Path:
Volume Nr. 36

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1889 (Public Domain)

Nr. 86. 
327 
Centralblatt der Bauverwaltang. 
Nach dieser kurzen Unterbrechung nahm Boetticher trotz der 
gesteigerten Lehrthätigkeit die Studien zur Fortsetzung seines Werkes 
mit erneuter Kraft auf, doch verzögerte die Gröfse der Aufgabe und 
eine nochmalige längere Unterbrechung den Abschlufs der Arbeit 
auf Jahre hinaus. Mit jeder erneuten Untersuchung der alten Denk 
mäler, mit jeder neuen Veröffentlichung darüber wuchs der Umfang 
des zu bewältigenden Stoffes, wobei Boetticher freilich die Genug- 
thuung hatte, dafs immer mehr von dem, was er ohne thatsäehliclie 
Beweise aus inneren Gründen als ursprünglich vorhanden bezeichnet 
hatte, durch fortgesetzte Aufdeckungen und genauere Untersuchungen 
seine Bestätigung in den Denkmälern fand, wodurch die Ueberzeu- 
gung von der Dichtigkeit seiner Lehre nur immer mehr in ihm selbst 
befestigt und auch mancher noch 
zweifelhafte Anhänger mit Gewjfsbeit 
erfüllt wurde. 
Schon bei dem Forschen nach 
deni Ursprünge und der Bedeutung 
der Kunstfonnen des griechischen 
Tempels war Boetticher auf die Frage 
nach der Zweckbestimmung der ein 
zelnen Räume gestofsen. Gewöhnt, 
nichts halb zu thun, sondern überall 
den Dingen auf den Grund zu gehen, 
widmete er seine Studien zunächst 
dieser Frage und damit zugleich dem 
gesamten griechischen und römischen 
Alterthum. Als Ergcbnifs dieser 
Forschungen erschien, den eigent 
lichen Gang seines Werkes unter 
brechend, das, was eigentlich den 
Schliffs desselben bilden sollte, im 
Jahre 1849 als zweites Buch der Tek 
tonik: „Der Hellenische Tempel in 
seiner Raumanlage für Zwecke des 
Cultus”, mit welchem Boetticher sich 
ganz als Archäologe einführte, was, 
abgesehen von einigen kleineren 
Streitschriften, in noch höherem Mafse 
geschieht mit dem schon jetzt vor 
bereiteten, aber erst im Jahre 1856 
erschienenen besonderen Werke: ..Der 
Baumcultus der Hellenen.“ 
Eine neue Unterbrechung seiner 
wissenschaftlichen Thätigkeit brachte 
Boetticher das Revolutionsjahr 1848. 
Voll aufrichtiger Hingabe an das Haus 
Ilohenzollern, glaubte er dem Rufe des 
Königs folgen zu müssen und trat, da er 
nie Soldat gewesen war, als Recrut in 
das 35. Landwehr-Regiment ein, dem 
Exercierdienst mit demselben Eifer ob 
liegend, wie bis dahin dem Studium 
der Kunst und des Alterthums, sodafs 
er beim Beginn des Feldzuges in Baden 
zum Officier befördert wurde. Etwa 
gleichzeitig erhielt er die Nachricht von 
seiner Ernennung zum ordentlichen Mit- 
gliede der Akademie der Künste. 
Welche Gründe den 42jährigen Professor zu einem derartigen 
Schritte veranlassen konnten, ist schwer zu sagen. Es ist kaum zu 
bezweifeln, dafs neben seiner patriotischen Gesinnung auch seine 
unbefriedigenden häuslichen Verhältnissc dabei mitgewirkt haben. 
Daneben mag er gerade zu jener Zeit, nachdem er die Hauptarbeit 
zu seinem Werke — gewifs unter den gröfsten Anstrengungen — 
beendigt hatte, Verlangen getragen haben, die Bücher von sich zu 
werfen und Erholung in einer ganz anders gearteten Thätigkeit zu 
suchen, denn er schreibt an Lohde, dafs das Exereieren ihm sehr 
wohl bekomme, dafs er mit den jungen Offfeieren wieder jung werde 
und recht fühle, wie wohl es ihm tlxue, den Bücherstaub für einige 
Zeit von sich abzuschütteln. 
Erst im März 1850 nach vollständig beendigtem Feldzuge kehrte 
Boetticher nach Berlin zurück; doch erst, im Jahre 1857 nahm er den 
Abschied von der Fahne. Dafs er sofort nach beendigtem Dienste 
mit seiner Lehrthätigkeit auch seine wissenschaftlichen Arbeiten 
wieder aufnahm, ist selbstverständlich. Er vollendet nunmehr im 
Jahre 1851 seine Tektonik durch die Bücher „Jonika“ und „Korin- 
thiaka“, und im Jahre 1852 erscheint das Ganze als ein einheitliches 
Werk zusammengefafst, dessen viertes Buch „Der Tempel . .bildet, 
während die Tektonik der Thür- und Fensterformen, sowie die Re- 
cension der Monumente einer späteren Auflage Vorbehalten bleibt, 
■deren Herausgabe Boetticher schon jetzt ins Auge fafst. 
Schon bei dem Erscheinen des ersten Theils der Tektonik im 
Jahre 1843 war Boetticher zum Mitgliede des Instituto di corrispon- 
denza archeologicä in Rom ernannt worden. Die Vollendung des 
Werkes trug ihm neue Ehren von Seiten der Gelehrtenwelt ein. Zu 
nächst promovirte ihn im Jahre 1853 die Universität Greifswald zum 
Doctor philosophiae honoris causa. In der Folge wurde er (1860) zum 
Correspondenten für die historisch-philologische Klasse der Königl. 
Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen, 1866 zuin Mitgliede der 
Königl. Akademie der bildenden Künste in Amsterdam und endlich 
irn Jahre 1877 zum Ehrenmitgliede des Vereins zur Beförderung des 
Gewerbfleifses in Preufsen ernannt. 
Demgegenüber erscheinen die Auszeichnungen, welche ihm von 
Seiten des preufsischen Staates zu 
Theil wurden, recht geringfügig. Erst 
im Jahre 1877 bei seinem Austritt aus 
dem Dienste erhielt er den Rothen 
Adler-Orden III. Klasse. Den im Jahre 
1853 ihm angebotenen Bauraths-Titel 
hatte er abgelehnt. Boetticher hat 
sich niemals um äufsere Anerkennung 
bemüht oder Verlangen danach ge 
tragen. In dem Bewufstsein, die über 
nommenen Pflichten erfüllt und der 
Welt genützt zu haben, fand er seine 
volle Befriedigung. 
Im Jahre 1853 eröffnete Boetticher 
als Privat-Doeent an der Universität 
Vorlesungen, welche er bis 1862 
fortsetzte und die von Architekten 
und Archäologen üeifsig besucht 
wurden. Seine Vorträge über Tektonik 
an der inzwischen zur Bauakademie 
umgestalteten und gewaltig augewach- 
sCnen Bauschule hat. er nach seiner 
Rückkehr vom Militärdienste nicht 
wieder aufgenoinmen. Desto eifriger 
.widmete er sich dem Unterrichte im 
Ornament-Zeichnen und Erfinden an 
dieser Anstalt wie an der Kunst 
akademie, und hierin hat er mit grofsem 
Erfolge gewirkt, indem er alles neu 
geschaffen hat: die Art der Dar 
stellung, die Vorbilder und die Methode 
des Unterrichts. Die von ihm neben 
der einfachen Umrifszeichnung mit dem 
Bleistift eingeführte Art der Dar 
stellung mit dem Pinsel in abgesetzten 
Tönen, sowohl nach dem Vorbilde wie 
nach dem runden Körper, hat wegen 
der Schnelligkeit und der Sicherheit des 
Erfolges so allgemeine Anerkennung 
gefunden, dafs sie fast in allen Zeichen- 
schulen des In- und Auslandes einge 
führt ist An brauchbaren Vorbildern 
fand Boetticher aufser seinem Orna- 
mentenbuehe fast nichts vor und es 
war eine seiner ersten Aufgaben, eine 
Sammlung derselben neu zu schaffen 
durch Herausgabe der „Architektonischen Formenschule“ und der 
„Vorbilder für Ornament-Erfindungen“. Aufserdem aber schuf er im 
Laufe der Jahre eine Sammlung von Vorbildern als unmittelbare 
Früchte des Unterrichts, welche nicht in den Buchhandel kamen, 
sondern als Eigenthum der Bauakademie von dieser nur an andere 
Lehranstalten und Bibliotheken abgegeben wurden und als ein Schatz 
von schönheitsvollen Erfindungen noch jetzt überall als hochwillkom 
menes Studienmaterial dienen. Diese Blätter wurden von den fähigeren 
Schülern nach Boettichers Andeutungen aufgetragen und unter seiner 
beständigen Einwirkung ausgeführt, sodafs die Erfindung das voll 
ständige Eigenthum des Lehrers blieb, die Ausführung aber bis auf 
geringe vorbildliche Hülfe durch die Hand des Schülers erfolgte. Da 
diese Erfindungen nicht etwa von Boetticher zu Hause vorbereitet 
waren, sondern von Anfang an während des Unterrichts entstanden, 
so machte der Schüler den ganzen Gang der Erfindung mit durch 
und wurde hierdurch zu eigener Thätigkeit angeleitet, ein Verfahren, 
welches auch seine Nachfolger im Unterrichte beibehalten haben. 
Unter den auf diesem Wege entstandenen Vorbildern nehmen die 
farbigen Decorationen einen besonders hohen Rang ein und müssen 
wegen der ebenso harmonischen wie kühnen Uebereinanderstellung 
kräftiger Farbentöne geradezu ,als mustergültig bezeichnet werden. 
Aber nicht auf die Unterrichtstunden allein beschränkte sich 
Boettichers Lehrthätigkeit. Unter der iibergrofsen Zahl seiner Schüler 
Abi). 7. Cappella Colleoni. 
Einzelheit, der llauptfront. 
Bergamo alta.
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.