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Volume Nr. 42A

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1889 (Public Domain)

Central blatt der Bau Verwaltung. 
396 
28. Oetober 1889. 
Fabrikanlagen, wie — um nur einige zu nennen— Krupp in Essen, 
Spin dl er in Cöpenick, haben in dieser Beziehung bereits Erspriefs- 
liches geleistet. Auch auf der Ausstellung finden wir in dieser 
Richtung, namentlich in der österreichischen Abtheilung, Erfreuliches. 
48 verschiedene Aussteller führen Arbeitereolomeen, Arbeiterfamilien 
häuser, Arbeitercasernen vor, und mehrere Fabriken theilen gleich 
zeitig die Hausordnungen, Miethsbedingungen usw- mit. 
Aufser dem leiblichen Wohle wird durch zweckentsprechende 
Einrichtung der Arbeiterhäuser auch das sittliche Wohl der Arbeiter 
gefördert. Wer nach saurer Arbeit den Rest des Tages in angenehmen, 
reinlichen und luftigen Räumen verbringen kann, wird bei weitem 
weniger das Bedürfnifs verspüren, fern von Weib und Kind im Wirths- 
hause zu sitzen und das schwer erworbene Geld zu vertrinken. Ganz 
besonders segensreich aber gestaltet sich die Schöpfung von Arbeiter 
vierteln, wenn den Arbeitern da 
durch gleichzeitig die Möglichkeit 
gegeben wird, mit der Zeit ein 
Häuschen mit etwas Gartenland zu 
freiem Eigenthume zu erwerben. 
Hierdurch wird die Sefsliaftig- 
keit der Arbeiter befördert, das 
Interesse an dem Fabrikunter- 
nehmen erhöht und dem Arbeiter- 
proletariate und damit den social 
demokratischen Bestrebungen aufs 
wirksamste vorgebeugt. 
Wir haben bereits früher ein 
gehend der Bemühungen für Er 
richtung von Volksbädern ge 
dacht, und in der That bilden diese 
ein wichtiges Glied in der grofsen 
Kette der Wohlfahrtseinrichtungen. 
Die Ausstellung zeigt die verschie 
densten Systeme; aber auch die Fa 
briken errichten in immer gröfserer 
Zahl für ihre eigenen Arbeiter solche 
Anstalten. Die österreichische Ab 
theilung weist deren allein 9 Stück 
auf. Ueber den grofsen Nutzen der 
artiger Anstalten herrscht heutzu 
tage wohl nur noch eine Stimme. 
Als eine grofse Wohlthat, 
namentlich für unverheiratete Ar 
beiter und von der Fabrik weit Ab- 
wolmende, mufs es bezeichnet wer 
den, wenn der Fabrikherr denselben 
durch Errichtung von Sp ei se 
it äusern Gelegenheit bietet, ein 
gesundes und kräftiges Mittagessen 
zu erhalten. Auch in dieser Beziehung bietet wiederum die öster 
reichische Abtheilung genügend Stoff zur Belehrung. Hier sei auf 
eine derartige Einrichtung der Kammgarn-Spinnerei in Augs 
burg verwiesen, wie sie in Saal J zur Ausstellung gelangt ist. 
Neben diesen für das leibliche Wohl der Arbeiter bestimmten 
Einrichtungen beanspruchen die auf das sittliche und geistige 
Wohl gerichteten ebenfalls unsere ganze Aufmerksamkeit. Einmal 
sind es solche, welche auf die Geselligkeit und Erholung der Arbeiter 
hinzielen, und deren Werth hauptsächlich wohl darin liegt, die Männer 
mehr au die Familie zu fesseln und vom Wirthshausleben fernzu 
halten. 
Weiterhin sei auf die verschiedenen Bestrebungen hingewiesen, 
Arbeiterkranken-, Invaliden-, Pensions-, Wittwen- und Waisenkassen 
ins Leben zu rufen. Für das deutsche Reich sind diese Einrichtungen 
allerdings durch die Gesetzgebung einheitlich geregelt; von hoher 
Bedeutung aber bleiben Sparkassen und Oonsumvereine, durch 
welche gleichzeitig auch das leibliche W'ohl der Arbeiter berücksichtigt 
wird. Die hierher gehörigen Einrichtungen der Firma Spindler 
haben wir seinerzeit erwähnt, aber auch von anderen Fabriken sind 
solche auf der Ausstellung zur Anschauung gebracht, so von der 
Möbelfabrik der Gebr. Thonet in Ko ritsch an (österreichische 
Abth.). 
Wir heben des weiteren diejenigen Bestrebungen hervor, welche 
auf die Erziehung und Beschäftigung der Arbeiter-Kind er ab 
zielen, und welche unstreitig von der allergröfsten Bedeutung für das 
geistige und sittliche Wohl der arbeitenden Klassen überhaupt sind. 
Einmal handelt es sich hier um die Beaufsichtigung und Beschäftigung 
von Kindern, welche noch nicht im schulpflichtigen Alter sind, deren 
Eltern aber beide tagsüber auf Arbeit gehen. So hat die Firma 
Thonet Heimstätten für Kinder geschaffen, wo diese den ganzen Tag 
bleiben können und unter Aufsicht entsprechend beschäftigt werden. 
Ferner gilt es, die heranwachsenden Kinder auch aufser der Schule 
in allerlei praktischen Fächern zu unterrichten. So besitzen die 
Lederfabriken von C. Heyl in Worms eine Näh- und eine Koch 
schule, Ganz besonders hat sich der Segen solcher Erziehungs 
anstalten in der K. K. privilegirten Heinriclisthaler Bobbinet- 
und Spitzenfabrik von Arthur Fabör in Lettowitz (Mähren) 
gezeigt. Es ist eine wahre Freude, den Auslassungen des hierüber 
mitgetbeilten Berichtes zu folgen. Endlich verweisen wir auf die von 
dem Vereine zur Förderung des Wohles der arbeitenden Klassen im 
Kreise Waldenburg in Schlesien gegründeten Arbeitsschulen. Die 
Erzeugnisse der Handarbeit der Kinder sind in dem Umgänge zwischen 
Saal S und P ausgestellt und geeignet, die gerechte Bewunderung 
des Beschauers wachzurufen. Auch auf das von dem Commercien- 
rath Heyl in Charlottenburg gegründete Knabenheim, dessen 
Erzeugnisse in Saal I vorgeführt werden, wollen wir nicht unterlassen 
die Aufmerksamkeit des Lesers zu 
lenken. 
Das weitaus Vorzüglichste in 
dessen, was auf dem Gebiete der 
Wohlfahrtseinrichtungen auf der 
Ausstellung zur Anschauung ge 
bracht ist, befindet sich unter der 
Sammel-Ausstellung der der tech 
nischen Hochschule in Hannover 
gehörigen „Gewerbe-hygienischen 
Sammlung“ und bezieht sich auf 
die von dem Director der Nieder 
ländischen Prefshefe- und Spi 
ritus-Fabrik in Delft in Hol 
land, Herrn van Marken, für die 
Angehörigen dieser Fabrik ins 
Leben gerufenen Einrichtungen. 
Zur Ausstellung ist einmal ein 
grofses und übersichtliches Modell 
des„Agneta-Parkes“gelangt,welcher 
die Schöpfungen des Herrn van 
Marken enthält und dessen Grund 
rifsgestaltung wir in der beigefügten 
Abbildung bringen, sowie eine 
gröfsere Druckschrift, betitelt: -Die 
Arbeiterfrage in der Niederlän 
dischen Prefshefe- und Spiritus- 
Fabrik“, welcher die nachstehenden 
Angaben entnommen sind. Die Ge 
sellschaft ist 1869 gegründet und 
hat ihren Betrieb 1870 begonnen: 
sie verfügt zur Zeit über ein Actien- 
vermögen von 750 000 holländischen 
Gulden und beschäftigt sich mit der 
Erzeugung von Prefshefe, Spiritus 
und Schlempe. 1888 waren in der Fabrik 244 Männer und 4 Frauen, 
einschliefslick der angestellten Beamten, beschäftigt und wurden an 
Löhnen 197 000 Gulden gezahlt. Folgendes sind die für das leibliche 
und sittliche Wohl der Arbeiter eingeführten Einrichtungen: 
I. Hebung der Löhne. Gewinnbeteiligung (seit 1879): 
10 pCt. des Reingewinns werden jedes Jahr der Direetion im Inter 
esse des Personals zur Verfügung gestellt mit der Verpflichtung, 
Wünsche desselben zu berücksichtigen. Von 1879—1888 betrug der 
Antheil am Gewinn 40 200 Gulden. Bis 1886 wurden diese Gelder in 
erster Reihe dazu bestimmt, die Kosten der Altersversicherung zu 
decken, welche seit 1887 indessen als Betriebskosten verrechnet werden. 
1887 betrug die Gewinnbetheiligung 14 000 Gulden, wodurch jeder 
Arbeiter eine Summe gleich 9 pCt. seines Jahreslohnes ausgezahlt 
erhielt. Prämien-System (seit 1874): Zur Hebung des Eifers, der 
Pünktlichkeit und der Geschicklichkeit des Personals werden dem 
selben Prämien im Verhältnis zu den Mengen Hefe und Spiritus ge 
zahlt, welche über einem festgesetzten geringsten Betrag hinaus aus 
den Rohstoffen erzielt werden. Die Vertheilung erfolgt im Verhältnis 
zu den Löhnen. Die Einrichtung hat bedeutende Erfolge, sowohl 
sittliche wie materielle erzielt. 1874—88 sind 143 000 Gulden Prämien 
gezahlt worden. 
II. Einrichtungen zur geistigen Entwicklung der Ar 
beiter. Seit 1882 besteht ein llandfertigkeits-Unterricht für die 
Kinder der Arbeiter. Dieselben erhalten viermal wöchentlich je zwei 
Stunden Unterricht in der Anfertigung von Cartonnage-, Flecht-, 
Strick- und Tischlerarbeiten, Holzschnitzerei usw. Ende jedes Jahres 
findet eine Ausstellung der gefertigten Gegenstände statt. 1888 be 
suchten 50 Zöglinge den Unterricht, Diejenigen Arbeiterkinder, welche 
die Stadtschulen besuchen und sich auszeichnen, erhalten Belohnun 
gen, die in der Sparkasse aufgehoben werden. Die Lehrbursehen, 
welche die Fabrik annimmt, müssen die Elementarschule mit einem 
ehrenvollen Zeugnisse durchgemacht haben und erhalten weiterhin 
Bezeichnungen: A Kosthaus. B Verkaufshaus u. Bäckerei. C Wohnung des Directors 
van Marken. D Gemeiudeschule. E Vereiushaus. F Kinderspielplatz- G Musikzelt. 
H Bootsschuppen, i Verwendbare Bauflächeu. 
Plan vom Ag-neta-Park in Delft (Holland).
	        
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