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Volume Nr. 24

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

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Centralblatt der Bauverwaltung. 
13. Juci 1891. 
Abb, 6. 
vermauert aber zeigten sieb je zwei gleiche Oeffnungen auf der 
breiteren Ost- und Westseite des Thurmes. Ich veranlagte im 
Herbste v. J. die Freilegung dieser alten Schallöffnungen und fand 
in der nordwestlichen sowohl wie in der nordöstlichen zwei nicht 
minder interessante Säulen; zugleich liefe ich die Basis der erst 
erwähnten Säule blofslegeD. Die FreilegUüg der noch übrigen zwei 
Schallöffnungen wurde vom Kirchenratlie damals verhindert, weil 
man die Tragfähigkeit der Mauer in gefahrdrohender Weise zu be 
einträchtigen fürchtete. — Das Ergebnifs der bisherigen Unter 
suchungen führen die beigegebenen Abbildungen 
vor Augen. 
Aus dem Gesagten ergiebt sich von selbst, 
dafs der Raum, dem die zum Theil freigelegten 
Schallöffnungen angeboren, die Glockenstube des 
älteren Thurmbaues war, und dafs diese unmittel 
bar das Dach des Thurmes trug, welches auf das 
oben erwähnte Gesims aufsetzte. Natürlich kann 
dies nur ein gewöhnliches Satteldach gewesen sein, 
und da das Gesims auch die Schmalseiten um 
zieht, so wird man an eine Abwalmung dieser 
letzteren zu denken haben. 
In Abb. 2 ist der Durchschnitt des Thurmes 
von Nord nach Süd gegeben, sodafs die Wand, 
gegen welche man sieht, die 
Ostwand des Thurmes darstellt. 
Deutlich tritt hier das jetzige 
Glockenhaus als späterer Auf 
bau hervor. Die Schallöffnungen 
sind höher als die älteren und 
im Vergleich zu ihnen breit; 
ihre Bögen, die allerdings nach 
innen zu durch stumpfwinklige 
Sturze aus keilförmigen Steinen 
ersetzt sind, zeigen regelrechte 
Construetion, und zwar überspannt immer ein 
Bogen die ganze Schallöffnung, sodafs die Mittel 
säule entlastet ist und nur die kleine Füllwand 
trägt, welche mit ihren äufseren Bogenschenkcln 
auf den Leibungsmauern, in die sie eingebunden 
ist, ruht. An ihrer alten Stelle stehen aber nur 
noch die Mittelsäulen der Westwand und der 
Schmalseiten, während diejenigen der Ostwand (in 
Abb. 2 deshalb punktirt) herausgebrochen sind, da 
sie nicht mehr zur Geltung kamen, als der jetzt 
stehende Kirchen 
bau entstand, 
dessen Dachfirst 
weit über das ober 
ste Gesims des 
Thurmes hinaus 
ragt. Aus den öst 
lichen Schallöffnun 
gen gelangt man 
daher jetzt auf den 
Dachboden der Kir 
che. Ein Capitell 
hat sich jedoch noch 
vorgefunden; es ist 
von den vorhande 
nen das schönste 
(Abb. 6). Die Ba 
sen der Säulen 
haben Eckblätter. 
Das Mauerwerk 
dieser jetzigen 
Glockenstube zeigt 
Sandsteiuquader- 
verband. Die Mau- 
erstärke beträgt 
0,97 m (zu 1,05 m 
derjenigen in der alten Glockenstube). 
Steigen wir nun in diesen Glockenraum des alten Thurmes 
hinab, um an das anfangs Gesagte wieder anzuknüpfen. Bei der 
oben erwähnten Säule, welche zur Entdeckung der anderen geführt 
hat, fällt vor allem die ungeschlachte Form des Capitells auf (Abb. 4). 
Der Versuch, aus dem Viereck zu dem runden Schafte überzugehen, 
ist in sehr plumper Weise aasgeführt, indem der untere Theil einfach 
seine Ecken verlor. Dieser Form folgen auch ohne weiteres die 
Rinnen, welche als einziger Schmuck des Capitells senkrecht in 
dieses eingemeifselt sind. Den Uebergang zum Schaft bildet dann 
kein wulstartiger Ring, sondern eine scharfkantige runde Platte, 
Kirehen- 
dfceh 
Abb. 7, 
Abb. 2. 
Abb. 3. 
Nordwestliche 
Abb. 4. 
Nördliche 
Schallöffnung. 
deren Rand um 2,7 cm über den Schaft vorspringt, während sie 
hinter der unteren Fläche des Capitells um 2 cm zurückbleibt; sie ist 
also ganz wenig nach unten zu abgeschrägt. Diese Uebergangsplatte 
wiederholt sich, um zur Basis überzuleiten, nur dafs hier die Ab 
schrägung nach oben zu stattfindet. Die Basis selbst besteht aus 
einem hohen runden Block, der in schlaff geschweifter Linie sieh in 
seinem oberen Drittel nach oben zu verjüngt; an den vier Seiten ist 
dieser Block viereckig behauen; die Begrenzungsflächen, die so ent 
standen sind, bilden nach unten offene Halbkreise. Aehnliche Bil 
dung wie diese Basis zeigt bei der nordwestlichen 
Säule das Capitell, nur dafs die Verjüngung saube 
rer ausgeführt ist. Natürlich ist hier die obere 
Fläche viereckig, sodafs die Halbkreisbögen nach 
oben geöffnet sind. Doch fohlt bei diesem Capitell 
die den Uebergang zum Schafte bildende Zwischen 
platte {Abb. 3). Die Basis dieser Säule hat Aehn- 
lichkeit mit ihrem Capitell sowohl wie mit der 
Basis der nördlichen Säule. Die Verjüngung zum 
Schafte hin ist aber hier nicht eine allmähliche, 
sodafs der verjüngte Theil als Zwischenplatte er 
scheinen könnte, zumal eine solche sonst fehlen 
würde. 
Aus dom Gesagten geht hervor, dafs man 
keinen grundsätzlichen Unter 
schied zwischen den Formen 
der Capitelle und Basen zur 
Geltung kommen liefs. Aehn- 
liches findet sich im Nonnen 
chore der Abteikirche in Essen, 
wo Basis und Capitell sich theil- 
weise genau entsprechen. Wenn 
Otte (Roman. Bauk. S. 127) zu 
diesen und einigen anderen 
Säulen der genannten Kirche 
bemerkt, dafs sie als erste Andeutung national- 
deutscher Entwickung gelten müssen, wobei er 
auch auf die Säulen in der hiesigen Wipertikrypta 
hinweist, so darf man die beschriebenen Säulen 
des Blasiithurmes ihnen als gleichwichtig an die 
Seite stellen.*) Die dritte und letzte der bis jetzt 
freigelegten Säulen weist eine verschiedene, in 
gewisser Hinsicht vorgeschrittene Bildung auf 
(Abb. 5). Das Capitell ist liier ein regelrechtes 
Würfelcapitcll, dessen abgerundete Ecken sogar 
durch halbkugel 
förmige Knollen 
ausgefüllt sind. Die 
Basis ist aber wie 
der höchst eigen 
artig: ein hoher 
Block von quadra 
tischer Grundfläche 
ist ohne alle Ver 
jüngung nur an 
den obersten Ecken 
und Kanten nach 
oben zu etwas ab 
gerundet; jede der 
vier Seiten trägt als 
Schmuck eine kräf 
tig vortretende Er 
höhung von der Ge 
stalt eines an den 
Enden zugespitzten 
Brotes. Capitell so 
wohl wie Basis sind 
von dem Schafte 
durch gleiche Zwi 
schenglieder ge 
trennt , nämlich 
durch je eine abgerundete Platte; die, welche zum Capitell gehört, ist 
nach oben, die andere nach unten zu stark abgerundet, während die Be- 
grCDzungsflächen nach dem Schafte zu scharf wagerecht abgeschnitten 
sind. So gestaltete Zwischenglieder sind meines Wissens sonst nirgends 
nachgewiesen. Mit ihrem nur nach einer Seite abgerundeten Rande 
erinnern sie aber an die Säulen der Wipertikrypta**) und an die 
*) Capitell und Basis sind übrigens auch an den Säulen des 
alten Kreuzganges auf dem Nunberge in Salzburg gleich gebildet 
(Otte a. a. 0. S. 239). 
**) Vgl. Zeitschrift f. Bauwesen 1853, S. 141, Bl. 25, 
Abb. 5. 
Nordöstliche Schallöffnung.
	        
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