Centralblatt der Bauverwaltung.
Jahrgang IL
Erscheint jeden Sonnabend.
Fraenum.'PreU pro Quartal 8 Jt
ansschl. Porto oder Botenlohn.
Herausgegeben
im Ministerium der öffentlichen Arbeiten,
Berlin, 7. Januar 1882.
1882. Ho. 1.
Redaction:
W. -Wilhelm-Straße 8a
Expedition:
W Wilhelm-Straße 90.
INHALT: Amtliche*: Betanntmachanf vom 30. December 1881. — Personal-Nachrichten. — Nichtamtliche«: Die Stadtbahnfrage in Wien. — Fern Sprechanlagen in Dentschland.
— Villa Möller anf Kopferhajnaier bei Brackwed«. —• Altgriechische Submissionsbedingangen. — Die Bauth&tlgkeit des deutschen Reiches. — Englisches
Strombanwesen. — Vermischtes: Boissonnet-Säftnng. — Straßenbahn für Locomotivbetrieb in Wiesbaden. — Ringtheater in Wien. — Geleiakarren fttr den
Transport tod Oberbanmaterlal. — Zum Ban der Tsybrnclre. — Ueber den Einfluß des Atmosphärendrncbes anf die Ergiebigkeit der QneUen. — George Edmnnd
Street nnd Decimus Barton t. — BBchersch&a.
Amtliche Mittheilungen.
Bekanntmachung.
Nach dem Statut der Louis Boissonnet-Stiftung für Architekten
und Bauingenieure ist für das Jahr 1882 ein Stipendium von 3000 Jt
zum Zweck einer größeren Studienreise und zwar der vorgescbriebeneu
Reihenfolge gemäß an einen Bauingenieur zu vergeben. Als
fachwissenschaftliche Aufgabe hierfür ist das von der Abtheilung
für Bauingenieurwesen in Vorschlag gebrachte und von dem Senat
der technischen .Hochschule festgesetzte nachstehende Programm
durch Seine Exceilenz den Herrn Minister der geistlichen, Unterrichts-
und Medicinal-Angelegenheiten genehmigt worden:
„Der Stipendiat hat die Constructionen der in der Schweiz
ausgeführten Ingenieurbauwerke hervorragender Bedeutung,
speciell der in Eisen und Stein auf dem Gebiete des Eisenbahn-,
Brücken- und Straßenbaues in allen wesentlichen Theilen
durch Zeichnungen darzuetellen und durch Bericht erschöpfend
zu erläutern, in letzterem auch, soweit als thunlich, die Art
der Bauausführung, sowie die Bau- und Unterhaltungskosten
zu berücksichtigen. Außerdem können auch noch Bauwerke
der angegebenen Art, welche sich auf äußer-schweizerischen
Gebieten in der Nähe vorfinden, zur Darstellung und Erörterung
gelangen. Nähere Auskunft ertbeilt der Rector der
technischen Hochschule“,
an welchen auch die Bewerber um dieses Stipendium und zwar in
dessen Bureau W. Schinkelplatz 6 (Bauakademiegebäude) eine Beschreibung
ihres Lebenslaufes und die über ihren Studiengang und
event. über ihre praktische Beschäftigung sprechenden Zeugnisse bis
spätestens zum 10. Februar 1882 einzureichen, aufserdem aber noch
nachzuweisen haben, daß sie die zur Aufnahme und Wiedergabe
einer technischen Bauanlage von hervorragender Bedeutung nothwendige
Vorübung, sowie hinreichende Fertigkeit in der französischen
Sprache besitzen und einen wesentlichen Theil ihrer Vorbildung auf
der früheren Banakademie oder auf der technischen Hochschule (Abteilung
für Bauingenieurwesen) hierselbst erlangt haben.
Berlin, den 30. December 1881.
Der Rector der Königlichen technischen Hochschule
E. Winkler.
Personal- Nachrichten.
Prenfsen.
Der Regierungs-Baumeister Hövel in Neuwied ist zum Eisenbahn-Bau-
und Betriebsinspector ernannt worden.
Zu Bauführern sind ernannt: die Candidaben der Baukunst Rieh.
Müller und Franz Haussknecht;
zu Mascbinen-Bauführern: die Candidaten der Maschinenhaukunst
Emil Frankel, Ernst Pufahl und Ew. Schmidt.
Der Kreisbauinspector Schmitz in Crefeld ist gestorben. Ueber
die Wiederbesetzung der Stelle ist bereits anderweitig verfügt
worden.
Württemberg.
Der StraCsenbauinspector Euting in Reutlingen ist zum Baurath
und CollegiaImitglied der Abtheilung für Straßen- und Wasserbau und
der Abtheilungsingenieur Koch zum Strafsenbauinspector ernannt
worden.
Der StraCsenbauinspector Feldweg in Hirsau wurde seinem
Ansuchen gemäß, unter Verleihung des Titels und Ranges eines Bauraths,
in Ruhestand versetzt.
Nichtamtlicher Theil.
Redacteure: Otto Sarrazin und Hermann Eggert.
Die Stadtbahnfrage in Wien.
Die Wiener Stadtbahnfrage ist keineswegs neu, sie wurde im
Jahre 1873 ebenso lebhaft erörtert wie heute, und nicht weniger als
27 Entwürfe beschäftigten bereits in jenem Jahre die Wiener technischen
Kreise. Schon damals wurde erkannt, dafs die technisch,
ökonomisch und staatlich richtige Lösung derselben eine aufserordentlich
schwierige sei, da hierbei nicht allein die Charakteristik des
Verkehrs, also eine glückliche Wahl der Trace, sondern vielmehr
die volle Beachtung der eigen gearteten und damit innigst verknüpften
Canahsirungs- und Wienfluls-Verhältnisse Ausschlaggebend sind.
Gingen die Entwürfe des Jahres 1873 in der Anordnung ihrer
Linien mehr oder minder auseinander, so sind heute die Ansichten
doch wesentlich klarer, man ist fast allgemein einig, dafs der Wienflufs
und Donaucanai die zu wählende Richtung bereits vorgezeichnet
laben, zumal diese beiden Flußläufe die Stadt in drei nahezu gleich
proße Theile trennen. Es bilden demnach die genannten Wasseridern
die natürlichen Axen des Verkehrs, sie sind aber auch nicht
ninder jene, in welchen alle eine Stadtbahn so sehr erschwerenden
Jmstände der Canalisining und Flußregulirung Zusammentreffen, und
gerade dies ist es, was der Sache — allerdings nicht aus technischen
Gründen allein — von jeher hindernd in den Weg trat. Da eine Wienluß
- Regulirung, so wünschens werth und dringend sie schon vom
gesundheitlichen und ästhetischen Standpunkte bezeichnet -werden
mufs, seihst heute noch nicht durchgeführt ist, so mußten nothwendiger
Weise wegen der Schaffung des erforderlichen Raumes alle
früheren Entwürfe einer Wienthalbahn mit der Regulirung der Wien
Hand in Hand gehen. Daß hierdurch die Aufgabe nur doppelt
schwierig und bisher imerfüllbar wurde, wird aus folgendem deutlich
hervorgehen.
Der im Sommer kaum die Größe eines gewöhnlichen Grabens
erreichende Wienflufs vereinigt in sich alle Eigenheiten eines Gebirgswassers;
an eine Eindeckung seines Strombettes und Anlage der Bahn
über oder neben dem so geschaffenen Canale ßt bei seinem außerordentlich
wechselnden Gefälle, der ganz bedeutenden Abflußmenge
von 470 cbm in der Secunde, einem Hochwasaerprofile von etwa
140 qm entsprechend, kaum zu denken, besondere dann nicht, wenn
die hierbei am meisten interessirten Factoren die daraus erwachsenden
Kosten dem Privat-Unternehmen allein zu überlassen geneigt
sind. Das Mittel einer gänzlichen Ableitung des Flußlanfes, Erbauung
eines Tunnels im trocken gewordenen Bette bei nachheriger
Ueberschüttung and Anlage eines Corso’s in der Richtung 1 gegen
Schönbronn ist wohl aß die weitgehendste und technisch richtigste
Lösung erkannt, allein auch hier sind es Gründe finanzieller Natur,
die eine derartig wahrhaft ideale Lösung kaum gestatten. Die Zurückhaltung
der Hochwasser durch Anlage von Thalsperren und Erriet)-