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Volume Nr. 12

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1891 (Public Domain)

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21. März 1891. 
Centralblatt der Bauverwaltung. 
Schweden, Deutschland, Oesterreich und Italien; er würde eventuell 
geeignet sein, um später vielleicht einmal eine mitteleuropäische Ein 
heitszeit herbeizuführen. Bei dieser Zugrundelegung des fünfzehnten 
Meridians, des sogenannten Stargarder Meridians, entstehen an un 
seren äufsersten Grenzen Zeitverschiedenheiten im Osten von 31, i m 
Westen von 36 Minuten. Meine Herren, an viel gröfsere Differenzen 
hat man sich in America, an kleinere in SüddeutscHland leicht ge 
wöhnt. 
Aber, meine Herren, eine Einheitszeit nur für die Eisenbahnen 
beseitigt nicht alle die Uebelstände, welche ich in Kürze erwähnt 
habe; das ist nur möglich, wenn wir für ganz Deutschland eine ein 
heitliche Zeitrechnung erlangen, d. h., wenn alle Ortszeiten abgeschafft 
werden. 
Dagegen bestehen nun im Publicum allerlei Bedenken — ich 
glaube, mit Unrecht. Allerdings hat sich die schwerwiegende Autorität 
der Gelehrten unserer Sternwarten in diesem ablehnenden Sinne aus 
gesprochen, Meine Herren, die Wissenschaft verlangt weit mehr, als 
wir; sie ist nicht zufrieden mit einer deutschen Einheitszeit, auch 
nicht mit einer mitteleuropäischen, sondern sie will eine Weltzeit, 
und das gewifs mit vollem Recht auf ihrem Standpunkt und für ihre 
Zwecke! Aber diese Weltzeit, welche auf dem Meridian von Green 
wich basirt, kann unmöglich in das tägliche Leben eingefUhrt werden, 
man müfste denn alle Ortszeiten beibehalten. Auch was die Eisen 
bahnen betrifft, haben alle Fachmänner sich dagegen ausgesprochen. 
— Meine Herren, die Gelehrten der Sternwarten sagen: wir erkennen 
»d, dafs für die Eisenbahnen eine Einheitszeit nöthig ist, — gut, sie 
mögen sie haben, aber sie mögen sie für sich behalten, sie sollen sie 
nicht in das öffentliche Leben überfuhren wollen; denn nur ein 
kleiner Theil des Publicums verkehrt überhaupt auf der Eisenbahn. 
Da möchte ich nun doch erwidern, dafs ein noch viel kleinerer Theil 
des Publicums Astronom, Geodät oder Meteorologe ist. Wenn die 
Wissenschaft an gewissen Punkten Untersuchungen und Beobach 
tungen anzustellen hat, so kann man ihr überlassen, die genaue 
Ortszeit dieser Punkte zu bestimmen. Das ist eine Arbeit, die ein 
mal und in aller Ruhe im Studirzimmer gemacht werden kann. 
Unsere Eisenbahnbeamten sollen aber das wiederholentlich im Drange 
der Geschäfte, vielleicht der Ereignisse fertigstellen. — Uebrigens ist 
die Zahl der auf den Eisenbahnen Verkehrenden keine geringe. Man 
hat nachgerechnet, dafs im Jahr auf den Kopf der Bevölkerung 
sieben Eisenbahntouren fallen. Die vornehmsten Reisenden, meine 
Herren, sind die Truppen, die zur Vertheidigung des Landes an die 
Grenze geschafft werden müssen, und die wohl weitgehendste Berück 
sichtigung verdienen. 
Nun hat man Bedenken getragen, dafs die Uebertragung dieser 
gemeinsamen Zeit in das bürgerliche Leben Störungen verursachen 
würde. Es ist besonders hervorgehoben worden, welche Unzukömm 
lichkeiten es für die Fabriken und die Industrie haben würde. 
In dieser Beziehung muß? ich mich doch gegen die früheren 
Ausführungen des Collegen v. Stumm wenden. Wenn die Zeit 
differenz von dem fünfzehnten Grad bis zu irgend einem anderen 
Orte, z. B, Neunkirchen (etwa 29 Minuten) bekannt ist, so kann es 
nicht schwer sein, den Tarif, der in der Fabrik ausgehängt ist, da 
nach zu modificiren. Will der Fabrikherr im März seine Arbeiter 
bei Sonnenaufgang um 6 Uhr versammelt haben, so würde der Tarif 
sie um 6 Uhr 29 Minuten bestellen. Braucht er sie im Februar um 
6 Uhr 10 Minuten, so giebt der Tarif 6 Uhr 39 an, usw. 
Was dann die ländliche Bevölkerung betrifft — ja, meine Herren, 
der ländliche Arbeiter sieht nicht viel nach der Uhr, er hat zum 
grofsen Theil keine; er sieht sich um, ob es schon hell ist, dann 
weifs er, dafs er bald von der Hofglocke zur Arbeit gerufen wird. 
Wenn die Hofuhr verkehrt geht, was in der Regel der Fall ist 
(Heiterkeit), wenn sie eine Viertelstunde zu früh geht, dann kommt 
er allerdings eine Viertelstunde zu früh zur Arbeit; allein er wird 
auch nach derselben Uhr eine Viertelstunde früher entlassen: die 
Arbeitsdauer bleibt dieselbe. 
Meine Herren, im praktischen Leben wird sehr selten eine Pünkt 
lichkeit, die mit Minuten rechnet, gefordert. Es ist an vielen Orten 
üblich, dafs die Schuluhr zehn Minuten zurückgestellt wird, damit 
die Kinder da sind, wenn der Lehrer kommt. Selbst die Gerichtsuhr 
wird vielfach zurückgestellt, damit die Parteien sich versammeln, 
bevor das Verfahren beginnt. Umgekehrt, in den Dörfern, welche 
nahe an der Eisenbahn liegen, stellt man in der Regel die Uhr 
einige Minuten vor, damit die Leute den Zug nicht Verpassen. Ja, 
meine Herren, selbst dies hohe Haus statuirt doch eine akademische 
Viertelstunde, die auch zuweilen noch etwas länger wird. (Heiterkeit.) 
Nun hat man noch den Unterschied zwischen Sonnenzeit und 
mittlerer Zeit angeführt. Der Herr Abgeordnete von Stumm hat 
ganz Recht, dafs diese Differenz zu Zeiten den bereits bestehenden 
Differenzen hinzugefügt wird. Aber, meine Herren, es ist positiv und 
negativ damit zu rechnen; zu gewissen Zeiten ist diese Differenz zu 
zuzählen, zu anderen Zeiten ist sie abzuziehen. Den Klimax von 
16 Minuten erreicht sie im Jahre doeh auch nur an vier Tagen. 
Meine Herren, hat irgend jemand von uns, der pünktlich nach einer 
richtiggehenden Uhr lebt, jemals bemerkt, dafs er in einem Viertel 
jahre bis zu 16 Minuten zu früh zu Tische gegangen ist oder zu 
früh'zur Ruhe sich zurückgezogen bat, und in dem folgenden Viertel 
jahr zu spät? Ich glaube, nicht. 
Meine Herren, gerade der Umstand, dafs diese doch nicht un 
erhebliche Differenz zwischen Sonnen- und mittlerer Zeit dem grofsen 
Publicum gar nicht bekannt ist, von ihm nie empfunden wird, scheint 
mir doch zu beweisen, dafs die Besorgnisse, welche man wegen Ab 
schaffung der Ortszeiten hegte, nicht begründet sind. 
Meine Herren, wir können ja hier nicht durch Abstimmung oder 
Majoritätsbeschluss eine Einrichtung feststellen, die nur auf dem 
Wege der Verhandlung im BundeBrath, vielleicht spater durch inter 
nationale Verhandlungen in die Wege zu leiten ist. Aber ich glaube, 
dafs es diese Verhandlungen erleichtern wird, wenn der Reichstag 
sich sympathisch für ein Prinzip ausspricht, welches in America, in 
England, in Schweden, in Dänemark, in der Schweiz und in Sud 
deutschland bereits ohne wesentliche Störungen zur Geltung ge 
kommen ist. (Lebhaftes Bravo.)“ 
Die evangelische Stadtkirche St. Katharinen in Schwedt a. 0 
(Schlufs.) 
Wie der Thurm, so sind sämtliche neuen Theile des Baues im 
märkisch-gothischen Stil als Backsteinrohbauten im Blockverband 
aus vollen rothen Rathenower Handstrichstemen, unter Verwendung 
von Formsteinen für die Gewände und Gesimse, und mit V/3 cm 
Btarken, glatt ausgestrichenen, ungefärbten Fugen hergestellt. Fries 
streifen, Giebelblenden usw. sind theils einfach dünn geputzt, theile 
durch Kratzmuster verziert. Diese Verzienrngsart, von alten hessischen 
Bauernhäusern stammend, meines Wissens zuerst von Prof. Karl 
Schäfer an das Tageslicht gezogen und bei Neubauten verwerthet,*) 
verdiente mehr angewendet zu werden, als bisher geschehen. Ihre 
Vorzüge sind zahlreich: Sie fügt sich auf das schönste dem Rohbau, 
dem Putzbau und dem Fachwerksbau an, ist, wenn der bauleitende 
Architekt die Zeichnung selbst liefert, billig, da jeder einigermafsen 
geschickte Maurer die einfache Technik leicht erlernt, sie ist dauer 
haft und bildet eine grofse Zierde des in dieser einfachen Weise ge 
schmückten Gebäudes. Abb. 3 giebt ihre Anwendung bei einem 
Giebel der Kirche. Vielleicht ist eine kurze Beschreibung der Her 
stellungsart von Interesse, trotzdem sich eine solche schon an der 
oben angeführten Stelle findet: Der Sand ist möglichst fein zu sieben. 
Es wird nur so viel Putz aufgetragen, wie an einem Tage gemustert 
werden kann, besonders in der heifsen Jahreszeit. Der Putz darf 
nicht stärker als etwa 2 etn sein und wird mit einem vom Maurer 
selbst herzustellenden kurzen Besen aus recht dünnen. Reisern 
*) Siehe Deutsche Bauzeitung, Jahrgang 1879, Nr. 67. 
so fein wie möglich gestippt. Auf diese gestippte Fläche werden 
alsdann die Blech- oder Papierschablonen oder auch die in 
natürlicher Gröfse ausgeführte Zeichnung fest aufgelegt und die 
Umrifslinien mit einem Taschenmesser oder dergleichen etwa 1 cm 
tief winkelrecht eingeschnitten. Darauf wird das Muster in der Weise 
weiter ausgearbeitet, dafs überall, sei es bei Blatt oder Ranke, in 
der Mitte ein Grat Btehen bleibt, während die Fläche beiderseits 
nach den ersten winkelrechten Einschnitten zu etwa 1 cm tief abläuft. 
Auf diese Weise entsteht eine Modellirung, welche um so kräftiger 
ist, je schmaler der dargestellte Körper, Die durch dieses Aus 
schneiden ohne weiteres Zuthun geglätteten Flächen werden mit 
Weifskalk oder mit englischem Roth in Essig angestrichen, während 
die ungemusterten Stippputzflächen ungefärbt bleiben. Das Muster 
liegt also nicht, wie bei dem in Nr. 20 des vorigen Jahrganges dieses 
Blattes beschriebenen, beim Postbau in Neustadt O./S. zur An 
wendung gekommenen Verfahren, auf dem Grunde, sondern im 
Grunde. Daher genügt auch eine Putzstärke von 2 cm. Der Preis 
für 1 qm stellte sich hier auf 2,70 Mark. 
An der alten Granitkirche fanden sich an einzelnen, später ver 
baut gewesenen Stellen Reste des früheren Aufsenputzes aus zwei ver 
schiedenen Zeitabschnitten. Auf Grund dieser Funde sind die alten 
Kirchentheile wieder ganz abgepntzt worden, und zwar, wie ursprüng 
lich, mit einer dünnen 2—3 mm starken, allen Krümmungen des Mauer 
werks folgenden, glatten Kalkputzschicht. In diese sind breite Fugen 
eingeritzt, geglättet und mit Weifskalk angestrichen. Die Feinster-
	        
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