Path:
Volume Nr. 48

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1889 (Public Domain)

456 
30. November 1880. 
Centralblatt der Bauverwaltung. 
und 81 genügt ist, haben die Besitzer spätestens 3 Monate nach dem 
Inkrafttreten dieser Verordnung der Polizeibehörde revisionsfähige 
Zeichnungen der betreffenden Anlagen und zwar einen Lageplan 
sowie Grundrisse und Querschnitte im Mafsstab 1:100 in je 2 Aus 
fertigungen einzureichen. 
ln den Grundrissen müssen die in § 84 aufgeführten Einzel 
heiten nach genauer Aufmeesung mit eingeschriebenen Mafsen an 
gegeben werden. 
Diesen Zeichnungen ist eine Berechnung der für die Entleerung in 
Betracht kommenden Breiten der Gänge, Thüren, Corridore, Treppen, 
Flure, Ausgänge und Durchfahrten in zwei Ausfertigungen beizugeben. | 
§86. 
Für die Erthcilung der in den §§ 40 und 85 zugelassenen Dispense 
ist der Bezirks-Ausschufs zuständig. 
Sonstige Ausnahmen von den Bestimmungen dieser Verordnung 
dürfen nur, soweit sie im vorstehenden ausdrücklich vorgesehen sind, 
von der Polizeibehörde gestattet werden. 
§ 87. 
Uebertretungen der vorstehenden Bestimmungen werden, sofern 
nicht weitergehende Vorschriften des Reichs-Strafgesetzbuches Platz 
greifen, mit einer Geldstrafe bis zu 60 Mark oder im Unvei'mögens- 
1 falle mit ^erhältnifsmäfsiger Haft bestraft. 
Erläuterungen. 
Die vorliegende Verordnung soll Sicherheit gegen die Entstehung 
von Lebensgefahren bei gedrängter Ansammlung von Menschen 
mengen in Theatern, Circusgebäuden und Öffentlichen Versammlungs 
räumen gewähren. Die zu diesem Zwecke getroffenen Schutzmafs- 
regeln fassen nicht nur die unmittelbaren Gefahren ins Auge, wie 
sie etwa bei Entstehung eines Brandes das in geschlossenen Räumen 
versammelte Publicum durch Verbrennen oder Ersticken bedrohen, 
sondern auch die Folgen einer bei wirklicher oder vermeintlicher Ge 
fahr entstehenden Panik. 
Da diese letztere erfahrungsgemäfs bei Ansammlung gröfserer 
Menschenmengen in einem vollständig feuersicher und unverbrennlich 
hergestellten Gebäude kaum geringer ist als in einem an sich weniger 
feuerbeständigen Bau, so genügt es zu einem wirksamen Schutz des 
Publicums nicht, nur zu verlangen, dafs Theater, Circusgebäude und 
Öffentliche Versammlungsräume in ihrer baulichen Substanz möglichst 
unzerstörbar hergestellt werden sollen, sondern es müssen zu dieser 
Forderung noch bestimmte Vorschriften für die innere Einrichtung 
und für den Betrieb solcher Anlagen hinzutreten. 
Entscheidend für die Rettung von Menschenleben bei Unglücks 
fällen und für die Verhütung von Lebensgefahr überhaupt ist vor 
allem die Sicherung einer schnellen und gefahrlosen Entleerung der 
Räume durch die Anlage hinlänglich breiter Gänge, Thüren, Corri- 
dore, Treppen, Flure und Durchfahrten, sowie durch die Fürsorge, 
dafs das Publicum unter allen Umständen leicht, schnell und sicher 
die Ausgänge ins Freie erreichen kann. 
Nach dieser Richtung stellt deshalb die vorliegende Verordnung 
an künftige Neubauten weitgehende Anforderungen in der Absicht, 
dafs die Besucher eines unter Beobachtung solcher Vorsichtsmafs- 
vcgeln angelegten Theaters, Circusgebäudes oder öffentlichen Ver 
sammlungsraumes von vornhei'ein die Ueberzeugung vollster Sicher 
heit für ihre Person gewinnen. 
Die Mafsregeln gegen Feuersgefahr bezwecken nicht allein, der 
Entstehung eines Brande» durch besondere Vorschriften in Bezug auf 
Erleuchtung, Heizung und Betrieb thunlichst vorzubeugen, ein etwa 
ausgebrochenes Feuer alsbald durch geeignete Löschmittel wirksam 
zu bekämpfen und seine Verbreitung zu verhindern, sondern vor 
nehmlich auch eine Yerqualimmg der tnenschenerfüllten Räume und 
der zu den Ausgängen führenden Gänge, Corridore, Treppen und 
Flure zu verhindern oder doch wenigstens thunlichst zu verzögern. 
Diesem Zwecke dienen beispielsweise bei Theatern die Be 
stimmungen, dafs sowohl über dem Bübnenraum als Uber dem Zu 
schauerraum grofse Abzugsöffnungen angelegt werden sollen, letztere 
mit ihrer Mündung mindestens 1 m höher als die Decke des obersten 
Ranges, dafs der Schnürboden. wenigstens 3 m höher liegen mufs, als 
die Decke des ZuschauerraumeB und die für alle hier in Betracht 
kommenden Bauanlagen, Theater, Circus und Versammlungsräume 
gleich wichtigen Vorschriften, dafs Corridore und Treppen mit ge 
nügenden Lüftungseinrichtungen versehen sein müssen und dafs die 
für den Verkehr des Publicums bestimmten Treppen niemals mit 
Kellerräumen unmittelbar in Verbindung stehen dürfen, weil erfahrungB- 
gemäfs in solchen zu den mannigfachsten Zwecken benutzten und 
schwer controlirbaren Räumen leicht ein Feuer entsteht, welches au 
sieh vielleicht nur unerheblich, doch in wenigen Minuten Treppen, 
Corridore und Flure mit Qualm erfüllen und dadurch eine gefährliche 
Panik heivorrufen kann. 
Gegenüber den vorerwähnten Mafsregeln für die Sicherheit der 
Personen kommt der Schutz der baulichen Substanz gegen Zerstörung 
durch Feuer erst in zweiter Linie in Betracht. Es sind deshalb selbst 
für Theater hölzerne FufsbÖden, theilweisc auch Holztreppen für zu 
lässig erklärt, sowie bei Circusbauten die Herstellung der Umfassungs- 
wände aus ausgemauertem Fachwerk, auch die Verwendung 
hölzerner Stützen ausdrücklich gestattet, weil zuversichtlich voraus 
gesetzt werden darf, dafs bei den vorgeschriebenen Breiten der 
Gänge und Thüren der Corridore, Treppen, Flure und Ausgänge das 
Publicum unter allen Umständen sicher das Freie erreicht haben 
wird, ehe ein Feuer, auch wenn cs noch so schnell um sich greift, 
derartige Holzconstructionen in Flammen gesetzt haben kann. 
Es ist hierbei zu bemerken, dafs die betreffs des Feuerlöschwesens 
sachverständigen Personen für die Bekämpfung eines Brandes und 
als Rückzugsweg der Löschmannschaften hölzerne Treppen keines 
wegs als gefährlich erachten, ihnen vielmehr unbedingt den Vorzug 
geben vor Treppen, welche aus Granitblockstufen bestehen oder aus 
Eisen und Stein construirt sind, weil Granit, von einer Stichflamme 
getroffen, plötzlich zerspringt, während Eisen beim Erglühen Form- 
veränderungen erleidet und seine Festigkeit verliert, sodafs ein plötz 
licher Einsturz eintreten kann. 
Unter dem in der Verordnung mehrfach gebrauchten Ausdruck 
„feuer- und rauchsichere Thüren“ sind Thüren aus starkem Holz 
mit zweiseitiger Eisenblech-Bekleidung verstanden. Diese Verschlüsse 
haben vor den bisher für ähnliche Zwecke üblichen eisernen Thüren 
den Vorzug, dafs sie sich unter dem Einflufs der Flamme nicht so 
schnell verziehen und somit länger als jene ein Uebergreifen des 
Feuers von einem Raum in den anderen und die Verbreitung des 
Qualmes hindern. 
Bei den Lüftungs-Einrichtungen sowie bei dem feuer- und rauch 
sicheren Verschlufs der Bühnenöffnung in Theatern ist von allen so 
genannten selbstthätigen Vorkehrungen grundsätzlich Abstand ge 
nommen worden, weil diese im Augenblicke der Gefahr, wie die Er 
fahrung gelehrt hat, nur zu oft ihren Dienst versagen. Es ist viel 
mehr vorausgesetzt, dafs stets eine hinlängliche Anzahl zuverlässiger 
Feuerwachen zur Steile ist, von denen jeder einzelne Mann mit ge 
nauer Anweisung seiner Thatigkeit beim Eintreten eines Unfalles 
versehen wird. Dabei wird das Schliefaen der Bühnenöffnung durch 
deu Schutzvorhang oder die Schiebethüren, sowie das Oeffnen der 
Rauchabziige über der Bühne und über dem Zuschauerraum bei Ent 
stehung eines Feuers immer die erste und wichtigste Mafsregel bleiben, 
um gröfseres Unglück zu verhüten. 
Endlich ist noch besonders darauf hinzuweisen, dafs in der vor- 
liegenden Verordnung eine Imprägnirung von Holzwerk, Decorationen, 
Versatzstücken und dergleichen nicht vorgeschrieben wird. Die Er 
wartungen, welche man von den verschiedenen bisher empfohlenen 
und auch vielfach angewendeten Schutzmitteln gegen das Entflammen 
leicht brennbarer Stoffe hegte, haben sich nicht bestätigt, weil die 
Schutzkraft der Imprägnirung nur eine verhältnifsmäfsig kurze Zeit 
dauert. Eine zuverlässige Controle in Bezug auf regelmäfsige Er 
neuerung der Imprägnirung erscheint aber undurchführbar, abgesehen 
von den erheblichen Kosten, welche den Theaterverwaltungen für die 
Durchführung einer Sicherheitsmafsregel so zweifelhaften Werthcs 
aufgebürdet werden würden. 
Personal - N achrichten 
Preufsen. 
Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht, dem Archi 
tekten und Inspector der vereinigten landschaftlichen Brandkasse in 
Hannover, Theodor Unger, den Charakter als Baurath zu verleihen 
sowie dem Regierungs- und Baurath Kricheldorff, Director des 
Eisenbahn-Betriebs-Amts (Directions-Bezirk Bromberg) in Berlin und 
dem Regierungs- und Baurath Reuter, Mitglied der Eisenbahn- 
Direction in Bromberg die Erlaubnis zur Anlegung der ihnen ver 
liehenen Kaiserlich russischen Orden zu ertheilen und zwar ersterem 
des St. Annen-Ordens II. Klasse, letzterem des St. Stanislaus-Ordens 
II. Klasse. 
Versetzt sind: der KreU-Bauinspector Wentzel in Marburg in 
gleicher Amtseigenschaft nach Wiesbaden, der bisherige technische 
Hülfsarbeiter bei der Königlichen Regierung in Königsberg O./Pr., 
Bauinspector vom Dahl als Kreis-Bauinspector nach Marburg und 
der bisher im technischen Bureau der Bauabtheilung des Ministeriums 
der öffentlichen Arbeiten beschäftigte Wasser-Bauinspector CI aufs en 
in die Wasser-Bauinspector-Stelle in Magdeburg.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.