dem beigegebenen Grundrisse Abb. 1 ist 
die alte Kirche hell schräg schraffirt angedeutet. Unter ihr befand 
sich eine noch jetzt vorhandene Krypta von rechteckigem Grundrifs, 
deren gänzliche Erforschung bisher noch nicht möglich war, weil sie, 
ebenso wie die nördlich 
davon gelegene Unter 
kirche, von der später 
die Bede sein wird, noch 
bis vor etwa 20 Jahren 
als Begräbnisstätte be 
nutzt wurde und mit ver 
mauerten Särgen derart 
gefüllt ist, dafs sie kaum 
noch betreten werden 
kann. Zu dieser Krypta 
führte vom Innern der 
Kirche eine jetzt ver 
schüttete Treppe. Die 
Abrundungen in der 
südöstlichen und nord 
östlichen Ecke der alten 
Kirche sind aus glattem 
Quadermauerwerk herge 
stellt, und es ist zu ver- 
inuthen, dafs daselbst 
Treppen entweder bis 
zum Dachboden oder nur 
bis zu dem höher gele 
genen Chore geführt 
haben. Dafs dieser ge 
wölbt war, geht aus der 
Anordnung der Strebe 
pfeiler hervor. Ob das 
Langhaus ebenfalls Wöl 
bung hatte, wird schwer 
zu ermitteln sein, da bei 
Herstellung der vielen, 
unter dem jetzigen Kir- 
chenfufsboden befindlichen gemauerten Gräber ein grofser Theil der 
alten Grundmauern ausgebrochen worden ist. Nach der Lage des 
Strebepfeileraiisatzes an der Nordfront zu schliefsen ist das Langhaus 
durch drei Kreuzgewölbe überdeckt gewesen. Diese alte Kirche ist der 
heiligen Elisabeth, Tochter Andreas’ III., Königs von Ungarn, geweiht 
gewesen und dürfte in der Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut worden 
sein. Ihr Fufsboden lag etwa 1,35 m unter dem jetzigen Domfufsboden. 
Besonderes Interesse verdient die bereits erwähnte, nördlich vom 
Chore der alten Kirche gelegene Unterkirche, zu der vom Innern 
des Doms seit dessen Erbauung eine Treppe führt. Der Fufsboden 
dieser Unterkirche lag 1,45 m tiefer als der der alten Kirche. Eine 
Untersuchung der Umfassungsmauern an den Anschlüssen der Dom 
grundmauern ergab, dafs beide ohne Verband aneinanderstofsen und 
aufeinanderruhen, woraus unmittelbar gefolgert werden kann, dafs 
jene Unterkirche bereits bestand, als die Umfassungsmauern des 
jetzigen Domes aufgeführt wurden. Der Fufsboden des Domes 
mufste auch infolge dessen über der Unterkirche um etwa 1,30 m 
höher gelegt werden als im übrigen Theile. Jetzt ist der Fufsboden 
über der Unterkirche nur 0,58 m höher gelegen, da inzwischen der 
Fufsboden des Domes um etwa 0,72 m gehoben worden ist, wozu 
wiederholte Ueberschwemmungen Kaschaus, durch die auch der Dom 
unter Wasser gesetzt wurde, die Veranlassung gaben. Der erhöhte 
Theil des Domfufsbodens über der Unterkirche ist durch drei um 
laufende Stufen zugänglich gemacht. 
Der Dom in seiner jetzigen Ausdehnung dürfte gegen 
Ende des 13. Jahrhunderts gegründet worden sein, als Kaschau zur 
königlichen Freistadt erhoben worden war. Urkunden aus jener 
Zeit sind nicht bekannt, indessen spricht das Bauwerk selbst eine 
beredte Sprache. Alle Bautheile am Dome, welche nachweisbar unter 
Regenten aus dem Hause Anjou entstanden sind, zeigen nämlich in 
den verschiedensten Kunstformen die Anjou-Lilie. Da nun Karl L 
Robert, der erste König aus dem Hause Anjou, im Jahre 1307 zur 
Regierung kam, am Chor, den capellenartigen östlichen Abschlüssen 
der Seitenschiffe und am unteren Theile der Thürme jene Kunstform 
aber nicht vorkommt, so ist anzunehmen, dafs diese Theile bereits im 
Anfänge des 14. Jahrhunderts bis zu einiger Höhe erbaut waren. Am 
Chore tritt aufserdem eine von Herrn Fröde beobachtete Verschieden 
heit der Arbeitsweise gegen die übrigen Theile des Domes auf, aus 
der auch auf eine Verschiedenheit in der Bauzeit und Bauleitung 
geschlossen werden kann. Am Chor sind nämlich die Stofsfugen an 
den Profilkehrungen senkrecht zu einem der Profile angeordnet, 
während bei den übrigen Theilen des Domes die Anordnung der 
Fugen in den Profilkehrungen selbst vorherrscht. Ob Karl L, wie 
mehrfach angenommen wird, den Franzosen Villard d’Honnecourt 
nach Kaschau zum Dombau berufen hat, ist bisher urkundlich nicht 
nachgewiesen. Das in 
Paris befindliche Skizzen 
buch Villards d’Honne 
court soll zwar einen 
Grundrifs der Kaschauer 
Kathedrale enthalten, in 
dessen ist hieraus auch 
noch nicht mit Bestimmt 
heit zu folgern, dafs 
Villard d’Honnecourt der 
Meister des Baues ist. 
Zum mindesten dürfte 
deutschen Bauhütten die 
Ausführung zugefallen 
sein, denn Fröde will 
eine Uebereinstimmung 
der Kaschauer Stein 
metzzeichen mit denen 
der Wiener Dombauhiitte 
festgestellt haben. 
Der ursprüngliche 
Bauplan liegt in den 
Umfassungsmauern mit 
der Anordnung der 
Dienste klar vor Augen. 
Die jetzige innere Pfeiler 
stellung stammt aus einer 
späteren, ganz willkür 
lichen Bauzeit. An der 
Gliederung der Umfas- 
Bungswände aber erkennt 
man deutlich die beab 
sichtigte fünfschiffige An 
lage i den Diensten am 
Triumphbogen bei a und an den Trennungspfeilern der östlichen Ca 
pellen bei b entsprechen ganz genau die Strebepfeiler a‘ an der West 
front beziehungsweise die Dienste b‘ an den Thürmen. Unter König 
Ludwig I. (1342—1382) wurden die inneren Pfeiler aufgeführt und die 
sämtlichen Gewölbe hergcstellt. Hierbei verliefs man aber, wie be 
reits oben gesagt, ganz willkürlich den ursprünglichen Plan und 
machte den Dom dreisehiffig, indem man die Theilungspfeiler c und 
e' der Seitenschiffe wegliefs. Von den Vierungspfeilern zu den 
Aufsenmauern wurde je ein Bogen gespannt, und zwar waren dies 
thcils gedrückte Spitzbögen, theils halbkreisförmige und elliptische 
Bögen; ihre Widerlager safsen am Vierungspfeiler höher als die der 
Vierungsgurte selbst, und die Folge hiervon war, dafs die Vierungs 
pfeiler ausgebaucht wurden. Die Steigungs- und Richtungs 
änderungen der Gewölberippen in den Seitenschiffen, sowie die 
schlechte Lösung der Gewölbeconstruction daselbst überhaupt, 
deuten darauf hin, dafs die dünnen Säulen c' in den Seitenschiffen 
erst nachträglich eingefügt worden sind, dafs also die Seitenschiffe 
anfänglich im ganzen überwölbt waren, oder wenigstens überwölbt 
werden sollten. Eine Eigentümlichkeit der hochgeführten Mittel 
schiffmauern besteht darin, dafs an der Nordseite keine Fenster 
vorhanden sind, vielmehr sind die Stellen, welche sonst die Fenster 
einnehmen, mit Mafswerkblenden versehen. Diese Anordnung scheint 
den Zweck zu haben, den Kirchenraum bei den vorherrschenden 
kalten Nordwinden vor zu starker Abkühlung zu schützen; auch 
sind aus gleichem Grunde die Seitenschifffenster an der Nordseite 
bedeutend kleiner als an der Südseite. 
’t. Mitte 13. Jahrhundert. 
Ende 13. Jahrhundert, 
Mitte 14. Jahrhundert. 
M 2. Hälfte 15. Jahrhundert. 
EH Ende 15. Jahrhundert. 
IjH Beabsichtigte Pfeilerstel- 
lungim Anschlufs an die seit 1877 ira Gange 
befi ndlichcn Wiederherstellungsarheiteu* 
Abb. 1, Grundrifs der St. Elisabeth - Kathedrale in Kaschau.
	        
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