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Volume Nr. 29

Full text: Zentralblatt der Bauverwaltung (Public Domain) Issue 1889 (Public Domain)

20. Juli 1889. 
264 Centralblatt der 
Bauverwaltung. 
ist an und für sich nicht empfehlenswerth. Im vorliegenden Falle 
erscheinen namentlich die beiden Treppen am Thurmeingange durch 
ihre Lage und Form nicht besonders würdig. Es würde zwcck- 
mäfsiger und zugleich Raum ersparend sein, die Treppen nach aufsen 
in besondere Räume zu legen, wozu die beiden Anbauten Gelegen 
heit bieten. 
Die Vertheilung der Sitzplätze an sich und in Bezug auf die 
Kanzel ist insofern eine recht günstige zu nennen, als die Entfernung 
von derselben höchstens 28 m beträgt und nur eine sehr geringe 
Zahl von Plätzen vorhanden ist, von welchen aus der Prediger nicht 
gesehen werden kann. Allerdings befinden sich in unerwünschter 
Weise etwa 460 Plätze im Rücken des Predigers, weil die Kanzel in den 
Mittelpunkt des Acktecks gestellt ist. Für gleichmäfsig gutes Sehen 
und Hören von allen Punkten der Kirche, namentlich von den Emporen 
ist diese Stellung sehr günstig, doch möchte es sich hierbei empfehlen, 
den Kronleuchter in der Mitte durch mehrere kleine zu ersetzen und 
den Schalldeckel in Verbindung mit der Kanzel herzustellen. 
Die äufsere Architektur ist wohl unter dem Einflufs der sehr 
geringen Geldmittel im allgemeinen etwas einförmig ausgefallen, 
während einzelne Bautheile, namentlich die oberen Theile der Strebe 
pfeiler unnöthig reich gehalten sind. Allzu einfach und nüchtern ist 
der obere Th eil des Thurmes gestaltet. Nach der Skizze sollte die 
Vorderfront der Kirche mit einer grofsen Bogennische ausgestattet 
werden. An Stelle derselben ist im ausgearbeiteten Entwurf eine 
flache Blende getreten, in deren unterem Theile sich die Portal 
öffnung von sehr gedrücktem Verhältnis befindet. Die ursprüngliche 
Idee mufs entschieden als schöner bezeichnet werden und läfst sich 
auch ohne Schwierigkeit durchführen, was dringend empfohlen wird. 
Wenig glücklich ist die Anordnung der Fenster im Schiff. Die 
unteren erhalten durch ihre mit der| Fläche der Plinthe bündige 
Einrahmung einen unkirehlichen Charakter, während die darüber be- 
legenen Rundfenster zur Beleuchtung der ersten Empore zu winzig 
erscheinen. Die oberen Fenster sind ohne Rücksicht auf die Be 
deutung der Räume, welchen sie angehören, ganz gleich gestaltet, 
was sehr einförmig wirkt. Der massive Dachreiter über dem Achteck, 
welcher in keiner Weise durch die Dachformen künstlerisch vor 
bereitet ist, erscheint schwerfällig. Es empfiehlt sich sowohl aus 
ästhetischen wie aus constructiven Gründen, den Dachreiter in Ver 
bindung mit dem Dachverband in Eisen mit Metallbekleidung auszu 
führen. 
Die Construction des Bauwerks giebt Veranlassung zu manchen 
Bedenken: Die Stabilität der dem Langschiff zugehörigen beiden 
Acbteckspfeiler ist nicht nachgewiesen. Die Dachconst.ruction ist 
noch nicht vollständig durchgearbeitet. Dabei liegt dieselbe so nahe 
über dem Gewölbe des Achtecks, dafs die Herstellung desselben unter 
der Dachfläche Schwierigkeiten machen wird und später die Unter 
haltung des Daches erschwert ist. Sobald, wie oben empfohlen, der 
Dachreiter mit der Eisenconstruction des Daches verbunden wird, 
kann die Kuppel im ganzen flacher hergestellt und den einzelnen 
Kappen mehr Busen gegeben werden, wodurch die ganze Construction 
leichter und wahrscheinlich die Akustik der Kirche eine günstigere 
werden wird. Voraussichtlich wird hierdurch auch noch eine Kosten- 
ersparnifs herbeigeführt werden. 
Königliche Akademie des Batiwesens. 
Schneider. 
Nichtamtlicher Theil. 
Redacteure: Otto Sarrazin und Oskar Hofsfeld. 
Landhaus bei Berchtesgaden. 
Nahe dem durch seine herrlichen Landschaftsbilder wohlbekannten 
Berchtesgaden, gegenüber dem trotzig gen Himmel ragenden, in 
seinen scharfgesehnittenen Linien von den nachbarlichen Bergriesen 
gewaltig sich abhebenden Watzmann 
hat Ihre Hoheit die Prinzessin Marie 
von Meiningen sich ein Landhaus er 
richten lassen, welches durch die 
nebenstehenden Abbildungen veran 
schaulicht wird. Der Raumgestaltung 
Sowohl als der äufseren Erscheinung 
sollte die Bauart der englischen Land 
häuser aus dem Ende des sechzehnten 
Jahrhunderts, für welche das Werk 
von Nash*) mancherlei Vorbilder 
giebt, zu Grunde gelegt werden. Der 
Bauauftrag lautete dahin, die Räume 
des Untergeschosses als Empfangs 
und Wohnräume, diejenigen des Ober 
geschosses als Schlaf-, Gefolge- und 
Fremdenzimmer, im Dachgeschofs 
ebenfalls Gastzimmer und ausreichende 
Unterkunft für die Bedienung ein 
zurichten. Getrennt von dem Haupt 
gebäude sollte ein Küchenhaus er 
richtet, und in diesem aufser den 
Küchenräumlichkeiten Wohnung für 
■einen Castellan und Schlafstuben für 
die Küehenbediensteten sowie ein 
Efszimmer für die Dienerschaft unter 
gebracht werden. Selbstverständlich 
mufste von der Küche aus auf 
kürzestem Wege zum Speisesaal zu 
gelangen und in einem Vorraum des 
selben die Absetzung der Speiseplatten zu ermöglichen sein. Bei 
der Bearbeitung der Grundpläne galt es, die Wege der Herrschaft 
durch die der Dienerschaft möglichst wenig kreuzen zu lassen, was 
zu getrennten Eingängen und 1 von einander abgeschlossenen Fluren 
führte. Eine Haupttreppe und eine Wendeltreppe vermitteln den 
Verkehr mit den oberen Stockwerken. 
Die Ausführung erfolgte für die Mauerkörper des Unterbaues 
in Untersberger Marmor, welcher, da das Landhaus selbst noch auf 
*) Nash J. The mansions of England in the olden time. 
London 1 72. 
einem Ausläufer des Untersberges liegt, zwar in nächster Nähe zu 
gewinnen, aber der, unvollkommenen Wege halber nicht leicht heran 
zubringen war, Beachtenswerth ist die Geschicklichkeit, mit der die 
Maurer jener Gegend die unhand 
lichen Steinklumpen zu formrechten 
und meist nur 50 und 60 cm starken 
Wänden zu verarbeiten vermögen. 
Ein vortrefflicher Kalk kommt ihnen 
dabei zu statten, sodafs ein späterer 
Einbruch in solch eine Mauer kein 
leichtes Stück Arbeit ist. Aus der 
artigem Cyklopenmauerwerk sind 
weitaus die meisten der Gebirgshäuser 
im Salzkammergute erbaut. Im vor 
liegenden Falle beschränkte sich 
dieses naturwüchsige Mauerwerk nur 
auf die Kellermauern, In regel 
rechten Quadern mit gestockten An 
sichtsflächen ist der Marmorstein zum 
sichtbaren Sockelmauerwerk, und in 
schlanken, mit Gesimsgliedern ver 
zierten Gewänden zu - den Fenster 
umrahmungen der Stockwerke ver 
wendet worden. Diese sowie die 
Brustwehren der Freisitze sind jedoch 
einer Marmorart entnommen, welche 
auf nachbarlich österreichischem Bo 
den gewonnen und dort in einer nahe 
bei Salzburg gelegenen, höchst schens- 
wertheri Marrnorwerkstätte von Ober 
alm bei Hallein geschnitten, gedreht 
und verarbeitet wird. Nicht alle Mar- 
morarten des Untersberges widerstehen 
den Witterungseinflüssen, besonders hier, wo starke Abkühlungen 
bei Nacht mit hohen Tageserwärmungen abwechseln. Es bedarf 
daher sorgfältiger Auswahl der Steine und auch dann noch nicht 
selten der Auswechslung freistehender Gesimstheile. Gleichwohl 
wird man, der schönen Färbenwirküngen wegen, gern zu dieser Ge~ 
steinsart greifen und besonders in solcher Nähe der Gewinnungsstelle 
dem Zauber, den das Wort Marmor schon an und für sich auf jeden 
Baukundigen ausübt, schwer sich zu entziehen vermögen. 
Die Aufsenmauern der aufgehenden Geschosse des Landhauses 
sind wechselweise in Ziegelmauerwerk mit Kalkbewurf und in hinter- 
mauertem Holzfachwerk mit geputzten Zwischenfelderü, die' Tnneh- 
ujJ .... f . ... y y w 
Querschnitt.
	        
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