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Volume Nr. 20

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

fir. 20. 
Centralblafct der Bau Verwaltung. 
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ständigen Beherrschung des Stoffes her. Sie im einzelnen aufzüzahlen 
hat keinen Zweck. Eine literarische Besprechung hat eine andere 
Absicht als die Correetur eines Schulheftes. Nicht darauf kommt es 
in erster Linie an, dafs in einer wissenschaftlichen Arbeit alle Einzel* 
heiten richtig sind, sondern darauf, das das Problem richtig aufge 
stellt und dafs die Bearbeitung eine methodisch richtige ist, und in 
dieser Hinsicht verdient die Arbeit Schlossers alle Anerkennung. 
Ich habe oben darauf hingewiesen, dafs die Entstehung der 
Kreuzgänge aus den Kirchen-Atrien nicht so aufgefafst werden darf, 
alB ob letztere einfach von der Stirnseite der Kirchen an eine Lang 
seite verlegt worden, also als Atrien in Wegfall gekommen seien. 
Aber schon in der Frühzeit des romanischen Stiles sind sie kein un* 
erläfslicher Theil der Kirchenanlage mehr. Erhaltene romanische 
Atrien sind S. Ambrogio in Mailand, Essen, Parenzo; neuerdings ab 
gebrochen ist Novara. Aber der Name paradisus lebt fort. In 
Frankreich bezeichnet er (in der Form parvis) einen eingefriedeten 
freien Platz vor der Kirche. Erhalten ist meines Wissens nur das 
von St. Rad4gon.de in Poltiers. In Deutschland geht der Name auf 
die Vorhallen einiger Kirchen über (Dom in Münster). Es scheint 
ziemlich ausgemacht, dafs in den nördlichen Ländern an Stelle der 
offenen Atrien geschlossene Vorhallen traten, bald förmliche Vor 
kirchen, bald kleinere Vorräume, meist in zwei Geschossen, zuweilen 
in mehreren aufgebaut. Die Frage des ersten Auftretens solcher 
Vorhallen nach Zeit und Ort ist noch wenig aufgeklärt. Schlosser 
vermuthet, dafs Ansegis in Fontanella eine solche erbaute. Mit 
Sicherheit darf dies aus dem Wortlaute des Chronicon Fontanellense 
nicht gefolgert werden, ist indes nicht unmöglich. Der älteste theil- 
weise erhaltene derartige Bau dürfte der Westbau von S. Pantaleon 
in Köln (Weihe 980) sein. In der Frühzeit des elften Jahrhundertes 
kommen sie mehrfach vor. Es scheint, dafs sie bei den grofsen 
Benedictinerkirchen zunächst in Aufnahme kamen. Allgemeinere 
Verbreitung fanden sie durch die Congregation von Cluny, in Deutsch 
land durch die ihr verwandte von Hirsau. Ich hoffe, in nicht allzu 
ferner Zeit einige Beiträge zur weiteren Klärung dieser Frage geben 
zu können. 
München, im Januar 1891, Gustav v. Bezold. 
Vermischtes. 
Iu der Freisbewerbung um eine Kirche für die evangelische 
Lucas ■ Parochle in Dresden (vergl. S. 526 d. v. J) ist ein erster 
Preis nicht zur Ertheilung gelangt. Das Preisgericht, in welchem 
au die Stelle der ausgeschiedenen Herren Geh. Regierungsrath Ende 
und Stadtbaurath a. D. Friedrich die Herren Baurath Professor 
Lipsius und Baurath Professor Weifsbach getreten waren, hat 
die ausgesetzte Summe von 8000 Mark vielmehr in Beträgen von 
zweimal 3000 Mark und einmal 2000 Mark vergeben. Unter den zur 
engsten Wahl gelangten Entwürfen „Bete und arbeite“, „Fuori le 
mura“, „Central“, „Monumental“, „Hakenkreuz“ und „Ecclesia“ 
wurden die beiden ersten mit Preisen von je 8000 Mark ausgezeichnet. 
Verfasser sind die Architekten Arno Eugen Pritsche in Berlin und 
Georg Weidenbach in Dresden. Mit 2000 Mark bedacht wurde 
der Entwurf „Central“ des Architekten R. Fussel in Leipzig. Die 
Arbeit „Ecclesia“ ist dem Kirchenvorstande zum Ankäufe für 
1000 Mark empfohlen worden. 
Preisbewegung um eine evangelische Kirche in Giefsen. 
Verfasser des mit zur engeren Wahl gelangten Entwurfes mit dem 
Kennwort „Eckplatz“ (vergl. S. 164 d. J.) ist Herr Professor A. Neu 
meister in Karlsruhe. 
Die 17. Hauptversammlung des deutschen Geometervereins 
wird in Berlin in der Zeit vom 31. Mai bis 4. Juni d. J. abgehalten. 
Die Sitzungen finden statt im Bürgersaale des Rathhauses. Es 
werden vortragen am 1. Juni: Professor Dr. Vogler über die Ein 
richtung des geodätischen Studiums an der Königlichen landwirt 
schaftlichen Hochschule in Berlin; am 2. Juni: Professor Dr. Helmert 
über das Königlich preufsische Geodätische Institut und die gegen 
wärtigen Aufgaben der Erdmessungen, Professor Dr. Jordan über 
die Anwendbarkeit der Methode der kleinsten Quadrate in der Feld- 
und Landmessung, Vermessungs-DirectoT v. Hoegh über die Berliner 
Stadtvermessung; am 3. Juni: Geheimer Regierüngsrath Professor 
Dr. Förster über das metrische System und über die Eintheilung 
des Quadranten, Steuerrath Stepp es über das Grundbuch im Ent 
würfe des bürgerlichen Gesetzbuches. 
Heizung» - und Lftftiuigsversuche mit eisernen Jtantelöfeu ver 
schiedener Systeme sind im Hygienischen Institute der Universität 
Berlin unter der Leitung des Directors, Geheimen Medicinal-Raths 
Dr. Koch, neuerdings angestellt worden, welche zu folgenden Er 
gebnissen geführt haben. Zur Prüfung der Lüftungswirkung wurde 
den Oefen, welche in Bezug auf die Mantelweite grofse Verschieden 
heiten zeigten, die Aufsenluft durch Canäle von unten zugeführt. 
Die vorgenommenen Geschwindigkeits- und Wärmemessungen haben 
ergeben, dafs die Lüftungswixkung sehr wesentlich von dem richtigen 
Gröfsenverhältnifs des Mantels zum Ofen abhängt. Die beste Wirkung 
wurde im allgemeinen mit weitmanteligen Oefen erzielt, was dadurch 
erklärt werden kann, dafs in einem engen Mantelraum die Geschwin 
digkeit der durchstreichenden Luft und folglich auch die geförderte 
Luftmenge verhältnifsmäfsig gering iBt. In gleichem Mafse ungünstig 
wirkt ein übermäfsig weiter Mantel, da bei diesem nur die der Ofen 
wandung zunächst liegende, höher erwärmte Luftsäule nach oben 
steigt, während am Umfange des Mantels ein kälterer, entgegen 
gesetzter Luftstrom von oben nach unten entsteht, welcher sich dem 
Heizkörper zuwendet und nach erfolgter Erwärmung aufwärts in das 
Zimmer zurückströmt. Auf diese Weise wird ein Umlauf der Zimmer 
luft innerhalb des Mantelraumes erzeugt, welcher zwar zur Beheizung 
des Zimmers beiträgt, aber den Eintritt frischer Luft beeinträchtigt. 
Im allgemeinen hat es sich als zweckmäfsig erwiesen, dem Mantel 
stwa den doppelten Durchmesser des Ofens zu gehen; jedenfalls soll 
der Abstand des Mantels vom Heizkörper nie weniger als 10 cm be* 
tragen und bei grofsen Oefen nicht über 30 bis 40 cm hinausgehen. 
Durch die Versuche wurde bestätigt, dafs die Beschaffenheit des 
Zuleitungscanals von wesentlichem Einfiufs auf den Lüftungeerfolg ist, 
und der Canalquerschnitt mindestens gleich dem Querschnitt des Luft 
raumes im Mantel sein mufs. Eine grofse Längenausdehnung und ein 
mehrfaches Knicken des Canals hemmt die Luftbewegung so wesentlich, 
dafs selbst bei gut construirten Mantelöfen der Luftwechsel erheblich 
verringert wird. Dagegen zeigte sich eine einmalige kurze Einengung 
des Canals ohne erheblichen Einfiufs auf die durch strömende Luft- 
raenge. Die Lüftungswirkung wird selbstverständlich auch bei den 
in Bede stehenden Mautclöfen wesentlich gesteigert, wenn für die 
Abführung der Luft besondere Canäle von ausreichender Weite her 
gestellt werden. 
Einsturz einer Strafsenhrücke in Oesterreich. Der Einsturz hat 
eine 6 m breite, etwa 27,5 m weit gespannte Bezirksstrafeenbrücke 
betroffen, deren Hauptträger und Querträger nach der Parabel ge 
formt waren und Gitterwerk der leichtesten Art zeigten. Der Ein 
sturz ist zweifellos durch die ungenügende Steifigkeit der aus nur 
zwei Flacheisen gebildeten senkrechten Wandgliedex verursacht; 
doch würde die Brücke vermuthlich selbst dann keine ausreichende 
Tragkraft besessen haben, wenn für die fraglichen Glieder ein zweck* 
mäfsigerer Querschnitt gewählt worden wäre, da die Art der seit 
lichen Aussteifung des Obergurtes der offenen Brücke, wie die 
vorstehende Abbildung erkennen läfst, eine gänzlich verfehlte war. 
Weitere Abbildungen sowie sonstige Mittheilungen über den Vorfall 
(jedoch ohne bestimmte Angaben Uber Ort und Zeit) finden sich auf 
Seite 140 der Wochenschrift des Oesterreichischen. Ingenieur- und 
Architekten-Vereins. — Der ganze Vorgang erinnert nach Ursache 
und Verlauf sehr an den im Jahrgang 1883 (Seite 380) des Central 
blattes der Bauverwaltung beschriebenen Einsturz der Strafsenhrücke 
bei Rykon-Zell; und zwar ist die Uebereinstimmung auch insofern
	        
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