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Volume Nr. 40

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

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Centralblatt der Bauverwaltung. 
3. Ortober 1891. 
Irgend jemand in Königsberg, sei es nun der Archivar Faber 2 ) 
oder der Professor Hagen oder sonst jemand hat in der ersten Hälfte 
unseres Jahrhunderts zuerst die Vermutbung ausgesprochen, dafs der 
stattliche Bau an der Südostecke unseres Schlosses keinen geringeren 
Urheber habe als den grofsen Schlüter. Ohne dafs man weitere 
Anhaltspunkte hatte, schienen der Stil und die Zeit der Entstehung 
keine Schwierigkeiten zu bereiten, und es ist nur zu natürlich, dafs 
es der Liebe der Königsberger zu ihrer Vaterstadt gefallen mußte, 
dafs dieselbe von dem Genius des berühmten Baukünstlers be 
schienen sein sollte. Die Vermuthung wurde daher ohne weiteres 
als feststehende Thatsache angenommen und als solche immer und 
immer wiederholt, ohne dafs jemand daran gedacht hätte, sie auf 
ihre Richtigkeit zu prüfen. Erst dem Architekten Walle in Berlin 
stiefsen Bedenken auf, als er in Verfolg einer Abhandlung des in 
zwischen verstorbenen Scblofsbauinspectors Kuttig s ) sich näher mit 
der Frage beschäftigte; aber so scharfsinnig und beachtenswerth 
seine Darlegungen genannt werden müssen, so konnte er doch infolge 
des ihm zur Verfügung stehenden, unzulänglichen Materials nicht 
das Richtige treffen. 4 ) Ebenso vermochte die Regierung in Königs 
berg ihren Zweifeln nur dadurch Ausdruck zu geben, dafs sie in 
ihrem Anträge auf Bewilligung der erforderlichen Geldmittel den 
Ausdruck „der sogenannte Schlüterhau“ anwendete. Thatsächlich 
aber kann von einer Thätigkeit Schlüters mH irgend welcher Be 
rechtigung hier nicht gesprochen werden; auch Eosauder v. Göthe, dem 
Wall6 einige Betheiligung zu weisen mochte, kommt nicht in Frage, 
sondern Schultheifs v. Unfried, den man bisher nur als ausführen 
den Baumeister gelten lassen wollte, kann nach allem, was sich er 
mitteln läßt, allein das Verdienst der Urheberschaft zuerkannt werden. 
Bevor ich dazu übeTgehe, dies näher zu begründen und Leben 
und Bedeutung dieses Mannes ausführlicher zu schildern, sei es mir 
gestattet, eine Uebereicht, wenn auch nur in kurzen Worten ß), über 
das Gesamtschlofs zu geben, um so das Nachfolgende verständlicher 
zu machen. Auf einem Hügel, deT sich in der Höbe von etwa 12 m 
längs des Prcgelflusses dahinzieht, erhebt sich das Schloff? in einem 
Viereck, dessen Länge etwa 104 und dessen Breite etwa 67 m be 
tragt; aber nicht ein harmonisch geschlossenes, einheitliches Ganze 
ist dieser mächtige Bau, eine Musterkarte vielmehr der verschiedenen 
Stile der christlichen Zeitepoche ist er mit einigem Recht genannt 
worden, indem sich Gothik und Renaissance, Barock und Klassi- 
cismus, fränkischer und niederdeutscher, holländischer und italieni 
scher Einflufs hier in sichtbarer Weise begegnen. Ursprünglich 
handelte es sich um ein Comthurhaus des Deutsch-Ritterordens, 
welches nur die westliche Hälfte der jetzigen Grundfläche einge 
nommen haben mag. 0 ) Bald aber wurde hierher der gitz des Land 
marschalls verlegt, sodafs die vorhandenen Räume nicht mehr aus 
reichten und nach Osten hin ausgedehnt werden mufsten. Nachdem 
im Jahre 1457 auch der Hochmeister hierher übergesiedelt war, ent 
stand 1525 aus dem Ordensland Preufsen ein weltliches hohen- 
zollerisches Herzogthum. Im 17. Jahrhundert ward dasselbe mit Kur 
brandenburg vereint, für dessen deutsche Bestrebungen diese östliche 
Besitzung von der gröfsten Bedeutung wurde. Unser Scblofs ward 
somit in neuerer Zeit nacheinander herzoglich, kurfürstlich, königlich, 
und in all diesen verschiedenen Abschnitten erfuhr cs, wie in den 
vorher genannten, kennzeichnende Aenderungen. Von dem Nord 
flügel, der heute den Zwecken mehrerer Behörden und Sammlungen 
dient, erinnert der westliche Theil mit seinen Stern- und Kreuz 
gewölben noch ganz an die Ritterzeit, während der östliche einem 
nüchternen Zeitabschnitt, dem Anfang unseres Jahrhunderts angehört. 
Dagegen führt uns der an der Nordostecke belegene siebeneckige 
Thurm wieder auf das Mittelalter zurück. An ihn Bchliefst sich ein 
Bau aus der ersten Zeit des Herzogs Albrecbt (1532), in seinem 
Innern in der Holzbekleiduug der Wände in dem Geburtszimmer 
König Friedrichs I. und des Prinzen Albrecht, Bruders des Kaisers 
Wilhelm I., ein wahres Juwel deutscher Frührenaissance bergend und 
in seinen südlichen Theilen während der kurfürstlichen Herrschaft 
umgestaltet. Die Südostecke bildet sodann der sog. Schlüterbau, der 
8 ) Faber, die Haupt- und Residenzstadt Königsberg i, Pr., 1840. 
a ) Der lehrreiche Aufsatz ist abgedruckt in der Altpreufsischen 
Monatsschrift 1884 Seite 173—187 (und im Wochenblatt für Archi 
tekten und Ingenieure, Jahrgang 1882). 
4 ) Wochenblatt für Baukunde 1885, Nr. 5 und Nr. 89. 
&) Eine ausführliche Schilderung würde der Inventarisirungs- 
arbeit vorgreifen, mit der Herr Architekt Adolf Bötticher seitens 
der ostpreufsischen Provincialstände betraut worden ist, und der man 
mit Freude und Spannung entgegensehen darf. 
c ) Ich verweise, ohne in allen Punkten einverstanden zu sein, 
auf Beckherrn, Geschichte der Befestigungen Königsbergs. Alt- 
preufsische Monatsschrift 1890, S. 385 u. 63$; Becfeherm u. Grabe, 
Geschichte der alten Befestigungen Königsbergs, Sitzungsberichte der 
Alterthumsgesellschaft Prussia, Königsberg 1890, S. 11. — Vgl. ferner 
Steinbrecht, Preufsen zur Zeit der Landmeister 1888, S. 112. 
sich gebietend über die übrigen Theile heraushebt und auf den wir 
sogleich zurückkommen werden. Auf der Südseite erblicken wir 
einen Bau des Herzogs Albrecht von 1551 mit Resten aus dem 13. 7 ) 
und 14. Jahrhundert, der nach Westen zu durch den 75 m hohen, 
schön gegliederten, gothischen Ziegel-Thurm abgeschlossen ist. Die 
Westseite, unter Benutzung mittelalterlicher Reste während der acht 
ziger Jahre des 16. Jahrhunderts von dem fränkischen Markgrafen 
Georg Friedrich ei-baut, 8 ) wird rechts und links von zwei herauB- 
springenden, an die Nürnberger Befestigungskunst erinnernden Rund 
thürmen flankirt, von denen der eine von der Königin Luise während 
der napoleoniechen Unglückszeit als Wohnraura benutzt ward, 9 ) und 
dient in seinem Innern gar mannigfachen Bestimmungen; ein alter 
Königsberger Scherz, der zu drei Fünfteln noch heute Gültigkeit hat, 
besagt deswegen: hier wohnen fünf verschiedene Götter übereinander, 
im Keller wegen der Weinvorräthe Bacchus, zu ebener Erde (in 
gleicher Linie mit der Thordurchfahrt) Mars wegen des dort früher 
aufgestellten Artillerieparks, darüber Jupiter, denn hier war und ist 
die Schlofskircbe, über dieser Venus, weil der über der ganzen 
Kirche sich hinziehende Saal (mit seiner Grundfläche von 1242 qm 
einer der gröfsten Deutschlands) Hoffestlichkeiten aller Art gewidmet 
ist, und endlich unter dem Dach Ceres wegen der daselbst lagernden 
Getreide-Vorräthe. In der Kirche wurden während des vorigen Jahr 
hunderts wichtige Aenderungen vorgenommen, und auch nicht un 
erwähnt darf die sehr glückliche Erneuerung bleiben, die dem Saale, 
dem sog. Moskowitersaal, in den letzten Jahren zu Theil ward. 
Kehren wir nun zu der Südostecke zurück, zu demjenigen Theile 
des Baues, der die meiste Beachtung zu erregen pflegt, und in dem 
die Mitglieder unseres Herrscherhauses, wenn sie in Königsberg Hof 
halten, ihre Wohnung nehmen. Bis zu der Zeit, wo er in seiner 
heutigen Gestalt erstand, trug er genau das Gepräge, welches noch 
heute der unmittelbar nördlich anstofsende Theil, also die Nordost- 
ecke des Schlosses hat; es waren einfache mächtige Mauermassen, 
die durchaus an die frühere kriegerische Bestimmung des Gebäudes 
erinnerten und durch einen viereckigen Thurm eine lebendigere 
Gliederung erhielten. 10 ) Der gröfseren Bedeutung nun, die das 
brandenburgiscb-preufsischc Staatswesen unteT dem Grofsen Kur 
fürsten errang, wie der höheren Glanz- und Prachtentfaltung, die 
sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts an den deutschen Fürstenhöfen 
einbürgerte, vermochten die alten, kleinen, mehr behaglichen als 
prunkvollen Gemächer nicht mehr zu entsprechen, und vollends in 
dem künstlerischen Sinne eines Friedrich III. mufste bald beim An 
blick des alten Gemäuers der Gedanke an einen umfassenden Neu 
bau erwachen. Bereits zu Beginn hegte er die Absicht, bedeutende 
Aenderungen vorzunehmen, nachdem die Schadhaftigkeit mancher 
Theile schon seinen Vater zu solchen veranlafst hatte. Nach dem 
Entwürfe des Baumeisters Melckstock und des Bauschreibers Kühne 
waren zehntausend Thaler, eine für damalige Verhältnisse sehr 
beträchtliche Summe, erforderlich. Indessen erheischten derzeitige 
andere nöthigere Ausgaben die Verschiebung des beabsichtigten 
Baues (Cabinetsbefehl vom 14./24. April 1691 ll ). Im Jahre 1704 war 
dann endlich die Zeit gekommen, wo die durch die inzwischen in 
Königsberg erfolgte Königskrönung nur noch dringender gewordenen 
Plane wieder aufgenommen werden konnten; am 21. Mai wurde eine 
jährliche Bausumme von 6000 Thalern für diesen Zweck bewilligt, 
“) Nach einem Vortrage, den Herr Archivar Dr. Panzer am 
13. April d. J, im Verein für Geschichte von Ost- und Westpreufsen 
gehalten hat, und der demnächst in der Altpreufsischen Monatsschrift 
wiedergegeben werden soll. 
8 ) Die Baumeister waren Blasius Berwart und Hans Wißmar, 
von denen der erstere auch als Steinmetz auf den hohenzüllerischen 
Besitzungen in Onolzbach in Franken nachweisbar ist. 
'») In den an den anderen, den südlichen Thurm anstoßenden 
Raumen finden sich höchst beachtenswerthe, leider übertünchte 
Peckenverzierungen. 
10 ) Die Angabe, dafs ein runder Thurm hier gestanden, beruht 
auf einem Irrthum. Vgl. den Königsberger Stadtplan von Joachim 
Bering aus dem Jahre 1613, Königsberg, Staatsarchiv, Pläne Nr. 665 
(in mäfaiger Nachbildung neugedruckt, Königsberg 1855) und den 
Bauplan aus dem Anfang deB vorigen Jahrhunderts, ebenda Nr. 456. 
— Ferner Merian, Topograpbia electoratus Brandenburgici usw., 
Frankfurt a. M. 1652 (die hier gegebene Ansicht von Königsberg ist 
zweifellos mit der Beringschen Arbeit verwandt). 
1! ) Derselbe lautet wörtlich: „Wir haben aus Euerm gehor 
samsten Bericht vom 7./17. August vorigen Jahres und dessen Bei 
lagen ersehen, was Ihr wegen der bei unserer dortigen Residentz 
und am Friedrichs-Hofe vorhabenden Enderüug ( und neuen Gebäude 
erinnern wollen. Aldieweilen wir aber jetzo mit vielen andern Aus 
gaben gar sehr überhäufet sein, die Mittel auch, welche wir sonst 
zu diesem Bau destiniret gehabt, Eurem Bericht nach nicht zureichen 
wollen, so finden wir gut es damit annoch anstehen zu lassen, und 
wollen Euch hiernegst unsere gnädigste Intention defshalb weiter 
wissen lassen.“
	        
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