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Volume Nr. 36

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

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Centralblatt der Bauverwaltung. 
5. September 1891 
Anders siehts im Erdbebengebiet aus. Als ob vor ein paar 
Wochen die gewaltige Erschütterung stattgefunden hätte, so liegen 
in den oberen Theilen von Casamicciola und Forio auch jetzt noch 
die Trümmer vor uns. Hier und da zwar beginnt der üppige Pflanzen 
wuchs des Südens sie zu überwuchern, oder man bat in die zerstörten 
Gebäude elende Buden eingebaut, Laub- und Bretterhütten, noch viel 
dürftiger als die Nothbaracken, welche bald nach dem Unglück vor 
den ehemaligen Ortschaften angelegt und von der genügsamen Be 
völkerung nicht wieder verlassen worden sind. Deutliche Anzeigen 
einer gründlichen Aufräumung und Wiederbebauung trifft man dort 
nur selten. 
Vorzugsweise hat dies seinen Grund darin, dafs auf den alten 
Bauplätzen überhaupt Neubauten unzulässig sind, oder dafs ihr Werth 
den Abbruch der Häuserreste nicht lohnt, oder dafs niemand übrig 
geblieben ist, dem an Beibehaltung der Baustelle viel gelegen wäre. 
Abgesehen von einigen Punkten, die durch die Nähe der Heilquellen, 
durch gute Aussicht oder frische Lage zur Errichtung neuer Gebäude 
für den Badeverkehr verlockt haben und verlocken, wird der gröfste 
Theil von Casamicciola wohl noch auf lange Zeit eine Trümmerstadt 
bleiben. Am Meeresstrande und in der Niederung gegen Osten ent 
stehen dagegen allmählich neue Viertel: nüchterne Fachwerkbauten 
mit mattblauen oder grellroth gestrichenen Wellblechdachern — ohne 
den südlichen Beiz, der einst deu Ort auszeichnete. 
Der lästigen Baubeschränkungen wegen werden die „gefährlichen 
Bezirke“ (zone pericolose) möglichst vermieden. Als solche sind 
erklärt: alle Grundstücke in Nähe der von den ErdstÖfsen zerstörten 
Gebäude und alle, welche durch ihre Bodenbeschaffenheit oder durch 
ihre Lage am Berghang der Erdbebengefahr hauptsächlich ausgesetzt 
scheinen. In Casamicciola gehört hierzu der gröfste Theil des alten 
Weichbildes, ebenso in Lacco Ameno, in Forio das ganze obere Stadt 
gebiet, während für Serrara-Fontana und Barano die Grenzen noch 
festgestellt werden sollen. Innerhalb dieser Bezirke dürfen auf den 
alten Bauplätzen nach Mafsgabe der besonderen Vorschriften Privat- 
Wohnhäuser in Holz- oder Fachwerkbau neu aufgeführt werden; Ge 
bäude zur öffentlichen Benutzung, Gasthäuser u. dgl. jedoch nur in 
Holzbau mit sorgfältiger Verankerung. Eine Erweiterung des Be 
bauungsplanes ist unzulässig. Nur für das Viertel zunächst den 
warmen Quellen in Casamicciola sind einige Erleichterungen zu 
gestanden worden. 
Allgemeine Gültigkeit, auch für die nicht als gefährlich erklärten 
Bezirke, haben folgende Vorschriften: Vollständig verboten ist die 
Anlage von Häusern an steilen Berghängen oder auf rutschigem 
Boden, auch wenn er durch Stützmauern gesichert wird. Die Grund 
mauern müssen stets bis auf zuverlässigen Baugrund hinabgeführt, 
allenfalls auf einer gemeinsamen Betonsohle errichtet werden. Die 
Grundrifsform der Gebäude soll annähernd Geviertform haben. Ihre 
Umfassung^ wände dürfen nirgends mehr als 10 m Höhe erhalten, vom 
Erdboden bis zum Dachgesims oder Fufsboden der Terrasse gemessen. 
Kein Haus darf mehr als zwei bewohnbare Geschosse besitzen, das 
Erdgescbofs eingerechnet. Wenn die Kellerräume weniger als IV2 m 
über den Erdboden reichen, ist ihre Ueberdeckung durch Gewölbe 
mit mindestens Vs Pfeil zulässig. 
Die Herstellung der Umfaasungswände in Mauerwerk ist nur 
gestattet für einstöckige Gebäude, die auf Lava, festem Tuff oder 
sonstigem guten und ebenen Baugrund aufstehen. Zur Eindeckung - 
mufs man alsdann leichte Decketoffe verwenden, gewöhnlich Well 
blech. Wer schwere Eindeckung oder eine Dachterrasse vorziebt, 
mufs das Gespärre mit hölzernen Stielen unterstützen, die gegen ein 
ander versteift und unabhängig von der gemauerten Wand aufgestellt 
sind. Die aus dem ortsüblichen Bruchstein, weichem trachytischen 
Tuff, hergestelltcn Umfassungsmauern müssen mindestens 70 cm stark 
Bein, welches Mafs nirgends durch Schornsteinröhren u. dergl. ge 
schwächt werden darf, und sollen höchstens 5 in Höhe erhalten. Das 
Mauerwerk mufs aus regelmäfsig geformten, lagerhaften Steinen be 
stehen, was jedoch keineswegs überall befolgt wird, der Mörtel aus 
Weifskalk und Puzzolan oder Weifskalk und Sand ohne die früher 
beliebte Beimengung von Tufferde. Oberhalb des Kellergeschosses 
sind Gewölbe und Bögen unzulässig, ausgenommen die Sturzbögen 
der Thür- und Fensteröffnungen und die Hohlziegelkappen der Fufs- 
böden. Letzere müssen zwischen X-förmige Eisenträger eingewölbt 
sein, die durch Verankerungen mit einander eine Art von Bost bilden. 
Das Fachwerk der Wände soll durch Streben oder Andreaskreuze 
— mit denen manchmal des Guten zu viel geschieht — kräftig ver 
steift werden. Eisenfachwerk, bei dem Gufseisen ausgeschlossen ist, 
kommt nur selten zur Verwendung. Für das Holzfachwerk nimmt man 
bei den besseren Gebäuden fremdländisches Kiefernholz, in der Regel 
aber einstieliges Kastanienholz, das durch Tränkung gegen Fäulnifs 
und Wurmfrafs, sowie an gefährdeten Stellen durch feuersicheren 
Anstrich gegen Entzündung geschützt werden soll. Damit pflegt 
man es nun aber nicht genau zu nehmen. Den jungen Stähnmchen, 
die eigentlich für Bauzwecke gar nicht verwandt werden dürften, 
würde jedoch auch bei besserer Behandlung keine lange Dauer be- 
sehieden sein. Die Fächer werden bei vielen Bauten nach der bei 
Benevent üblichen Bauweise (sistema Beneventano) mit leichten Bruch 
oder Ziegelsteinen ausgemauert und aufsen verputzt oder verblendet, 
manchmal mit hochkantig gestellten Ziegelsteinen, die wohl kaum 
einem Erdstofse standhalten. Häufiger dagegen wird das Fachwerk 
aufsen und innen verschalt und die Verschalung sauber abgeputzt 
(systema baraccato). 
Die einzelnen Theile des Dachgespärres und die unter Dach 
terrassen befindlichen Balkenlagen müssen sorgfältig unter einander 
verbunden sein und auf Schwellen aufruhen, die mit den Aufsen- 
wänden verankert sind. Auch die Balcone sind mit den Aufsen- 
wänden oder der inneren Balkenlage zu verankern und durch eiserne 
Knaggen zu unterstützen. Sie dürfen höchstens 60 cm, Gesimse 
höchstens 30 cm über die Mauerflucht vorkragen. Zur Abdeckung 
benutzt man hauptsächlich Wellblech und leichte Falzziegel, für die 
Dachterrassen Stampfbeton, wogegen für die Fufsboden die auf der 
Insel angefertigten guten Fliesen verwandt werden. Die Dachziegel 
sind mit den.Latten durch Haken und Schrauben fest zu verbinden, 
falls man nicht vorzieht, die Dachfläche vollständig mit Brettern zu 
verschalen. Bei Terrassendächem ist eine Verschalung aus starken 
Brettern, die mit der Balkenlage verschraubt werden, unbedingt 
erforderlich. Die öfters geäufserte Vermuthung, dafs in der regen 
losen Sommerzeit eine übermäfaige WäTme in den leichtgebauten 
Fachwerkhäusern entstehen möchte, trifft nicht zu, wenn nur dem 
auf der Insel stets vorhandenen, die Sonncngluth lindernden Luftzug 
genügend Zutritt geschaffen wird. Auch die Befürchtung, dafs sie 
dem Ungeziefer zu viel Schlupfwinkel bieten würden, bestätigt sich 
nicht, wenn nur das Fliesenpflaster der Fufsboden sauber instand- 
gehalten bleibt. 
Möge ihnen die Probe auf Standfähigkeit gegen Erdbeben und 
auf Zuverlässigkeit bei Feuersgefahr erspart bleiben — letztere 
dürften sie schwerlich bestehen. 
Nur ganz vereinzelt hat man versucht, den Bauten eine gefällige 
Erscheinung zu geben, die ihre Eigenart zum Ausdruck brächte. In 
die grofsartige Landschaft am Fufse des steilansteigenden Epomeo 
würden Häuser im Stile der Holzbauten unserer Gebirgslander treff 
lich passen. Doch versteckt man in der Regel die wirkliche Be 
schaffenheit der Wände thunlichst und sucht den Eindruck zu er 
wecken, als seien sie in alter Weise aus Bruchstein errichtet. Wie 
sich die Dinge entwickelt haben, sind den Rücksichten auf Sicherheit 
die Schönheitsrücksichten fast ganz zum Opfer gefallen. 
Porto d’Iscbia, im August 1891. H. Keller. 
Vermischtes. 
Für den Beginn der Arbeiten znr Wiederherstellung des Rath 
hauses in Aachen — vergl. Jahrg. 1890, S. 111 und 448 und 1891, 
S. 129 d. Bl. — wurden in der Sitzung der Stadtverordneten in Aachen 
am 28. August d. J. 70000 Mark als erste Rate bewilligt, Es wurde 
beschlossen, Prof Frentzen die gesamten Wiederherstellungs 
arbeiten zu übertragen, einschliefslich der Anfertigung aller Einzel 
entwürfe und Kostenvoranschläge. Als zunächst auszuführende 
Arbeiten sind vorgesehen: Verstärkungspfeiler an der Südfront und 
Beseitigung des durch Anbauten, Mauern, eingebauten Abort und 
dergleichen verunstalteten unwürdigen Zustandes dieser Front; An 
lage eines Treppenhauses durch Einbau im Marktthurm und Wieder 
herstellung der Kaisertreppe. Durch den Einbau des Treppenthurmes 
im Innern des Marktthurmee würden zugleich die Vorbereitungen 
zum spätem Aufsetzen der Thürme getroffen. Für diese Arbeiten, 
einschliefslich der nothwendigen Nivellements, werden die genannten 
70000 Mark erforderlich, nämlich 25000 Mark für die Arbeiten an 
der Südfront und 35 000 Mark für die Treppenanlagen und die Wieder 
herstellung der Kaisertreppe. Der Oberbürgermeister fügte seinen 
bezüglichen Erläuterungen noch die Mittheilung hinzu, dafs die Be 
seitigung des sogenannten langen Ganges quer durch den Markt 
thurm von allen berufenen Organen als unumgänglich nothwendig 
betont worden sei, zumal demselben jeder archäologische Werth — 
als stamme er noch aus der Karolingerzeit —- aufs bestimmteste ab 
gesprochen werden müsse. Der Gang sei vielmehr vollständig werth 
los und seiner Zeit nur angelegt worden, um aus dem in Trümmern 
liegenden alten Karolingerbau als Ausweg nach dem Chorusplatz zu 
dienen. Auch das „Comit6 für Erhaltung der historischen Bauwerke“, 
dem die Sache ebenfalls noch zur Begutachtung vorgelegt worden, 
habe sich einstimmig für die Beseitignng des langen Ganges aus 
gesprochen.
	        
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