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Volume Nr. 42

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

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Centralblatt der Banverwaltung. 
17. October 1891; 
größerung der Lasten nnd Vermehrung der Seile in gesteigertem 
Grade verwickelter ausfallen. 
Die beiden je 4.2,11 = 88 qcm starken Gallschen Ketten 
des französischen Entwurfs müssen durch einen 65 m langen Tunnel 
unter dem Oberwasser hindurch von der einen Trogschleuse au der 
105 m entfernten anderen geführt werden. Die Kosten dieser seit 
lichen Leitung sind dadurch ermäßigt, dafs die beiden Tragketten 
flaschenzngartig an die Schleusenwagen angeschlossen wurden, und 
auf diese Weise die achtfachen Kettenziige auf den beiden geneigten 
Ebenen nur durch zwei Kettenstränge seitlich verbunden sind. Als 
ein Nachtheil dieser Anordnung mufs es betrachtet werden, dafs die 
Gelenkketten in zwei Ebenen verbogen werden, nämlich durch die 
Kettenseheiben in der Geleis-Ebene, zu der die Gelenkbolzen winkel 
recht stehen, und aufserdem beim Durchhängen zwischen den in je 
8 m Entfernung stehenden Leitrollen innerhalb der Loth-Ebene. Bei 
der americanischen Ausführung ist die gleiche Führungsart mit Ver 
biegungen in zwei Ebenen unbedenklich, da dort runde Drahteeile 
verwendet sind. 
Ganz allgemein erscheint die Beschränkung auf zwei Verbin- 
dunsgketten bei je acht Kettenzügen als eine Verminderung der 
Betriebssicherheit. Beim Bruch einer Kette kann zwar das fallende 
Schlensen-Ende rasch durch die selbstthätigen Sperrklinken festgestellt 
werden; ein geringes Zurückweichen der beschädigten Wagenhälfte 
und das Weitergehen der anderen während einiger Secunden bis zur 
Abstellung der Maschinenkraft wird aber die Seitendrücke auf die 
Gleitschienenfuhrung längs der Mitte, welche bei 45 m Wagenlänge 
eine für gewöhnliche Fälle ausreichende Führungslänge von 11 ra hat, 
ganz unverhältnifsrnäfsig steigern. Schon allein dadurch, dafs die 
acht Tragketten der Trogschleusen selbständig von einer zur andern 
durchgefiihrt werden, können die bei einem Kettenbruche entfesselten 
gefahrdrohenden Kräfte auf ein Viertel verkleinert werden. 
(Fortsetzung folgt.) Th. Hoecb. 
Leben und Wirken Karl y. Gontards, 
(Fortsetzung.) 
Neben dem Bau der Colonnade bei den Communs leitete 
Gontard 1769 noch zahlreiche grÖfsere Privatbauten in Potsdam, 
nachdem er schon seit dem Jahre 1765 im Aufträge des Königs 
18 verschiedene Fagaden an der Naueuschen Plantage (Wilhelms- 
Platz) entworfen hatte. Nach Mangers Angabe führte er von 
1765 bis 1777 in Potsdam über 70 ansehnliche Privatgebäude (im 
Werthe von mehreren Millionen) aus, sodafs ihm auch nach dieser 
Seite hin ein nennenswerther Einflufs auf die Gesamterscheinung dieser 
Residenzstadt zuerkannt werden mufs. Gerade auf diesem Gebiet 
ist von ihm sehr beraerkenswerthes geleistet worden, was um so 
höhere Anerkennung verdient, als er wohl oft genug mit der Neigung 
des Königs für eine grofsartige Scheinarchitektur zu kämpfen hatte. 
Bei im ganzen doch ziemlich geringen Mitteln ist er in diesen 
FaQ&den stets bemüht, durch Auflösung der strengen Architektur 
in mehr decorative Motive und Gliederungen eine selbständige und 
gefällige, aber überall würdige Auffassung zu verwirklichen. 
In das Jahr 1770 fällt der Bau des sog. chinesischen Häuschens 
oder Drachenhauses in Sanssouci, dessen Ausführung von Manger 
ebenfalls Gontard zugeschrieben wird. Zugleich zeichnete er die 
Fa^ade für das königliche Salzmagazin in der Burgstrafse. Eben 
falls in diesem Jahre 1770 entstanden die Pläne für das Militär- 
waisenhaus, das nach der Idee des Königs zu einer möglichst 
grofsartigen Anlage sich gestalten sollte. - Auch an diesem mächtigen 
Werke, dessen vier Hauptseiten mehrere hundert Fufs lang sind, 
hat der Architekt mit verhältnifsrnäfsig geringen Mitteln die end 
losen Fronten zu gliedern gewufst, und namentlich an der Haupt 
front in der Lindenstrafse einen wirksam vortretenden Mittelbau 
geschaffen, der über der in grofsen Zügen entwickelten Faijade 
als Bekrönung einen offenen Tempel trägt. Dieser Bau, den der 
König voll hoher Ideen in Angriff nahm, mufste nachher immer mehr 
und mehr eingeschränkt werden, sodafs in der Lindenstrafse unter 
Beibehaltung älterer Gebäude Unregelmäßigkeiten entstanden, für 
die man den Architekten nicht verantwortlich machen darf. 4 ) 
Die Kuppel des MilitärwaisenhauBes in Potsdam ist insofern 
noch von Bedeutnog, als sie ohne Zweifel als eine Vorstudie für 
die bald nachher geplanten Thurmbauten auf dem GenBdarmen- 
markt in Berlin angesehen werden mufs. Die Kuppel ist von 
massigem Durchmesser, aber bei nicht unbeträchtlicher Höhe in 
mehreren Geschossen mit offenen Bogen gewölbt, sodafs bei dem 
Blick von unten her reizvolle Durchsichten und Ueberschneidungen 
sich zeigen. 
Der Bau des Militärwaisenhauses beschäftigte Gontard von 
1771—1777, also nahezu sieben Jahr, wozu es viel beitrug, dafs die 
Gelder immer langsamer flössen, und dafs insbesondere die Grün 
dungen sehr schwierig und zeitraubend sich erwiesen. In dem letzt 
genannten Jahre baute er u. a. noch das Noacksche Haue am 
Markt (s. d. Abb.), sowie das nach seiner schmalen Grundform „die 
Patrontasche* genannte Haus am Canal (80), von denen das letztere 
von sehr vornehmer Wirkung ist. 
Hiermit war die bauliche Thätigkeit Gontards in Potsdam vor 
läufig abgeschlossen, zu einer Zeit, da der König dort die meisten 
seiner grofsen Pläne verwirklicht hatte und der bayerische Erbfolge 
krieg dem künstlerischen Schaffen ohnehin ein Ziel setzte. 
Gontards Wirken in Berlin unter Friedrich II« 
Die unmittelbare Fortsetzung von Gontards Wirken finden wir in 
Berlin in der Spitteibrücke, den Königscolonnaden und den Gens- 
*) Die durch Gontard unterschriebenen Grundrisse befinden 
sich bei der G&rnisonbauverwaltung in Potsdam. 
darmenthürmen, bei Werken, die aufser zahlreichen Privatbauten 
hier seinen Namen würdig verewigt haben. 
Auch in Berlin waren seine Hauptaufgaben mehr decorativ- 
architektonischer Natur, doch wufste er bei allem Reichthum des 
Umrisses, bei allem Wechsel der Formen die einzelnen Glieder mit 
einer Schönheit und einem Ebenmafs zusammenzufügen, welche 
überall die Sicherheit eines überlegenen Talentes erkennen lassen. 
Der Gedanke, unschöne Brückenübergänge in den Straßen durch 
erweiterte Hallenanlagen zu verstecken und auf diese Weise ein 
besseres architektonisches Ansehen innerhalb der langen Häuser 
reihen zu gewinnen, führte zuerst zum Bau der Spittelcolonnaden 
in der Leipziger Straße, die sich bis heute unverändert erhalten 
haben. Die stattliche offene Halle, die von glatten jonischen Säulen 
und Pilastern getragen wird, hat an der Straße zwei quadratische 
Pavillons mit Bogenöffnungen an allen Seiten, Uber deren mit Vasen 
geschmückter Brüstung auf kühn geschweiftem Sockel eine knauf 
artige Spitze aufragt. 
Die Königscolonnaden am Alexanderplatz, die durch einen 
glücklichen Zufall trotz der grofsen baulichen Umwälzungen in dieser 
Gegend bis heute gerettet wurden, zählen zu den gelungensten 
Schöpfungen Gontards, Hier trat für den Künstler als ein neues 
Moment hinzu, dafs der Hintergrund der Bogenhallen in alten Bäumen 
bestand, welche von vornherein auf leichtere, landschaftlich-gefällige 
Formen hinweisen. 
So hat denn hier der Architekt ungehindert seiner Neigung 
nachgehen können, in glücklicher Vereinigung von Architektur und 
Plastik ein Werk zu schaffen, das durch ein geschicktes Abwägen der 
Formen und Flächen gegen einander, sowie durch richtige Vertheilung 
des ornamentalen und figürlichen Schmucks eine Meisterleistnng ge 
worden ist. 
Bei diesen Colonnaden darf man nicht den Entwurf der Königs- 
brücke vergessen, die in ihrer Art ebenfalls zu den besten Werken 
des alten Berlins zählte. In sieben elliptischen Bögen von mäßiger 
Weite überspannte sie den alten Königsgraben, der erst vor einigen 
Jahren zu Gunsten der Stadtbahn zugeschüttet wurde. 
Die treffliche Lösung der hier gestellten Aufgabe sowohl, wie 
besonders der Colonnaden, legten dem König den Gedanken nahe, 
auch andere unschöne Punkte seiner Hauptstadt durch architektonische 
Werke zu verdecken. Dahin zählten aber vor allem die beiden 
Kirchen auf dem Gensdarmenmarkt, die nach Beseitigung der Pferde- 
Btalle des Regiments Gensdarmes (1773) dem neubebauten Friedrichs 
städtischen Markt sicherlich nicht zur Zierde gereichten. Wenn der 
König die prächtig angelegte Markgrafenstrafse hinunterfubr, um 
durch die Lindenstrafse zu dem alten Paradefeld der Berliner Garnison 
zu gelangen, so mußten ihn die unansehnlichen, auf dem grofsen 
Platze fast verschwindenden Baulichkeiten verstimmen. 
Gontard erhielt 1780 den Auftrag, östlich der beiden Kirchen 
thurmftrtige Vorbauten zu schaffen, die der Größe der Umgebung in 
künstlerischer und maßstäblicher Hinsicht Rechnung trugen. Für 
uns kann es gleichgültig sein, ob der König der Sage nach dabei an 
die niedrigen Kirchen der Piazza del Popolo in Rom gedacht hat, 
oder ob, wie andere wollen, die Thürme des Hospitals zu Greenwich 
vorbildlich waren, immer kann doch nur von einer ganz allgemeinen 
Verwandtschaft, niemals aber von einer wirklichen Nachahmung die 
Rede sein. 
Der Aufbau der Thürme ist vielmehr in seiner Beziehung so* 
sehr der gegebenen Grundlage und der ganzen Umgebung angepaßt,, 
daß wir es auch hier mit einer selbständigen, hervorragenden Leistung 
Gontards zu thun haben.
	        
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