Path:
Volume Nr. 39

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1889 (Public Domain)

358 
(Jentralblatt der Bauverwaitung. 
28. September 1889. 
Jahren seit 1885/86. Während sieh in der früheren Zeit nur ganz 
vereinzelt ein Engländer auf die Berliner Hochschule verirrte, finden 
sie sich seither alljährlich in wachsender Zahl ein. Die beiden Halb 
jahre 1885/86 brachten je 2, 1886 87 bezw. 4 und 5, 1887/88 Sund 10, 
und im letzten Jahre 1888/89 betrug ihre Zahl 11 und 13. Die 
meisten derselben waren Maschineningenieure, andere Architekten 
und Chemiker bezw. Hüttenleute, während Bauingenieure selten ver 
treten waren. 
Die Gesamtzahl der ausländischen Studirenden in den 8 Jahren 
I (16 Halbjahren) 1881/82 bis 1888/89 beträgt 1224. 
Bergamo alta. 
(Schlafs.) 
Besonderes Interesse erregt die Backsteinkirclie S. Benedetto, 
auf halbem Wege von der Oberstadt zur Unterstadt an der Ecke 
zweier Gassen gelegen (Abb. 13). Es ist eine Centralkirehe von 
einfachster Anlage und geviertförmigem Grundrifs: eine Haupt 
kuppel über der Kreuzung zweier gleichen Tonnen, in deren Ecken 
vier Ncbenkuppeln. Neben der Kirche schaut man in ein zartes 
Kreuzganghöfcheu. Das Structursystem ist bei gröfster Einfach 
heit sehr gelungen zum Ausdruck gebracht. Auf den Umfassungs 
mauern des ziemlich plumpen, bis zu einein umlaufenden grofsen 
Hauptgesims aufgehenden Baukörpers bezeichnen Wandpfeiler mit 
verkröpftem Gebälk die Breite der Hauptschiffe und begleiten die 
Ecken. Ueber jeder Wand steigt ein niedriger Giebel empor, loth- 
recht durch Verlängerungen der mittleren unteren Wandpfeiler, also 
in Schiffbreite, getheilt und auf diesen fortgesetzten Wandstreifen 
durch ein neues, wagereehtes Gesims zerschnitten, über welchem 
die Giebelspitze für sich wieder in ähnlicher Weise gegliedert ist. 
Die Satteldächer des Hauptkreuzes durchdringen sich und tragen 
den regelmäfsig achteckigen, niedrigen Vierungsthurm mit flachem Zelt, 
Beim Abstieg auf derselben Strafse, an der S. Benedetto liegt, fällt 
schon von weitem die wunderliche schmiedeeiserne Bekrönung eines 
Kirchthürmchens (San Carlo) auf, die sich scharf und schwarz gegen den 
freien Himmel abzeichnet. Sie macht im Umrifs den Eindruck einer 
grofsen Uhr in schmiedeeisernem Kranz, oben von zwei langgeschwanzten 
Thieren begleitet, welche gegen ein Kreuz anstehen, unten durch Del 
phine oder Füllhörner mit Bändern und Banken getragen und nach dem 
Baukörper hin vermittelt. Der Gedanke, die Thurmspitze mit Rück 
sicht auf den stets einseitigen Blick aus der Hauptgasse mit einem 
einseitig platten Aufsatz zu versehen, dessen Umrifs dann aber mög 
lichst fesselnd und anlockend sein mufste, ist überaus anregend. — 
Da ich nun doch einmal den Bezirk der Oberstadt übertreten 
habe, so kann ich es nicht unterlassen, wenigstens flüchtig einer 
Reihe geschichtlich bedeutender Cultusbauten der Vorstädte zu ge 
denken, Dahin gehören vor allem Sta. Giulia in Bonate di sotto 
am Brembo, S. Tommaso in limine und S. Giorgio in Almenno di 
sopra am Brembo, la Feria di S. Allessandro mit der Kirche 
S. Allessandro della Croce in contrada di Pignolo und il Sto, Spirito 
im Borgo S. Lionardo. Die Reihe hier entspricht etwa der Zeitfolge. 
Die ersten beiden Kirchen sind in musterhafter Weise in Ostens „Bau 
werke der Lombardei“ veröffentlicht. Sta. Giulia 17 ) ist durch Gio 
vanni Filippo aus Novara, welcher 1528 Canonicus in Bergamo war, als 
eine aus dem 6. Jahrhundert stammende Schöpfung der kunstsinnigen 
Bayeratochter und Longobardenkönjgin Theudelinde, Gemahlin des 
Autharich, später des AgiJulf von Turin (590—615) beglaubigt. 18 ) 
Sie ist eine jetzt in Ruinen liegende, dreischiffige Hallenkirche 
von fünf Joelien Länge auf acht plumpen Pfeilern ohne Querschiff 
mit drei halbrunden Apsiden, in den Schiffen durch spätere Um 
bauten des 11. und 12. Jahrhunderts beträchtlich verändert (Be 
setzung der Pfeiler mit Halb- und Ecksäulen, Einlegung der Ge 
wölbe usw.), in den Apsiden und dem Ostgiebel hingegen ursprüng 
lich erhalten. Letztere tragen die einzigen beschretbenswerthen 
Kunstformeu, sie sind aufsen durch Halbsäulen mit rohen, aber klar 
erkenntlichen korinthischen Capitellen gegliedert, auf welchen Rund- 
bogenfriese über wechselnden Blatt- und Kopfkragsteinen ruhen. 
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Construction der Sturze der 
drei Thüren. 19 ) 
S. Tommaso, im Volksmunde „Tommö in limine“ 20 * ), ist abgebildet 
bei Osten Tafel 43—46, Gally Knight I Tafel 17, Hübsch (doch nicht 
zuverlässig) Bl. 54, 6—13, d’Agincourt, Tafel 24, 16—18. Sie ist 
(Abb. 14 u. 15) eine kleine dreischiffige basilicale Rundkirche von 
hohem Mittelraum mit Kugelkuppel, zweigeschossigem, kreuz- 
gewölbtem Umgang, gestreckt rechteckigem, halbrundgeschlossenem 
und ebenfalls zweigeschossigem, gewölbtem Chor, — vielleicht auf 
17 ) daselbst Taf- 41 und 42, überdies bei d’Agincourt 24. 1—5, 
Hübsch 53 u. 54; letzterer setzt sie, S, 115, zwischen 750 u. 900. 
18 ) So auch bei Peregrinus, part. II cap. X, und Mario Lupi, cod. 
dip],, während noch Kugler (II. 76) und Scnnaase (IV. 465) sie in das 
12. Jahrhundert zu setzen geneigt sind. 
19 ) vgl, Mothes a. a. 0. S. 235. 
2°) Nach Mothes ist es kein Ortsbeiname, sondern hat die Be 
deutung: „Thomas am Rande, nämlich des Grabes Mariä“, wie er 
deren Gürtel empfängt; vielleicht auch nur am Ufer, will sagen: des 
Brembo. 
achteckiger altchristlicher Grundmauer eines Battistero, übrigens 
im Typus der Heiligen-Grabeskirchen. Nach Sacelii wurde sic im 
4. oder 5. Jahrhundert, 81 ) nach d’Agincourt zu Desiderius’ Zeit, nach 
Osten von Theudelinde oder den Franken (wie auch Lupi, cod. dipl. 
tom. 1, cap. 9, und Bianchini annehmen) etwa um 850, nach Fergusson 
zwischen dem 11. und 12., nach Kugler II. S. 76, Comero S. 170, 
Schnaase IV. 433, Förster I. 243 irn 12., nach Lübkc zu Ende des 
12. Jahrhunderts erbaut. Der Mittelraum der Kirche ist von dem 
Umgänge durch eine Stützenstellung, unten von sieben Säulen und 
einem achteckigen Pfeiler, oben von acht kleineren Säulen, getrennt, 
deren verschiedene Capitelle, namentlich eins mit der Darstellung 
von Widderköpfen und einem Schlachtmesser, als heidnische Reminis- 
ceozen auf longobardisclie Entstehung nachdrücklich hinweisen. Des 
gleichen sind als longobardisch zu betrachten die Eintheilung der 
Aufscnfronten durch die üblichen Halbsäulen, deren abwechselnd 
attische und kegelförmige Basen Versuche von Eckknollen aufweisen, 
die zugehörigen rohen Capitelle, der Fries, das Hauptgesims und die 
Fensterprofile. Ein Umbau, etwa des Jahres 1100, ist an dem 
Wechsel des Kämpfers auf den oberen Säulen gegen die entsprechen 
den Wandpfeiler, an der Laterne (die Osten nicht mit abbildet) und 
dem Chor ersichtlich. Als Absonderlichkeiten erscheinen die An 
lage der Treppen zur Oberkirche in den Umfaesungswänden und 
die Form der Oberfenster des Mittelraums als lateinische Kreuze. 
Der ganze Bau stellt ein sehr interessantes Vorbild für Aachen, 
Ottmarsheim, Fulda usw. dar. 
Die Nachbarkirche S. Giorgio in Almenno 22 ) giebt wieder 
den dreischiffigen Hallenkirchen-Typus, hat eine halbrunde Apsis 
und kein Querschift, dagegen ist das letzte Schiffsjoch über ver 
stärkten Kreuzpfeilern gewölbt. Der Bau stammt nach Mothes etwa 
aus dem Jahre 950, nach Osten aus dem 11. Jahrhundert. Die Wände 
des Innern sind mit sehr schönen, jetzt aber sehr zerstörten Fresken 
des 14. Jahrhunderts aus dem Leben des heil. Georg bedeckt. 
An Alter dieser Kirche mindestens gleich steht die merkwürdige 
Stiftung des Bischofs Adalbert von Bergamo vom Jahre 908: der 
neuntiigige Markt, la feria di S. Alessandro im Borgo S. Lionardo 
mit den zugehörigen Baulichkeiten der Kirche S. Alessandro della 
Croco in. via Pignolo und den massiven Verkaufshäusern. Der Markt 
selbst wird noch heut in jedem August oder September abgehalten, 
hat aber seine Bedeutung längst verloren. Die Stiftungsurkunde 
trägt unter 26 Unterschriften nicht weniger als 21 deutsche Namen. 
Die Kirche ist mehrfach umgebaut und wiederhergestellt und bietet 
wenig Bemerkenswertheft. Auch die jetzigen, etwa 600 Läden fassen 
den massiven Marktgebäude dürften, nach Mothes, infolge einer gründ 
lichen Erneuerung des vorigen Jahrhunderts kaum noch Theile der 
alten Anlage sichtbar aufweisen. Der Mefsplatz besteht in einer nahezu 
geviertförmigen Ebene von ungefähr 150 m Seitenmafs am Eingänge 
der Unterstadt nahe dem Bahnhofe. Rings ist er umschlossen durch 
eine den Rücken nach aufsen wendende Budenreihe, welche nur in 
jeder Geviertseite dreimal durch Gitterthore unterbrochen wird. Innen 
bilden 4 x 8 == 32 doppelseitige Einzelreihen drei Haupt-, sieben 
Quergassen und eine Ringstrafse von geringer Breite und eintönigem 
Gepräge. Manche, Reihe hat ein zweites, bewohntes Stockwerk. Den 
Mittelpunkt der Anlage bildet ein freies Plätzchen, auf welchem im 
Schatten weniger betagter Bäume einige Bänke um eine kleine Wasser 
kunst stehen. Der Eindruck der ganzen Anlage ist so eigenartig, dafs 
es sich für den Besucher Bergamos wohl verlohnt, ihren Bauten eine 
besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. 
Die noch zu erwähnende, der Feria sehr nahe belegene einschiffige 
Frührenaissance-Kirche S. Spirito ragt hervor durch den erstaun 
lichen Reichthum und die vorzüglichen Verhältnisse ihrer Innen 
architektur. Jakob Burckhardt bezeichnet die Bogen- und Säulen- 
stellung, welche ihre Capellen einfafst, als eines der schönsten 
Beispiele der in Oberitalien bis ins 16. Jahrhundert festgelialtenen 
Frührenaissance. 
Von den vielen vorhandenen beachtenswerthenPrivathäusern, 
namentlich aus dem Ende des 15. und Anfänge des 16. Jahrhunderts, 
finden sich in Paravicinis „Renaissance der Architektur“ veröffent- 
21 ) Weil die Longobarden keine Centralkirchen geschaffen hätten (!) 
(Ricci), und doch hatten sie eine besondere Vorliebe dafür (Gally 
Knight). 
**) Osten, Abb. Taf. 47. 48.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.