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Urteile über Berlin und die Berliner.
19. Gottfried Kinkel. 20. Bernhard Scholz.
Im Jahrgang 1939, S. 34, wurden brieflihe Urteile Der Komponist Bernhard Solz hat als alter Mann
Johanna Kinkels über Berlin mitgeteilt. Ihnen soll hier eine hübsche Selbstbiographie geschrieben: „Werklungene
eine Äußerung ihres Gatten Gottfried Kinkel folgen, Weisen. Erinnerungen“ (Mainz 1911). S. 91f. schildert er
die seiner die Jahre 1838 bis 1848 umfassenden Selbst- den Eindruck, den Berlin auf ihn machte, als er es im Jahre
biographie entnommen ist (Gottfried Kinkels Selbst<- 1855 vom heimatlichen Mainz aus aufsuchte, um Musikbiographie
1838-1848, herauSgegeben von Richard Sander, studien zu treiben:
Bonn 1931).
Im Jahre 1847 machte Kinkel, damals außerordentlicher „Wie verschieden war das Berlin von 1855 von dem
Professor der Kunst- und Kulturgeschichte in Bonn, eine heutigen: Wie klein an Umsang, wie dürftig die Werkehrs-Reise
naß Berlin, um wegen seiner Zukunft mit dem mittel, wie bescheiden die Lebensführung! Imposant, groß-Kultusminister
Eichhorn zu sprechen; er hatte ein lo>endes städtisch war nur der Stadtteil vom Brandenburger Tor
Angebot für eine Redaktionsstellung bei der Augsburger bis zum königlihen Schloß, im übrigen die Straßen
„Allgemeinen Zeitung“ erhalten. Kinkel berichtet (S. 202): monoton, die Häuser mit den aufgeklebten Gipsfassaden Je-„S&ber
Cöthen ging es nac< Berlin, wo ich [Jakob] sc<madlos. Fragwürdige Droschken und einige wenige
Burdhardt traf. Seit zwölf Jahren hatte ich den deuts[<en Omnibusse humpelten über das meist recht schlechte Pflaster.
Osten nicht gesehen, und mir schwindelte vor der mächtigen Charlottenburg, ja schon das „Türkische Zelt, lag weit
Voränderung, die ich fand. Die Mark war mir einst so draußenz der Exerzierplaß, auf dem heute die Siegessäule
freudlos erschienen: Jetzt im Fortschritt ihrer Kultur und steht, war eine Wüste. Am Kanal lagen inmitten kümmer-Weltbedeutung
trat sie mir grün und blühend entgegen, licher Grasplätße und Hütten, wo „Familien Kaffee kochen“
und Berlin selbst überraschte mich. Die Eisenbahnen, die konnten, die Gartenlokale von Moritzhof und Albrechtshofz
mächtig beranschreitende Centralisation, die Pracht neuer da aß man für billiges Geld eine Satte di>er Milc< oder
Gebäude, der Landtag =- das alles hatte das Antlitß der trank eine „Weiße“, wenn man nicht den schlechten Kaffee vor-Stadt
verändert. Überall trat eine kühne Freiheit der Ge- z30g. Für ein anspruchsvolleres Publikum war der „Hofsinnung
und Rede mir entgegen: der kühle und seelenlose jäger“ ein beliebter Vergnügungsort; dort gab der Armee-Spott
war einem vertieften Ernst des Gemüts gewichen, musikdirektor Wieprecht seine Militärkonzerte mit Schlachman
empfand sich in einer Hauptstadt, und namentlich er- tenmusik und Feuerwerk. Das alles ist jet von dem langschien
mir neben dem steigenden Glanz die bürgerliche Soli- weilig prunkenden Berlin-W verschlungen. Das alte bot
dität des Arbeitens und Erwerbes ehrenhaft. Mein rhein- uns jungen Leuten gar manc<e Borzüge in leiblicher und
ländischer Stolz vers<wand: Ih ahnte hier zum ersten künstlerischer Beziehung: wir konnten in anständigen Wirt-Mal,
daß auch in Deutschland, wie in allen Reihen der schaften für sechs Silbergroshen zu Mittag essen und in
Weltgeschichte, die Hegemonie zuleßt an die Nordstämme Hennigs Garten und Sommers Salon von der Liebigschen
fallen müsse, denn diese Lande und der ganze deutsche Osten, Kapelle für ein Spottgeld alle Symphonien von Beethoven,
cinst bei uns als servil verhaßt, lief uns jetzt in klarem Ver- Mozart und Haydn hören, auch die, welche von den großen
ständnis und fester Gesinnung unverkennbar die Palme ab. Konzertgesellschaften jetzt so s<hmählich vernachlässigt werden.
Ih war nur acht Tage hier, diese aber genügten, um mir Diese Aufführungen mit ausschließlich klassischom Programm
später die Märzrevolution begreiflich zu machen, und ih entsprachen natürlich nicht den höchsten Anforderungen, waren
fühlte erst jeßt, wie bitter es sei, aus diesem Tatenbraus aber ganz respektabel und vermittelten dem guten Publikum,
abzuscheiden und, wie es mir bevorstand, Bürger eines das fich da zusammenfand --- vorwiegend Studenten, Gekleinen
Staates zu werden. Alle lotharingis<en Träume lehrte, Beamte und Künstler -- eine Kenntnis der musikalisanken
hinter mir ins Wesenlose, und herrlicher als je stieg schen Literatur in so ausgedehntem Maße, wie sie heute in
die Ahnung eines großen und geschlossenen Deutschlands unseren Konzerten überhaupt nicht mehr erworben werden
vor mir auf.“ Ritgeteilt von Felix Hasselberg. kann.“ Mitgeteilt von Felix Hasselberg.
Berliner Wik und Humor.
Zwei Menzel-Anekdoten. Die zweite Anekdote berichtet der Komponist Bern -
Der bedeutende Chirurg Friedrich Trendelenburg MIA EEE vr Sührten Bu "0 Zen Mu Gs Ze
erzählt in seinem Erinnerungsbuche „Aus heiteren Jugend- >... Mild is ee EE 1SET EN HDE M liner
tagen“ (Berlin 1924) eine kleine Anekdote von Adolph Menzel, Aufentl lies Sg EN f . ' |
der man als Überschrift des Meisters eigenen Ausspruch SIEHE * “*
geben könnte: „Alles Zeichnen ist aut, alles zeichnen ist „Natürlich knüpfte ich die früher durch Dehn angebahnte
besser.“ Dm . . . Beziehung zu Adolph Menzel und seinem Schwager Krigar
Trendelenburg fällt die Geschichte bei Erwähnung der wieder an. Menzel kam gern, wenn bei mir musiziert wurde;
Fredrichshen Weinstuben in der Potsdamer Straße ein der später so zugeknöpfte Meister verbrachte damals manchen
(S. 187): gemütlichen Abend im kleinen Kreis bei uns. An einem
„Adolph v. Menzel,inzwischen geadelt und Exzellenz solchen schnitt er mit der Schere ein Scattenbild aus (zum
geworden, pflegte bei Fredric seinen Abendschoppen zu Projizieren auf die Wand), das dann unter die Anwesenden
trinken. Als er eines Abends eintrat, saßen nicht weit von verlost wurde; meiner Frau malte er mit Sepia einen prachtseinem
Stammplatz zwei junge Leute, die des Guten zuviel vollen Charakterkopf in ihr Album, unter den er, auf seine
getan hattenz der eine war im Begriff, einiges auf demselben kleine Statur anspielend, breit mit dem Pinsel Die Worte
Wege, auf dem er es zu sich genommen hatte, wieder von seßte: „Die Chinesen schreiben nur mit dem Pinsel wie ich
fich zu geben. Entrüstet trat der Oberkellner heran, um die zu Paris beim Geant Chinois sah. Darf das der <inesische
Exzellenz von dem fatalen pn 3 befreien. „Halt“, ZT Riese, so darf's ein europäischer Zwerg auch.
Menzel, indem er sein Skizzenbuch herauszog, „warten Sie, 2 ; ; 4 cu
bitte. ein paar Minuten!“ und als diese verflossen waren: B2 24 Mai 4863 Menzel.
.So, nun können Sie sie heraussc<meißen“ und stete befrie- ' : |
diat sein Skizzenbuch wieder in die Tasche.“ Mitgeteilt von Felix Hasselberg.