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Periodical volume

Full text: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin-Brandenburg Issue 2016,1

Zeitschrift für amtliche Statistik 1  ⌜ 2016
statistik
Berlin Brandenburg

Altersjahre mm

100

100

⌜BEVÖLKERUNG

95
90
85
80
75
70
65
60

95

Schätzverfahren
zur Ermittlung der
Bevölkerungszahl
für Berliner Bezirke
	
Die Altersstruktur
der Berliner Bevölkerung
im Vergleich zu
anderen Metropolen 2014 

90
85
80
75

– – – –
  London 

  Rom 

  Wien 

70

  Berlin  

	
Bevölkerungsprognose
für das Land Brandenburg
für den Zeitraum 2014 bis 2040

65
60

55

55

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45

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35

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30

25

25

20

20

15

Weitere Themen dieses Heftes 	

15

⌜Paare
⌜Armut
⌜Asylbewerberleistungen

10

10

5

5

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Promille

15

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männlich

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weiblich

5

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20

Promille

Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
Zeitschrift für amtliche Statistik
Berlin Brandenburg
10. Jahrgang
Herausgeber
Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
Behlertstraße 3a
14467 Potsdam
Tel.: 0331 8173-1777
Verantwortlicher Redakteur i. S. d. BbgPG
Hartmut Bömermann
Redaktion
Luisa Hilgert,
Dr. Holger Leerhoff,
Anja Malchin, Dr. Thomas Troegel,
Ramona Voshage (Leitung)
Zeichenerklärung
weniger als die Hälfte von 1
in der letzten besetzten Stelle,
jedoch mehr als nichts
–	 nichts vorhanden
…	 Angabe fällt später an
( )	 Aussagewert ist eingeschränkt
/	 Zahlenwert nicht sicher genug
•	 Zahlenwert unbekannt oder
geheim zu halten
x	 Tabellenfach gesperrt, weil
Aussage nicht sinnvoll
p	 vorläufige Zahl
r	 berichtigte Zahl
s	 geschätzte Zahl
	 Abweichungen in der Summe
können sich durch Schätzungen
ergeben
0	

Preis
Einzelheft EUR 6,00
ISSN 1864-5356
Satz und Gestaltung
Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
Druck
TASTOMAT GmbH,
15345 Petershagen/Eggersdorf
©	 Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, 2016
Auszugsweise Vervielfältigung und
Verbreitung mit Quellenangabe gestattet.

	
	
	
	

Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
hat seinen Sitz in Potsdam und weitere
Standorte in Berlin und Cottbus.

	
	

Auskunft und Beratung
Behlertstraße 3a
14467 Potsdam

	
	
	 Telefon: 0331 8173-1777
	 Fax: 030 9028-4091
	info@statistik-bbb.de
	

Impressum

	
	
	

Zeitschrift für amtliche Statistik 1

 ⌜ 2016

Liebe Leserinnen und Leser,

⌜	Kennziffern des Geburtengeschehens –

	

⌜	Regionaler Sozialbericht vorgestellt 

Eine methodische Betrachtung anhand
tatsächlicher Entwicklungen für Berlin
und Brandenburg  3

4

Entwicklungen in der amtlichen Statistik

⌜	10 oder 30 Jahre Speicherfrist

von Kennnummern im BStatG?  6

Bevölkerung
Schätzverfahren zur Ermittlung der Bevölkerungszahl für Berliner Bezirke  18
		
Jürgen Paffhausen

	 ⌜	
Die Altersstruktur der Berliner Bevölkerung im Vergleich zu anderen Metropolen 
			⌜	Friederike
Hahn, Jürgen Paffhausen
Bevölkerungsprognose für das Land Brandenburg für den Zeitraum 2014 bis 2040 
			⌜	Hans
Jürgen Volkerding, Jürgen Paffhausen

	
	

⌜	Georeferenzierung von Anschriften –

bis 2017  10

Test des „BKG Geocoder“  14

Neuerscheinungen

	

⌜	Faltblätter zum Tourismus in Berlin und

	

⌜	Regionaler Sozialbericht Berlin und

Brandenburg erschienen  13
Brandenburg 2015  35

⌜	Königsteiner Schlüssel 
Historisches

	

⌜	Flüchtlinge in Berlin 1945/46 

Mikrozensus
Armutsgefährdung in Berlin und Brandenburg 2014	
Eine Analyse nach Lebensformen und Risikolagen  36
Anna-Carolina Haensch

	 ⌜	

Zensus
„Gleich und Gleich gesellt sich gern“, oder doch eher „Gegensätze ziehen sich an“?
Eine demografische und sozioökonomische Partneranalyse für Berlin und Brandenburg  42
Verena Kutzki, Sylke Orczewski

	 ⌜	
			⌜	

51

60

28

34

Soziales
Asylbewerberleistungen in Berlin und Brandenburg 2014  52
Peter Kuchta

Statistik erklärt

24

Fachgespräch mit Hans Jürgen Volkerding

⌜	Das Europäische Statistische Programm 2013 		Was leisten Bevölkerungsprognosen? 

	



Fachbeiträge

	

	

burg vorgestellt. Demnach wird die
Einwohnerzahl des Landes bis 2040
auf 2,17 Millionen Einwohner zurückgehen. Im Fachgespräch erläutert
dazu Hans Jürgen Volkerding die
Annahmen, die in die Prognose eingegangen sind. Außerdem schildert
er die bestehenden Prognoserisiken
und legt dar, warum trotz der gegebenen Unwägbarkeiten dennoch nicht auf planungsrelevante
Informationen für den Prognosezeitraum verzichtet werden kann.

Inhaltsübersicht

Kurzberichte

Gemeinsam mit dem Brandenburger Landesamt für Bauen und
Verkehr hat das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (AfS) die bisherige
Bevölkerungsprognose aus dem Jahr
2012 für den Zeitraum 2014 bis 2040
aktualisiert. In einem gemeinsamen
Fachbeitrag von Hans Jürgen Volkerding (Landesamt für Bauen und
Verkehr) und dem Leiter des Referats
Bevölkerung, Kommunalstatistik im
AfS Jürgen Paffhausen werden einige
wichtige Ergebnisse der neuen
Bevölkerungsprognose für das Land Branden-

Editorial

die Entwicklung der Bevölkerungszahlen betrifft uns alle – ob es um die
Abschätzung zukünftiger Schülerzahlen, die sinnvolle Ausgestaltung des
Rentensystems oder die Entwicklung
der Wohnungsnachfrage geht. Diese
Ausgabe widmet sich deshalb mit
mehreren Beiträgen der Bevölkerungsstatistik.

Editorial

Friederike Hahn und Jürgen Paffhausen analysieren weiterhin die
Altersstruktur der Berliner Bevölkerung im
Vergleich zu anderen Metropolen.
Mit Hilfe von „Lebensbäumen“, die
die Verteilung der verschiedenen
Altersjahrgänge nach Geschlecht
darstellen, ist es möglich, einen
Überblick über Gemeinsamkeiten
und Unterschiede zu erhalten. Im
Beitrag wird Berlin mit Wien und den
fünf größten europäischen Städten
sowie zwei außereuropäischen Weltstädten verglichen.
Ein weiterer Fachbeitrag zum
Thema Bevölkerung befasst sich
mit der Schätzung der Einwohnerzahl einzelner Berliner Bezirke. Die
amtliche Statistik benötigt für jede
Statistik eine gesetzliche Grundlage. Der Gesetzgeber hat dabei
verschiedene Interessen abzuwägen. Zu den wichtigsten Kriterien
gehören Informationsbedarf, Kosten
und Datensparsamkeit. Mit der
Novellierung des Bevölkerungsstatistikgesetzes zum 1. Januar 2014
wurde die Erhebung der Adressen
aus Gründen der Datensparsamkeit
gestrichen. Als unmittelbare Folge
können nun keine Ergebnisse mehr
für die Berliner Bezirke ausgewiesen

werden, deren bevölkerungsstatistische Berechnung und Darstellung
zum traditionellen Repertoire der
Statistik gehört. Für einen breiten
Nutzerkreis – nicht zuletzt in der
Verwaltung – sind diese Daten aber
unverzichtbar. Von den Bevölkerungsstatistikern des AfS wurden zur
Lösung des Problems zwei Verfahren
entwickelt, die eine verlässliche und
ausreichend detaillierte Schätzung
von Bezirksergebnissen ermöglichen.
Beide Verfahren werden im Beitrag
Schätzverfahren zur Ermittlung der Bevölkerungszahl für Berliner Bezirke von Jürgen
Paffhausen beschrieben.
Aufgrund der zuletzt sehr starken
„Auslandsmigration“ ist eine regelmäßige Überprüfung und Justierung
der Annahmen für die Bevölkerungsprognose erforderlich. Ein Fachbeitrag von Peter Kuchta beleuchtet die
Entwicklung der Zahl der Asylbewerberregelleistungsempfänger in Berlin
und Brandenburg wie auch andere
Kennzahlen der Asylbewerberleistungsstatistik.

Der neu erschienene „Regionale
Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015“ weist einen leicht rückläufigen Trend der Armutsgefährdungsquote für beide Bundesländer aus.
Im Beitrag von Anna-Carolina Haensch werden verschiedene Aspekte
der Armutsgefährdung nach Lebensformen
und Risikolagen betrachtet, differenziert
nach Erwerbstätigkeit, Bildungsstatus und Migrationshintergrund.
Mit den Daten des Zensus 2011
untersuchten Verena Kutzki und
Sylke Orczewski Paarstrukturen in
Berlin und Brandenburg hinsichtlich
des Alters, des Bildungsgrads oder
der Staatsangehörigkeit der Partner.
In die demografische und sozioökonomische
Partneranalyse wurden sowohl Ehepaare und eingetragene Lebenspartnerschaften als auch nichteheliche
Lebensgemeinschaften einbezogen.
Ergänzt werden die Fachbeiträge durch weitere – hauptsächlich
bevölkerungsbezogene – Beiträge in
den Rubriken Kurzberichte, Entwicklungen in der amtlichen Statistik und
auch Historisches.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Hartmut Bömermann
verantwortlicher Redakteur

3

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Kurzbericht

	 ⌜Kennziffern des Geburtengeschehens

Eine methodische Betrachtung anhand tatsächlicher Entwicklungen für Berlin und Brandenburg
		
	
von Mark Hoferichter

Am 24. Februar 2016 fand am Standort Berlin des
Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg ein Kolloquium zum Thema Kennziffern des Geburtengeschehens statt.
In den letzten Jahren rückte zunehmend die
Diskussion um die sich verändernde Bevölkerungsstruktur in den Fokus der politischen Entscheidungsprozesse und der breiten Öffentlichkeit.
Unter dem Schlagwort „demografischer Wandel“
wird eine Vielzahl von unterschiedlichen, teils
gegensätzlich wirkenden Prozessen zusammengefasst. Die gegenwärtige Bevölkerungsstruktur
Deutschlands ergibt sich aus langfristig sinkenden
Geburtenraten, einer permanent steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung und dem Wanderungsgeschehen. Die Veränderungen der Struktur
sowie absoluter Bestandsgrößen (wie zum Beispiel
eine Veränderung der Gesamtbevölkerungszahl),
machen eine politische und gesellschaftliche Reaktion unausweichlich.
Aber wie werden all diese Veränderungen und
Prozesse gemessen? Welche Kennziffern können
politischen Entscheidungsträgern, aber auch interessierten Bürgern helfen, Entscheidungen zu treffen
und diese mit quantitativen, wissenschaftlich fundierten Daten zu untermauern oder eben diese objektiv nachzuvollziehen? Welche Voraussetzungen
müssen erfüllt sein, um diese Maßzahlen berechnen und anbieten zu können? Welche Stärken und
Schwächen besitzen sie und wo liegen die Grenzen
ihrer Interpretation? Was ist darunter zu verstehen,
wenn anhand der zusammengefassten Geburtenziffer Berliner Frauen im Jahre 2014 durchschnittlich
1,46 Kinder zur Welt brachten?
Im Kolloquium wurden die wichtigsten Kennziffern des „generativen Verhaltens“ erläutert. Ausgangsdaten der verschiedenen Kennziffern sind dabei jeweils die Lebendgeburten nach dem Alter der
Mutter (bzw. Geburtsjahr) und Kalenderjahr sowie
die fortgeschriebene Jahresendbevölkerung nach
Alter (bzw. Geburtsjahr) und Geschlecht je Kalenderjahr. Die Entwicklung der verschiedenen Geburtenkennziffern für Berlin und Brandenburg seit dem
Jahr 1991 wurde dargestellt und im Vergleich zur
bundesweiten Entwicklung analysiert. Ferner wurde ein besonderes Augenmerk auf die Erläuterung
methodischer Feinheiten bei der Berechnung dieser
Kennziffern, welche zu unterschiedlichen Ergebnissen derselben führen können, gerichtet. So wurden
zum Beispiel die Altersjahr- und die Geburtsjahrmethode oder Unterschiede bei der Berechnung der
Jahresdurchschnittsbevölkerung erläutert.

Alle Kennziffern, ob Expositionsraten (z. B. die allgemeine Fruchtbarkeitsziffer) oder Nicht-Expositionsraten (z. B. die rohe Geburtenrate), weisen nach
einem starken Einbruch zumindest für Brandenburg bis Mitte der 1990er Jahre, auf eine wieder steigende „Neigung“ Kinder zu gebären hin. Während
für Berlin laut allgemeiner Fruchtbarkeitsziffer etwa
45 Lebendgeburten auf 1 000 Frauen im Alter von
15 bis unter 50 Jahren im Jahr 2014 entfielen, konnte
hier für Brandenburg nur ein Wert von ca. 42 Lebendgeburten nachgewiesen werden. Werden nun
allerdings Altersstruktureffekte mithilfe altersspezifischer Geburtenziffern herausgerechnet und diese
zusammengefasst, lässt sich ableiten, dass in Brandenburg seit dem Jahr 2000 durchschnittlich mehr
Kinder je Frau als in Berlin geboren wurden (ca. 1,22
zu 1,20). Der zu beobachtende Aufwärtstrend hält
bis zum Jahr 2014 für beide Länder an (1,56 zu 1,46),
ohne das Bestandserhaltungsniveau von etwa
2,1 Kinder je Frau zu erreichen. Weiterhin ist für die
Beurteilung der Entwicklung des Geburtengeschehens die Kenntnis über das mittlere Alter der Frau
bei Geburt des x-ten Kindes von Bedeutung, um
Periodeneffekte beurteilen zu können. Für beide
Bundesländer zeigt sich, dass der Kinderwunsch
im Lebensverlauf immer später verwirklicht wird.
Für Berlin erhöhte sich das durchschnittliche Alter
bei Geburt der Kinder von 30,6 Jahren im Jahr 2010
auf 31,2 Jahre im Jahr 2014,
Mark Hoferichter ist wissenwährend es für Brandenburg
schaftlicher
Mitarbeiter im Referat
von 29,6 im Jahr 2010 auf 30,4
Zensus des Amtes für Statistik
im Jahr 2014 stieg.
Berlin-Brandenburg.

4

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Kurzbericht

	 ⌜Regionaler Sozialbericht vorgestellt
	

von Ricarda Nauenburg

Mehr als jeder Achte in der Region ist von Armut
bedroht. Dies geht aus dem Regionalen Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015 des Amtes
für Statistik Berlin-Brandenburg (AfS) hervor, der
im Februar 2016 auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Prof. Dr. Susanne Gerull, Vertreterin
der Landesarmutskonferenz Berlin und Professorin
an der Alice Salomon Hochschule Berlin, würdigte
den Bericht auf der Pressekonferenz als den ersten
ressortübergreifenden Bericht, der einen ganzheitlichen Blick auf Armut und soziale Benachteiligung
in Berlin wirft.
Die Entwicklung der sozialen Lage der Bevölkerung wird in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Politik
stark diskutiert. Umso wichtiger sind objektive
Daten, die das AfS mit dem Sozialbericht nun zum
dritten Mal zur Verfügung stellt. Diese stammen
hauptsächlich aus dem Mikrozensus. Der Bericht
umfasst beide Bundesländer. Neben einem umfangreichen EU-Indikatorenset zur Beschreibung
der sozialen Integration kommen weitere relevante Indikatoren zur Anwendung. Die Darstellung
erfolgt je nach Möglichkeit auch auf der Ebene der
Berliner Bezirke und der Brandenburger Kreise und
kreisfreien Städte. Außerdem wird jeder Indikator
für relevante soziale Gruppen betrachtet. Zu Vergleichszwecken ist der Bundesdurchschnitt jeweils
mit angegeben. Jeder Indikator wird in seiner zeitlichen Entwicklung dargestellt. Der Bericht besteht
aus drei Teilen:
•    einem zusammenfassenden Ergebnisteil mit
Grafiken,
•    einem umfangreichen Tabellenteil
•    und interaktiven Karten.

a  |  P
 ressekonferenz zur Vorstellung des Sozialberichts

© Landesarmutskonferenz Berlin

Der Abschnitt A des Berichts widmet sich der Einkommensarmut. Zur Messung der Armut hat sich in
letzter Zeit der Begriff der relativen Armutsgefährdung durchgesetzt. Er stellt auf Einkommensarmut
ab. Hierbei wird eventuell vorhandenes Vermögen bzw. eine Verschuldung nicht berücksichtigt,
sondern lediglich das monatliche Einkommen.
Armutsgefährdet sind demnach alle Personen, deren Äquivalenzeinkommen unterhalb von 60 % des
mittleren bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens liegt (Median). Für einen Ein-Personen-Haushalt liegt diese Schwelle in Berlin bei 841 Euro und
in Brandenburg bei 848 Euro. Im Jahr 2014 betrug
der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung
im Landesmaßstab in Berlin 14,1 % und im Land
Brandenburg 13,4 %. Der Anteil der Armutsgefährdeten war damit gegenüber dem letzten Bericht in
beiden Ländern leicht rückläufig. Zu den besonders
armutsgefährdeten Bevölkerungsgruppen zählen
nach wie vor Langzeiterwerbslose, Personen mit
fehlendem bzw. mit niedrigem Bildungsabschluss,
Alleinerziehende sowie Familien mit drei oder mehr
Kindern.
Die Einkommensverteilung wird in Abschnitt B
beleuchtet. Dabei kommt unter anderem der „GiniKoeffizient“ zum Einsatz, um die Ungleichheit der
Äquivalenzeinkommen zu messen (Abbildung b).
Ein Gini-Koeffizient von 0 bedeutet vollständige
Gleichheit, beträgt der Wert dagegen 1, liegt vollständige Ungleichheit vor. Der Gini-Koeffizient der
Äquivalenzeinkommen beträgt in Berlin 0,29 und
in Brandenburg 0,27 (siehe auch Abbildung b). Bundesweit liegt er mit 0,29 auf dem gleichen Niveau
wie in Berlin. Nach einem Anstieg in den 1990er Jah-

5

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

ren ist der Gini-Koeffizient zuletzt auf allen betrachteten regionalen Ebenen weitgehend stabil.
Neben ausführlichen Analysen zur Einkommensarmut und -verteilung lassen sich in den Abschnitten C bis G des regionalen Sozialberichts auch
Informationen zu Mindestsicherungsleistungen,
Bildungsstand, Erwerbsbeteiligung, Krankenversicherung und zur Wohnsituation finden.
Der Regionale Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015 ist verfügbar unter
https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/regionalersozialbericht.asp

b  |  Gini-Koeffizient der Äquivalenzeinkommen nach Berliner Bezirken
und Brandenburger Kreisen und kreisfreien Städten 2014
Berlin
Bezirke
B4 C2 G ini-Koeffizientdes Haushaltäquivalenzeinkom m ens
% 2005-2010
nach BerlinerBezirken und BrandenburgerKreisen und kreisfreien Städten

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Mitte
Friedrichshain-Kreuzberg
Pankow
Charlottenburg-Wilmersdorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Neukölln
Treptow-Köpenick
Marzahn-Hellersdorf
Lichtenberg
Reinickendorf
Berlin

0,30
0,30
0,27
0,34
0,27
0,31
0,31
0,26
0,26
0,26
0,23
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Berlin
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unter 0,25
0,25 bis unter 0,26
0,26 bis unter 0,27
0,27 bis unter 0,28
0,28 bis unter 0,29
0,29 bis unter 0,30
0,30 und größer

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Brandenburg

Brandenburg
Anteildereinpendelnden sozialver
sicherungspfliStädte
chtig Beschäftigten
Kreisean den
undinsgesam
kreisfreie
tsozialversicherungspflichtig

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15
16
17
18

Beschäftigten am 30.06.2009

Brandenburg an der Havel
Cottbus
Frankfurt (Oder)
Potsdam
Barnim
Dahme-Spreewald
Elbe-Elster
Havelland
Märkisch-Oderland
Oberhavel
Oberspreewald-Lausitz
Oder-Spree
Ostprignitz-Ruppin
Potsdam-Mittelmark
Prignitz
Spree-Neiße
Teltow-Fläming
Uckermark
Brandenburg

%

0,26
0,26
0,26
0,30
0,28
0,25
0,23
0,23
0,27
0,28
0,27
0,24
0,25
0,28
0,26
0,26
0,25
0,25
0,27

6

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Entwicklungen in der amtlichen Statistik

	 ⌜10 oder 30 Jahre Speicherfrist von Kennnummern im BStatG?
	

von Ramona Voshage

In den letzten Wochen hat ein Gesetzgebungsverfahren für die Änderung des Bundesstatistikgesetzes für viele Aktivitäten gesorgt. Es ging dabei vor
allem um die Speicherfrist von Kennnummern von
Betrieben und Unternehmen, die in der amtlichen
Statistik für die Datenarbeit und -verknüpfungen
unabdingbar sind und auch keinen Rückschluss auf
einzelne Betriebe und Unternehmen zulassen.
Das Bundesstatistikgesetz (BStatG) [1] ist eine wesentliche Rechtsgrundlage der amtlichen Statistik,
für das die Gesetzgebungskompetenz ausschließlich beim Bund liegt. Der Bundesgesetzgeber regelt
mit diesem Gesetz die organisations- und verfahrensrechtlichen Grundlagen der amtlichen Statistik. Es bildet die allgemeine Rechtsgrundlage für
statistische Befragungen und kann als Grundgesetz
der amtlichen Statistik angesehen werden.
Zuletzt wurde das Bundesstatistikgesetz im Jahr
2013 angepasst. Seit Februar 2016 befindet sich eine
Novelle im parlamentarischen Verfahren, die umfangreiche Änderungen des BStatG beinhaltet, die
jedoch aus Sicht der Statistischen Ämter der Länder
nicht alle von Vorteil sind. In diesem Beitrag wird
ausschließlich auf die Änderung des § 13a BStatG
eingegangen.
Wozu dient § 13a BStatG –
Zusammenführung von Daten?
„Soweit es zur Gewinnung von statistischen
Informationen ohne zusätzliche statistische Erhebungen erforderlich ist, dürfen Daten aus Statistiken nach
§ 13 Abs. 1, Daten aus dem Statistikregister, Daten
nach dem Verwaltungsdatenverwendungsgesetz und
Daten, die die statistischen Ämter des Bundes und der
Länder aus allgemein zugänglichen Quellen gewinnen, zusammengeführt werden.“
Der genannte § 13 Abs. 1 BStatG gilt für Adressdateien, soweit sie Wirtschafts- und Umweltstatistiken
bei Unternehmen, Betrieben und Arbeitsstätten
betreffen und für die in Abs. 1 Nr. 1–3 genannten
Arbeitsschritte erforderlich sind.
Somit bildet § 13a BStatG die rechtliche Grundlage
für die Verknüpfung der wirtschafts- und umweltstatistischen Mikrodaten der amtlichen Statistik.
Mit Hilfe der Identifikatoren (Betriebs- und Unternehmensnummern) können Betriebs- und Unternehmensdaten aus verschiedenen Erhebungen der
amtlichen Statistik zusammengeführt werden. Dies
ist für wissenschaftliche Forschungsprojekte von
besonderem Interesse, da die meisten amtlichen
Wirtschafts- und Umweltstatistiken einen geringen
Merkmalsumfang aufweisen und durch Verknüpfungen das Informationspotential erhöht wird.

Was ist AFiD?
Bis zur Einführung des § 13a BStatG standen die
Einzeldaten der amtlichen Wirtschaftsstatistiken für
wissenschaftliche Analysen nur im Querschnitt und
unverknüpft zur Verfügung. Das Forschungsdatenzentrum (FDZ) der Statistischen Ämter der Länder
hat jedoch mit dem Projekt „Amtliche Firmendaten
für Deutschland“ (AFiD) sämtliche verfügbaren
Mikrodaten der Wirtschafts- und Umweltstatistiken – soweit es inhaltlich und rechtlich möglich
war – zu mehreren Panels und Modulen zusammengeführt [2]. Durch diese Integration wurde
das Analysepotential der Daten deutlich erhöht:
Für einzelne Betriebe und Unternehmen können
nun Informationen aus verschiedenen Statistiken
kombiniert und zudem im Längsschnitt ausgewertet werden (siehe Abbildung a). In dem Projekt AFiD
wurde somit ein Datenhaltungskonzept entwickelt,
das vielfältige Zusammenführungen von wirtschafts- und umweltstatistischen Betriebs- und
Unternehmensdaten zeitnah und flexibel erlaubt.
Die zusammengeführten Mikrodaten können an
den Gastwissenschaftlerarbeitsplätzen und über
die kontrollierte Datenfernverarbeitung unter
Sicherstellung der statistischen Geheimhaltung
in den FDZ der Statistischen Ämter des Bundes
und der Länder genutzt werden. Alle verfügbaren
Produkte werden unter http://www.forschungsdatenzentrum.de/afid.asp ausführlich beschrieben.
Informationen zur Entwicklung der Nachfrage nach
den AFiD-Produkten finden sich in Voshage et al
2015 [3].

a  |  Produktübersicht: AFiD-Panel und AFiD-Module

Unternehmensregister

Industrie

Energieverwendung

Energie

Umweltschutz

Dienstleistungen
Körperschaftssteuer

Verdienste

Wasser

Produkte
Agrarstruktur

7

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Novellierung des § 13a BStatG
Am 17. Februar 2016 wurde von der Bundesregierung, federführend vom Bundesministerium des
Innern, der Entwurf eines Gesetzes zur Änderung
des BStatG und anderer Statistikgesetze [4] eingebracht, der eine Begrenzung der Speicherdauer von
Kennnummern enthält und eine Speicherfrist bis zu
zehn Jahren vorsah.
Der Bundesrat hingegen hatte in seiner Stellungnahme [5] vorgeschlagen, das Wort „zehn“ durch
die Zahl „30“ zu ersetzen, da die Einschränkung auf
zehn Jahre „unmittelbare und weitreichende Folgen
für das Analysepotential und Datenangebot der
amtlichen Statistik [nach sich zieht]. (…) langfristige
Veränderungen [können] nicht mehr nachvollzogen werden. (…) Unternehmensstatistiken und die
Zusammenführung von Daten aus verschiedenen
Unternehmens- sowie Umweltstatistiken [liefern]
wesentliche Erkenntnisse über gesellschaftliche,
wirtschaftliche und ökologische Prozesse. Diese
Daten bilden die Basis langfristiger und nachhaltiger
Entscheidungen in Politik, Staat und Wirtschaft. Dabei vollziehen sich die Prozesse in der Gesellschaft
und wirtschaftliche Entwicklungen von Unternehmen über einen langen Zeitraum. Auswertungen der
Statistiken in Form von Zeitreihen, Paneldaten und
Längsschnittanalysen erfordern deshalb die Betrachtung längerer Zeiträume und eine dementsprechende Speicherdauer von 30 Jahren. Schließlich würde
die Begrenzung auf zehn Jahre auch Forschungsdatenzentren betreffen, welche eine starke Nachfrage
nach „Amtlichen Firmendaten in Deutschland – AFiD“
erfahren.“
In der Gegenäußerung der Bundesregierung zu
der Stellungnahme des Bundesrates vom 17. Februar 2016 ist enthalten, dass die Bundesregierung
der Aufnahme einer längeren Speicherfrist von
30 Jahren nicht zustimmte [6]. Dementsprechend
wurde der von der Bundesregierung eingebrachte
Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des BStatG
in der 158. Sitzung des Deutschen Bundestages am
25. Februar 2016 erstmalig beraten und federführend
an den Innenausschuss sowie an den Ausschuss für
Recht und Verbraucherschutz und nachträglich in
der 161. Sitzung des Deutschen Bundestages an den
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung zur Mitberatung überwiesen.
Welche Konsequenzen ergäben sich daraus,
insbesondere für AFiD?
Die Festlegung einer Speicherfrist für Kennnummern und insbesondere die Einschränkung auf zehn
Jahre hätte erhebliche Folgen für eine hochwertige
evidenzbasierte Politikberatung sowie die gesamten wirtschaftlichen Betrachtungen Deutschlands.
Längsschnittvergleiche einzelner Wirtschaftszweige
mit Beobachtungen über mehrere Jahre tragen zur
Erhöhung von Planungs- und Entscheidungssicherheit bei. Dafür sind jedoch dauerhaft gespeicherte
Kennnummern zwingend notwendig. Mit der
geplanten Änderung könnten keine längerfristigen
wirtschaftlichen Entwicklungen deutscher Unternehmen mehr beobachtet werden.

Es lassen sich viele konkrete und für die forschende Wissenschaft bereits praxisrelevante Anwendungsfälle einer zu kurzen Speicherfrist spezifizieren:
•    Politische Maßnahmen (Steuerveränderungen,
Subventionen, Investitionen, demografische
Faktoren) haben zumeist keine kurzfristigen
Auswirkungen auf unternehmensbezogene
Eigenschaften eines Unternehmens wie z. B. Umsatz, Beschäftigung, Ertrag, Sitz. Diese entwickeln
sich eher langfristig und lassen sich mit firmenbezogenen Mikrodaten nur in Form langer Zeitreihen
sinnvoll untersuchen. Erst mit langfristigen Datengrundlagen ließe sich beispielsweise der Strukturwandel in bestimmten Regionen (Ostdeutschland,
Ruhrgebiet etc.) erklären und analysieren.
•     Auch können nur so bestehende Trends vor
einer Politikmaßnahme erkannt und beobachtet
werden, ob die unternehmerische Entwicklung
(z. B. der Beschäftigung) ihren bisherigen Trend
fortsetzt oder ob ein Bruch auf die Politikmaßnahme als unternehmensexterner Schock folgt. Wie
reagieren die Unternehmen und Betriebe z. B. auf
die Einführung des Mindestlohns, Energiebesteuerung oder Subvention und/oder deren Ausbau?
•    Für die Wissenschaft sind Längsschnittdaten
extrem wichtig, um die ökonomischen Entwicklungen in Deutschland über die Zeit untersuchen
zu können. Ein wichtiger Zweig der Ökonomik
analysiert beispielsweise die Determinanten des
Wirtschaftswachstums. Ein langfristiges Wachstum garantiert gesellschaftlichen Wohlstand. Der
empirischen Untersuchung der Produktivität wird
eine besondere Bedeutung beigemessen, denn
die langfristige Steigerung der Produktivität des
produzierenden Gewerbes ist ein wichtiger Faktor
für das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Da
die Produktivität einer längerfristigen Dynamik
unterliegt, ist eine adäquate Analyse nur mit Hilfe
von Unternehmensdaten über einen Zeitraum von
mehr als 20 Jahren möglich. Wenn es um Prognosen des zukünftigen Verhaltens von Firmen geht,
dann sind längere Zeitreihen, sogar über die vom
Bundesrat geforderten 30 Jahre hinaus, für tiefgehende Analysen unabdingbar.
Für eine Vielzahl von Forschungsfragen ist damit
sowohl die Untersuchung langfristiger Trends vor
einer Politikmaßnahme als auch der Entwicklungen
danach unabdingbar. Solche Trends und Entwicklungen können jedoch nur untersucht werden,
wenn untersuchte Einheiten über einen langen
Zeitraum beobachtet werden. Allein die Speicherung der Kennnummer, die der gleichen Einheit
über die Zeit zugeschrieben ist, erlaubt auch eine
Verknüpfung dieser Einheiten über die Zeit.
Wie geht es im Gesetzgebungsverfahren weiter?
Da sich der Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des BStatG im parlamentarischen Verfahren
befindet, können nur noch die Bundestagsfraktionen, also federführend der Innenausschuss des
Deutschen Bundestages, Änderungen bewirken.
Als Nutzer der FDZ hat die Wissenschaft auf die

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Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Problematik hingewiesen. So hat sich der Verein
für Socialpolitik [7] in einem offenen Brief an die
Bundestagsfraktionen gewandt. Auch ist der Rat für
Sozial- und Wirtschaftsdaten sowie die Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher
Forschungsinstitute (ARGE) aktiv geworden [8]. Die
Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst
des Landes Baden-Württemberg Theresia Bauer
warnte ebenfalls vor diesem einschränkenden
Aspekt in der Novelle [9]. Aus Sicht der Wissenschaft
ist eine unbegrenzte Speicherdauer wünschenswert.
Am 27. April 2016 tagte der Innenausschuss des
Bundestages. In seiner Beschlussempfehlung ist
die Empfehlung des Bundesrates – die Speicherdauer auf 30 Jahre zu begrenzen – enthalten [10].
Begründet wird diese Änderung damit, dass die
„Speicherung der Kennnummer (…) ein hohes Analysepotential der Daten durch Zusammenführungen mit anderen Daten erschließen [soll]. (…) Die
Verlängerung der Speicherdauer dient insbesondere dem Bedarf der Wissenschaft an Auswertungen
von Statistiken in Form von Zeitreihen, Paneldaten
und Längsschnittanalysen, wie etwa dem Produkt
„Amtliche Firmendaten in Deutschland – AFiD“.
In der 167. Sitzung des Deutschen Bundestages ist
der Gesetzentwurf in zweiter sowie dritter Beratung
und Schlussabstimmung mit den Stimmen der Koalition bei Enthaltung der Opposition angenommen
worden [11]. Berichterstatter der CDU/CSU Dr. Tim
Ostermann äußerte sich dazu mit folgenden Worten: „Zu Recht haben Vertreter aus der Wissenschaft
sowie aus einigen Statistikämtern darauf hingewiesen, dass die im ursprünglichen Gesetzentwurf
vorgesehene Speicherfrist von zehn Jahren für Indikatoren aus dem Unternehmensregister mit dem
Anspruch an ordentliche Statistiken nicht zu vereinbaren gewesen wäre. Dies war zwar auch einer der
Änderungswünsche des Bundesrates, allerdings hat
uns hier der Rücklauf, vor allem aus der Wissenschaft, das Problem nochmals sehr anschaulich vor
Augen geführt. (…) Entsprechend konnten wir uns
darauf einigen, die Frist auf 30 Jahre zu verlängern.

b  |  Szenario

?
?
Davor:
Bereits Abwärtstrend?
Umkehr eines Aufwärtstrends?
10 Jahre Speicherfrist
2008
Finanzkrise

2018
Forschungsvorhaben
zu Ursachen und Folgen
der Finanzkrise anhand
neuer Methoden

(…) Ich möchte noch erwähnen, dass wir uns diese
Fristverlängerung wohl überlegt haben. Schließlich
geht es hier auch um die berechtigten Datenschutzbelange der betroffenen Unternehmen. Eine
Speicherung darf daher nicht ohne Weiteres vorgenommen werden. Allerdings werden die Daten
über die Unternehmen anonymisiert gespeichert.
Eine Identifizierung eines einzelnen Unternehmens
ist aus diesen Daten heraus nicht möglich. Richtig
ist, dass es eine theoretische Möglichkeit gibt, die
Daten wieder zu deanonymisieren. Hierzu müsste
jedoch Recht und Gesetz umgangen werden, und
man sollte eine Regelung nicht deshalb in ihrer
Wirkung einschränken, weil es rechtswidrige Wege
gibt, sie auszuhebeln.“ [12]
In der Rede des Mitglieds des Deutschen Bundestages Matthias Schmidt (SPD) heißt es unter
anderem: „In den meisten Punkten sind die Änderungen des Gesetzentwurfs vollkommen unstrittig.
Sie bringen einen Fortschritt, und das sagen uns die
Menschen, die mit den Daten täglich umgehen, sei
es als Statistiker oder als Forscher. In einigen wenigen Punkten gibt es jedoch noch Wünsche. Worum
geht es? Lassen Sie uns dazu einmal die Perspektive
der Menschen einnehmen, die diese Daten nutzen.
Hier möchte ich ein Beispiel aufgreifen, das mir
von einer Statistikerin nahegelegt wurde [siehe
Abbildung b]. Nehmen wir einen Wirtschaftswissenschaftler, der im Jahr 2018 die Ursachen und Folgen
der Wirtschaftskrise untersuchen möchte. Sie alle
erinnern sich: Das war 2008. Ein Crash mit Folgen
für die ganze Welt und auch für uns in Deutschland.
Die Frage nach den Ursachen und nach Strategien,
um das in Zukunft zu verhindern, hat also hohe
Bedeutung. Nun benötigen die Forscher für ihre
Untersuchungen eine Menge an Daten. Nach dem
ersten Entwurf konnten sie lediglich auf Datenreihen aus den letzten zehn Jahren zurückgreifen;
denn hier war vorgesehen, die Speicherfrist auf
zehn Jahre festzusetzen. Werfen wir einen Blick auf
die Forschungsfrage. Für die Betrachtung der Ursachen der Wirtschaftskrise müsste natürlich auch ein
Blick auf die Zeit vor 2008 geworfen werden. Das
wäre nach dem ursprünglichen Entwurf in Form
von Zeitreihen nicht mehr möglich. Damit würden
ganz wesentliche Datengrundlagen fehlen. Jedem
leuchtet sofort ein, dass das eine große Einschränkung bedeutet und damit das gesamte Forschungsanliegen gefährdet. (…)
Ohne einen Blick über zehn Jahre hinaus, verlieren wir einen ganz wichtigen Zugang. Die
Forschung braucht langfristige Zeitreihen, um
Entwicklungen aus 25 Jahren nachzuzeichnen. Je
nach aktueller Entwicklung sind dabei auch neue
Fragen zu untersuchen. Daten müssen dafür neu
verknüpft werden können, um neue Aspekte zu
beleuchten. Das haben wir verstanden und dafür
Sorge getragen, dass dieser berechtigte Einwand
seinen Niederschlag findet. Dafür haben wir die
Frist, die auf zehn Jahre reduziert werden sollte,
auf 30 Jahre verlängert. Damit haben wir dem
ausdrücklichen Wunsch der Wissenschaft und auch
der Statistikerinnen und Statistiker entsprochen.
Die Bundesbeauftragte für den Datenschutz hat in

9

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

ihrer schriftlichen Stellungnahme zum vorgelegten
Änderungsantrag der Koalition ausdrücklich bestätigt, dass diese Verlängerung im Einklang mit der
Rechtsprechung steht. Die Bundesbeauftragte hält
jedoch eine Speicherfrist der Unternehmenskennziffern von zehn Jahren für ausreichend bemessen
und 30 Jahre für unverhältnismäßig. Hier irrt meines
Erachtens die Bundesbeauftragte. Zum einen ist es
genau Sache des Gesetzgebers, die Frist so festzusetzen, dass verlässliche Aussagen für Politik und
Wissenschaft über einen länger zurückliegenden
Zeitraum getroffen werden können. Zum anderen
wird lediglich eine verschlüsselte Kennnummer gespeichert, die keinen Rückschluss auf das konkrete
Unternehmen zulässt. Weiterhin sind die Unternehmensdaten gerade in den ersten zehn Jahren
besonders schutzwürdig – und diesen Zeitraum findet auch die Datenschutzbeauftragte angemessen
abgesichert. Da sich der technische und statistische
Schutz in der weiteren Laufzeit nicht ändert, ist es
Sache des Gesetzgebers, diese Frist angemessen
festzusetzen. (…) Hier zeigt sich einmal mehr, wie
wichtig es ist, bei Gesetzentwürfen Expertinnen
und Experten zu Wort kommen zu lassen, sei es
in Anhörungen oder in direkten Gesprächen. Die
Theorie muss sich an der praktischen Erfahrung
messen lassen. Das ist ein wichtiger Grundsatz. Wir
haben berechtigte Einwände beherzigt und nachgebessert. Das schafft nicht nur bessere Resultate,
sondern stärkt auch
Ramona Voshage leitet das Referat
das Vertrauen in unsere
Mikrodaten, Analysen, Forschungsfachpolitische Arbeit.“
datenzentrum des Amtes für Statistik
[13]
Berlin-Brandenburg sowie das Projekt
„Amtliche Firmendaten für Deutschland“ (AFiD) innerhalb des Forschungsdatenzentrums der Statistischen Ämter
der Länder.

In der Pressemitteilung von Berichterstatter
Matthias Schmidt heißt es zudem
„Alle diese Änderungen leisten einen grundlegenden Beitrag zur Modernisierung des
Bundesstatistikgesetzes und sind zu begrüßen“,
so Matthias Schmidt. „An zwei zentralen Stellen,
der Speicherfrist von Unternehmenskennziffern
und der Beteiligung der Kommunen, gab es
jedoch Anlass, nochmal nachzujustieren.“ Der
Innenpolitiker hat sich im parlamentarischen
Verfahren vehement dafür eingesetzt, dass an
diesen Punkten noch wesentliche Änderungen
vorgenommen wurden. „Die Konsequenzen wären gravierend gewesen“, so Matthias Schmidt.
„Wissenschaft und Forschung sowie auch die
Statistikbehörden selber wären in ihrer Arbeit
grundlegend beschnitten worden. Und das
hätte auch Folgen für politische Entscheidungen
nach sich gezogen.“
Der Innenpolitiker Matthias Schmidt konnte in
zahlreichen Gesprächen eine Verlängerung der
Frist auf 30 Jahre durchsetzen. „Ich sehe es als
Aufgabe des Gesetzgebers, die Frist so festzusetzen, dass verlässliche Aussagen für Politik und
Wissenschaft über einen länger zurückliegenden Zeitraum getroffen werden können.“ Auch
datenschutzrechtliche Bedenken konnten dabei
ausgeräumt werden [14].
Abschließend bleibt mit den Worten von Matthias
Schmidt zu sagen „Heute ist ein guter Tag für die
Statistik und alle, die damit befasst sind oder davon
profitieren.“ Der weitere Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens bleibt abzuwarten: Die Novellierung des Bundesstatistikgesetzes muss noch vom
Bundesrat gebilligt werden. Doch in jedem Fall ist
durch die hervorragende Zusammenarbeit von
Wissenschaft und Politik eine Speicherfrist von
lediglich zehn Jahren verhindert worden.

Quellen	
[1]	

Bundesstatistikgesetz vom
22. Januar 1987 (BGBl. I S. 462, 565),
das zuletzt durch Artikel 13 des
Gesetzes vom 25. Juli 2013 (BGBl. I
S. 2749) geändert worden ist.
[2]	 Malchin, Anja; Voshage, Ramona
(2009). Official Firm Data for
Germany. Schmollers Jahrbuch:
Vol. 129, No. 3, pp. 501–513. sowie
Malchin, Anja; Pohl, Ramona
(2007): Firmendaten der amtlichen
Statistik – Datenzugang und neue
Entwicklungen im Forschungsdatenzentrum. Vierteljahrshefte zur
Wirtschaftsforschung des DIW
Berlin 76 (2007), 3, S. 8–16.
[3]	 Voshage, Ramona et al (2015):
Formal, faktisch oder absolut
nachgefragt? Die Auswirkungen
der Entgeltumstellung auf die
Entwicklung der Nachfrage in den
Forschungsdatenzentren der
Statistischen Ämter des Bundes
und der Länder. FDZ-Arbeitspapier Nr. 49.

[4]	 Drucksache 18/7561, S. 8, http://
dip21.bundestag.de/dip21/
btd/18/075/1807561.pdf
Letzter Aufruf 28.04. 2016
[5]	 Beschluss in der 941. Sitzung am
29. Januar 2016 zu dem
Gesetzentwurf gemäß Artikel 76
Absatz 2 des Grundgesetzes,
Drucksache 18/7561, Anlage 3,
S. 44/45 (siehe http://dip21.
bundestag.de/dip21/
btd/18/075/1807561.pdf
Letzter Abruf 28.04. 2016).
[6]	 Drucksache 18/7561, S. 48 f.,
http://dip21.bundestag.de/dip21/
btd/18/075/1807561.pdf
Letzter Aufruf 28.04. 2016
[7]	https://www.socialpolitik.de/
docs/2016/VfS_Novellierung_
Bundesstatistikgesetz.pdf
Stand: 13.05. 2016
[8]	http://www.ratswd.de/
pressemitteilung/03052016
Stand 04.05. 2016

[9]	http://www.swp.de/ulm/
nachrichten/suedwestumschau/
Bauer-kritisiert-Novelle-des-Statistikgesetzes;art4319,3727933,
Stand: 25.04. 2016
[10]	 Drucksache 18/8258, S. 3 und 5,
http://dipbt.bundestag.de/doc/
btd/18/082/1808258.pdf
Letzter Aufruf 02.05. 2016
[11]	 Plenarprotokoll 18/167, S. 16501,
http://dipbt.bundestag.de/dip21/
btp/18/18167.pdf
Letzter Abruf 02.05. 2016
[12]	 Plenarprotokoll 18/167 S. 16554
(siehe http://dip21.bundestag.de/
dip21/btp/18/18167.pdf
Letzter Aufruf: 02.05. 2016)
[13] 	 Plenarprotokoll 18/167 S. 16555 ff.
(siehe http://dip21.bundestag.de/
dip21/btp/18/18167.pdf
Letzter Aufruf: 02.05. 2016)
[14] 	 http://www.schmidt-tk.de/
blog/?id=yjm880p6
	
Letzter Aufruf 13.05. 2016

10

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Entwicklungen in der amtlichen Statistik

	 ⌜Das Europäische Statistische Programm 2013 bis 2017
	

von Ingo Koltzk und Thomas Troegel

Das Europäische Statistische Programm legt den
Rahmen für die Entwicklung, Produktion und
Verbreitung europäischer Statistiken sowie die
Hauptbereiche und Zielsetzungen der geplanten
Maßnahmen für einen Zeitraum von nicht mehr
als fünf Jahren fest. Das zurzeit gültige Programm
deckt den Zeitraum 2013 bis 2017 ab.
Die Durchführung eines solchen mehrjährigen
Programms basiert auf den Regelungen des Europäischen Statistischen Systems (ESS) und steht
somit auch im Einklang mit dem Verhaltenskodex
für europäische Statistiken. Auf der Grundlage des
ESS werden die Grundsätze der Unabhängigkeit,
Integrität und Rechenschaftspflicht gewahrt.
Im Unterschied zum Europäischen Statistischen
System, welches relativ stark durch die Politik der
Europäischen Union beeinflusst wird, stehen die
Statistiken, die auf dem Europäischen Statistischen
Programm (ESP) basieren, auch anderen Entscheidungsträgern, Wissenschaftlern, Unternehmen und
den Bürgern Europas gleichermaßen zu Verfügung.
Das ESP basiert rechtlich auf der Verordnung (EG)
Nr. 223/2009 des europäischen Parlaments und des
Rates vom 11. März 2009 über die Gemeinschaftsstatistiken. Es wurde durch die Verordnung (EU)
Nr. 99/2013 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 15. Januar 2013 über das Europäische
Statistische Programm 2013 bis 2017 erlassen und
am 9. Februar 2013 verabschiedet.
Mit dem ESP wird festgelegt, welche
Informationen prioritär in der Europäischen Union
benötigt werden. Der hierfür erforderliche Bedarf
wird mit den Ressourcen sowie dem Beantwortungsaufwand und den damit für die Auskunftgebenden verbundenen Kosten abgewogen. Ein solches Fünfjahresprogramm wird vom Europäischen
Parlament und dem Rat beschlossen.
Mit dem aktuellen ESP 2013 bis 2017 sollen hochwertige, termingerechte und effiziente Statistiken
abgesichert werden. Diese Statistiken sind für
eine fundierte Beschlussfassung und sich daraus
ergebende Umsetzung der Tätigkeiten der EU von
entscheidender Bedeutung. Gleichzeitig ermöglichen sie den Bürgern ein besseres Verständnis von
der Europäischen Union.
Prinzipiell kann ein ESP nicht den Zeitraum von
fünf Jahren überschreiten und somit würde das
derzeitige Programm 2018 auslaufen. Allerdings
ist im Artikel 15 „Bewertung und Überprüfung des
Programms“ der Verordnung 99/2013 die Möglichkeit einer Verlängerung des Programms auf den

Zeitraum 2018 bis 2020 aufgenommen worden. Mit
der derzeit angestrebten Verlängerung müssen die
strategischen Ziele des Mehrjahresprogramms an
die Ziele der ESS-Vision 2020 angepasst werden. Ein
entsprechender Vorschlag ist durch die Kommission
bis 31. Dezember 2016 vorzulegen.
Das ESP enthält wesentliche Vorschriften zu den
Zielen, der Statistischen Governance, den jährlichen
Arbeitsprogrammen und den entsprechenden
finanziellen Aspekten.
Die Durchführung des Mehrjahresprogramms ist
eine Möglichkeit für die Erstellung von harmonisierten europäischen Statistiken. Damit leistet dieses
Programm einen entscheidenden Beitrag dafür,
dass gemeinsame vergleichbare und verlässliche
statistische Informationen auf Unionsebene entwickelt, erstellt und verbreitet werden.
Die Entwicklung, Erstellung und Verbreitung von
Statistiken auf europäischer Ebene erfolgt in enger
und abgestimmter Zusammenarbeit im Europäischen Statistischen System zwischen der statistischen Stelle der Europäischen Union, das heißt der
Kommission (Eurostat), den nationalen statistischen
Ämtern und anderen nationalen Stellen. Die fachliche Unabhängigkeit nationaler statistischer Ämter
und von Eurostat ist eine fundamentale Grundlage für die Bereitstellung von glaubwürdigen und
hochwertigen statistischen Daten.
Das laufende Programm verfügt über eine Mittelausstattung von fast 300 Mill. EUR. Ein großer Teil
der Mittel wird den Mitgliedstaaten zugewiesen,
um die Durchführung des Programms auf nationaler Ebene zu unterstützen.
Das Hauptziel des Mehrjahresprogramms 2013 bis
2017 besteht in einer relevanten Unterstützung der
Implementierung der Strategie „Europa 2020“ und
anderer relevanter Politiken der Europäischen Kommission wie der „Wirtschaftspolitischen Steuerung“.
Dabei gewinnen sogenannte Mehrzweckstatistiken
an Bedeutung.
Im ESP 2013 bis 2017 stehen folgende drei Ziele im
Vordergrund:
•    Bereitstellung hochwertiger Statistiken für eine
bessere Gestaltung, Überwachung und Bewertung
der politischen Maßnahmen der EU (statistischer
Output),
•    Umsetzung neuer Methoden für die Erstellung
europäischer Statistiken zur Effizienzsteigerung
und Qualitätsverbesserung (Produktionsmethoden von EU-Statistiken),

11

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

• Stärkung der führenden Rolle des Europäischen
Statistischen Systems in weltweiten amtlichen Statistiken (Partnerschaften innerhalb des ESS sowie
nach außen, z. B. mit dem Europäischen System
der Zentralbanken).
Diese allgemeinen Ziele werden in spezifischere Kategorien unterteilt, in denen Einzelheiten zu deren
Umsetzung aufgeführt werden.
Alljährlich wird ein Jahresarbeitsprogramm mit
konkreten Maßnahmen zur Verwirklichung dieser
Ziele aufgestellt. Solche Jahresprogramme dienen
der Unterstützung von Entscheidungen der Europäischen Union, um auf aktuelle Gegebenheiten
flexibel und zielgerichtet reagieren zu können. In
ihnen werden die jährlichen Prioritäten unter Beachtung vorangegangener Nutzer- und Produzentenkonsultationen festgeschrieben. So war für 2015
hinsichtlich des ESP-Ziels „Bereitstellung hochwertiger statistischer Indikatoren“ die Vorbereitung der
Halbzeitüberprüfung der Strategie „Europa 2020“
prioritär zu unterstützen.
Im Rahmen des ESP werden Primär- und Sekundärdaten als Basis für Gesamtrechnungssysteme
verwendet (z. B. in Unternehmensstatistiken oder
Umwelt- und Agrarstatistiken). Diese Gesamtrechnungssysteme stellen die Basis für Indikatoren dar
(z. B. ökologische Nachhaltigkeit), mit denen sich
europäische sowie globale Politiken beschreiben
bzw. umsetzen lassen (z. B. „Europa 2020“).
Im Rahmen der Produktionsmethoden des
derzeitigen Mehrjahresprogramms sind folgende
Schwerpunkte festgelegt:
• eindeutige Prioritätensetzung sowie Rechtsvereinfachungen,
• ein möglichst abgestimmtes Qualitätsmanagement in den Mitgliedstaaten (Monitoring und
Einhaltung des Code of Practice sowie Vereinbarungen zu den sogenannten „Commitments
on Confidence (Verpflichtung für zuverlässige
Statistiken)“)
a | Vereinfachte Darstellung des statistischen Outputs
in Bezug auf das Europäische Statistische Programm

Indikatoren
für europäische
und globale Politiken
(z. B. verantwortliche Wirtschaftspolitik, Bekämpfung des Klimawandels)
Gesamtrechnungssysteme
als Grundlage für Indikatoren
(z. B. Umweltbelastungen)
Primär- und Sekundärdaten
als Grundlage für Gesamtrechnungssysteme
(z. B. Europa der Bürger, raumbezogene und
andere sektorale Statistiken)

• verbesserte Verbreitung und Kommunikation,
• verstärkte statistische Ausbildung sowie Innovation und Forschung,
• Nutzung von Mehrzweckstatistiken sowie eine
höhere Effizienz in der Statistikproduktion.
Der Informationsbedarf der Europäischen Kommission muss jedoch gegen die verfügbaren Ressourcen und den Aufwand für die Unternehmen
und Bürger abgewogen werden, der durch die
Beantwortung von für die Erstellung von Statistiken erforderlichen Fragebögen und Umfragen
entsteht. Aus diesem Grund hebt das Europäische
Statistische Programm bestimmte Bereiche hervor,
denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt
werden soll. Diese spiegeln die allgemeinen Prioritäten der EU wider. Dazu gehören die Strategie
„Europa 2020“, eine verstärkte wirtschaftspolitische
Steuerung, der Klimawandel, das Wachstum und
der soziale Zusammenhalt, das Europa der Bürger
und die Globalisierung.
Nach Artikel 15 der Verordnung 99/2013 musste
die Kommission dem Europäischen Parlament und
dem Rat bis zum 30. Juni 2015 einen Zwischenbericht über die Fortschritte bei der Durchführung
des Programms vorlegen, nachdem zuvor der
Ausschuss für das Europäische Statistische System
angehört wurde.
Der Zwischenbericht diente als Bewertung des
Programms und beschränkte sich folgerichtig auf
die Durchführung des Europäischen Statistischen
Programms in den Jahren 2013 und 2014. Da dessen
Bewertung anhand der Standards der Kommission
zu erfolgen hat, musste der Bericht mittels der fünf
Bewertungskriterien Wirksamkeit, Relevanz, Effizienz, EU-Mehrwert und Kohärenz erstellt werden.
Im Zwischenbericht vom Juni 2015 wurde empfohlen, dass trotz der durchaus guten Fortschritte
bei der Durchführung des Europäischen Statistischen Programms eine Konzentration auf diejenigen Bereiche erforderlich ist, in denen kleinere Probleme aufgetreten sind. Bei einer Nichtbeachtung
dieses Vorschlags könnte die Gefahr bestehen,
dass die Verwirklichung der Ziele des Programms
insgesamt gefährdet wäre.
Im Ergebnis des Zwischenberichtes wurde unterstrichen, dass die Bereitstellung ausreichender
Ressourcen zur Sicherung der Investitionen in der
zur Modernisierung der Erstellung europäischer
Statistiken erforderlichen Höhe ein entscheidender
Grundsatz ist. Des Weiteren wurde hervorgehoben,
dass mehr Ressourcen in das ESS investiert werden
müssen. Nur so können die nationalen statistischen Ämter aktiv an den Projekten mitwirken, die
zur Modernisierung der Erstellung europäischer
Statistiken konzipiert werden und schließlich
deren Ergebnisse umsetzen. Dabei ist die Modernisierung der Erstellung von Statistiken eine
Möglichkeit, das Problem der begrenzten oder
rückläufigen Ressourcen anzugehen. Gleichzeitig
wurde herausgearbeitet, dass für einen solchen
Prozess wiederum Anfangsinvestitionen zu tätigen
sind, um mit der notwendigen Geschwindigkeit

12

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

voranzukommen und so die Nachhaltigkeit des
Systems langfristig zu sichern.
Abschließend ist zu unterstreichen, dass die
Umsetzung der Strategie des ESS im Zentrum des
neuen Europäischen Statistischen Programms steht.
Gleichzeitig wurde und wird das ESS mit Herausforderungen konfrontiert, die einen Balanceakt
zwischen dem Bedarf an hochwertigen, termingerechten und immer komplexeren Statistiken zum
einen und der rückläufigen Ausstattung an verfügbaren Mitteln für diese Arbeiten (einschließlich der
Verbreitung der Daten) zum anderen
erfordert. Dies setzt eine sehr hohe EffiIngo Koltzk leitet die Abteilung
zienz und Flexibilität des ESS voraus,
Wirtschaftsbereiche und Unternehmen
da es nur so gelingen kann, erfolgreich
des Amtes für Statistik Berlinan der Entwicklung und Umsetzung der
Brandenburg.
politischen Maßnahmen der Europäischen Union mitzuwirken.
Dr. Thomas Troegel leitet das Referat
Flächennutzung, Land- und Forstwirtschaft, Fischerei des Amtes für Statistik
Berlin-Brandenburg.

Quellen
•	 Vertrag über die Arbeitsweise der

Europäischen Union; Fassung aufgrund
des am 1. Dezember 2009 in Kraft
getretenen Vertrages von Lissabon
(Konsolidierte Fassung bekanntgemacht im ABl. EG Nr. C 115 vom 9. Mai
2008, S. 47), zuletzt geändert durch die
Akte über die Bedingungen des Beitritts
der Republik Kroatien und die
Anpassungen des Vertrags über die
Europäische Union, des Vertrags über
die Arbeitsweise der Europäischen
Union und des Vertrags zur Gründung
der Europäischen Atomgemeinschaft
(ABl. EU L 112/21 vom 24. April 2012)
m.W.v. 1. Juli  2013.
•	 Verordnung (EU) Nr. 99/2013 des
Europäischen Parlaments und des Rates
vom 15. Januar 2013 über das Europäische Statistische Programm 2013–2017
(ABl. Nr. L 39 S. 12), die zuletzt durch
Verordnung (EU) Nr. 1383/2013 des EP
und des Rates vom 17. Dezember 2013
(ABl. Nr. L 354 S. 84) geändert worden
ist.

•	 Unterlagen der Gemeinsamen

Fortbildung der Statistischen Ämter des
Bundes und der Länder: „Das Europäische Statistische System (ESS)“,
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden,
12. bis 13. März 2015

•	 Verordnung (EG) Nr. 223/2009 des

Europäischen Parlaments und des Rates
vom 11. März 2009 über europäische
Statistiken und zur Aufhebung der
Verordnung (EG, Euratom) Nr. 1101/2008
des Europäischen Parlaments und des
Rates über die Übermittlung von unter
die Geheimhaltungspflicht fallenden
Informationen an das Statistische Amt
der Europäischen Gemeinschaften, der
Verordnung (EG) Nr. 322/97 des Rates
über die Gemeinschaftsstatistiken und
den Beschluss 89/382/EWG, Euratom
des Rates zur Einsetzung eines
Ausschusses für das Statistische
Programm der Europäischen Gemeinschaften (ABl. L 87 vom 31. März 2009
S. 164)

•	 https://ec.europa.eu/transparency/
regdoc/rep/1/2015/DE/1-2015-309DE-F1-1.PDF

•	 Prioritätensetzung der Europäischen

Statistik – Vortrag im Rahmen der
Sitzung des Fachausschusses Agrarstatistiken am 25. April 2012 von
Dr. Ruth Brand; https://www.destatis.
de/DE/UeberUns/Veranstaltungen/
Prioritaeten_europa_Statistik.pdf?__
blob=publicationFile

13

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Neuerscheinungen

	⌜	Faltblätter zum Tourismus in Berlin und Brandenburg erschienen
Die Faltblätter „Tourismus in Berlin
2016“ sowie „Tourismus in Brandenburg 2016“ des Amtes für Statistik
Berlin-Brandenburg geben einen
schnellen und kompakten Überblick
zu den wichtigsten Ergebnissen dieses
Wirtschaftszweiges. Sie beinhalten
Eckwerte zu demografischen, wirtschaftlichen und kulturellen Tourismusaspekten in beiden Ländern.

In Tabellen sowie farblich gestalteten Karten und Diagrammen
vermitteln die Faltblätter statistische Daten zum Tourismus in den
Ländern Berlin und Brandenburg. So zeigt zum Beispiel eine Zeitreihe
für den Berliner Bezirk Mitte, dass hier die Zahl der Übernachtungen
seit 2011 um circa vier Millionen auf über zwölf Millionen Übernachtungen im Jahr 2015 gestiegen ist.
Die abwechslungsreichen Informationen reichen von der Sonnenscheindauer über die Zahl der Veranstaltungen öffentlicher Theater
bis zur Entwicklung der Besucherzahlen in Planetarien und Sternwarten. Im Vergleich beider Länder zeigt sich, dass die wirtschaftliche
Bedeutung des Tourismus in Berlin (über 30,2 Millionen Übernachtungen) 2015 weit höher war als in Brandenburg (circa 12,5 Millionen
Übernachtungen). Der Anteil der ausländischen Besucher lag in
Brandenburg bei 7,7 % und in Berlin bei 45,1 %. In Brandenburg kamen
die meisten Gäste aus dem polnischen Nachbarland. In Berlin waren
Personen aus dem Vereinigten Königreich am häufigsten unter den
ausländischen Besuchern vertreten. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer war in Brandenburg bei Gästen aus Rumänien (4,5 Tage)
und in Berlin bei Gästen aus Israel (3,8 Tage) am längsten.

statistik

statistik
Geografische Lage
Stadtmittelpunkt – Berliner Rathaus:
52° 31‘ 12“ nördlicher Breite
13° 24‘ 36“ östlicher Länge
Ortszeit
um 6 Minuten 22 Sekunden
hinter der Mitteleuropäischen Zeit
12 Uhr MEZ = 11 Uhr 53 Min. 38 Sek.
Berliner Ortszeit

13° 24‘ 36“ .................. östlicher Länge

Länge der Stadtgrenze
234 km

12

✈
5

1

3
11

10
52° 31‘ 12“ ..................
nördlicher Breite

4

6

Größte Ausdehnung
45 km in ost-westlicher Richtung
38 km in nord-südlicher Richtung

2
7

8

9

✈

0

2

4

6

Tourismus in Brandenburg 2016
Basisdaten

Basisdaten

2016

Berlin Brandenburg

Berlin Brandenburg

Tourismus in Berlin

Ortszeit
12 Uhr MEZ = 11 Uhr 58 Min. 13 Sek.
Frankfurt (Oder)
12 Uhr MEZ = 11 Uhr 52 Min. 16 Sek.
Potsdam (Sternwarte)
Größte Ausdehnung
Die Entfernung zwischen dem
nördlichsten und dem südlichsten Punkt
beträgt: 244 km
Die Entfernung zwischen dem
westlichsten und dem östlichsten Punkt
beträgt: 234 km

Flächennutzung
in Brandenburg
Stand: 31.12.2014
Fläche in km²
davon in %
Gebäude- und Freifläche
Betriebsfläche
Erholungsfläche
Verkehrsfläche
Landwirtschaftsfläche
Waldfläche
Wasserfläche
Flächen anderer Nutzung

29 654
4,4
1,5
0,9
3,7
49,3
35,5
3,4
1,3

8 10 km

Die beiden Faltblätter „Tourismus in Berlin 2016“ und „Tourismus in Brandenburg 2016“ sind als gedruckte Exemplare sowie als PDF-Dokumente
auf der Homepage des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, www.statistik-berlin-brandenburg.de, unter „Produkte/Faltblätter und Broschüren“ verfügbar.

14

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Entwicklungen in der amtlichen Statistik

	 ⌜Georeferenzierung von Anschriften – Test des „BKG Geocoder“
		
von Lars Wagenknecht und Michèle Warschofsky

Die genaue räumliche Verortung von Anschriften
mittels Geokoordinaten erfährt auch in der amtlichen Statistik eine stetig wachsende Bedeutung.
Eine solche Georeferenzierung dient beispielsweise
der Optimierung der Erhebungsvorbereitung
oder einer Ergebnisdarstellung unabhängig von
administrativen Grenzen nach Gitterzellen. In den
meisten Anwendungsfällen verfügen die verwendeten Adressdaten nicht über Geokoordinaten.
Diese müssen dann nachträglich ergänzt werden.
Für Berliner Adressen stehen dem Amt für Statistik
Berlin-Brandenburg (AfS) mit der Anschriftendatenbank des Regionalen Bezugssystems (RBS) eine
regelmäßig genutzte und hochwertige Georeferenzierungsquelle sowie entsprechende Geokodierungswerkzeuge zur Verfügung. Anschriften des
Landes Brandenburg können bislang im AfS nur
mit zugekauften Hauskoordinaten der Landesvermessung und Geobasisinformation Brandenburg
(LGB) geokodiert werden. Im Auftrag der Bund-Länder-UAG „Georeferenzierung“ und in Vorbereitung
des Zensus 2021 führte das AfS einen Test des vom
Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG)
online bereitgestellten Georeferenzierungsdienstes
„BKG Geocoder“ durch.1 Das Projekt erfolgte in Zusammenarbeit mit Dr. Udo Maack, einem unabhängigen Berater, der die Testergebnisse auch für das
kommunalstatistische KOSIS-Gemeinschaftsprojekt
„Merging statistics and geospatial information“
verwendete. Der Test mündete in einem Gespräch
mit den Verantwortlichen des Dienstes beim BKG
in Leipzig.

a  |  Der „BKG Geocoder“ –
ein webbasiertes Verfahren zur Georeferenzierung

Der „BKG Geocoder“ ist eine Webanwendung zur
Geokodierung von Adressen, Ortsnamen, Postleitzahlen und Geonamen. Mit dieser Anwendung
können Statistiken und Registern mit massenhaft
adressbezogenen Einheiten automatisch Koordinaten zugewiesen werden. Als Datengrundlage nutzt
der Dienst die Datenbestände „Amtliche Hauskoordinaten Deutschlands“ (HK-DE) der Landesvermessung [1]. Diese werden einmal im Jahr in der „Zentralen Stelle Hauskoordinaten und Hausumringe2“ aus
den Bundesländern zusammengetragen und mit
PLZ- und Ortsteilangaben der „Deutsche Post Direkt
GmbH“ ergänzt.3 Zusätzlich greift der Dienst auf die
„Geographischen Namen Deutschlands“ des BKG
zurück. Als Testmaterial dienten folgende vier
Adressbestände mit insgesamt über 720 000 Adressen: Melderegister Berlin (Juni 2015), Todesursachenstatistik Berlin (2012/2013) sowie die Unternehmensregister Berlin und Brandenburg (Juli 2015).
Die Anwendung des „BKG Geocoders“ ist leicht
verständlich und benutzerfreundlich gestaltet. Zunächst kann ein der Geokodierung zugrunde liegendes Koordinatenreferenzsystem ausgewählt werden.
Für den Raum Berlin-Brandenburg empfiehlt sich
die Verwendung des amtlichen Lagebezugssystems
der beiden Bundesländer (UTM33/ETRS89). Danach
werden die Adressdaten in Form einer csv-Datei in
die Anwendung hoch geladen. Im Anschluss erfolgt
die Zuweisung der Adressverknüpfungsfelder,
wobei Hausnummer und Hausnummernzusatz zusammen in einem Feld stehen müssen.4 Die Laufzeit
der Geokodierung betrug beim Test lediglich 5 bis

b  |  B
 enutzeroberfläche des „BKG Geocoder“

15

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

8 Minuten je Datenpaket (max. 120 000 Datensätze).
Die Ergebnisse werden als Karten- und Tabellenansicht ausgegeben. In der Tabelle lassen sich die
gesuchte und die gefundene Adresse miteinander
vergleichen. Zur Qualitätsbeurteilung der Koordinatenzuordnung dient ein Gütemaß, welches einen
Wert zwischen 0 und 100 aufweist und als Prozentwert der Übereinstimmung zwischen den beiden
Adressen zu verstehen ist. Die Berechnung erfolgt
über die Ähnlichkeit der einzelnen Adresskomponenten. Dabei werden verschiedene Ähnlichkeitsalgorithmen eingesetzt [1]. Beim Hochladen
der Daten ist zu bestimmen, ab welchem Gütemaß
die Geokodierung als mangelhaft eingestuft
werden soll. In der Kartenansicht werden gute
Geokodierungsergebnisse grün und mangelhafte
rot dargestellt (Abbildung c). Laut Bedienungsanleitung sollen Werte ab 96 eine sichere Zuordnung
anzeigen.5 Der „BKG Geocoder“ liefert in jedem Fall
eine Koordinate zurück, auch wenn dies nur eine
Ersatzposition an der gleichen Straße oder innerhalb der Gemeinde ist. Deshalb ist bei der Ergebnisbetrachtung neben der „Güte“ zwingend auch der
„Typ“ des Geokodierungstreffers zu berücksichtigen.
Dieser gibt an, auf welche räumliche Einheit sich
die Koordinatenposition bezieht. Bei dem Test
waren die Treffer entweder vom Typ „Haus“, „Straße“
oder „Ort“. Während beim Typ „Haus“ eine hausnummernscharfe Koordinatenzuweisung vorliegt, wird
bei den anderen beiden Typen eine Hauskoordinate
wiedergegeben, die dem Mittelpunkt der Straße
oder der Gemeinde am nächsten liegt. Generell
gilt: Ist eine Hausnummer nicht auffindbar, wird im
Suchergebnis die nächstpassende Hausnummer,
sprich möglichst der numerische Nachbar zurückgegeben. Erst wenn die Straße nicht übereinstimmt,
wird der übergeordnete Ort zurückgegeben [1].
Mangelhafte Geokodierungsergebnisse können in
der Anwendung auch manuell korrigiert werden.
Hierbei lassen sich die Adressangaben der gefundenen Anschrift oder die Koordinatenposition
individuell verändern. Die endgültigen Ergebnisse
sind als csv-Datei herunterladbar.

1 	 http://www.geodatenzenals infas-Geodaten bekannt) 6 	Die vom BKG als sichere Zuordnung eingestufte Konsteltrum.de/geodaten/gdz_rahverfügen die GA-Daten über
lation Güte = 96 und Typ =
men.gdz_div?gdz_spr=ca. 800 000 Anschriften mehr
Haus erwies sich bei einer
deu&gdz_akt_zeile=3&gdz_
als die HK-DE-Daten. Die
Detailuntersuchung für die
anz_zeile=11&gdz_user_id=0
GA-Daten können von BunBerliner Melderegisterdaten
(Betaversion; für die Nutzung
desbehörden in einem sepaals größtenteils zu ungenau
muss ein Lizenzschlüssel
raten „BKG Geocoder Bund“
oder fehlerhaft. Laut BKG lag
beim BKG beantragt werden). zur Georeferenzierung gedies hauptsächlich an der
2 	Hausumringe und Gebäudenutzt werden.
mangelnden Aktualität der
grundrisse des Liegen4 	 In einer künftigen Version
zum Zeitpunkt des Tests zuschaftskatasters
des „BKG Geocoders“ wird
grunde liegenden Referenz3 	Die mit postalischen Angader Hausnummernzusatz als
daten (Stand 01.04. 2014).
ben ergänzten HK-DE-Daten
eigenständiger Parameter
7 	Landesamt für Bürger- und
bilden die Basis für die Erstelseparat zugewiesen.
Ordnungsangelegenheiten
lung der Georeferenzierten 5 	Im Detail lässt sich das GüteAdressdaten (GA) beim BKG.
maß laut BKG wie folgt klassiInfolge einer Anreicherung
fizieren:
der Datenbestände mit wei100 = exakter Treffer, 96–99
teren Adressdaten der „Deutsicherer Treffer, 90–95 gutes
sche Post Direkt GmbH“ (bis
Ergebnis, <90 schlechtes
2015 Anreicherung mit Adres- Ergebnis.
sen der „Nexiga GmbH“, auch

Die Ergebnisse des Tests wurden vor allem
hinsichtlich der Qualitätskriterien „Güte“ und „Typ“
untersucht. Dabei galt das Trefferergebnis nur
bei einem Gütewert von 97 und mehr sowie dem
Typ „Haus“ als akzeptabel. Alle anderen Ergebnisse wurden als Klärungsfälle mit unzureichender
Koordinatenzuweisung eingestuft.6 Auf den
ersten Blick erscheint das Gesamtergebnis recht
zufriedenstellend. Mehr als 97 % aller Adressen
erhielten eine akzeptable Geokoordinate (Tabelle 1).
Die absolute Zahl der noch übrigen, im Ernstfall
manuell zu prüfenden, Klärungsfälle ist mit rund
19 000 Anschriften allerdings deutlich zu hoch.
Erwartungsgemäß besitzt das Melderegister Berlin
mit über 99 % die höchste Trefferquote. Das Berliner
Einwohnermeldewesen (LABO7) und der Auszug für
das Melderegister basieren auf den Adressen des
RBS. Die Berliner Todesursachenstatistik und das
Unternehmensregister Berlin schneiden mit je rund
97 % auch gut ab. Im Falle des Unternehmensregisters führt sicherlich der halbjährlich stattfindende
Abgleich mit dem aktuellen RBS-Bestand zu einer
verbesserten Adressqualität. Bei den Adressen der
Todesursachenstatistik Berlin und beim Unternehmensregister Brandenburg (93 % Treffer) finden
1  |  Übersicht der Geokodierungsergebnisse des Tests

Bestand

Insgesamt

Treffer
(Güte ≥ 97;
Typ = Haus)

Klärungsfälle

Trefferanteil

Klärungsanteil
%

Berlin
Melderegister
Todesursachenstatistik
Unternehmensregister

314 586
63 290
206 436

312 617
61 660
200 187

1 969
1 630
6 249

99,4
97,4
97,0

0,6
2,6
3,0

Brandenburg
Unternehmensregister

136 886

127 753

9 133

93,3

6,7

Gesamtsumme 721 198

702 217

18 981

97,4

2,6

c  |  Ergebnisse der Geokodierung in der Kartenansicht

16

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

derartige Referenzabgleiche noch nicht statt. Für
die Brandenburger Anschriften kommt hinzu, dass
beim Adressabgleich im „BKG Geocoder“ keine
Möglichkeit bestand, die Angabe des Ortsteils
zu berücksichtigen. Diese ist bei der immer noch
großen Anzahl gleichnamiger Straßenbezeichnungen innerhalb einer Gemeinde im Land Brandenburg aber von großer Bedeutung (z. B. Dorfstraße).
Eine Einzelfalluntersuchung der Testergebnisse
bestimmter Adressen zeigte, dass die fehlende
Berücksichtigung des Ortsteilnamens vielfach zu
einer falschen Koordinatenzuweisung führt. Da
dennoch alle Anschriftenmerkmale beim Adressabgleich übereinstimmten, wurde den entsprechenden Koordinatenwerten die bestmögliche Qualität
bescheinigt (Güte = 100; Typ = Haus). Das BKG hat
inzwischen zugesichert, den Ortsteil künftig über
die Feldzuweisung im „BKG Geocoder“ beim Adressabgleich mit einzubeziehen.
Darüber hinaus ging die Untersuchung der Frage
nach, inwiefern sich die Angaben der PLZ zwischen
Quell- und Zieladressen insbesondere im Bereich
der „akzeptierten“ Zuordnungsqualität voneinander unterscheiden. Eine solche Abweichung der
PLZ bei als „Treffer“ bezeichneten Fällen lag nur bei
den Daten der Todesursachenstatistik vor. Dabei
war die PLZ der Quelladresse stets ungültig, sprich
falsch geschrieben oder nicht vorhanden. Im Falle
der fehlerhaften PLZ wurde die richtige Adresse
gefunden. Bei den fehlenden PLZ war die Zuordnung richtig, wenn nur eine Adresse zur Auswahl
stand. Gibt es mehrere Möglichkeiten der Adresszuordnung, entscheidet sich der „BKG Geocoder“
stets für die numerisch erstmögliche PLZ. Dies ist
insofern problematisch, da der Nutzer hier nicht
erfährt, dass trotz Ausweisung als „sicherer“ Treffer
auch eine andere Adresse mit gleicher Ergebnisqualität in Frage gekommen wäre. Diesen Punkt hat
das BKG inzwischen aufgegriffen und plant eine
Kennzeichnung des Kodierungsergebnisses bei
mehrdeutigen Adresszuordnungen (z. B. aufgrund
fehlender Ortsteil- oder PLZ-Angaben). Bei allen
Testdatenbeständen traten auch PLZ-Veränderungen innerhalb der Gruppe der „Klärungsfälle“ auf,
bei denen die zugeordnete Adresse außerhalb
der in der Quelladresse angegebenen Gemeinde
beziehungsweise in einem anderen Bundesland lag.
Eine über administrative Grenzen hinausgehende
Lokalisierung ist aber, wie im Falle der verwendeten
Testdaten auch, nicht immer erwünscht. Abhilfe
könnte die Möglichkeit schaffen, das Suchgebiet innerhalb der Referenzdaten im Vorfeld attributiv per
Filter einzuschränken. Der Verbesserungsvorschlag
ist beim BKG eingeplant und wird in Form eines
Suchfilters nach Bundesland und Regionalschlüssel
in die Endanwendung implementiert.
Insgesamt kann der Einsatz des „BKG Geocoders“
zur Georeferenzierung von in der amtlichen
Statistik verwendeten Adressregistern derzeit nur
bedingt empfohlen werden. Zum Zeitpunkt des
Testes wies das Produkt noch wesentliche Mängel
auf, die aber zum Teil in Kürze behoben werden.
Dazu zählen die Einbeziehung der Ortsteile beim
Adressabgleich, die Markierung der mehrdeutigen

Treffer und die Verwendung eines Suchfilters zur
Einschränkung der Zieladressen. Ein nicht unerheblicher Teil der Klärungsfälle ist allerdings auf
Mängel in den zugrundeliegenden geokodierten
Referenzadressen zurückzuführen. Neben den
Lücken bei den ausschließlich aus der Vermessung
stammenden Daten ist vor allem die mangelnde
Aktualität ein Problem. Die Vermessungsanschriften
werden deutschlandweit nur einmal im Jahr (Stichtag 01. 04.) zusammengetragen und aufbereitet. Bis
sie dem „BKG Geocoder“ als Referenz zur Verfügung
stehen, vergehen rund neun Monate. Die Testdaten
von Mitte des Jahres 2015 wurden mit den Vermessungsdaten vom 01.04. 2014 abgeglichen. Wie wichtig die zeitliche Vergleichbarkeit ist, zeigte das BKG
selbst, indem es zahlreiche Beispielklärungsfälle des
durchgeführten Tests auf Basis der Anfang 2016 neu
eingespielten Referenzdaten (Stand 01.04. 2015) nun
als sichere Treffer ausweisen konnte.
Die dem „BKG Geocoder“ zugrunde liegende Anwendungslogik und Ergebnisqualifizierung bedarf
ebenso einer Weiterentwicklung. Die Gütemaße
sind schwer nachvollziehbar bzw. durch das BKG
noch nicht ausreichend erklärt. Das BKG hat sich
bewusst für eine einfache Bewertungsskala entschieden, um dem Benutzer nicht zu viel zuzumuten. So aber fehlen echte Anhaltspunkte, mit deren
Hilfe die Benutzer eine für ihre Zwecke sinnvolle
Akzeptanzregel bei der Geokodierung ableiten
können. Je nach Ziel der Geokodierung kann ein Ergebnis aus Makro-Sicht gut, aus lokaler Sicht jedoch
schlecht sein. In Verbindung mit statistischen Daten
ist bei einer Akzeptanz von „Ersatzkoordinaten“ zu
bedenken, dass die Gefahr von falschen Häufungen
statistischer Objekte an diesen Ersatzadressen besteht. Je nach räumlicher Auswertungsebene kann
dies für Gitterzellen der Größe 10 km² akzeptabel,
für Hektar-Raster jedoch ungeeignet sein. Generell ist deshalb mehr Transparenz in Bezug auf die
Ermittlung der Ergebnisse notwendig. Zum Beispiel
würde ein für alle Adresskomponenten separat
ausgewiesener Gütewert die Klärung unakzeptabler
Fälle wesentlich vereinfachen und grundsätzliche
Abweichungen schneller erkennbar machen. Auch
sollten weitere räumliche Zwischenebenen bei der
„Ersatzkodierung“ verwendet werden. Der in der
Bedienungsanleitung beschriebene Typ „PLZ“ blieb
beim Test unberücksichtigt, soll aber laut BKG künftig wieder Teil der Anwendung sein. Nicht erkennbar war, ob sich der Typ „Ort“ nur auf die Ebene der
Gemeinde oder, wie vom BKG beschrieben, auch
auf den Ortsteil bezieht. Bezugsräume unterhalb
der Gemeindeebene sind aber insbesondere in
dichtbesiedelten Ballungsräumen unerlässlich. In
Berlin ist ein Ergebnis für die Gemeinde wenig
hilfreich. Die Bezirksebene wäre hier eine Minimalanforderung. Der Mangel an einer bundesweiten
Systematik für kleinräumige Gliederungen von
Kommunen wird hier offenkundig. Langfristig sollte
über die Verwendung entsprechender Gliederungseinheiten aus der Kommunalstatistik nachgedacht
werden. Dies könnte beispielsweise durch die
Bereitstellung des „BKG Geocoders“ als Offline-Variante für abgesicherte Statistikstellen realisiert

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Quellen
werden. Ein zusätzlicher Effekt wäre eine erhebliche
Reduzierung des Geheimhaltungsaufwandes. Beim
[1] 	 Bundesamt für Kartographie und
Geodäsie: „Geokodierungsdienst für
derzeit webbasierten Geokodierungsverfahren
Adressen und Geonamen – Schnittunterliegen die in der amtlichen Statistik verwendestellenbeschreibung Version 1.3
ten Adressdaten auch ohne Zwischenspeicherung
(22.12.2015)“.
in der Anwendung der Geheimhaltungspflicht.
	http://www.geodatenzentrum.de/
Die Datenbestände müssen zu diesem Zweck
docpdf/geokodierungsdienst.pdf
mit „Dummy-Anschriften“ in einem bestimmten
[Zugriff: 03.02.2016]
Mischungsverhältnis angereichert werden. Dadurch
entstehen aufwendige Zwischenschritte bei der Anschriftenanonymisierung bzw. -deanonymisierung.
Um dies zu vermeiden,
wird der Abschluss einer
Lars Wagenknecht, Diplom-Geograf,
Vereinbarung zur Datenist seit 2010 im Referat Zensus des Amtes
verarbeitung im Auftrag
für Statistik Berlin-Brandenburg tätig,
mit dem BKG empfohlen.
aktuell im Bereich Datenaufbereitung
mit Schwerpunkt Kartographie und
Raumbezug.
Michèle Warschofsky, DiplomIngenieur, arbeitet seit 2008 im
Referat Zensus des Amtes für Statistik
Berlin-Brandenburg.

17

18

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Bevölkerung

	 ⌜	Schätzverfahren zur Ermittlung der Bevölkerungszahl

		 für Berliner Bezirke
		von Jürgen Paffhausen

Die amtliche Bevölkerungsstatistik weist für Berlin seit jeher Ergebnisse für Bezirke aus. Mit der Novellierung des
Bevölkerungsstatistikgesetzes zum 1. Januar 2014 ist dies nicht mehr möglich, weil die Erhebung von Adressen, die
zur Regionalzuordnung unabdingbar sind, vom Gesetzgeber unterbunden worden ist. Da aber Nutzer von Daten
der amtlichen Bevölkerungsstatistik Zeitreihen insbesondere von bezirklichen Kennziffern unter allen Umständen
fortführen wollen, müssen Alternativen gefunden werden. Diese liegen in einer möglichst verlässlichen und möglichst detaillierten Schätzung von Bezirksergebnissen.

Vorbemerkung
Die Bevölkerungszahl für Berlin wird nach einem
bundeseinheitlichen Berechnungsverfahren, der
sogenannten Bevölkerungsfortschreibung, rechnerisch ermittelt. Rechtsgrundlage hierfür ist das
Bevölkerungsstatistikgesetz. Dieses Gesetz wurde
zuletzt im Jahr 2013 grundlegend novelliert. Die Gesetzesänderung trat zum 1. Januar 2014 in Kraft [1].
Seither können im Rahmen der bundeseinheitlichen
Fortschreibung des Bevölkerungsstandes (gemäß
§ 5 des Gesetzes) keine Ergebnisse mehr für die Berliner Bezirke produziert werden, denn um Daten auf
Ebene der Berliner Bezirke aufbereiten zu können,
ist es unerlässlich, die genaue Adresse (Postleitzahl,
Straße, Hausnummer) zu kennen. Die Postleitzahl
allein reicht nicht aus, weil es Postleitzahlbereiche
gibt, die nicht bezirksscharf geschnitten sind. Auf
die Postleitzahl kann aber auch nicht verzichtet werden, da Straßennamen in Berlin mehrfach vorkommen. Die Hausnummer ist erforderlich, da sich Straßen vielfach über mehrere Bezirke erstrecken. Mit
der Novellierung des Bevölkerungsstatistikgesetzes
wurde der amtlichen Bevölkerungsstatistik verwehrt,
das Merkmal „Adresse“ in den Bewegungsdaten, die
zur Fortschreibung des Bevölkerungsstandes benötigt werden, zu erfassen. Folglich ist eine Bezirkszuordnung unmöglich.1
Bereits am 2. Dezember 2014 wurde das Bevölkerungsstatistikgesetz erneut geändert [3]. Danach können seit Mai 2015 wieder Anschriften im Rahmen der
Bevölkerungsstatistik erhoben werden. Dies bedeutet, dass die im Bevölkerungsstatistikgesetz genannten Bewegungsdaten, nämlich Geburten, Sterbefälle sowie Zu- und Fortzüge, mit Anschriften geliefert
werden. Die Bevölkerungsfortschreibung, in die diese Bewegungen einfließen, wird den Bevölkerungsbestand jedoch bis zum nächsten Zensus nur für
Berlin insgesamt berechnen, denn vom Beginn des
Berichtsjahres 2014 sind bis Mai 2015 fast eineinhalb
Jahre vergangen. In dieser Zeit hat sich Berlin wei-

terhin sehr dynamisch entwickelt. Aufgrund dieser
Datenlücke ist nicht bekannt, wie genau sich die Bevölkerungsstruktur der einzelnen Bezirke zwischenzeitlich quantitativ entwickelt hat.
Da von den Nutzern der Bevölkerungsstatistik
jedoch weiterhin Ergebnisse auf Bezirksebene benötigt werden, muss nach Alternativen gesucht
werden. Die folgende Abhandlung zeigt Ausweichmöglichkeiten auf. Die Hintergründe, wie es zu dieser Sachlage kam, werden im Anhang beleuchtet.
Regional tief gegliederte Daten
aus dem Einwohnerregister
Statistische Informationen über Berlins Einwohner
liefert seit vielen Jahren neben der Bevölkerungsstatistik auch ein Statistikabzug des Berliner Einwohnerregisters, den das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg auf der Grundlage einer Verordnung [4]
regelmäßig von der Einwohnermeldebehörde erhält. Damit können unter Wahrung der statistischen
Geheimhaltung regional sehr tief gegliederte Ergebnisse ermittelt werden, weil in diesem Datenbestand
die kleinste regionale Einheit die Adresse ist. Somit
sind auch Auswertungen auf Bezirksebene möglich.

3 400 in Tausend
3 200

a  |  Bevölkerungsbestand
in Berlin aus dem
Einwohnerregister und
dem Zensus

3 000
2 800
2 600
2 400
2 200
0
EinwohnerZensus
register
09.05.2011
am 30.06.2011

1 Eine genauere Beschreibung
der Methode zur Fortschreibung des Bevölkerungsstandes
ist in [2] auf S. 31 zu finden.

19

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Allerdings ist der Bevölkerungsbestand im Melderegister offenbar überhöht. Das haben die Ergebnisse des Zensus 2011 gezeigt (Abbildung a).
Der Bestand des Einwohnerregisters weicht von
der durch den Zensus ermittelten Bevölkerungszahl um rund 112 000 Personen nach oben ab. Die
Übererfassung des Registers entspricht somit einer prozentualen Abweichung von über 3 %. Die
Zahl der Deutschen differiert zwischen Zensus
und Register lediglich um 18 000 Personen (0,6 %
Überbestand), während die melderechtlich registrierte Ausländerpopulation im Einwohnerregister mit einem Überbestand von 94 000 Personen deutlich höher angegeben wird (vergleiche
hierzu auch [2]; S. 33). Entsprechend entfallen mehr
als 80 % der Gesamtdifferenz auf die Einwohnergruppe ohne deutschen Pass.
Zwar hat sich bis zum Jahr 2013 die Differenz
zwischen dem Registerbestand und der Bevölke% verringert,
rungsfortschreibung leicht auf 2,8 
allerdings sind die Abweichungen sehr ungleichb).
mäßig über die Bezirke verteilt (Abbildung 
Die höchste Abweichung ist mit 6,8 % im Bezirk
Charlottenburg-Wilmersdorf festzustellen. Hier
weist das Einwohnerregister zum 31.12. 2013 einen
Bestand von 322 
900 
Einwohnern, die Bevölkerungsfortschreibung jedoch nur 302 300 Personen
aus. Die geringste prozentuale Abweichung gibt
es in Treptow-Köpenick. Hier zählt das Register
246 000 Einwohner, die Bevölkerungsfortschreibung
244 000 Personen (Abweichung 0,8 %). Die Werte für
die einzelnen Bezirke zeigt die folgende Tabelle 1.

1  |  Überschrift
MeldeBevölrechtlich
kerungs- Differenz
registrierte
stand**
Einwohner*

Bezirk

in 1 000
Pankow
Mitte
Tempelhof-Schöneberg
Neukölln
CharlottenburgWilmersdorf
Steglitz-Zehlendorf
FriedrichshainKreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Reinickendorf
Treptow-Köpenick
Spandau
Berlin

%

377,5
348,1

371,4
337,6

1,6
3,1

331,8
322,2

324,2
311,9

2,3
3,3

322,9
298,2

302,3
284,3

6,8
4,9

273,5
264,9
254,2
251,3
246,0
226,9

263,5
262,8
251,0
246,4
244,0
222,3

3,8
0,8
1,3
2,0
0,8
2,1

3 517,4

3 421,8

2,8

Zwei Verfahren zur Schätzung
der Bevölkerungsfortschreibung
auf Bezirksebene denkbar
Nutzern, die beispielsweise Zeitreihen von Bevölkerungsdaten für Berliner Bezirke auf Grundlage
der Bevölkerungsfortschreibung auch über das Jahr
2013 hinaus weiterführen wollen, können ab dem
Jahr 2014 nur Ergebnisse aus Schätzungen zur Verfügung gestellt werden. Ziel ist dabei, die mit der
Bevölkerungsfortschreibung für Berlin insgesamt
ermittelten Strukturen (Gliederung nach Geschlecht,
Staatsangehörigkeit deutsch/ausländisch sowie Altersjahr) auf die zwölf Berliner Bezirke „herunterzubrechen“. Als Basis zur Schätzung von Bezirksstrukturen kann das zuvor erwähnte Einwohnerregister
herangezogen werden.
Zur Schätzung von Bezirksstrukturen auf Grundlage des Einwohnerregisters sind beispielsweise die
nachfolgend beschriebenen zwei Verfahren möglich:
Verfahren I
Jede für Berlin insgesamt aus der Bevölkerungsfortschreibung vorliegende Kohorte2 wird auf die
Bezirke aufgeteilt. Die Aufteilung erfolgt für einen
Berichtszeitpunkt (z. B. 31.12. 2014) entsprechend der
prozentualen Anteile, wie sie im Einwohnerregister
zum selben Stichtag vorliegen. Die Summe der so
ermittelten Bezirksergebnisse muss bei jeder Kohorte wieder exakt den vorgegebenen Wert ergeben.
Eventuell auftretende Rundungsdifferenzen sind
auszugleichen (Abbildung c).
Verfahren II
Dieses Verfahren vollzieht sich in zwei Schritten:
Schritt 1
	 Für die Fortschreibung sind die einzelnen Kohorten der Bezirke für den Zeitstand 31.12. 2013 vorhanden. Aus dem Einwohnerregister werden für
jede Kohorte individuell die Veränderungsraten
von 2014 gegenüber 2013 auf Bezirksebene be-

b  |  Bevölkerungsbestand in den Berliner Bezirken
am 31. Dezember 2013
Fortschreibung
Einwohnerregister
Spandau
Treptow-Köpenick
Reinickendorf
Marzahn-Hellersdorf
Lichtenberg
Friedrichshain-Kreuzberg
Steglitz-Zehlendorf

* Ergebnisse des Einwohnerregisters
** Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung

Charlottenburg-Wilmersdorf
Neukölln
Tempelhof-Schöneberg

2 	Eine Kohorte ist eine Personengruppe mit gemeinsamen zeitbzw. jahrgangsspezifischen demografischen Merkmalen. Im
Kontext dieses Beitrags ist eine

Kohorte bestimmt durch das
Geschlecht, die Staatsangehörigkeit (deutsch/ausländisch)
sowie das Geburts- bzw. Altersjahr.

Mitte
Pankow
0

100

200

300

400 Tausend

20

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

ben, eventuell auftretende Rundungsdifferenzen
sind somit auszugleichen. Die so schätzungsweise ermittelten Bezirksergebnisse werden dann
Ausgangsbestand für die Schätzung des Folgejahres sein (Abbildung d).
Der Vorteil von Verfahren I ist, dass es relativ einfach
anzuwenden ist. Ein Nachteil ist, dass die Korrekturen, die sich im Verlauf des Zensus 2011 als notwendig herausgestellt haben, aus rechtlichen Gründen
nicht in das Einwohnerregister eingeflossen sind
(Rückspielverbot; s. [5], S.  24). So würden durch dieses Verfahren die im Register vorherrschenden
Strukturen auf die Fortschreibung übertragen werden.

rechnet. Mit diesen Veränderungsraten werden
auf Grundlage der 2013er Fortschreibungswerte
die Ergebnisse für das Jahr 2014 geschätzt.
Schritt 2
	 Aus den in Schritt 1 geschätzten absoluten Werten werden für jede Kohorte die auf die Bezirke
entfallenden prozentuale Anteile berechnet (die
Summe für Berlin muss je Kohorte 100 % ergeben). Mit den Anteilen werden die für Berlin aus
der Fortschreibung vorliegenden 2014er Werte
je Kohorte auf die Bezirke verteilt. Die Summe
der so ermittelten Bezirksergebnisse muss für
jede Kohorte wieder exakt den vorgegebenen
Gesamtberliner Wert der Fortschreibung erge-

c  |  Verfahren I

Fortschreibungswerte
Kohorte

Anteile 2014
aus
Einwohnerregister

Berlin 2014

Bezirk

G_S_J

01

02

…
…

x

…
…

11

12

…
…

…
…

=

…
…

…
…
…

…
…

…
…

…
…

…
…
…

	 Kohorte
	G	 Geschlecht:
	1	 männlich
	2	 weiblich

Fortschreibungswerte 2013

Veränderungsraten 2014
gegenüber 2013
aus Einwohnerregister

Absolute Schätzwerte 2014

Bezirke

Bezirke

Bezirke

Kohorte

2_1_098
2_1_099
2_1 _100

02

…
…
…

Schritt 1

G_S_J

01

…
…

…
…
…

…
…

2_1_098
2_1_099
2_1 _100

1_0_000
1 _0_001
1_0_002
…
…

12

…
…

1_0_002
…
…

Bezirke
01 Mitte
02 Friedrichshain-Kreuzberg
03 Pankow
04 Charlottenburg-Wilmersdorf
05 Spandau
06 Steglitz-Zehlendorf
07 Tempelhof-Schöneberg
08 Neukölln
09 Treptow-Köpenick
10 Marzahn-Hellersdorf
11 Lichtenberg
12 Reinickendorf

Bezirk
11

1_0_000
1 _0_001

 erfahren II
d  |  V

Schätzwerte für
Bevölkerungsfortschreibung
2014

01

…
…

02

…
…

11
…
…
…
…
…
…
…
…

…
…

12

…
…

01

x

…
…

02

…
…

11
…
…
…
…
…
…
…
…

12

… …
… …

01

=

…
…

02

…
…

11
…
…
…
…
…
…
…
…

12

	S	 Staatsangehörigkeit:
	0	 deutsch
	1	 ausländisch
	 J	 Altersjahr: 000 bis 100

…
…

…
…

Schritt 2
Fortschreibungswerte 2014
Kohorte

Berlin

Bezirke

G_S_J
1_0_000
1 _0_001
1_0_002
…
…
2_1_098
2_1_099
2_1 _100

01

…
…

Schätzwerte
für Bevölkerungsfortschreibung 2014

Anteile 2014 errechnet aus
absoluten Schätzwerten

x

…
…

02

…
…

Bezirke
11

…
…
…
…
…
…
…
…

…
…

12

…
…

01

=

…
…

02

…
…

…
…
…
…
…
…
…
…

11

12

…
…

…
…

21

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Das Verfahren II ist zwar aufwendiger als Verfahren I, führt aber dazu, dass die Strukturen, auf denen
die Bevölkerungsfortschreibung seit dem Zensus
2011 beruht, weitestgehend erhalten bleiben.
Im Folgenden werden beide Verfahren einer Validierung unterzogen.
Verfahrensvergleich und Bewertung
Um die Verfahren vergleichen und bewerten zu
können, wurden beide vorgenannten Verfahren
testweise für das Jahr 2013 angewendet, denn für
dieses Jahr liegen als Vergleichsgröße noch Bezirksergebnisse der Fortschreibung vor. Dabei wurde
Verfahren II auf Basis der Fortschreibungsdaten von
2012 berechnet.
Schon die Ergebnisse für die Bezirke insgesamt zeigen, dass die Schätzung mit Verfahren II die echten
Fortschreibungsergebnisse am besten trifft (Abbildung e). Die Abweichungen gegenüber den echten
Fortschreibungsergebnissen schwanken hier bei
den Bezirken zwischen –0,28 % und 0,14 %. Bei Verfahren I ist die Spannbreite der Abweichungen deutlich größer, und zwar zwischen –1,64 % und 2,83 %.
Die Ergebnisse für die einzelnen Bezirke sind in der
folgenden Tabelle 2 dargestellt.

Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, welches Verfahren die originären Fortschreibungsergebnisse am
besten wiedergibt, ist der Korrelationskoeffizient.
In Abbildung f sind die Koeffizienten, die den statistisch-mathematischen Zusammenhang der beiden
Verfahren mit den Originalwerten messen, dargestellt. Es zeigt sich, dass bei der deutschen Bevölkerung die Übereinstimmung mit den Originalwerten
in beiden Verfahren recht groß ist (der Korrelationskoeffizient liegt jeweils sehr nahe bei 1). Allerdings
sind deutliche Unterschiede der Koeffizienten bei
der ausländischen Bevölkerung vorhanden. Hier
wird mit Verfahren II eine höhere Übereinstimmung
erzielt.

e  |  Ergebnisse der Schätzverfahren I und II
und Fortschreibungsergebnisse
zum Stand 31. Dezember 2013 nach Bezirken
Spandau
Treptow-Köpenick
Reinickendorf
Marzahn-Hellersdorf
Lichtenberg

2  |  Ergebnisse der Schätzverfahren I und II
und Fortschreibungsergebnisse
zum Stand 31. Dezember 2013 nach Bezirken

Fortschreibung

Bezirk

Schätzung
gemäß

Abweichung
von Fortschreibung

II

Charlottenburg-Wilmersdorf
Neukölln
Tempelhof-Schöneberg

I

in 1 000

Berlin

Steglitz-Zehlendorf

Verfahren
I

Pankow
Mitte
TempelhofSchöneberg
Neukölln
CharlottenburgWilmersdorf
Steglitz-Zehlendorf
FriedrichshainKreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Reinickendorf
Treptow-Köpenick
Spandau

Friedrichshain-Kreuzberg

II
%

Mitte
Pankow

371,4
337,6

370,6
332,1

371,3
337,9

–0,23
–1,64

–0,04
0,09

324,2
311,9

322,4
310,3

324,3
312,1

–0,56
–0,54

0,03
0,06

302,3
284,3

310,9
291,1

301,5
283,9

2,83
2,38

–0,28
–0,16

263,5
262,8
251,0
246,4
244,0
222,3

262,6
260,3
251,2
245,7
243,1
221,8

263,2
262,9
251,3
246,8
244,2
222,5

–0,35
–0,94
0,08
–0,30
–0,39
–0,24

–0,12
0,06
0,11
0,14
0,06
0,10

3 421,8 3 421,8 3 421,8

0,00

0,00

100

0

200

300

400 Tausend

Schätzung gemäß Verfahren I
Fortschreibung
Schätzung gemäß Verfahren II

 usammenhang zwischen den Ergebnissen
f  |  Z
der Schätzverfahren I und II und den Ergebnissen
der Fortschreibung (Korrelationskoeffizient)
1,000 Korrelationskoeffizient
0,998
0,996
0,994
0,992
0,990
0,988
0,986
0,984
0,982
0,980
Insgesamt
Verfahren I
Verfahren II

Deutsche

Ausländer Ausländer
CharlottenburgWilmersdorf

22

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Noch augenfälliger sind die Unterschiede bei der
Betrachtung des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, also dem Bezirk, bei dem die größte prozentuale Abweichung der Fortschreibungswerte von den
Zahlen des Einwohnerregisters auftrat. Wird für diesen Bezirk auch noch die in Abbildung g dargestellte
Altersstruktur betrachtet, so wird deutlich, dass es
eine große Übereinstimmung beider Verfahren bei
der deutschen Bevölkerung gibt, bei der ausländischen Bevölkerung aber mit Verfahren II eindeutig
bessere Ergebnisse erzielt werden.

Fazit und Ausblick
Von den beiden beschriebenen Verfahren für die
Schätzung der Fortschreibungsergebnisse auf Ebene der Berliner Bezirke erzeugt das Verfahren II eindeutig die Werte, die der originären Struktur am
ehesten entsprechen. Auf Grundlage dieses Verfahrens werden künftig mit dem Stand zum Jahresende einmal im Jahr Schätzergebnisse für die Bezirke berechnet. Um keine Genauigkeit vorzutäuschen,
werden die Ergebnisse in 1 000 mit einer Nachkommastelle ausgewiesen; darüber hinaus werden
die Daten grundsätzlich nur zu Altersgruppen zusammengefasst weitergegeben. Diese Berechnungen werden bis zum Vorliegen der Ergebnisse des
Zensus,
nächsten
der nach derzeitiJürgen Paffhausenleitet das Referat
gen Planungen im
Bevölkerung, Kommunalstatistik im Amt für
Jahr 2021 stattfinden
Statistik Berlin-Brandenburg.
wird, weitergeführt.

g  |  Ergebnisse der Schätzverfahren I und II
und Fortschreibungsergebnisse für
den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf
zum Stand 31. Dezember 2013 nach Altersjahren
Deutsche
4 500

Verfahren I
Fortschreibung
Verfahren II

4 000
3 500
3 000
2 500
2 000
1 500
1 000
500
0
0

4

8 12 16 20 24 28 32 36 40 44 48 52 56 60 64 68 72 76 80 84 88 92 96 100
Jahre

Ausländer
1 400

Verfahren I
Fortschreibung
Verfahren II

1 200
1 000
800
600
400
200
0
0

4

8 12 16 20 24 28 32 36 40 44 48 52 56 60 64 68 72 76 80 84 88 92 96 100
Jahre

Quellen
[1] 	 Gesetz über die Statistik der Bevölkerungsbewegung und die Fortschreibung des Bevölkerungsstandes
(Bevölkerungsstatistikgesetz BevStatG) vom 20. April 2013 (BGBl. I
S. 826), das zuletzt durch Artikel 13 des
Gesetzes vom 20. November 2015
(BGBl. I S. 2010) geändert worden ist
[2] 	 Jürgen Paffhausen: Anmerkungen zu
Abweichungen der Bevölkerungszahl
des Zensus 2011 von den bisher
ermittelten Einwohnerzahlen für das
Land Berlin; Zeitschrift für amtliche
Statistik Berlin Brandenburg“,
Ausgabe 3/2013, S. 30 ff.
[3] 	 Zweites Gesetz zur Änderung des
Mikrozensusgesetzes 2005 und des
Bevölkerungsstatistikgesetzes vom
2. Dezember 2014 (BGBl. I S. 1926)
[4] 	 Verordnung über die Übermittlung von
Daten aus dem Verwaltungsvollzug an
das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (ÜbermittlungsVO) vom
20. Dezember 1993, zuletzt geändert
durch Verordnung vom 20.12. 2011
(GVBl. S. 831)
[5] 	 Statistisches Bundesamt in Zusammenarbeit mit den Statistischen Ämtern der
Länder (Hrsg.): Das registergestützte
Verfahren beim Zensus 2011; Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2011

23

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Anhang
Nachfolgend werden einige Hintergrundinformationen zur Bereitstellung von Bezirksdaten für Berlin
aus der Bevölkerungsstatistik gegeben.
Bis einschließlich zum Jahr 2013 wurden für Berlin
Bevölkerungsdaten auf Bezirksebene bereitgestellt.
Dies geschah allerdings ohne explizite Rechtsgrundlage. Im alten Bevölkerungsstatistikgesetz von 1957
war die Erfassung von Adressen nicht geregelt worden; als Regionalangabe wurde der Begriff „Wohngemeinde“ angeführt. In dieser Notation hätte es
für Berlin als Einheitsgemeinde nur eine regionale
Ebene, nämlich Berlin insgesamt gegeben. Weil der
Bedarf an feiner gegliederten Daten aber anerkannt
war, wurde für Deutschlands drei Stadtstaaten durch
eine statistische Innenministervereinbarung in
den 1960er Jahren die „Wohngemeinde“ als jeweils
kleinste administrative Einheit definiert. Das waren
und sind in Berlin die Bezirke. Seit jener Zeit erhielt
das statistische Amt ohne ausdrückliche gesetzliche
Grundlage die für die Bevölkerungsstatistik relevanten Bewegungsdaten (Geburten, Sterbefälle, Zuund Fortzüge) einschließlich der Adressen.
Das Bevölkerungsstatistikgesetz wurde vor der
Novellierung im Jahr 2013 das letzte Mal im Jahr
1980 neu gefasst (seither gab es nur diverse kleinere Anpassungen). Auch in dieser Neufassung gab es
keine explizite Nennung der Zulässigkeit der Erhebung von Anschriften. Die Lieferung der Anschriften
durch die auskunftspflichtigen Ämter erfolgte aber
weiterhin „gewohnheitsgemäß“, ohne dass die Liefe-

3 Vgl.: Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht 222. Sitzung Berlin, Donnerstag, den
21. Februar 2013; Tagesordnungspunkt 20: Zweite und
dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes
über die Statistik der Bevölkerungsbewegung und die Fortschreibung des Bevölkerungsstandes (Bevölkerungsstatistikgesetz – BevStatG) – Drucksache 17/9219

rung dieser Merkmale jemals in Frage gestellt wurde.
Im Jahr 1983, also erst nach der Neufassung des Bevölkerungsstatistikgesetzes von 1980, wurde im Rahmen des damaligen Volkszählungsprojektes vom
Verfassungsgericht das „Volkszählungsurteil“ gefällt
(BVerfG, Urteil v. 15. Dezember 1983, Az. 1 BvR 209,
269, 362, 420, 440, 484/83). Das Urteil verlangte von
der amtliche Statistik, dass ihre verfassungsgemäßen gesetzlichen Grundlagen dem rechtsstaatlichen
Gebot der Normenklarheit entsprechen müssen.
Um der geforderten Normenklarheit zu entsprechen, ist in einem Referentenentwurf dann auch
folgerichtig die Adresse als Hilfsmerkmal in die anstehende Gesetzesnovelle aufgenommen worden.
Seitens des Bundesinnenministeriums, über das
der Gesetzentwurf in den Bundestag einzubringen
war, wurde unter anderem auch der Passus, der die
Adressen vorsieht, gegen die Forderungen der Statistikreferenten der Stadtstaaten gestrichen und so
in den Bundestag eingereicht. Im Zuge des Gesetzgebungsverfahrens erfolgte dann eine Weiterleitung des Gesetzes an den Bundesrat, der daraufhin
die Aufnahme der Adressen als Hilfsmerkmal forderte. Dieser Forderung wurde vom Bundestag indes
nicht entsprochen.
Der Deutsche Bundestag nahm am 21. Februar 2013
auf seiner 222. Sitzung den Gesetzentwurf einstimmig an.3
Dass die Adressen ursprünglich vorgesehen waren,
durch das Parlament aber abgelehnt wurden, geht
aus der in Anlage 8 des stenografischen Berichts zu
Protokoll gegebenen Rede des Abgeordneten Herrn
Manuel Höferlin (FDP) hervor (Auszug): „Doch haben wir auch eine Reihe von Verbesserungen beim
Datenschutz erreicht. So werden in Zukunft keine
Adressdaten als Hilfs- oder Erhebungsmerkmale
gesammelt. Zwar hatten insbesondere die Vertreter
der Länder bei der Bundesratsberatung diese Forderung gestellt; wir Liberale dagegen halten dies
für nicht erforderlich. Und es zeigt sich so: Beides
geht – hochwertige Statistiken und Datenschutz!“
Folglich war daraufhin die Erhebung von Adressen
bis Mai 2015 völlig ausgeschlossen.

24

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Bevölkerung

	 ⌜	Die Altersstruktur der Berliner Bevölkerung

		 im Vergleich zu anderen Metropolen
		von Friederike Hahn und Jürgen Paffhausen

Seit dem Jahr 2005 steigt die Bevölkerungszahl Berlins stetig an. Allein seit 2011, dem Jahr des letzten Zensus,
hat die Stadt 144 000 Einwohner hinzugewonnen und wuchs damit um 4,3 %. Berlin ist mit nunmehr
3,47 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Europäischen Union. Nur London ist größer; dies aber
bei 8,5 Millionen Einwohnern freilich mit deutlichem Vorsprung.

Geburten und Zuzüge haben Auswirkungen
auf die Altersstruktur Berlins
Der Einwohnerzuwachs (Abbildung a) in Berlin hat
zwei Gründe: Zum einen ist in den letzten Jahren ein
Zustrom insbesondere junger Menschen zu beobachten und zum anderen steigt die Geburtenzahl deutlich an (Abbildung b). Seit dem Jahr 2005 hat Berlin
durch Zuzüge insgesamt rund 235 300 neue Einwohner gewonnen (Abbildung  c), darunter über 60 % Ausländer. Allein im vierten Quartal des Jahres 2014 betrug der Zuzugsgewinn 14 300 Personen, von denen
mehr als zwei Drittel zwischen 20 und 30 Jahre alt
waren. Durch den schon länger anhaltenden Zustrom junger Menschen und somit auch potenzieller
Mütter ist der erwähnte Geburtenanstieg zu erklären (Abbildung d). Wurden 2005 noch weniger als
29 000 Geburten registriert, so waren es 2010 deutlich mehr als 33 000 und im Jahr 2014 wurden sogar
über 37 000 Geburten gezählt. Das sind beinahe 30 %
mehr als im Jahr 2006. Auch dank des Geburtenanstieges ab dem Jahr 2006 liegt die Zahl der Geburten
über der der Sterbefälle. Seit dem Jahr 2007 steigen
diese Geburtenüberschüsse noch an.
a  |  Bevölkerung in Berlin seit dem Jahr 2000
Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung
3 550 Tausend
3 500

b  |  Geburten und Sterbefälle in Berlin
seit dem Jahr 2004
40 000
35 000
30 000

3 450

25 000

3 400

20 000

3 350

15 000

3 300

10 000

3 250
0

Geburten und Sterbefälle sind mitentscheidende
Faktoren für die demografische Entwicklung einer
Gesellschaft. In der Entwicklung der Geburtenzahl
im längeren Zeitverlauf spiegeln sich beispielsweise
auch besondere gesellschaftliche und wirtschaftliche Ereignisse wider. Dies veranschaulicht Abbildung e, in der die Altersstruktur der Berliner Bevölkerung für das Jahr 2014 abgebildet ist. Die Grafik
zeigt einen Einbruch der Bevölkerungszahl bei der
Nachkriegsgeneration, der hauptsächlich auf den
starken Rückgang der Geburtenzahl während und
gleich nach dem zweiten Weltkrieg zurückzuführen
ist. Die Geburtenzahlen erholten sich in den Jahren
nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst sehr langsam,
dann aber mit zunehmender Geschwindigkeit. Der
wirtschaftliche Aufschwung seit den 1950er Jahren
war der Auslöser des darauffolgenden sehr starken
Bevölkerungswachstums („Babyboom“). Ende der
1950er Jahre herrschte Vollbeschäftigung in Deutschland. Die Reallöhne stiegen in der Zeit bis 1970 um
das Zweieinhalbfache [1]. Der Höhepunkt des Wirtschaftswachstums ging einher mit dem Geburtenboom von 1964. In diesem Jahr kamen in Berlin

5 000
2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Bevölkerungsfortschreibung auf alter Basis;
für ehemals Berlin-West: Volkszählung 1987,
für ehemals Berlin-Ost: Einwohnerregister der DDR 1990.
Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des Zensus 2011

0
-5 000
2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Lebendgeborene
Gestorbene

Saldo

25

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

44 400 Kinder zur Welt – das ist die höchste Anzahl
an Geburten, die es jemals in Berlin gegeben hat. In
den darauffolgenden zehn Jahren kam es zu einem
Rückgang der Bevölkerungszahl, der sich mit der
geringen Geburtenrate der 1940er Jahre und somit
einer geringeren Anzahl an Frauen im gebärfähigen
Alter erklären lässt („demografisches Echo“). Ein weiterer Faktor des Geburtenrückgangs war die Einführung der Anti-Baby-Pille („Pillenknick“). Den folgenden Bevölkerungsanstieg in den 1980er Jahren kann
man wiederum als demografisches Echo des Babybooms der 1960er Jahre verstehen. Aufgrund einer
größeren Bevölkerungszahl in den 1960er Jahren
und folglich einer größeren Anzahl an Frauen im gebärfähigen Alter nimmt die Personenzahl der heute
23- bis 34-Jährigen wieder stark zu. Diese Entwicklung wird durch die Tatsache verstärkt, dass dies die
Personengruppe mit den meisten Zuzügen ist. So
stellt die Gruppe der 26-Jährigen die am stärksten
besetzte Altersjahresgruppe der Berliner Bevölkerung dar. In der Gruppe der etwa 25- bis 15-Jährigen
verringert sich mit abnehmendem Alter die Zahl der
Personen von Altersjahr zu Altersjahr. Dies ist ein
weiteres demografisches Echo auf den Pillenknick
Ende der 1960er Jahre. Dieser Effekt wird durch den
Geburteneinbruch nach der Wiedervereinigung
verstärkt, der – wie in allen neuen Bundesländern –
auch im Ostteil deutlich zu spüren war und sich auf
die Geburtenentwicklung von ganz Berlin auswirkte.
Seit 2005 wird wieder ein Geburtenanstieg verzeichnet, der auch auf den Zustrom junger Menschen zurückzuführen ist.
Altersstruktur Berlins im Vergleich
mit der anderer Weltmetropolen
Die Altersstruktur der Berliner Bevölkerung soll im
Folgenden mit der anderer Metropolen verglichen
werden. Zunächst werden dabei die fünf größten
Metropolen der Europäischen Union betrachtet (Abbildung f1 bis f4). Dies sind neben Berlin die britische
Hauptstadt London mit 8,5 Mill. Einwohnern (2014),
Madrid mit 3,27 Mill. Einwohnern (2011), Rom mit
2,87 Mill. Einwohnern (2014) und Paris mit 2,25 Mill.
Einwohnern (2011). Weiterhin soll auch Wien zum

c  |  Zu- und Fortzüge über die Grenzen von Berlin
seit dem Jahr 2004

Vergleich hinzugezogen werden (1,8 Mill. Einwohner
2014: Abbildung f5). Außerdem werden zwei außereuropäische Weltstädte betrachtet (Abbildung f6,
f7): New York (8,2 Mill. Einwohner, 2010) und Tokio
(12,8 Mill. Einwohner, 2014). Die Abbildungen zeigen
in Lebensbäumen (ehemals „Bevölkerungspyramiden“) die Altersstruktur in Promille-Werten und haben für Berlin (Linie) und die Vergleichsmetropole
(Balken) jeweils den gleichen Zeitstand.
Die nachfolgenden Anmerkungen beschränken
sich fast ausschließlich auf Erkenntnisse, die sich
aus den vorliegenden Daten ergeben. Umfassende
Erklärungsansätze für Unterschiede oder auch Ähnlichkeiten werden nicht gegeben.
Stärkere Ähnlichkeiten der Altersstruktur Berlins
zeigen sich nur im Vergleich mit der österreichischen
Hauptstadt Wien. Dies dürfte auf vergleichbare geschichtliche Hintergründe zurückführen sein, die sowohl den deutschen als auch den österreichischen
Altersaufbau geprägt haben. Die Wiener Bevölkerung ist allerdings mit einem Durchschnittsalter von
40,9 Jahren insgesamt um etwa zwei Jahre jünger
als die Berlins (durchschnittlich 42,8 Jahre, Werte
von 2014).
In etwa gleicher Art abweichend von Berlin sind
die Bevölkerungsstrukturen der europäischen Metropolen London, Madrid und Paris. In diesen Städten gibt es anders als in Berlin keine so deutlichen
Schwankungen in der Besetzung der einzelnen Altersjahrgänge. Sie stellen eher typische Strukturen
von Großstädten in Industrieländern dar. Ein Merkmal für eine solche Struktur ist ein besonders großer Anteil jüngerer Menschen und somit eine sehr
starke Ausprägung im unteren Drittel der Bevölkerungspyramide. Die deutlich größte Altersgruppe
bilden sowohl in London als auch in Paris die Personen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. In London
beispielsweise stellt die Altersgruppe der 29-Jährigen die größte Einzelaltersgruppe der Bevölkerung
dar. Während in Berlin 41 % der Bevölkerung im Jahr
2014 unter 35 Jahre alt waren, lag der entsprechende
Wert in London bei 51 % und in Paris bei 47 %. Außerdem ist in London auch der Anteil von Kindern und
Jugendlichen deutlich höher als in Berlin. Mit einem

d  |  Saldo aus Zu- und Fortzügen in Berlin nach Altersjahren
Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2014

175 000

3 500 Zu- und Fortzüge

150 000

3 000

125 000

2 500

100 000

2 000

75 000

1 500

50 000

1 000

25 000

500

0
2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Zuzüge
Fortzüge

Überschuss

0
-500
0

5

10

15

20

25

30

35

40

45

50

55

60

65

70

75

80

85

90

95 Jahre
und älter

26

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Durchschnittsalter von 36,3 Jahren ist London zudem
die jüngste der hier betrachteten Metropolen. Paris
ist im Durchschnitt seiner Einwohner 39,6 Jahre alt.
Auch in Madrid ist eine Altersgruppe stärker vertreten, allerdings eine etwa um fünf Jahre ältere Gruppe
als in London und Paris, nämlich die der etwa 30- bis
40-Jährigen. Mit einem Altersdurchschnitt von 42,6
Jahren hat Madrid wie Berlin unter den hier verglichenen Metropolen eher eine etwas ältere Bevölkerung,
wobei die am stärksten vertretene Altersgruppe die
der 34-Jährigen ist. In der spanischen Hauptstadt
waren 2011 die Anteile der Kinder und Jugendlichen
ähnlich groß wie in Berlin. Unter 40 Jahre alt waren in
Madrid 48 % der Einwohner, in Berlin 46 %.
Rom ist mit einem Durchschnittsalter seiner Einwohner von 44,7 Jahren die älteste der betrachteten
Großstädte. Auch in der italienischen Hauptstadt gibt
es eine stärker ausgeprägte Altersgruppe. Hier ist es
die Gruppe der etwa 35- bis 50-Jährigen. Bei Kindern
und Jugendlichen sowie bei den Einwohnern über
50 Jahren sind die Altersstrukturen von Rom und
Berlin recht ähnlich. Nur bei den jüngeren Menschen
im Alter von etwa 25 bis 35 Jahren gibt es in Berlin
deutlich höhere Anteile als in der Hauptstadt Italiens.
Von den hier ausgewählten beiden außereuropäischen Metropolen zeigt sich auch New York als
typisches Beispiel einer Großstadt in einem Industrieland. Mit einem Altersdurchschnitt von 37,4 Jahren ist
New York ebenfalls deutlich jünger als Berlin. Detaillierte Bevölkerungsdaten für New York liegen aktuell
nur für das Jahr 2010 vor, dem Jahr des letzten Zensus
in den Vereinigten Staaten. Darin zeigt sich, dass
auch in New York die stärkste Altersgruppe die der
25- bis 35-Jährigen ist. Die Anteile der Kinder und Jugendlichen sind hier deutlich größer als in Berlin. Im
Jahr 2010 waren 49 % der Einwohner New Yorks unter
35 Jahre alt, in Berlin waren es zur gleichen Zeit 39 %.

Die Bevölkerung von Tokio ist mit einem Durchschnittsalter von 42,5 Jahren etwa genauso alt wie
die Berlinerinnen und Berliner. Auch in Tokio gibt es
Schwankungen in der Besetzung der Altersjahrgänge. Besondere Ausprägungen gibt es bei den etwa
65-Jährigen und bei den Personen im Alter zwischen
40 und 50 Jahren. Ab dem Alter von 40 Jahren geht
die Größe der jüngeren Einwohnerschaft von Jahrgang zu Jahrgang bis etwa zum Alter von 20 Jahren
deutlich zurück. Unter 40 Jahre alt sind in der japanischen Hauptstadt 44 % der Bevölkerung, in Berlin
46 %. Eine Besonderheit fällt in der Altersstruktur
von Tokio besonders ins Auge: Es handelt sich dabei
um den deutlichen Rückgang bei den im Jahr 2014
etwa 48-Jährigen, also den im Jahr 1966 Geborenen.
Nach dem chinesischen Kalender war jenes Jahr ein
Jahr des Feuer-Pferdes. Im ostasiatischen Raum besteht die Vorstellung, „dass Mädchen, die in einem
solchen Jahr geboren
werden, großes Un- Friederike Hahn a bsolvierte als Studentin
glück über die Familie der Volkswirtschaftslehre ein Praktikum im
bringen können“ [2]. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg.
Frauen, die damals geboren wurden, hatten Jürgen Paffhausenleitet das Referat
deshalb automatisch Bevölkerung, Kommunalstatistik im Amt für
schlechtere Heirats- Statistik Berlin-Brandenburg.
chancen. Einer Untersuchung zufolge
kam es deshalb 1966 Quellen
in Japan zu einem [1] 	 Andreas Dilger, Ute Frevert, Hilke
Anstieg der AbtreiGünther-Arndt, Hans-Georg
bungsrate und einer
Hofacker, Dirk Hoffmann, Ulrich
Sterblicherhöhten
Maneval, Norbert Zwölfer u. a.:
Kursbuch Geschichte – Vom Ende
keitsrate weiblicher
des 18. Jahrhunderts bis zur
Neugeborener [2].

e  |  Bevölkerung in Berlin im Jahr 2014 nach Geschlecht und Alter
Angaben in Promille

90
85
80

männlich

75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

Frauenüberschuss
Männerüberschuss

5
0

30 25
Promille

20

15

10

5

0 0

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

95
90
85

weiblich

80

männlich

75

Geburteneinbruch durch den 2. Weltkrieg

70
65
60

„Babyboom“ der 50er und 60er Jahre

55
50

Geburtenrückgang in den 1960er Jahren durch die Markteinführung der Anti-Baby-Pille („Pillenknick“)
Geburtenanstieg in den 1980er Jahren verstärkt durch
Zuzugsgewinne bei jüngeren Menschen seit 2005
Geburtenrückgang verstärkt durch den Geburteneinbruch
im Ostteil der Stadt nach der Vereinigung
Geburtenanstieg seit 2006

45
40
35
30
25
20
15
10

Berlin

5
0

5

10

15

20

25 30
Promille

Durchschnittsalter: 36,3 Jahre

Altersjahre mm
100

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

95

f  |  Bevölkerung in Berlin und London im Jahr 2014
nach Geschlecht und Altersjahren

Durchschnittsalter: 42,8 Jahre

Altersjahre mm
100

Gegenwart. 2003, S. 381
[2] 	 Hochschule Ludwigshafen am
Rhein, Ostasieninstitut; http://oai.
de/en/55-ostasienlexikon/
jjj/2512-jahr-des-pferdes-tierkreis.
html

30 25
Promille

20

15

10

5

0 0

weiblich

5

10

15

20

25 30
Promille
Quelle: Office for National Statistics, London

27

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

f  2-7|  B
 evölkerung in Berlin und … nach Geschlecht und Altersjahren
f  3|  … Rom im Jahr 2014

f  2|  … Madrid im Jahr 2011
Durchschnittsalter: 42,6 Jahre

Altersjahre mm
100
95
90
85
80

männlich

75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

Berlin

5
0

30 25
Promille

20

15

10

0 0

5

90
85

65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

85
80

männlich

75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

Berlin

5
0

30 25
Promille

20

15

10

5

0

5

10

15

20

25 30
Promille
Quelle: Instituto Nacional de Estadística, Madrid

80

männlich

75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

Berlin

5
0

30 25
Promille

20

15

10

5

10

0 0

5

5

10

25 30
Promille
Quelle: Istituto Nazionale di Statistica, Rom

15

20

0 0

0 0

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

90

weiblich

85
80

männlich

75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

Berlin

5
0

5

10

15

20

Durchschnittsalter: 40,9 Jahre

Altersjahre mm
95

30 25
Promille

20

15

10

5

0 0

weiblich

5

10

15

20

25 30
Promille
Quelle: Statistik Austria, Stand 01.01.2015

f  7|  … Tokio im Jahr 2014
Durchschnittsalter: 37,4 Jahre

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

85

15

100

Altersjahre mm

90

20

weiblich

f  5|  … Wien im Jahr 2014

f  6|  … New York im Jahr 2010
95

30 25
Promille

Durchschnittsalter: 39,6 Jahre

25 30
Promille
Quelle: Institut national de la statistique et des études économiques, Lyon

100

Berlin

5

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

90

männlich

70

Altersjahre mm
95

80
75

f  4|  … Paris im Jahr 2011
100

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

95

weiblich

Durchschnittsalter: 44,7 Jahre

Altersjahre mm
100

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0

95
90
85

weiblich

80

männlich

75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10

Berlin

5
0

5

10

15

20

25 30
Promille
Quelle: New York City Department of City Planning

Durchschnittsalter: 42,5 Jahre

Altersjahre mm
100

30 25
Promille

20

15

10

5

0 0

weiblich

5

10

15

20

25 30
Promille
Quelle: Statistics Division, Bureau of General Affairs, Tokyo

28

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Bevölkerung

	 ⌜	Bevölkerungsprognose für das Land Brandenburg

		 für den Zeitraum 2014 bis 2040

		von Hans Jürgen Volkerding und Jürgen Paffhausen
Gemeinsam mit dem Brandenburger Landesamt für Bauen und Verkehr (LBV) hat das Amt für Statistik BerlinBrandenburg (AfS) die letzte Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 2012 aktualisiert. Die Aktualisierung war unter
anderem notwendig, weil im Jahr 2011 ein Zensus stattfand, mit dem die bis dahin ermittelte Bevölkerungszahl
neu justiert wurde und die vorherige Prognoserechnung somit ihre Basis verloren hatte. Die Ergebnisse umfassen
den Zeitraum 2014 bis 2040 und sind in Form eines statistischen Berichtes veröffentlicht worden [1]. Nachfolgend
ist ein Auszug mit den wichtigsten Ergebnissen aus der umfassenden Dokumentation wiedergegeben. Die Darstellung beschränkt sich auf Ergebnisse für das Land Brandenburg, während die Kommentierung im Bericht auch die
erwartete Entwicklung in den kreisfreien Städten und Landkreisen betrachtet. Das LBV hat darüber hinaus auch
Ergebnisse für Ämter und amtsfreie Gemeinden des Landes Brandenburg im Internet veröffentlicht [2].

Vorbemerkung
Aufgabe der Prognose ist es, langfristige Entwicklungstendenzen aufzuzeigen und zu quantifizieren.
Der gesellschaftliche Wertewandel, die ökonomische Situation, die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf, der medizinische Fortschritt und andere Faktoren beeinflussen die Bevölkerungsentwicklung
nachhaltig, was wiederum politisch-planerischen
Handlungsbedarf auslöst. Überlagert werden diese
langfristigen Entwicklungstrends seit dem Jahr 2013
von einer deutlichen Erhöhung der Zuwanderung
aus dem Ausland, primär im Kontext Flucht und
Asyl. Diese nahm im Jahr 2015 nochmals sprunghaft
zu. Die Prognoseergebnisse basieren auf Trendbeobachtungen, Vorausschätzungen maßgeblicher
Einflussfaktoren auf die demografische Situation
und Analogieschlüssen. Die als wahrscheinlich eingeschätzten Entwicklungen der Fruchtbarkeit, der
Sterblichkeit und der Wanderungsbewegungen
stehen im Zentrum der Annahmefindung und fußen auf gründlichen und überwiegend regional differenzierten Analysen der bisherigen Entwicklung.
Gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin wurden die Annahmen
zu den Wanderungsverflechtungen zwischen Berlin
und seinem Umland1 analysiert und harmonisiert.
Es handelt sich bei der Prognose nicht um eine
Vorhersage, sondern um eine Veranschaulichung
des zeitlichen Verlaufs der Bevölkerungsentwicklung sowie der voraussichtlichen Veränderungen
der Altersstruktur und der räumlichen Verteilung,
wenn die zuvor bestimmten Einflussfaktoren den
angenommenen Entwicklungsverlauf nehmen. Die
Unsicherheiten der Prognose sind immer im Zusammenhang mit den zugrunde liegenden Annahmen
zu sehen. Singuläre Ereignisse sind dabei in ihren

Auswirkungen nicht vorhersehbar. Kurzfristige Abweichungen der prognostizierten von der realen
Entwicklung bedeuten nicht, dass die Prognose
grundsätzlich in Frage gestellt werden muss. Dies
ist unter anderem darin begründet, dass Prognosen meist in etwa lineare Entwicklungsverläufe und
keine jährlichen Schwankungen abbilden. Trotz bestehender Unsicherheiten bei der Annahmefindung
ist die Prognose eine für politische Entscheidungen
zumeist ausreichend zuverlässige Grundlage, da das
Fundament für die künftige demografische Entwicklung durch den Umfang und die Struktur der Bevölkerung bereits in der Gegenwart gelegt ist.
Annahmen zur Fertilität
Für die Annahmefindung zur Geburtenhäufigkeit
wurde der gewichtete Durchschnitt der Geburtenrate² der Jahre 2011 bis 2013 herangezogen. In der Prognose wird unterstellt, dass die Geburtenhäufigkeit
der Brandenburgerinnen im Durchschnitt auf dem
derzeitigen Niveau von annähernd 1,46 Kindern je
Frau konstant bleibt. Ausgehend von den Analyseergebnissen der letzten Jahre werden in der Prognose
raumspezifische Geburtenziffern verwendet und
auch regionale Besonderheiten berücksichtigt. Für
einen weiteren substanziellen Anstieg der Geburtenhäufigkeit gibt es keine begründeten Hinweise.
Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit ver-

Brandenburger Teil des Stadt1 	Als Umland wird hier der StrukUmland-Zusammenhangs von
tur- und Analyseraum bezeichBerlin und Potsdam ausgewienet, der das mit der Metropole
sen ist. Dieser Raum umfasst
Berlin hochgradig verflochtene
50 Gemeinden.
Umland im Land Brandenburg
umfasst und im Landesentwick- 2	 Durchschnittliche Kinderzahl
je Frau (Geburtenziffernsumme)
lungsplan Berlin-Brandenburg
(LEP B-B) vom 31. März 2009 als

29

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

gleichbaren aktuellen Prognoseannahmen. Auch das
Statistische Bundesamt geht in seiner Basisannahme
zur 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberecnung
von annähernder Konstanz aus ([3], Seite 31).
Seit der Wiedervereinigung Deutschlands hat sich
die Altersstruktur der gebärenden Frauen im Land
Brandenburg nachweisbar verändert. Wurden 1990
die meisten Kinder noch von den 20- bis 26-jährigen Frauen geboren, so sind heute die Mütter bei
der Geburt ihres Kindes überwiegend zwischen 25
und 33 Jahren alt. Abbildung a zeigt, dass im Land
Brandenburg 1990 von Tausend 23-jährigen Frauen
151 Kinder geboren wurden. 2013 waren es nur noch
47. In der Prognose wird angenommen, dass sich die
Altersstruktur der Gebärenden nur noch geringfügig
verändert.
Annahmen zur Mortalität
Wie überall in Deutschland und in den meisten Regionen der Welt steigt auch die Lebenserwartung der
Brandenburger Bevölkerung seit Jahrzehnten weiter
an. Immer mehr Menschen erreichen ein höheres Lebensalter. Die Lebenserwartung der Bevölkerung, die
durch Sterbetafeln ermittelt wird, beträgt im Land
Brandenburg bei Neugeborenen im Durchschnitt der
Jahre 2010/2012 für Jungen 76,9 Jahre und für Mädchen 82,7 Jahre.
In der hier vorliegenden Prognose wird bis 2030
für das Land Brandenburg ein weiterer Anstieg der
Lebenserwartung bei der Geburt um mehr als 3 Jahre bei Jungen und um über 2 Jahre bei Mädchen
angenommen. Am Ende des Prognosezeitraumes
im Jahr 2040 wird bei den neugeborenen Jungen
sogar eine durchschnittliche Lebenserwartung von
knapp 82 Jahren (bei Mädchen von rund 86 Jahren)
unterstellt. Auch für ältere Menschen steigt die Lebenserwartung weiter an, so dass die Zahl der Hochbetagten erheblich zunehmen wird (Abbildung b).
Die hier getroffenen Annahmen zur Entwicklung der
Lebenserwartung entsprechen der Tendenz der Basisannahme, die das Statistische Bundesamt in seiner
13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung für
Deutschland veröffentlichte (vgl. [3] S. 35).

Annahmen zur Migration
Die räumliche Bevölkerungsbewegung (Zu- und
Fortzüge) ist voluminöser als die natürlichen Bevölkerungsvorgänge und kann somit die Bevölkerungsentwicklung einer Region wesentlich stärker
beeinflussen. Der Wanderungssaldo, also die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, ist durch wellenförmige Auf- und Abschwünge und ein hohes Maß
an Diskontinuität gekennzeichnet, was deutlich
macht, dass die Einschätzung des künftigen Wanderungsverhaltens zum Teil großen Unwägbarkeiten
unterliegt. Seit Gründung des Landes Brandenburg
wurde der Wanderungssaldo am stärksten durch die
Abwanderung in die alten Bundesländer (bis 1993),
Wanderungsgewinne aus dem Ausland (zumeist
Asylbewerber, Kriegsflüchtlinge und Aussiedler in
den Jahren 1991/1992) und eine starke Wohnsuburbanisierung Berlins (Gipfelpunkt im Jahr 1998)
geprägt. In den 2000er Jahren schwächten sich die
Wanderungsgewinne gegenüber Berlin stark ab
und wurden durch stetige, jedoch sinkende Wanderungsverluste gegenüber den alten Bundesländern
weitgehend aufgezehrt. In den Jahren seit 2009
verbesserte sich die Wanderungsbilanz des Landes
Brandenburg wieder zunehmend. Es wurden Wanderungsgewinne von über 10 000 Personen im Jahr
2013 erzielt. Für das Jahr 2014 zeichneten sich mit
Wanderungsgewinnen von rund 18 
000 Personen
wieder Dimensionen wie zuletzt Ende der 1990er
Jahre ab.
Gespeist werden die in jüngster Zeit wieder größeren Wanderungsgewinne aus zwei Quellen: Zum
einen wird die Wohnsuburbanisierung im Berliner
Umland durch ein sehr niedriges Niveau für Kreditzinsen stimuliert und zum anderen wirkt sich das
starke Bevölkerungswachstum in Berlin selbst, das
mit einer zunehmenden Anspannung des Berliner
Wohnungsmarktes einhergeht, auf die Bevölkerungsentwicklung Brandenburgs aus.
Das Wanderungsgeschehen hat nicht nur eine
quantitative und eine räumliche Dimension, sondern auch eine spezifisch soziodemografische, da
nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen am

a  |  Altersspezifische Fruchtbarkeitsziffern* im Land Brandenburg
(in Klammern durchschnittliche Kinderzahl je 1 000 Frauen)
1990 (1 531)
1993 (735 – tiefster Wert)
2013 (1 462)

160
140
120

b  |  L ebenserwartung der Neugeborenen
und Senioren im Land Brandenburg
90 Altersjahre
80
70
60

100

50

80

40

60

30

40

20

20

10

1991/1993
2010/2012
2030
2040

0

0
15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44
Alter der Mütter

*	Kinderanzahl der Frauen in einem Einzelaltersjahr
bezogen auf 1 000 Frauen des selben Alters

neugeborene neugeborene
Mädchen
Jungen

Seniorinnen
(65-jährig)

Senioren
(65-jährig)

30

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Zu- und Fortzugsgeschehen beteiligt sind. Hochmobil sind insbesondere jüngere Personen der Altersgruppe von 18 bis unter 30 Jahren, bei denen es
sich vorwiegend um Menschen handelt, die zwecks
beruflicher Bildung oder Aufnahme einer Beschäftigung ihren Wohnstandort verlagern (Abbildung c).
Charakteristisch für das Land Brandenburg – wie
auch für die anderen neuen Länder – ist dabei, dass
diese altersselektiven Wanderungen zu einem hohen Bevölkerungsverlust bei der Gruppe der jungen
Erwachsenen führten: Im Zeitraum 2009 bis 2013
verlor Brandenburg per Saldo in dieser Altersgruppe
jährlich noch etwa 7 000 Personen, konnte den Verlust bis zum Jahr 2013 jedoch auf 3 500 Personen verringern. Hiervon gehen dennoch negative generative Effekte aus, da die künftige Elterngeneration und
damit die Zahl der Geburten im Land Brandenburg
geschmälert werden.
Die noch zu Beginn des letzten Jahrzehnts ausgeprägten geschlechterselektiven Wanderungsverluste in der Altersgruppe der jungen Erwachsenen sind
in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Das
bedeutet, dass das Land Brandenburg nicht länger
mehr junge Frauen als Männer zwischen 18 und unter 30 Jahren durch Nettoabwanderung verliert.
In der aktuellen Prognose wird in den Annahmen
der Basisvariante von ganz erheblichen Wanderungsgewinnen für das Land Brandenburg in Höhe
von 235 000 Personen im Zeitintervall 2014 bis 2040
ausgegangen (Abbildung d). Dies entspricht einem
durchschnittlichen jährlichen Wanderungsgewinn
von 8 700 Personen, wobei in den Anfangsjahren

mit mehr als doppelt so hohen Gewinnen gerechnet wird. Die ab dem Jahr 2022 deutlich niedrigeren
und nicht weiter differenzierten Wanderungssalden
sind als langjähriger Mittelwert zu verstehen. Unterstellt werden hierbei Nettozuwanderungen aus dem
Ausland in Höhe von rund 114 000 Personen und von
121 000 Personen aus dem Inland. Wanderungsgewinne gegenüber Berlin werden annahmegemäß
die Hauptquelle für die positive Wanderungsbilanz
Brandenburgs gegenüber anderen Bundesländern
sein. Die prognostizierten Wanderungsgewinne
gegenüber dem Ausland entsprechen in etwa dem
langjährigen Mittel der Auslandsmigration seit Mitte der 1990er Jahre, das von Phasen hoher wie auch
niedriger Nettozuwanderung nach Brandenburg
geprägt wurde.
Hinsichtlich des altersspezifischen Migrationsverhaltens wird davon ausgegangen, dass sich auch
über den Prognosezeitraum hinweg keine gravierenden Änderungen gegenüber dem gegenwärtigen Stand ergeben.
Aufgrund des nach Festlegung der Prognoseannahmen und Durchführung der Bevölkerungsvorausberechnung im Herbst 2015 nochmals eingetretenen starken und anhaltenden Anstiegs der
Zuwanderung von Flüchtlingen in das Land Brandenburg, ist nicht auszuschließen, dass die Zuwanderung aus dem Ausland in noch stärkerem Maß die
Bevölkerungsentwicklung in Brandenburg prägen
wird als angenommen. In einer zusätzlichen Wanderungsvariante wird deshalb von erhöhten Zu- und
Fortzugszahlen gegenüber dem Ausland ausgegan-

c  |  Durchschnittliche jährliche Außenwanderungssalden im Land Brandenburg
nach Altersjahren (Zeitraum 2009 bis 2013)
600 Personen
400
200
0
-200
-400
-600
-800
-1 000
-1 200
0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30 33 36 39 42 45 48 51 54 57 60 63 66 69 72 75 78 81 84 87 90 93 96 99
Altersjahre

d  |  Wanderungssaldo des Landes Brandenburg
1995 bis 2013 Ist-Werte, 2014 bis 2040 Prognoseannahmen
Prognose

30 Tausend Personen
25

Insgesamt

20

Andere Bundesländer
Ausland

15
10
5
0
-5
-10
1995

2000

2005

2010

2015

2020

2025

2030

2035

2040

31

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

gen, die sich in einem weiteren Wanderungsgewinn
von rund 45 000 Personen niederschlagen. Diese Personen würden dauerhaft im Land Brandenburg verbleiben und überwiegend in den ersten Jahren des
Prognosezeitraums zuwandern. Diese modellhafte
Wanderungsvariante mit erhöhter Auslandszuwanderung bildet die obere Grenze eines Korridors zur
Bevölkerungsentwicklung ab, während die Basisannahme zur Wanderung geeignet erscheint, um die
mittlere bis untere langfristige Pfadentwicklung der
künftigen Bevölkerung zu berechnen. Die Ausführungen machen deutlich, dass gerade aufgrund der
aktuell sehr starken „Auslandsmigration“ eine regelmäßige Überprüfung und Justierung der Prognoseannahmen und -rechnungen erforderlich sein wird.
Ergebnisse im Überblick
Wenn die zugrunde gelegten Annahmen der Basisvariante eintreffen, wird die Bevölkerungszahl im
Land Brandenburg bis zum Jahr 2040 gegenüber 2013
um ca. 282 000 Personen (11,5 %) zurückgehen und
2040 einen Stand von 2,17 Mill. Einwohnern erreichen.
Der Einwohnerrückgang ist wahrscheinlich deutlich
größer als die gegenwärtige Einwohnerzahl des bevölkerungsreichsten Landkreises Potsdam-Mittelmark. In den ersten Jahren des Prognosezeitraums
sind hingegen noch Bevölkerungszunahmen wahrscheinlich, da die hohen Wanderungsgewinne das
Geburtendefizit mehr als kompensieren. In den
Folgejahren erhöht sich jedoch das Geburtendefizit und langfristig sind zudem deutlich niedrigere
Wanderungsgewinne zu erwarten, insbesondere, da

derzeit nicht davon auszugehen ist, dass die Zuzüge
aus dem Ausland dauerhaft auf dem gegenwärtigen
Niveau bleiben. Die prognostizierten Wanderungsgewinne können auf der Landesebene die negative
natürliche Bevölkerungsentwicklung nicht kompensieren, die die gesamte Bevölkerungsentwicklung
des Landes Brandenburg zunehmend prägt (Abbildung e).
Bei unterstellter konstanter allgemeiner Geburtenziffer nehmen die jährlichen Sterbeüberschüsse (Differenz aus Geburten und Sterbefällen) trotz
steigender Lebenserwartung landesweit zu. Liegt
der natürliche Bevölkerungsverlust im Land derzeit
noch bei 11 300 Personen pro Jahr, so wird er sich bis
2040 fast verdoppeln (auf 21 200 Personen). Das würde bedeuten, dass im gesamten Prognosezeitraum
517 000 Menschen im Land mehr sterben als durch
Geburten ersetzt werden können (Abbildung f ).
Der bestehende Altersaufbau der Brandenburger
Bevölkerung führt dazu, dass zukünftig die Zahl
der alten Menschen schnell anwachsen wird und
immer weniger junge potenzielle Mütter und Väter vorhanden sind. Lebten im Jahr 2013 noch rund
362 000 junge Frauen zwischen 14 und 45 Jahren im
Land Brandenburg, so wird sich deren Zahl bis 2040
auf 277 000 reduzieren. Die Zahl der gebärfähigen
Frauen nimmt also landesweit um nahezu ein Viertel
ab. Das hat zur Folge, dass bis zum Jahr 2030 trotz
konstanter Geburtenraten die jährliche Zahl der geborenen Kinder im Land von 18 400 auf 12 800 (um
fast ein Drittel) sinkt und danach nur geringfügig
ansteigt. Die angenommene Zahl der Sterbefälle

e  |  Entwicklung der Bevölkerungszahl im Land Brandenburg
1992 bis 2013 Ist-Werte, 2014 bis 2040 Prognoseannahmen bzw. Modellrechnung
2 600 in Tausend
2 500
2 400
2 300
2 200

Ist-Werte (alte Basis)
Ist-Werte (Basis Zensus)
Prognose Basis 2013
Modellrechnung Basis 2013
erhöhte Zuwanderung

2 100
2 000
0
1992 1995

2000

2005

2010

2015

2020

2025

2030

2035

2040

f  |  Natürliche Bevölkerungsbewegung im Land Brandenburg
2013 Ist-Werte; 2014 bis 2040 Prognoseannahmen
35 Tausend Personen
30
25
20
15
10

Gestorbene
Geburtendefizit
Lebendgeborene

5
0
2013

2015

2020

2025

2030

2035

2040

32

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

entwickelt sich entgegengesetzt, sie steigt – bedingt durch die Altersstruktur – von 29 700 bis zum
Jahr 2040 auf 34 800 Personen an, d. h. um mehr als
ein Sechstel. Insgesamt bedeutet dies, dass sich die
im Land Brandenburg seit dem Jahr 2001 rückläufige
Bevölkerungsentwicklung zunächst nicht fortsetzen
wird, sondern dass die Bevölkerungszahl kurzfristig
wächst. Ab dem Jahr 2018 sind Rückgänge wahrscheinlich und erst ab dem Jahr 2021 dürfte die Bevölkerungszahl niedriger ausfallen als im Basisjahr
der Prognose (2013). Im Vergleich zur Vorgängerprognose (2010), die für die Jahre bis 2030 erstellt wurde,
wird somit von einem merklich moderateren Bevölkerungsrückgang ausgegangen. Selbst deutlich
optimistischere Fertilitäts- und Migrationsannahmen würden jedoch im Ergebnis nicht ausreichen,
um die zukünftigen jährlichen Sterbeüberschüsse
langfristig zu kompensieren. Die im Jahr 2015 veröffentlichte 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes kommt
für das Land Brandenburg in seinen Hauptvarianten,
die hinsichtlich der Auslandswanderung von unterschiedlichen Annahmen ausgehen, zu einem relativ
ähnlichen Entwicklungsverlauf der Bevölkerung wie
die hier vorliegende Prognose, unterschätzt jedoch
zumindest für das Jahr 2015 die sich abzeichnenden
sehr hohen Wanderungsgewinne gegenüber dem
Ausland.
Zu einem weitaus geringeren Bevölkerungsrückgang käme es hingegen, wenn die Wanderungsvariante mit erhöhter Zuwanderung aus dem Ausland
zugrunde gelegt würde, die in einer Modellrechnung den oberen Rand der als möglich eingeschätzten Entwicklung abbilden soll und mit größeren
Unsicherheiten hinsichtlich der Eintrittswahrschein-

g  |  A
 ltersaufbau im Land Brandenburg
2013 Ist-Werte, 2040 Prognoseannahmen
Bevölkerung 2013
Altersjahremm
100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5

100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15

Prognose für 2040

10
5
0

männlich

30 25 20
Tausend

weiblich

0

15

10

5

0

0

5

10

15

20

25 30
Tausend

lichkeit behaftet ist als die Basisvariante. Da gegenwärtig eine tendenziell sehr junge Bevölkerung aus
dem Ausland zuwandert, deren Fertilität höher und
Mortalität niedriger ausfallen dürfte als jene der
im Mittel deutlich älteren angestammten Bevölkerung, käme es im Land Brandenburg bis zum Jahr
2040 zu einem Bevölkerungsrückgang von lediglich
ca. 147 000 Personen (6,0 %) gegenüber dem Jahr
2013. Im Land Brandenburg würden damit auch im
Jahr 2040 etwa 2,30 Mill. Einwohner leben. In den Anfangsjahren des Prognosezeitraums wäre von einem
sehr viel deutlicheren Bevölkerungswachstum auszugehen und erst nach dem Jahr 2025 würde der
Bevölkerungsstand niedriger ausfallen als im Basisjahr. Diese Zuwanderung hätte eine deutliche Internationalisierung der Brandenburger Bevölkerung zur
Konsequenz.
Veränderung der Altersstruktur
der Bevölkerung
Neben der Veränderung der Einwohnerzahl kommt
der Änderung der Altersstruktur eine sehr wichtige
Rolle zu. Ausgelöst durch eine geringe Geburtenzahl,
den Eintritt von geburtenstarken Jahrgängen in das
Seniorenalter und den Anstieg der Lebenserwartung
erfolgt eine deutliche Veränderung der altersstrukturellen Zusammensetzung im Land Brandenburg. Altersstrukturverschiebungen führen zu einem veränderten Bedarf bei altersspezifischer Infrastruktur wie
Bildung, Gesundheitsversorgung und Pflegediensten. Auch die Erwerbsbeteiligung, Einkommen und
Steueraufkommen sind zumindest teilweise altersstrukturabhängig. Zudem gilt es, die regional differenzierten Trends in der Entwicklung der Altersstruktur zu berücksichtigen, die große Relevanz für die
räumlichen Planungen und Fachplanungen haben.
Der zukünftige Anstieg des Durchschnittsalters
der Bevölkerung ist zum Teil bereits in der heutigen
Struktur des Lebensbaumes angelegt. Die unteren
Altersjahrgänge – insbesondere die seit 1990 Geborenen – sind wegen rückläufiger Geburtenzahlen
nur dünn besetzt. Ein erneuter Geburtenrückgang
ist praktisch unumgänglich, da die nicht geborenen
Kinder ihrerseits auch als Eltern fehlen werden (sogenanntes „demografisches Echo“). Der Trend zum
Anstieg des Lebensalters besteht fast europaweit.
Dabei laufen diese Prozesse im Land Brandenburg
wie in den anderen neuen Bundesländern wegen der
ungünstigeren Altersstruktur und der Abwanderung
von Personen im fortpflanzungsfähigen Alter schneller ab als beispielsweise in den alten Bundesländern.
Auf der Landesebene geht ab dem Jahr 2025 die
Zahl der Kinder und Jugendlichen bis unter 18 Jahren
unter das Ausgangsniveau des Jahres 2013 zurück.
Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter sinkt
bereits mittelfristig deutlich. Bei einer insgesamt
rückläufigen Bevölkerungszahl steigt der Anteil der
Personen ab 65 Jahren kontinuierlich an und die
Bevölkerungsproportionen verschieben sich immer
mehr zugunsten höherer Altersgruppen. Der Lebensbaum des Landes Brandenburg, wie ihn Abbildung g zeigt, gleicht somit zunehmend einer Kiefer
mit einem schlanken Stamm (geringe Kinderzahl)

33

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

und einer ausladenden Krone (viele ältere und hochbetagte Menschen).
Die niedrige Geburtenrate sowie der Rückgang der
Anzahl von Frauen im fertilen Alter führen dazu, dass
im Jahr 2040 die Zahl der Frauen im Alter zwischen
15 und unter 45 Jahren um fast ein Viertel niedriger
ausfallen wird als noch im Jahr 2013. Während in den
ersten Prognosejahren, auch aufgrund der Wanderungsgewinne, von einem gewissen Zuwachs der
Personenzahl im Kindesalter auszugehen ist, sinkt
ab dem Jahr 2023 deren Zahl unter den Ausgangsbestand des Jahres 2013. Der Rückgang des Bevölkerungsanteils der unter 15-jährigen Kinder von 12 %
auf gut 10 % fällt scheinbar vergleichsweise gering
aus. Berücksichtigt man jedoch, dass die Zahl der
Angehörigen dieser Altersgruppe voraussichtlich
um ein Viertel fallen wird (74 000 Personen), so erscheint die Entwicklung sehr bedeutsam (Abbildung h).
Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis
unter 65 Jahre) geht im Land Brandenburg bis zum
Jahr 2040 um 451 000 Personen (28 %) zurück. Der
Rückgang betrifft, auf das Basisjahr 2013 bezogen,
überproportional die älteren Jahrgänge der 45- bis
unter 65-jährigen Personen, deren Zahl um 264 000
(31 %) sinken wird. Gleichzeitig nimmt die Zahl der
jüngeren erwerbsfähigen Brandenburger (15 bis
unter 45 Jahre) langfristig nur um 187 000 Personen
(25 %) ab. Dadurch verschieben sich die Proportionen innerhalb der Personengruppe wieder geringfügig zugunsten junger Erwerbsfähiger, wobei
dieser Trend im Zeitverlauf nicht einheitlich ist. Inwieweit sich aufgrund des rückläufigen Erwerbsfähigenpotenzials das Niveau der Arbeitslosigkeit
weiter vermindert, wird jedoch auch vom künftigen

3 	 Der weitere Metropolenraum
ist der gesamte Teil des Landes
Brandenburg, der nicht zum
Berliner Umland gehört (s. Fußnote 1).

Arbeitsplatzangebot und der beruflichen Qualifikation der Erwerbsfähigen abhängen.
Die Zahl der älteren Menschen wird im Prognosezeitraum fast kontinuierlich wachsen. Im Jahr
2040 werden im Land voraussichtlich 802 000 Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind, und damit
243 000 Personen (43 %) mehr als im Jahr 2013. Rund
drei Fünftel aller Senioren werden im Jahr 2040 das
75. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben
(485 000 Personen). Der prozentuale Zuwachs bei
Älteren ab 65 Jahren ist im Berliner Umland erheblich stärker als im weiteren Metropolenraum³ (70 %
gegenüber 30 %), da im Umland die in das Seniorenalter hineinwachsenden mittleren Altersjahrgänge
zumeist durch Zuwanderer aus Berlin deutlich stärker besetzt sind. Der Bedarf an medizinischer Be-

Hans Jürgen Volkerding, Dipl. Geograph
ist Referent im Dezernat Raumbeobachtung
und Stadtmonitoring des Landesamtes für
Bauen und Verkehr des Landes Brandenburg.

h  |  Anteile der Bevölkerung im Land Brandenburg
nach Altersgruppen
2013 Ist-Werte, 2030 und 2040 Prognoseannahmen

70 %
60
50
40
30
20
10

2013
2030
2040

0
unter
15
Jahre

15
bis unter
65

65 Jahre
und
älter

Jürgen Paffhausenleitet das Referat
Bevölkerung, Kommunalstatistik im Amt für
Statistik Berlin-Brandenburg.
Quellen
[1] 	 Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Hrsg.): „Bevölkerungsprognose für das Land Brandenburg 2014 bis 2040“.
Statistischer Bericht A I 8 – 15
[2] 	 Landesamt für Bauen und Verkehr
(Hrsg.): „Bevölkerungsvorausschätzung 2014 bis 2030 – Ämter
und amtsfreie Gemeinden des
Landes Brandenburg“;
http://www.lbv.brandenburg.
de/3498.htm
[3] 	 Statistisches Bundesamt (Hrsg.):
„Bevölkerung Deutschlands bis
2060 – 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“;
Wiesbaden 2015

34

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Fachgespräch mit Hans Jürgen Volkerding

	 ⌜	Was leisten Bevölkerungsprognosen?

Könnten wir auf Bevölkerungsprognosen
verzichten?

Hans Jürgen Volkerding ist Referent
im Landesamt für Bauen und Verkehr
des Landes Brandenburg. Zu seinen
Analyseschwerpunkten im Dezernat
Raumbeobachtung und Stadtmonitoring
gehören Demografie, Wohnungsmarkt,
Einzelhandel und sozioökonomische
Entwicklung.

Herr Volkerding, für das Land Brandenburg wurden seit Beginn der 1990er Jahre mehrere Bevölkerungsprognosen erarbeitet. Die ersten Prognosen sagten eine
positivere Bevölkerungsentwicklung
vorher, als dann tatsächlich eingetroffen
ist. Den letzten Prognosen zufolge wird
das Land stetig Bevölkerung verlieren.
Ist jetzt ein Irrtum ausgeschlossen?
| Grundsätzlich wurde in den Hauptvarianten bereits in den 1990er Jahren ein langfristiger Bevölkerungsrückgang prognostiziert, der dann
auch eintraf. Die Berechnungen
hängen von der Richtigkeit der Annahmesetzungen ab. Irrtümer sind
hierbei durchaus möglich, insbesondere wenn die Trendentwicklung der
Wanderungsbilanz durch unvorhersehbare Ereignisse, wie z. B. Unternehmens- und Arbeitsplatzverlagerungen oder gar Kriege in anderen
Ländern, stark verändert wird.

| Ich denke nein, wenn wir uns z. B.
zu Planungszwecken mit aktuellen
Entwicklungstrends wie Alterung
und Internationalisierung der
Bevölkerung auseinandersetzen und
darauf nach Möglichkeit einstellen
wollen.
Sie haben die Bevölkerungsprognose
gemeinsam mit dem Amt für Statistik
Berlin-Brandenburg erarbeitet. Wie war
die Arbeitsteilung?
| Im Rahmen einer Verwaltungsvereinbarung bringen alle Beteiligten ihre Kernkompetenzen ein.
So bereitet das Amt für Statistik
Berlin-Brandenburg die demografischen „Ist-Daten“ auf und befasst
sich mit der Analyse und Annahmefindung der Bevölkerungskomponenten Fertilität und Mortalität. Das
Landesamt für Bauen und Verkehr
analysiert kleinräumig die Migrationsströme, trifft Annahmen zur
Wanderung und stimmt diese zum
Teil mit Dritten ab. Die eigentliche
Prognoserechnung erfolgt gemeinsam, während die Erstellung der
Gemeinschaftsveröffentlichung
arbeitsteilig durchgeführt wird.

Zu- und Fortzüge spielen für die
Entwicklung der Bevölkerungszahl eine
besonders wichtige Rolle. Wie gelangen
Sie zu Ihren Vorhersagen über diese
Bewegungen?
| Hierzu analysieren wir zum einen
die aktuellen Wanderungsströme
in ihrem Umfang, ihrer Dynamik
und Richtung und leiten daraus
Annahmen für die Zukunft ab.
Zum anderen beziehen wir weitere
Aspekte wie verkehrliche Erreichbarkeit, zentralörtliche Funktion und
Wohnungsbautätigkeit ein.
Ihr Haus veröffentlicht auch Prognosedaten für amtsfreie Gemeinden und
Ämter. Die Ergebnisse sind aber wenig
detailliert. Wie kommt es dazu?
| Detailliertere Ergebnisse aus der
kleinräumigen Vorausschätzung
würden nur eine Scheingenauigkeit
suggerieren. Demografische Prozesse haben zwar tendenziell eine hohe
Konstanz, bei den vielfach einwohnerschwachen Raumeinheiten mit
teilweise sogar weniger als 5 000 Einwohnern können örtliche Besonderheiten und unvorhersehbare
Ereignisse die Entwicklung jedoch
(relativ gesehen) stärker prägen als
dies auf der Kreis- oder Landesebene
der Fall ist.
Wann können wir die nächste Prognose
erwarten?
| Derzeit gehen wir davon aus, dass
wir im Jahr 2018 gemeinsam eine
neue Prognose vorlegen werden.

35

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Neuerscheinung

	⌜	Regionaler Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015
Zum dritten Mal ist der Sozialbericht
für Berlin und Brandenburg erschienen. Es handelt sich um einen
Indikatorenbericht in drei Teilen.
Der erste Teil enthält neben Erläuterungen die Ergebnisse in textlicher
und grafischer Aufbereitung.
Der zweite Teil beinhaltet die vollständigen Ergebnisse in Form von
Excel-Tabellen und im dritten Teil
werden diese mittels interaktiver
Karten veranschaulicht.

statistik

Der Bericht weist für die letzten Jahre einen leicht rückläufigen Trend der
Armutsgefährdungsquote für Berlin und Brandenburg nach. Im Jahr 2014
betrug der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung im Landesmaßstab in Berlin 14,1 % und im Land Brandenburg 13,4 %. Die Höchstwerte
wurden in Berlin mit 18,2 % im Jahr 2003 und im Land Brandenburg mit
14,4 % im Jahr 2012 ermittelt. Zu den besonders armutsgefährdeten
Bevölkerungsgruppen zählen nach wie vor Langzeiterwerbslose, Personen mit fehlendem bzw. mit niedrigem Bildungsabschluss, Alleinerziehende sowie Familien mit drei oder mehr Kindern.
Der Regionale Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015 bietet unter
https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/regionalersozialbericht.asp eine einheitliche regionale Sozialberichterstattung für die
Metropolregion an.
Er schreibt den zuRegionaler Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015
letzt vor zwei Jahren
erschienenen Bericht
fort. Neben ausführlichen Analysen zur
Einkommensarmut
und -verteilung
lassen sich auch
Der Regionale
Sozialbericht
Informationen
Berlin und
Brandenburg 2015
zu Mindestsichebesteht aus drei Teilen:
Diesem pdf, in dem Sie
rungsleistungen,
die Ergebnistexte, Grafiken
und Erläuterungen zu
Bildungsstand,
den Indikatoren finden,
einer Exceldatei mit ausErwerbsbeteiligung,
führlichen Tabellen sowie
interaktiven Karten.
Krankenversicherung
und zur Wohnsitua◄ zu den interaktiven Karten
tion finden. Zeitliche
Entwicklungen
werden sowohl auf
der Landesebene als
Impressum
Regionaler Sozialbericht Berlin
auch für die Berliner
und Brandenburg 2015
Herausgeber
Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
Bezirke und BrandenBehlertstraße 3a
14467 Potsdam
www.statistik-berlin-brandenburg.de
burger Kreise und
Kontakt:
Ricarda Nauenburg
Telefon: 030 9021-3697
kreisfreien Städte
E-Mail: mikrozensus@statistik-bbb.de
Copyright
Amt für Statistik Berlin-Brandenburg,
dargestellt.
Potsdam 2016
Berlin Brandenburg

Auszugsweise Vervielfältigung und
Verbreitung mit Quellenangabe
gestattet.
Zeichenerklärung:
/ Zahlenwert nicht sicher genug

Der Regionale Sozialbericht Berlin und Brandenburg 2015 ist als PDF-Dokument auf der Homepage
des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg, www.statistik-berlin-brandenburg.de, unter „Projekte, Berichte“ verfügbar.

36

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Mikrozensus

	 ⌜	Armutsgefährdung in Berlin und Brandenburg 2014
Eine Analyse nach Lebensformen und Risikolagen

		von Anna-Carolina Haensch

Die Daten des Mikrozensus erlauben es, die Lebensumstände von Personen in einer Vielzahl von Lebens- und
Familienformen (wie zum Beispiel Ehepaare und Lebensgemeinschaften jeweils mit und ohne Kinder, Alleinerziehende und Alleinstehende) zu untersuchen. In diesem Beitrag wird die Armutsgefährdung von Personen in
den verschiedenen Formen betrachtet. Dabei sind vor allem Zusammenhänge zwischen der Armutsgefährdung
und dem Migrationshintergrund, der Erwerbstätigkeit und dem Bildungsgrad von Interesse.
Einleitung
Sozialwissenschaftliche Konzeptionen von Armut
können in absolute und relative Armutskonzepte eingeteilt werden. Während absolute Armut die fehlende Befriedigung von physisch-biologischen Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wohnung, Kleidung und
Gesundheit bezeichnet, gehen die meisten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen und beispielsweise auch das Europäische Statistikamt Eurostat
für den europäischen Kontext von einem relativen
Armutskonzept aus. Nach dieser Definition gelten
Personen, Familien oder Haushalte als arm, wenn sie
über nur so geringe materielle, kulturelle und soziale
Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in der jeweiligen Gesellschaft
als unterste Grenze des Akzeptablen annehmbar
ist. Materielle Armut behindert soziale Teilhabe und
Integration. Operationalisiert wird diese Definition
in der Regel im Hinblick auf Einkommensarmut: Als
armutsgefährdet gelten Personen, deren Äquivalenzeinkommen unterhalb von 60 % des mittleren
bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommens der Referenzgesellschaft liegt. Das Äquivalenzeinkommen
dient der besseren Vergleichbarkeit von Einkommen
in Haushalten mit verschiedener Größe, da in größeren Haushalten Einspareffekte auftreten, z. B. durch
die gemeinsame Anschaffung von Haushaltsgeräten. Deshalb werden die einzelnen Mitglieder des
Haushaltes unterschiedlich gewichtet. Zur Ermittlung des gesellschaftlichen Durchschnitts wird der
Median hinzugenommen, um zu verhindern, dass
das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen durch extrem niedrige oder hohe Einkommen verzerrt wird.
Vermögen oder Verschuldung werden damit nicht
berücksichtigt. Die Armutsgefährdungsquote ist
Teil des AROPE-Indikators (at risk of poverty or social exclusion), der von der Europäischen Union einheitlich in allen Mitgliedsstaaten für das Monitoring
der EU-2020-Strategie eingesetzt wird. Die anderen
beiden Bestandteile „materielle Benachteiligung“
und „Grad der Erwerbsbeteiligung von Haushalten“
werden vom Mikrozensus nicht erhoben. Die dafür

einschlägige freiwillige amtliche Erhebung „Leben
in Europa“ (EU-SILC) ist auf der regionalen Ebene
von Berlin und Brandenburg wegen einer zu kleinen
Stichprobe nicht auswertbar.
Wenn Armut als ein relatives Phänomen verstanden wird, sind Haushalte, die in der jeweiligen Gesellschaft als arm gelten, in einem anderen Kontext
nicht zwangsläufig in einer prekären Situation. Mit
relativer Armut wird ein Schwellenwert beschrieben, der in der Referenzgesellschaft ermittelt wird
und auch nur in diesem speziellen Kontext Gültigkeit beanspruchen kann [1]. Armut in reichen Industrienationen wird beispielsweise oft mit Blick auf
das Elend in West- oder Zentralafrika relativiert bzw.
als weniger problematisch wahrgenommen. Für die
von Armut Betroffenen ist die Situation jedoch oft
erniedrigend, da sie sich von den Anforderungen
und Erwartungen des sozialen Umfelds unter Druck
gesetzt fühlen. In diesem Beitrag wird untersucht,
welche Lebensformen von Armut besonders betroffen sind und welche anderen Faktoren wie Alter
der Kinder, Migrationshintergrund und Bildungsniveau der Eltern die Armutsgefährdung besonders
beeinflussen. Ein Fokus liegt insbesondere auf der
Situation der Kinder, da Kinderarmut ein Thema ist,
das in den letzten Jahren äußerst kontrovers diskutiert wurde. Die Analysen werden sowohl für Berlin
als auch für Brandenburg durchgeführt. Als Datengrundlage dient der Mikrozensus für das Jahr 2014.
Definition der verschiedenen Lebensformen
Der Mikrozensus grenzt verschiedene soziale Einheiten voneinander ab. Der Haushalt ist dabei die
zentrale Erhebungseinheit, denn vor der Befragung
werden komplette Haushalte ausgewählt und zu
jeder Person in diesem Haushalt werden die Daten
erhoben. Das Statistische Bundesamt definiert dabei als Haushalt „jede zusammen wohnende und
eine wirtschaftliche Einheit bildende Personengemeinschaft sowie Personen, die alleine wohnen und
wirtschaften“ [2].

37

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Unterhalb der Haushaltsebene werden beim Mikrozensus verschiedene Lebensformen unterschieden. Zur Einteilung werden Partnerschafts- und Elternschaftskriterien verwendet. Daraus ergeben sich
als Lebensformen Paare mit Kindern, Paare ohne
Kinder, Alleinerziehende und Alleinstehende. Der
rechtliche Status der Partnerschaft (verheiratet versus nicht verheiratet) dient zur weiteren Differenzierung. Alleinerziehende nach der Definition des Mikrozensus sind Personen, die mit ihren Kindern, aber
ohne einen Ehepartner oder einen Lebenspartner
im Haushalt zusammenleben. Alleinstehende leben
weder mit Kindern noch mit einem Partner in einem
Haushalt. Als Familien werden alle Formen des Zusammenlebens mit Kindern bezeichnet. Als Kinder
werden in diesem Bericht immer ledige Personen
ohne Lebenspartner/in und eigene ledige Kinder,
die mit mindestens einem Elternteil in einem Haushalt leben, bezeichnet.
Das Armutsrisiko ließe sich ebenfalls auf der Familienebene anstatt der Haushaltsebene feststellen.
Da im Mikrozensus definiert wird, dass ein Haushalt
eine wirtschaftliche Einheit bildet, die gemeinsam
wirtschaftet und eine Untergliederung unter diesem
Gesichtspunkt schwer zu begründen ist, wird in diesem Beitrag dennoch die Haushaltsebene genutzt.
Die Familienforschung interessiert sich nicht nur
für die Lebenspartner und Kinder, die im selben
Haushalt wohnen, sondern auch für Lebensformen
wie die sogenannten LATs („living apart together“),
also Paare, die nicht im selben Haushalt leben und
wirtschaften. Diese sind allerdings im Mikrozensus
nicht identifizierbar, da dort keine Frage nach Lebenspartnern, die nicht im selben Haushalt wohnen,
existiert. Diese Lebensform kann also mit den Daten
des Mikrozensus nicht untersucht werden. Genauso
wenig kann festgestellt werden, ob befragte Personen, obwohl sie allein oder als Paar ohne Kinder leben, Kinder haben, die in anderen Haushalten leben
(z. B. weil sie beim zweiten Elternteil wohnen).
Armutsgefährdung
in Berlin und Brandenburg
14,1 % der Berliner Bevölkerung sind im Landesmaßstab armutsgefährdet, haben also ein bedarfsgewichtetes Einkommen, das unterhalb der landesspezifischen Armutsgefährdungsschwelle liegt. In
Brandenburg liegt diese Zahl etwas niedriger bei
13,4 %. Werden die Armutsgefährdungsquoten aufgeschlüsselt nach Alter betrachtet, fällt auf, dass
Minderjährige überdurchschnittlich häufig von
Armut betroffen sind. Das gilt sowohl für Berlin
(18,0 %) als auch für Brandenburg (17,1 %) (Abbildung
a). Dies ist nicht wirklich überraschend, da die berechneten Armutsgefährdungsschwellen für Haushalte die Bedürfnisse von Kindern unter 14 Jahren
mit einer Gewichtung von 0,3 pro Kind und ab dem
Alter von 14 Jahren mit einer Gewichtung von 0,5
berücksichtigen. Gleichzeitig tragen Kinder und Jugendliche vor dem Ausbildungsalter nur in Ausnahmefällen zum Haushaltseinkommen bei. Deshalb
lässt sich vermuten, dass Lebensformen mit Kindern
besonders häufig von Armut betroffen sind – eine
Hypothese, die nun im Folgenden untersucht wird.

Armutsgefährdung
nach verschiedenen Lebensformen
Bei Betrachtung der verschiedenen Lebensformen
(Ehepaare und Lebensgemeinschaften jeweils mit
und ohne Kinder sowie Alleinerziehende und Alleinstehende) fällt auf, dass für beide Bundesländer und
für alle Lebensformen ohne Nachwuchs ein wesentlich geringeres Armutsrisiko besteht als für die mit
Kindern.
So sind nur 5,5 % der Berlinerinnen und Berliner,
die als Ehepaare ohne Kinder im Haushalt zusammen leben, von Armut betroffen, aber 14,7 % aller
Verheirateten mit Kindern. Auch bei den Berliner
Lebensgemeinschaften gibt es deutliche Unterschiede: So steigt das Armutsrisiko von 4,1 % ohne
im Haushalt lebende Kinder auf 11,8 % bei mindestens einem Kind. Zwischen Alleinstehenden und
Alleinerziehenden fehlt ein solcher deutlicher Abstand, allerdings sind Alleinstehende (18,4 %) und
Alleinerziehende mit Kindern (20,9 %) im Vergleich
zu Personen in Paargemeinschaften insgesamt
überdurchschnittlich oft armutsgefährdet. Welche
möglichen Erklärungen gibt es für den deutlichen
Unterschied zwischen kinderlosen Ehepaaren/Lebensgemeinschaften und solchen mit Kindern im
Haushalt neben der Tatsache, dass Kinder nur selten
zum Haushaltseinkommen beitragen, aber gleichzeitig finanzielle Bedürfnisse haben? Eine mögliche
Erklärung wäre, dass der Unterschied vor allem einer
des Alters ist. Ehepaare, die Kinder haben, die bereits
ausgezogen sind, zählen in die Kategorie Ehepaare
ohne Kind. Da aber aus den Mikrozensusdaten hervorgeht, dass die Armutsgefährdung in den höheren Jahrgängen wesentlich geringer ist, wird die
Hypothese überprüft, dass sich Personen in Paaren
mit und ohne Kind aus derselben Altersgruppe (18
bis 50) nicht unterscheiden. Bei den Ehepaaren lässt
sich in der Tat eine geringere Differenz zwischen den
unter 50-jährigen Personen in einer Ehe mit Kind
(14,4 %) und ohne Kind (8,9 %) feststellen, als bei der
Betrachtung der gesamten Bevölkerung. Der Unterschied der Armutsgefährdungsquoten verschwindet jedoch nicht komplett.

a  |  A
 rmutsgefährdungsquote (Landesmaßstab)
nach Altersgruppen in Berlin und Brandenburg 2014
Berlin
Insgesamt
unter 18 Jahre
18 bis unter 65 Jahre
65 Jahre und älter
Brandenburg
Insgesamt
unter 18 Jahre
18 bis unter 65 Jahre
65 Jahre und älter
0

2

4

6

8

10

12

14

16

18

20 %

38

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Armutsgefährdung
nach Anzahl der Kinder in der Lebensform
Im letzten Abschnitt wurde festgestellt, dass sowohl
für Brandenburg als auch für Berlin die Armutsgefährdung derer, die in Lebensformen mit Kindern
leben, größer ist als die von Personen, die ohne
Kinder leben. Aber welchen Zusammenhang gibt
es zwischen der Anzahl der Kinder und der Wahrscheinlichkeit, unter die Armutsgefährdungsschwelle zu fallen? In Berlin steigt die Wahrscheinlichkeit
mit der Anzahl der Kinder von durchschnittlich
11,9 % bei einem Kind in der Lebensform auf 14,6 %
bei zwei Kindern. Des Weiteren gibt es einen deutlichen Sprung auf 28,3 % bei „drei oder mehr Kindern“.
Auch in Brandenburg ist dieser Anstieg zu erkennen,
allerdings fehlt die extrem starke Zunahme bei der
Kategorie „drei und mehr Kinder“ (19,4 % gegenüber
12,2 % bei einem Kind und 12,7 % bei zwei Kindern)
(Abbildung d).

In Brandenburg liegt das Armutsrisiko von Eltern
mit Kindern ebenfalls über dem von Personen ohne
Kinder. Die Unterschiede sind bei Lebensgemeinschaften (12,0 % gegenüber 6,5 %) und bei Alleinerziehenden (30,3 % gegenüber Alleinstehenden mit
24,6 %) deutlich ausgeprägt, dagegen aber kaum bei
den Ehepaaren (7,3 % und 6,9 %). Dies trifft für Brandenburg auch auf die Gruppe der 18- bis 50-Jährigen
zu. Anders als in Berlin sind verheiratete Personen
mit ihren Kindern seltener als Personen in nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern von
einem Armutsrisiko betroffen. Alleinerziehende und
ihre Kinder sowie Alleinstehende sind darüber hinaus weit häufiger von Armut gefährdet als Personen
in einer Ehe oder Lebenspartnerschaft (Abbildungen b und c).

Armutsgefährdungsquote (Landesmaßstab) …
in Berlin und Brandenburg 2014

Armutsgefährdung
nach Alter des Kindes
Neben der Anzahl der Kinder lohnt es sich, das Alter der Kinder zu betrachten (Abbildungen e und f ).
Eltern jüngerer Kinder sind durch Erziehungsaufgaben stärker eingespannt und können weniger zum
Familieneinkommen beitragen. In Berlin sind 18,3 %
der jüngsten Gruppe der Kinder (null bis unter sechs
Jahre) von Armut betroffen. Bei den Kindern von
sechs bis unter zwölf Jahren sinkt das Armutsrisiko
auf 15,0 %. Dieser Befund ist nicht überraschend,
können doch Eltern, wenn die Kinder größer sind
und in der Schule oder durch Nachmittagseinrichtungen betreut werden, wieder verstärkt in den
Arbeitsmarkt einsteigen. Besonders deutlich wird
dies bei Betrachtung der Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen. Bei diesen sind 25,3 % der
Kinder unter sechs Jahren armutsgefährdet, aber
„nur“ 16,5 % der Sechs- bis unter Zwölfjährigen. Bei
Ehepaaren und Lebensgemeinschaften ist der Rückgang sowohl anteilsmäßig als auch absolut geringer.
Unter diesem Gesichtspunkt erstaunt aber der insgesamt hohe Wert für die 12- bis unter 18-Jährigen
von 20,8 % in Berlin. Allerdings ist zu bedenken, dass
für Kinder ab 14 Jahren bei der Berechnung des ge-

b  |  … von Haushalten nach Lebensform
Berlin
Insgesamt
Ehepaar mit Kind
Lebensgemeinschaft
mit Kind
Alleinerziehend
Ehepaar ohne Kind
Lebensgemeinschaft
ohne Kind
Alleinstehend
Brandenburg
Insgesamt
Ehepaar mit Kind
Lebensgemeinschaft
mit Kind
Alleinerziehend
Ehepaar ohne Kind
Lebensgemeinschaft
ohne Kind
Alleinstehend
0

4

8

12

16

20

c  |  … von verheirateten Personen
nach Lebensform

24

28

32 %

e  |  … von Kindern nach Altersgruppen

d  |  … nach Anzahl der Kinder
in der Lebensform

Berlin

Berlin

Insgesamt

ein Kind

Berlin
unter 6 Jahre

zwei Kinder

6 bis unter 12 Jahre

drei und mehr Kinder

12 bis unter 18 Jahre

Brandenburg

Brandenburg
unter 6 Jahre

18 bis 50 Jahre
Ehepaar mit Kind
Ehepaar ohne Kind

Brandenburg

ein Kind

Insgesamt
18 bis 50 Jahre
0

3

6

9

12

15 %

zwei Kinder

6 bis unter 12 Jahre

drei und mehr Kinder

12 bis unter 18 Jahre
0

5

10

15

20

25

30 %

0

5

10

15

20

25 %

39

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

wichteten Haushaltseinkommens ein Faktor von 0,5
statt 0,3 verwendet wird. Die bessere mögliche Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie kann die
erhöhte finanzielle Belastung durch die Bedürfnisse
von Jugendlichen möglicherweise nicht vollkommen
abfedern.
Ein ganz ähnliches Muster ergibt sich für die Brandenburger Kinder. Von den Brandenburger Kindern
im Alter von sechs bis unter zwölf Jahren sind prozentual gesehen am wenigsten Kinder armutsgefährdet
(14,7 %), gefolgt von den Kindern, die jünger sind als
sechs Jahre (16,8 %) und denen, die zwölf Jahre und älter sind (19,8 %). Auch hier lässt sich bei dem minderjährigen Nachwuchs von Alleinerziehenden zunächst
ein deutlicher Rückgang der Armutsgefährdung mit
dem Alter der Kinder beobachten (von 41,2 % bei der
Gruppe unter sechs Jahren auf 30,6 % bei Kindern von
sechs bis unter zwölf Jahren). Die Fallzahlen für Brandenburger Ehepaare sind zu gering (< 5 000) und
deshalb nicht belastbar, weshalb hier auf eine Darstellung verzichtet wird.
Armutsgefährdung
nach Migrationshintergrund
Der Mikrozensus definiert einen Migrationshintergrund folgendermaßen: „Alle nach 1949 auf das
heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen
Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen
Elternteil“ haben einen Migrationshintergrund.
9,8 % aller Berliner und Berlinerinnen ohne Migrationshintergrund fallen mit ihren bedarfsgewichteten Nettoeinkommen unter die Armutsgefährdungsgrenze, dagegen aber rund ein Viertel derjenigen mit
Migrationshintergrund. Auch in Brandenburg gibt es
erhebliche Unterschiede: So sind nur 12,2 % der Personen ohne Migrationshintergrund, aber 34,4 % der
Brandenburger Bevölkerung mit Migrationshintergrund armutsgefährdet.
Werden die Lebensformen noch einmal genauer
und differenziert in Hinblick auf den Migrationshintergrund betrachtet, fällt auf, dass verheiratete
Berliner oder Berlinerinnen ohne Migrationshinter-

grund extrem niedrige Armutsgefährdungsquoten
aufweisen (3,7 % mit Kind bzw. 2,3 % ohne Kind). Alleinerziehende (16,9 %) und Alleinstehende (16,4 %)
ohne Migrationshintergrund sind dagegen überdurchschnittlich oft von Armut betroffen. Bei dem
Bevölkerungsteil mit Migrationshintergrund gibt es
dagegen weniger große Unterschiede zwischen den
einzelnen Quoten der verschiedenen Lebensformen. Die Quoten mit ausreichender Fallanzahl bewegen sich alle im Bereich zwischen 22 % und 30 %.
Die entsprechenden Ursachen sollten in weiterführenden Analysen untersucht werden.
In Brandenburg lassen sich ganz ähnliche Muster
auf höherem Niveau beobachten, wobei sowohl
Alleinerziehende als auch Alleinstehende mit Migrationshintergrund besonders stark von Armut betroffen sind (Abbildung g).
Armutsgefährdung nach Erwerbstätigkeit
In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird
Armut nicht isoliert betrachtet, sondern es werden
auch Zusammenhänge mit anderen Faktoren untersucht. Dabei richtet sich der Blick auf sogenannte
soziale und kulturelle Risikolagen. Eine sogenannte
soziale Risikolage liegt dann vor, wenn kein Haushaltsmitglied erwerbstätig ist. Neben dem verringerten Einkommen sind auch fehlende Sozialkontakte für die Erwerbslosen und Nichterwerbstätigen
(wie z. B. Rentner und Rentnerinnen) problematisch.
Hinzu kommt, dass der Erwerbsstatus der Eltern die
Kinder beeinflusst, da die Vorbildwirkung der Eltern
in Bezug auf eine spätere Erwerbstätigkeit und eine
g  |  … der Bevölkerung nach Lebensform
und Migrationshintergrund
Berlin
Ehepaar mit Kind
Lebensgemeinschaft
mit Kind
Alleinerziehend
Ehepaar ohne Kind
Lebensgemeinschaft
ohne Kind
Alleinstehend

Armutsgefährdungsquote (Landesmaßstab) …
in Berlin und Brandenburg 2014

Insgesamt

f  |  … von Kindern nach Altersgruppen und Lebensform

mit
ohne Migrationshintergrund

Brandenburg

Berlin

Ehepaar mit Kind

unter 6 Jahre

Lebensgemeinschaft
mit Kind

6 bis unter 12 Jahre
12 bis unter 18 Jahre

Alleinerziehend
Ehepaar mit Kind
Alleinerziehend

Brandenburg1

Ehepaar ohne Kind

unter 6 Jahre

Lebensgemeinschaft
ohne Kind

6 bis unter 12 Jahre

Alleinstehend

12 bis unter 18 Jahre
0

5

10

15

20

25

30

35

40

45 %

1	 Die Fallzahlen für Brandenburger Ehepaare sind zu gering (< 5 000) und
deshalb nicht belastbar, weshalb hier auf eine Darstellung verzichtet wird.

Insgesamt
0

5

10

15

20

25

30

35

40

45

50

55 %

40

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

von Transfereinkommen unabhängige Lebensführung fehlt. Armut kann sich dadurch regelrecht „vererben“.
Im Folgenden wird zunächst die Situation aller
Personen in den verschiedenen Lebensformen und
anschließend noch einmal genauer die Situation der
Kinder in den unterschiedlichen Familienformen betrachtet.
Nur ein geringer Prozentsatz der Berliner Bevölkerung, die als Ehepaar/Lebensgemeinschaft mit Kindern zusammenlebt, ist von Armut betroffen, wenn
beide Elternteile arbeiten (3,6 %). Wesentlich größer
ist der Anteil, wenn nur ein Elternteil erwerbstätig
ist (20,7 %) und fast die Hälfte (48,1 %) ist von Armut
betroffen, wenn beide Eltern nicht arbeiten. Alleinerziehende sind häufiger als doppelt erwerbstätige
Ehepaare/Lebensgemeinschaften armutsgefährdet,
wenn sie erwerbstätig sind (12,4 %) und seltener
als doppelt Nichterwerbstätige, wenn sie keiner Erwerbstätigkeit nachgehen (34,6 %). In Brandenburg
betrifft Armutsgefährdung nur eine sehr kleine Zahl
der Personen in Paarfamilien mit Kindern, wenn
beide Partner erwerbstätig sind (3,4 %), ein Sechstel
(16,2 %), wenn nur einer der Partner keine Erwerbstätigkeit vorweisen kann und einen großen Teil derer,
die in einem Haushalt mit zwei nicht erwerbstätigen
Eltern wohnen (39,0 %). Fast die Hälfte (48,7 %) der
nicht erwerbstätigen alleinerziehenden Mütter und
Väter und deren Kinder befinden sich mit ihrem
Äquivalenzeinkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, ebenso knapp ein Fünftel der
erwerbstätigen Alleinerziehenden mit ihren Kindern
(19,7 %) (Abbildung h).
h  |  Armutsgefährdungsquote (Landesmaßstab)
nach Erwerbstatus und Lebensform in Berlin
und Brandenburg 2014
Berlin
Soziales Risiko
Ein Elternteil erwerbstätig
Beide Elternteile erwerbstätig

Partner mit Kindern

Alleinerziehende
Soziales Risiko
Elternteil erwerbstätig
Partner ohne Kinder
Beide nicht erwerbstätig
Ein Partner erwerbstätig
Beide erwerbstätig
Alleinstehende
Soziales Risiko
Erwerbstätig
Brandenburg

Partner mit Kindern

Soziales Risiko
Ein Elternteil erwerbstätig
Beide Elternteile erwerbstätig
Alleinerziehende
Soziales Risiko
Elternteil erwerbstätig
Partner ohne Kinder
Beide nicht erwerbstätig
Ein Partner erwerbstätig
Beide erwerbstätig
Alleinstehende
Soziales Risiko
Erwerbstätig
0

5

10

15

20

25

30

35

40

45

50 %

Armutsrisiko, differenziert nach
Erwerbsstatus und Migrationshintergrund
Für Berlin (für Brandenburg sind die Fallzahlen zu
gering) lassen sich die beiden Faktoren Erwerbsstatus und Migrationshintergrund kombinieren und die
Familien noch genauer analysieren. Personen ohne
Migrationshintergrund, deren Familien sich aus zwei
erwerbstätigen Partnern und Kindern zusammensetzen, weisen im Vergleich ein extrem niedriges
Armutsrisiko (1,2 %) auf. Im Fall von doppelt erwerbstätigen Lebensgemeinschaften ohne Kinder wird sogar die Nachweisgrenze unterschritten. Bei Berlinern
und Berlinerinnen mit Migrationshintergrund ergibt
sich ein anderes Bild: Die Armutsrisiken sind erheblich höher, sogar wenn beide Partner in der Ehe/Lebensgemeinschaft erwerbstätig sind (9,8 %). Bei erwerbstätigen Alleinerziehenden und deren Kindern
sind die Quoten für Alleinerziehende mit Migrationshintergrund (23,2 %) immer noch mehr als doppelt so
hoch wie für die ohne Migrationshintergrund (8,8 %).
Bei den nicht erwerbstätigen Alleinerziehenden fehlt
der große Unterschied zwischen Alleinerziehenden
und deren Kindern mit (35,8 %) und ohne Migrationshintergrund (33,8 %).
Armutsrisiko nach Bildungshintergrund
Die Arbeitsmarktbeteiligung und damit verbundene soziale und auch finanzielle Risiken hängen zu
einem großen Teil vom Bildungsniveau ab. Auch ist
das Bildungsniveau der Eltern immer noch ein entscheidender Einflussfaktor für den Bildungsabschluss
eines Kindes. Ein Bildungsrisiko liegt vor, wenn keiner
der Elternteile über mindestens einen Abschluss der
Sekundarstufe II oder eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt. Eltern ohne eigenen Bildungsabschluss haben oft keine Möglichkeit, ihren Kindern
beim Lernen für den erfolgreichen Besuch von weiterführenden Schulen zu helfen. Zur Klassifizierung
der Bildungsabschlüsse wird die ISCED-Skala (International Standard Classification of Education) in der
Fassung von 2011 benutzt, ein Standard, der von der
UNESCO festgelegt wurde [3].
Das Bild ähnelt dem, das schon bei der Untersuchung des Erwerbsrisikos vorgefunden wurde. In
Berliner Partnerschaften (Ehen oder Lebensgemeinschaften) mit Kindern leben 40,8 % der Personen
unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, wenn
beide nur ein niedriges Bildungsniveau besitzen,
ein Viertel (24,7 %), wenn nur einer der Partner über
mindestens einen Abschluss der Sekundarstufe II
oder eine Berufsausbildung mit Abschluss vorweisen kann und 6,1 %, wenn beide mindestens einen
mittleren Abschluss besitzen. Eine im Vergleich sehr
hohe Zahl ergibt sich bei Personen in Alleinerziehendenhaushalten: Hier sind 16,0 % von Armut betroffen,
obwohl die alleinerziehende Mutter oder der Vater
über einen mittleren oder hohen Bildungsabschluss
verfügt. Diese Zahl steigt bei einem Bildungsrisiko
auf über ein Drittel (34,9 %).
Über die Hälfte der Brandenburger Bevölkerung
(57,1 %), die in Partnerschaften mit Kind und mit
einem beidseitigen Bildungsrisiko lebt, hat ein Einkommen von weniger als 60 % des bedarfsgewichteten Äquivalenzeinkommens. Mehr als ein Viertel

41

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

(28,5 %) ist von Armut betroffen, wenn nur einer der
Partner über nicht mehr als einen niedrigen oder keinen Bildungsabschluss verfügt und 6,0 %, wenn beide mindestens einen mittleren Abschluss besitzen.
Die Lage von Alleinerziehenden und ihren Kindern
ist sowohl bei fehlendem oder niedrigem Abschluss
der Mutter/des Vaters (50,9 %) als auch bei mittlerem
und hohem Bildungsgrad (27,0 %) von einer weit
überdurchschnittlichen Armutsgefährdung geprägt
(Abbildung i).

feststellen, dass sowohl bei zwei geringer gebildeten
Eltern als auch bei nur einem Partner mit niedrigem
Bildungsgrad die Wahrscheinlichkeit für Personen
mit Migrationshintergrund, armutsgefährdet zu sein,
im Vergleich zu denen ohne Migrationshintergrund
erhöht ist. Bei Alleinerziehenden mit niedriger Bildung lässt sich dagegen zwischen denen mit und
ohne Migrationshintergrund kein Unterschied feststellen (Abbildung j).

Fazit
Die Situation von Paaren mit und ohne Kinder sowie
von Alleinstehenden wird von verschiedenen Risikofaktoren beeinflusst. Wenig überraschend ist die Tatsache, dass Personen in Lebensformen ohne Nachwuchs seltener armutsgefährdet sind als Personen
in Formen mit Kindern. Darüber hinaus sind Alleinerziehende und ihre Kinder in Berlin und Brandenburg
im Vergleich mit den partnerschaftlichen Lebensformen mit Kindern weitaus häufiger armutsgefährdet.
Armutsgefährdungsquote (Landesmaßstab)
Allerdings zeigt sich auch, dass bei Erwerbstätigkeit
… in Berlin und Brandenburg 2014
der alleinerziehenden Mutter oder des Vaters das
Armutsrisiko um mehr als die Hälfte sinkt. Erwerbstäi  |  … nach Bildungsgrad und Lebensform
tigkeit ist auch ansonsten der beste Schutz vor einem
Berlin Partner mit Kindern
Armutsrisiko, denn weniger als 5 % der Personen in
Bildungsrisiko
Lebensformen mit zwei erwerbstätigen Partnern
Ein Partner mit mittlerer /hoher Bildung
sind armutsgefährdet. Niedrige Bildung ist dagegen
Beide mit mittlerer/hoher Bildung
ein starker Risikofaktor für Armutsgefährdung. Vor
Alleinerziehende
allem in Brandenburg muss mehr als die Hälfte der
Bildungsrisiko
Bevölkerung in familialen Lebensformen mit einem
Mittlere/hohe Bildung
Partner ohne Kinder
Bildungsrisiko mit weniger als 60 % des ÄquivalenzBildungsrisiko
einkommens leben.
Ein Partner mit mittlerer /hoher Bildung
Für Berlin lässt sich feststellen, dass die Bevölkerung
Beide mit mittlerer/hoher Bildung
mit Migrationshintergrund bei einem Bildungsrisiko
Alleinstehende
Bildungsrisiko
und/oder einem sozialen Risiko wesentlich häufiger
Mittlere/hohe Bildung
unter der Armutsgefährdungsschwelle lebt als Berliner und Berlinerinnen ohne Migrationshintergrund
Brandenburg Partner mit Kindern
und dass auch Erwerbstätigkeit nicht in dem Maße
Bildungsrisiko
wie bei den Personen ohne Migrationshintergrund
Ein Partner mit mittlerer /hoher Bildung
Beide mit mittlerer /hoher Bildung
zu einer Befreiung aus der Armut führt.
Alleinerziehende
Ein einzelner zentraler Faktor, der zu Armut und
Bildungsrisiko
prekären
Lebensumständen führen kann, wurde in
Mittlere /hohe Bildung
diesem Beitrag nicht identifiziert. Bildung und ErPartner ohne Kinder
werbstätigkeit spielen jedoch eine zentrale Rolle.
Bildungsrisiko
Ein Partner mit mittlerer /hoher Bildung
Deutlich wird auch, dass sich Risikofaktoren „addieBeide mit mittlerer /hoher Bildung
ren“ bzw. dass sie „interaAlleinstehende
gieren“ können und dass
Anna-Carolina Haensch studiert an der
Bildungsrisiko
für bestimmte KombinatioOtto-Friedrich-Universität Bamberg Survey
Mittlere /hohe Bildung
nen von Lebensumständen
Statistik
im Masterprogramm. Sie absolvierte
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 %
ein Weg aus der Armuts2015 im Rahmen ihres Studiums ein dreigefährdung außerordentlich
monatiges Praktikum im Referat Mikrozensus
j  |  … nach Bildungsgrad, Lebensform und Migrationshintergrund
schwierig erscheint.
des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.
Armutsrisiko, differenziert nach
Bildungs- und Migrationshintergrund
Ist der Migrationshintergrund auch über den Bildungshintergrund hinaus noch mit der Armutsrisikowahrscheinlichkeit korreliert? Für Brandenburg sind
die Fallzahlen nicht ausreichend, aber für Berlin lässt
sich bei Betrachtung der Partnerschaften mit Kind

Partner mit Kindern

Berlin
Bildungsrisiko
Ein Partner mit mittlerer/hoher Bildung

Quellen
mit
ohne Migrationshintergrund

Beide mit mittlerer/hoher Bildung
Brandenburg

Alleinerziehende

[1]	

Bildungsrisiko
Mittlere/hohe Bildung
0

5

10

15

20

25

30

35

40

45 %

[2] 	
Klocke, A.; Hurrelmann, K. (2001):
Kinder und Jugendliche in
Armut; Umfang, Auswirkungen
und Konsequenzen;
Westdeutscher Verlag GmbH:
Wiesbaden, S. 10 	
[3] 	

Statistisches Bundesamt (2003).
Fachserie 1: Bevölkerung und
Erwerbstätigkeit, Reihe 3: Haushalte und Familien (Ergebnisse
des Mikrozensus) 2002. Stuttgart:
Metzler-Poeschel. S. 16
UNESCO Institute for Statistics (2012):
International Standard Classification
of Education ISCED 2011

42

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Zensus

	 ⌜	„Gleich und Gleich gesellt sich gern“, oder doch eher

		 „Gegensätze ziehen sich an“?

Eine demografische und sozioökonomische Partneranalyse für Berlin und Brandenburg

		
		von Verena Kutzki und Sylke Orczewski

Wenn es um die Beschreibung einer Paarbeziehung geht, werden im Volksmund in der Regel zwei Sprichwörter
verwendet: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ und „Gegensätze ziehen sich an“. Doch wie verhält es sich tatsächlich mit der Ähnlichkeit beim Alter, der Staatsangehörigkeit, dem Bildungsstatus und der Erwerbstätigkeit? Wie
sehen die Paarstrukturen in anderen europäischen Staaten aus? Für die Beantwortung dieser Fragen werden die
Daten des Zensus 2011 verwendet. Neben den Ergebnissen der Paaranalyse soll die Nutzung der unterschiedlichen
Datenbestände des Zensus 2011 – bereinigter Registerdatenbestand, Hochrechnung aus der Haushaltsstichprobe
und europäischer Datenbestand – gezeigt werden.

Am 9. Mai 2011 lebten 681 Tausend Paare in Berlin und Lebensgemeinschaft. Sind beide Paartypen in der
653 Tausend Paare im Land Brandenburg. Doch wel- Summe gemeint, wurden diese unter dem Begriff
che Partner lebten zusammen? Glichen oder unter- gemischtgeschlechtliche Paare ausgewiesen.
schieden sie sich in Bezug auf beispielsweise StaatsInsgesamt lebten zum Stichtag im Stadtstaat Berlin 47,5 % aller Personen ab 15 Jahren in einer Paarbeangehörigkeit, Bildung oder ausgeübten Beruf?
In die folgenden Analysen gingen alle zum Stich- ziehung. Das Flächenland Brandenburg wies einen
tag 9. Mai 2011 in Berlin oder Brandenburg woh- um 12,8 Prozentpunkte höheren Wert aus. Die Ehe
nenden Personen ab 15 Jahren ein. Der Begriff Paar war mit 77,5 % in Berlin und 82,0 % in Brandenburg
umfasste dabei Paare in einer Ehe, in einer eingetra- der häufigste Paartyp, gefolgt von der nichtehegenen Lebenspartnerschaft und in einer nichtehe- lichen Lebensgemeinschaft (22,0 % bzw. 17,9 %). Einlichen Lebensgemeinschaft, die jeweils in einem pri- getragene Lebenspartnerschaften traten in beiden
Ländern bei weniger als 1 % aller Paare auf. Die Anvaten Haushalt zusammen lebten.¹
•    	Ein Ehepaar war ein gemäß gesetzlichem Familien- zahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften war
stand zum Stichtag verheiratetes verschieden ge- aber im Stadtstaat mehr als viermal so hoch wie im
schlechtliches Paar in einem privaten Haushalt. In Flächenland Brandenburg.
In der Abbildung a werden die Anteile der PersoBerlin lebten 527 736 Ehepaare und in Brandenburg
nen in einer Paarbeziehung an allen Personen ab
535 594.
•    	
Eine eingetragene Lebenspartnerschaft war ein 15 Jahren sowie die Verteilung der drei Paartypen
gemäß gesetzlichem Familienstand zum Stichtag für die Berliner Bezirke und Brandenburger Verwalrechtlich anerkanntes gleichgeschlechtliches Paar tungsbezirke dargestellt.
In sechs der zwölf Berliner Bezirke lag der Anteil
in einem privaten Haushalt. Dabei konnten Lebenspartnerschaften erst ab einem Alter von 18 Jah- der Personen in einer Paarbeziehung, bezogen auf
ren eingegangen werden. In Berlin lebten 3 550 alle Personen ab 15 Jahren, bei über 50 %. Die geeingetragene Lebenspartnerschaften und in Bran- ringsten Werte wiesen Friedrichshain-Kreuzberg mit
denburg 720.
37,0 % und Mitte mit 39,8 % aus.
Eine nichteheliche Lebensgemeinschaft war ein
Die Verteilung der drei Paartypen variierte je nach
•    	
gemischtgeschlechtliches Paar in einem privaten Bezirk. So gab es im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
Haushalt, das gemäß gesetzlichem Familienstand mit 35,5 % die meisten Paare in einer nichtehelichen
zum Stichtag nicht miteinander verheiratet war. In Lebensgemeinschaft und die wenigsten in einer
Berlin wurden 150 045 und in Brandenburg 116 930 Ehe (63,6 %). Steglitz-Zehlendorf ist das entgegengesetzte Beispiel. In diesem Bezirk lebten die Paare
nichteheliche Lebensgemeinschaften gezählt.
Für die folgenden Analysen werden die verschie- am häufigsten in einer Ehe (83,9 %) und am seltensdenen Paartypen einzeln und als Paarkombina- ten in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft
tion beschrieben. Die Summe aller drei Paartypen (15,7 %). Bei den eingetragenen Lebenspartnerschafwurde unter dem Begriff Paare zusammengefasst. ten war der Anteil in Charlottenburg-Wilmersdorf
Vergleiche zwischen Mann und Frau beziehen sich mit 1,1 % am größten und in Reinickendorf mit 0,2 %
immer nur auf die Paartypen Ehe oder nichteheliche am geringsten.

43

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Kaum regionale Unterschiede
im Altersvergleich
Die Betrachtung der gemischtgeschlechtlichen Paare im Altersvergleich zeigt, dass sowohl in Berlin als
auch in Brandenburg bei 7 von 10 Paaren der Mann
älter war als die Frau. Gleich alt² zum Zensusstichtag
9. Mai 2011 waren in Berlin 10,3 % aller Paare und in
Brandenburg 11,7 %. Abbildung b zeigt die Unterteilung nach den Berliner Bezirken und Brandenburger
Verwaltungsbezirken. Bei den gleichgeschlechtlichen Paaren waren in Berlin 6,1 % und in Brandenburg 7,2 % gleich alt.

In allen Brandenburger Verwaltungsbezirken lebten mehr als die Hälfte aller Personen ab 15 Jahren in
einer Paarbeziehung. Dabei schwankten die Anteile
zwischen 53,1 % in Frankfurt (Oder) und 63,9 % im
Landkreis Potsdam-Mittelmark.
Der Landkreis Spree-Neiße im Südosten Brandenburgs wies mit 85,8 % Ehen und 14,1 % nichtehelichen Lebensgemeinschaften die höchsten und
niedrigsten Werte der jeweiligen Paartypen unter
allen Verwaltungsbezirken auf. Der Anteil der eingetragenen Lebenspartnerschaften war in der Landeshauptstadt Potsdam mit 0,3 % am größten.

Berlin
Anteil in %
unter 41
41 bis unter 45
45 bis unter 49
49 bis unter 53
53 und mehr

03

12
05

01

11

10

02

04
07

06

08

09

Ehe
eingetragene Lebenspartnerschaft
nichteheliche Lebensgemeinschaft

a  |  Personen in einer Paarbeziehung
in Berlin und Brandenburg
am 9. Mai 2011 nach Paartyp

73

70
68

65

Brandenburg

64
54

51

53

69

67

55,9 57,9 59,9 61,9 63,9

72
Anteil in %
unter 56
56 bis unter 58
58 bis unter 60
60 bis unter 62
62 und mehr

1 	 Waren beispielsweise Personen
in nichtehelichen Lebensgemeinschaften noch nicht zusammengezogen, können diese
nicht mit ausgewiesen werden.
Auch Ehepaare, die in getrennten Wohnungen lebten, sind
nicht im Ergebnis enthalten.
2	 Zu beachten ist hier allerdings,
dass die Altersberechnung auf
Basis des Stichtags 9. Mai 2011
vorgenommen wurde und dass
das genaue Geburtsdatum als
Hilfsmerkmal für Auswertungen nicht zur Verfügung
steht. Somit können leichte Ungenauigkeiten enthalten sein.
Betrachtet man ein Paar, bei
dem die Partner beispielsweise
am 8. Mai 1969 und 10. Mai 1969
geboren wurden, so sind diese
hier nicht gleich alt, sondern
liegen altersmäßig 1 Jahr auseinander.

61
52
62

71

66

Anteildereinpendelnden sozial-

%

versicherungspflichtig Beschäftigten
Kreise anund
Städte
den kreisfreie
insgesam tsozial
versicherungspflichtig %

51
52
53
54
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73

60

63

Bezirke
%%
Personen in Paarbeziehungen
39,8
01 Mitte
37,0
02 Friedrichshain-Kreuzberg
47,8
03 Pankow
04 Charlottenburg-Wilmersdorf 43,1
51,1
05 Spandau
50,6
06 Steglitz-Zehlendorf
47,2
07 Tempelhof-Schöneberg
45,0
08 Neukölln
54,9
09 Treptow-Köpenick
54,8
10 Marzahn-Hellersdorf
50,8
11 Lichtenberg
51,2
12 Reinickendorf
Beschäftigten am 30.06.2009

Brandenburg an der Havel
Cottbus
Frankfurt (Oder)
Potsdam
Barnim
Dahme-Spreewald
Elbe-Elster
Havelland
Märkisch-Oderland
Oberhavel
Oberspreewald-Lausitz
Oder-Spree
Ostprignitz-Ruppin
Potsdam-Mittelmark
Prignitz
Spree-Neiße
Teltow-Fläming
Uckermark

56,9
53,7
53,1
54,7
62,2
62,1
60,2
62,7
62,7
62,8
58,5
61,1
58,7
63,9
58,9
60,4
60,8
59,4

b  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011
nach Alter des Partners
Brandenburg

Berlin
Mitte
Friedrichshain-Kreuzberg
Pankow
Charlottenburg-Wilmersdorf
Spandau
7040,9
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Neukölln
Treptow-Köpenick
Marzahn-Hellersdorf
Lichtenberg
Reinickendorf

Brandenburg an der Havel
Cottbus
Frankfurt (Oder)
Potsdam
Barnim
Dahme-Spreewald
100
Elbe-Elster
Havelland
Märkisch-Oderland
Oberhavel
Oberspreewald-Lausitz
64
Oder-Spree
Ostprignitz-Ruppin
Potsdam-Mittelmark
53
100
67 %
Prignitz
Spree-Neiße
Teltow-Fläming
Uckermark

73
44,9

48,9

68

53,9

65
60

63
54

51

0

20
69

40

60
72

80
61

Frau älter
Mann älter
Gleich alt

52
62

66

71

0

20

40

60

80

100 %

44

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Altersunterschied normalverteilt
Aussagen wie „Ehemänner sind im Schnitt drei Jahre älter als ihre Partnerin“ sind bekannt und wurden
auch durch den Zensus 2011 bestätigt. Für die Berechnung der Differenz wurde das Alter der Ehefrau
vom Alter des Mannes subtrahiert. Dabei ergab sich
in Berlin ein Wert von 2,9 und im Land Brandenburg
von 2,5. Aber wie sah es bei den beiden anderen
Paartypen aus? Bei den nichtehelichen Lebensgemeinschaften waren die Altersunterschiede
ähnlich wie bei den Ehepaaren: In Berlin waren die
männlichen Lebenspartner im Durchschnitt 2,6 und
im Land Brandenburg 2,5 Jahre älter.
Wurden bei den gemischtgeschlechtlichen Paaren nur die betrachtet, bei denen der Mann älter
war, ergaben sich in Berlin Altersunterschiede von
5,1 Jahren bei den Ehen und 5,7 Jahren bei den
nichtehelichen Lebensgemeinschaften. In Brandenburg lagen diese Werte bei 4,2 und 5,5. Bei den
Paaren mit älteren Frauen in der Beziehung betrugen die Unterschiede 3,5 (Ehen) und 4,5 Jahre (nichteheliche Lebensgemeinschaften) in Berlin und 3,0
bzw. 4,7 Jahre in Brandenburg. Bei den eingetragenen Lebenspartnerschaften hingegen waren die Altersunterschiede höher. Während bei den gleichgeschlechtlich weiblichen Lebenspartnerschaften die
Altersunterschiede in beiden Ländern bei ca. 5,5 Jahren lagen, wurden bei den Männern im Mittel Unterschiede von 8,2 Jahren in Berlin und 7,5 Jahren in
Brandenburg ersichtlich.
In beiden Ländern beliefen sich die Altersunterschiede bei mehr als 99 % der Paare auf maximal
20 Jahre. Einzige Ausnahme bildeten die eingetragenen männlichen Lebenspartnerschaften. Mit 91,7 %
in Berlin und 94,6 % in Brandenburg lagen diese
Werte um mehrere Prozentpunkte niedriger.
In der Abbildung 
c werden die Verteilungen
der Altersunterschiede gemischtgeschlechtlicher
Paare für die Länder Berlin und Brandenburg

dargestellt. In beiden Fällen zeigt sich eine annähernde Normalverteilung mit leichter Rechtsverlagerung – der häufigste Wert liegt jeweils bei den
Paaren, in denen der Mann 1 Jahr älter war. Ebenfalls erkennbar ist, dass die Anzahl der gemischtgeschlechtlichen Paare, bei denen der Mann älter
war, höher war als die derjenigen Beziehungen, in
denen die Frau älter war.
Obwohl sich die Anzahl der gemischtgeschlechtlichen Paare in Berlin (677  781) und Brandenburg
(652 524) glich, zeigen sich Unterschiede in der Höhe
und Breite der Verteilungen. In Berlin war die Kurve
flacher und damit breiter, was sich auch in einer größeren Standardabweichung von 5,6 im Vergleich zu 4,7
in Brandenburg zeigt. Im Stadtstaat Berlin kamen
somit häufiger höhere Altersunterschiede vor als im
Flächenland Brandenburg.
Bei den männlichen eingetragenen Lebenspartnerschaften in Brandenburg fällt auf, dass die Anzahl
d  |  Gleichgeschlechtliche Paare in Berlin und
Brandenburg am 9. Mai 2011 nach Altersdifferenz
Jahre mm

Berlin

20
19
18
17
16
15
14
13
12
11
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0

20
19
18
17
16
15
14
13
12
11
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0

250 200
männlich

c  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin und
Brandenburg am 9. Mai 2011 nach Altersdifferenz

150

100

50

0 0

50

100

150

200 250
weiblich

10

20

30

40
50
weiblich

Berlin

Frau älter
Mann älter
Gleich alt

20
19
18
17
16
15
14
13
12
11
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0

20

60 000

19

40 000

17

20 000

15

0

Jahre mm

Brandenburg

80 000

18

16

14
13

20

16

12

8

4

0

4

8

12

16

20
Jahre

12
11
10
9

Brandenburg

8
7

80 000

6
5

60 000

4
3

40 000

2
1

20 000
0

0

20

16

12

8

4

0

4

8

12

16

20
Jahre

50
40
männlich

30

20

10

0 0

45

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

dieser Paare bis zu einem Altersunterschied von
fünf Jahren stieg (Abbildung d). Brandenburg wies
darüber hinaus bei beiden Geschlechtern keine eindeutigen Verlaufsstrukturen auf. In Berlin hingegen
nahm die Anzahl der Paare mit höherem Altersunterschied in der Regel ab. Trotz alledem waren die
Häufigkeiten in den höheren Altersdifferenzen größer als bei den gemischtgeschlechtlichen Paaren.
Dies spiegelte sich auch in den höheren Altersdurchschnitten wider.
Die Abbildung e zeigt für Berlin und Brandenburg alle Alterskombinationen von Personen in
einer gemischtgeschlechtlichen Beziehung.³ Um
eine vergleichbare Darstellung zu erzeugen und
Verzerrungen durch geburtenschwache Jahrgänge
zu kontrollieren, wurde die Anzahl der Personen in
einer gemischtgeschlechtlichen Paarbeziehung pro
Alterskombination zu der Anzahl aller Frauen und
Männer derselben Alterskombination eines Landes
ins Verhältnis gesetzt. Beispielshalber:
(Anzahl der Paare, bei denen eine 50-jährige Frau mit einem 53-jährigen Mann verheiratet ist) • 2
(Anzahl aller Frauen mit 50 Jahren + Anzahl aller Männer mit 53 Jahren)

Von den insgesamt 7 396 möglichen Alterskombinationen sind in Berlin 43,3 % und im Land Brandenburg 38,8 % der Felder mit drei und mehr Paaren
besetzt. Werden auch die gemischtgeschlechtlichen
Paare mit einbezogen, deren Alterskombination
zum Stichtag nur ein- oder zweimal vorkam, liegen
die Anteile der besetzten Felder um mindestens
zehn Prozentpunkte höher. In Berlin sind acht und in
Brandenburg elf Altersklassen auf der Äquivalenzlinie, der Linie, bei denen das Alter des Mannes gleich
dem Alter der Frau ist, nicht besetzt. Diese befinden
sich in beiden Fällen an den beiden Außenpunkten,
also bei den jungen (15- bzw. 16-Jährige) und alten
(ab 93 Jahre) Paaren mit gleichem Alter am 9. Mai
2011.
Im Stadtstaat Berlin waren Anteile von 7 % und
mehr nur in den Altersklassen von 70 bis 80 Jahren
erkennbar, während in Brandenburg ab Mitte der
30er solch hohe Anteile abzulesen sind. Dies liegt u. a.
daran, dass in Brandenburg seltener unterschiedliche Kombinationen und seltener hohe Altersunterschiede vorkamen. Die Tatsache, dass Familien
eher ins Umland ziehen und Berlin eine Singlestadt
ist – 49,1 % der Haushalte waren Einpersonenhaushalte – ist ein weiterer Grund für diese starken Unterschiede in der Nähe der Altersäquivalenzlinie.
Die Konzentration der Paarkombinationen bei
etwas älteren Männern (bis zu 4 Jahren) ist in jeder Generation erkennbar. Ebenfalls ersichtlich ist,
dass die „Galaxie“ auf der Seite der Männer breiter
ist als bei den Frauen, wobei bei den Frauen stärkere „Ausfransungen“ am Rand der „Galaxie“ in beiden Ländern, vor allem im Alter von 40 bis unter
60 Jahren, zu sehen sind. D. h. Ausreißer sind bei den
gemischtgeschlechtlichen Paaren mit älteren Frauen deutlicher zu sehen als bei den Paaren mit älteren
Männern.

Deutsche und Ausländer –
mehr als 140 unterschiedliche Nationalitäten
Die in diesem Abschnitt aufgeführten Ergebnisse
beziehen sich ausschließlich auf die Staatsbürgerschaft der Personen in Paarbeziehungen, ohne Berücksichtigung des Migrationshintergrundes. Nicht
betrachtet wurden dabei Paare, bei denen mindestens ein Partner die Staatsangehörigkeit sonstiges
Land, staatenlos oder keine Angaben aufwies. Wenn
eine Person zwei Staatsbürgerschaften besaß und
eine davon die Deutsche war oder eine ausländische Person sich hat einbürgern lassen und ihren
ausländischen Pass abgegeben hat, wurde diese
in diesem Auswertungsteil als Deutscher gezählt.
In einem späteren Abschnitt wird auf das Merkmal
Migrationshintergrund näher eingegangen.
Hatten Partner unterschiedliche Nationalitäten, so
handelte es sich um ein binationales Paar. Im Land
Brandenburg lebten am 9. Mai 2011 ca. 13 Tausend
binationale Paare zusammen in einem Haushalt. Das
entsprach einem Anteil von 2,0 % aller Paare in Brandenburg. Im Stadtstadt Berlin lebten mit ca. 77 Tausend Paaren fast 6-mal so viele binationale Paare wie
im Flächenland Brandenburg. Bezogen auf alle in
Berlin lebenden Paare war dies ein Anteil von 11,5 %.
e | Anteil der Personen in einer
gemischtgeschlechtlichen Beziehung
in Berlin und Brandenburg
am 9. Mai 2011
nach Alterskombinationen

Anteil in % B Bb
unter 1
1 bis unter 2
2 bis unter 3
3 bis unter 4
4 bis unter 5
5 bis unter 6
6 bis unter 7
7 und mehr

Berlin
100 Alter des Mannes
90
80
70
60
50
40
30
20
10
0
0

10

20

30

40

50

60

70

80

30

40

50

60

70

80

90

100
und älter
Alter der Frau

Brandenburg
100 Alter des Mannes
90
80
70
60
50
40
30
20
10
0

3 Pro Alterskombination sind
mindestens drei Paare vorhanden.

0

10

20

90

100
und älter
Alter der Frau

46

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Deutsche und Ausländer
Sowohl in Berlin als auch in Brandenburg besaß die
Mehrheit der binationalen Paare einen deutschen
Partner – in Berlin 92,6 % und in Brandenburg 96,9 %.
Eine Betrachtung nach Kontinenten zeigt, dass bei
mehr als zwei Dritteln dieser Paare der ausländische
Partner aus einem europäischen Land stammte (Abbildung f ). Die Anteile sind im Stadtstaat und im
Flächenland ähnlich, wobei im Land Brandenburg
der Anteil der Partner aus einem europäischen Land
etwas höher ausfällt.
Werden die einzelnen Nationen betrachtet, war
Berlin etwas vielfältiger als Brandenburg. Während
es in Berlin bei den binationalen Paaren mit einem
deutschen Partner 176 unterschiedliche Nationalitäten gab, waren es in Brandenburg 142. In Berlin
kamen die meisten Partner aus der Türkei, Polen

oder der Russischen Föderation, in Brandenburg
aus Polen, der Russischen Föderation oder Kasachstan. Tabelle 1 beinhaltet eine Länderauswahl für
die drei Paartypen. Zusätzlich ist in Tabelle 2 eine
Übersicht der zehn häufigsten Länder pro Paartyp
und Geschlecht des deutschen Partners dargestellt.
Anhand dieser beiden Tabellen ist erkennbar, dass
viele Parallelen zwischen den Geschlechtern, den
beiden Ländern, aber auch zwischen den Partnertypen existieren. So waren in Berlin beispielsweise die
türkischen Partner und im Land Brandenburg die
polnischen Partner fast immer unter den drei häufigsten binationalen Partnern. Interessanterweise
waren bei weiblichen eingetragenen Lebenspartnerschaften die angeführten Staatsangehörigkeiten
nicht unter den häufigsten zehn. Dies galt für beide
Bundesländer.

1  |  Binationale Paare mit einem deutschen Partner in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011
nach ausgewählter Staatsangehörigkeit des ausländischen Partners, Paartyp und Geschlecht
Deutscher Partner
Berlin
Staatsangehörigkeit
des
ausländischen
Partners

insgesamt

Ehe

Afrika
Ägypten
Kenia
Tunesien

eheähnliche
Lebensgemeinschaft

ins- darunter ins- darunter ins- darunter
gesamt Frauen gesamt Frauen gesamt Frauen

Anzahl
Insgesamt
darunter
Europa – EU-28
Frankreich
Griechenland
Italien
Kroatien
Österreich
Polen
Rumänien
Vereinigtes
Königreich
Sonstiges Europa
Bosnien und
Herzegowina
Russische
Föderation
Serbien
Türkei

Brandenburg

eingetragene
Lebenspartnerschaft

%

Anzahl

%

Anzahl

%

insgesamt

55 600

42,6

858

29,3

14 861

53,0

2 434
933
2 478
1 154
2 186
7 208
465

1 430
613
1 502
879
1 454
5 714
286

47,0
59,4
67,0
48,2
50,4
21,1
28,3

28
–
17
9
14
49
–

35,7
–
47,1
–
28,6
26,5
–

976
320
959
266
718
1 445
179

53,5
61,9
62,3
48,1
50,6
35,5
36,3

281
109
289
129
458
2 202
146

2 046

1 303

63,5

21

42,9

722

68,8

720

521

59,7

5

•

194

4 077
462
14 333

3 590
321
12 885

29,5
51,7
57,7

30
10
21

36,7
•
23,8

465
213
542

415
179
475

55,2
27,4
63,6

–
–
–

eheähnliche
Lebensgemeinschaft

ins- darunter ins- darunter ins- darunter
gesamt Frauen gesamt Frauen gesamt Frauen

Anzahl

71 319

eingetragene
Lebenspartnerschaft

Ehe

%

Anzahl

%

Anzahl

%

36,2

58

36,2

2 257

50,4

206
69
173
105
341
1 774
95

50,0
69,6
68,2
52,4
54,3
15,8
28,4

3
–
–
–
3
–
–

•
–
–
–
•
–
–

72
40
116
24
114
428
51

61,1
75,0
79,3
50,0
64,9
32,2
47,1

379

294

63,9

3

•

82

73,2

54,6

87

73

69,9

–

–

14

78,6

457
131
1 427

30,4
49,6
74,4

1 493
60
460

1 383
42
375

27,8
54,8
76,3

–
–
–

–
–
–

110
18
85

27,3
44,4
82,4

–
–
–

50
34
67

78,0
32,4
88,1

32
55
67

32
45
60

90,6
20,0
95,0

–
–
–

–
–
–

–
10
7

–
40,0
•

–
–

11
19

•
36,8

51

52,9

12 859 10 544

Amerika
Brasilien
Kuba
Vereinigte Staaten
(USA)

796
342

596
280

21,3
46,1

68
13

22,1
23,1

132
49

30,3
67,3

103
111

92
92

12,0
37,0

–
–

2 375

1 757

57,4

107

52,3

511

62,2

298

243

53,9

4

Asien
China
Kasachstan
Thailand
Vietnam

675
877
2 061
1 009

536
830
1 807
691

17,4
47,0
1,4
18,8

20
–
73
24

•
–
12,3
16,7

119
47
254
294

42,0
38,3
9,4
32,7

111
519
327
314

92
497
296
233

10,9
43,9
–
19,7

–
–
–
–

–
–
–
–

19
22
31
81

31,6
31,8
–
39,5

291

191

56,0

17

47,1

83

59,0

30

23

52,2

–

–

7

42,9

Australien
und Ozeanien
Australien

100

47

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Im Ganzen betrachtet fällt auf, dass die Staatsangehörigkeiten bei den eingetragenen Lebenspartnerschaften etwas von denen der beiden anderen
Paartypen abwichen. Brasilianer waren beispielsweise nur bei diesem Paartyp unter den zehn häufigsten Nationen vertreten und das mit relativ hohen
Anteilen von 6,0 bis 13,5 %.
Zwischen den Geschlechtern gab es gewisse Unterschiede. So waren bei den Partnerschaften mit
einer deutschen Frau Italiener fast immer unter den
zehn häufigsten Nationen vertreten. Bei den Männern fielen die osteuropäischen und ostasiatischen
Länder auf. Von den 2 061 Berliner Ehen mit einem
thailändischen Partner besaßen in 98,6 % der Fälle
die Ehefrauen die thailändische Staatsbürgerschaft.
Im Land Brandenburg lag diese Paarkombination
sogar bei allen Ehen vor.
f  |  Binationale Paare mit einem deutschen Partner
in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011
nach Herkunft des ausländischen Partners
70
60
50
40
30
20
10
0
Australien
und
Ozeanien

Afrika

Nord- und
Südamerika

Asien

Europa

Berlin
Brandenburg

Auch wenn bei den häufigsten Staatsbürgerschaften der Paare zu großen Teilen die gleichen Länder
vertreten waren, zeigten sich doch Unterschiede
zwischen den Bundesländern in den Anteilswerten.
Fast jede dritte binationale Ehe in Berlin, bei der die
Frau die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, hatte
einen Ehemann mit einem türkischen Pass. Im Land
Brandenburg war jeder vierte deutsche Mann – unter den binationalen Ehen – mit einer Polin verheiratet. Bei den anderen Paartypen lagen die Höchstwerte für die beiden genannten Nationen in beiden
Ländern zwischen zehn und etwas mehr als 20 %.
Ausländer und Ausländer
Neben den binationalen Paaren mit einem deutschen Partner lebten zum 9. Mai 2011 im Land Berlin
44 323 und im Land Brandenburg 3 721 ausländische
Paare, bei denen keiner der beiden Partner die deutsche Nationalität besaß. Von diesen Paarbeziehungen besaßen 12,8 % bzw. 11,2 % unterschiedliche
Staatsbürgerschaften.
Auch bei diesen Paaren zeigt sich Berlin, was die
Anzahl der Nationen betrifft, vielfältiger. Während
im Stadtstaat 156 verschiedene Nationalitäten in einer binationalen Paarbeziehung lebten, waren es im
Land Brandenburg 101.
Unter den ausländischen Paaren lebten in Berlin am häufigsten Partner mit gleicher Nationalität
%),
zusammen. Dabei überwogen türkische (41,3 
polnische (4,9 %) und vietnamesische (4,3 %) Paare.
Im Land Brandenburg waren es Paare aus Vietnam
(12,9 %), der Ukraine (11,9 %) und aus Polen (11,7 %).
Ausländische Paare mit unterschiedlichen Nationalitäten, ohne einen Partner mit deutschem Pass,

2  |  Binationale Paare mit einem deutschen Partner in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011 nach Häufigkeit der Staatsangehörigkeit
des ausländischen Partners pro Paartyp und Geschlecht des deutschen Partners
Deutscher Partner
Ehe
Mann

%

eingetragene Lebenspartnerschaft
Frau

%

Mann

%

Frau

eheähnliche Lebensgemeinschaft
%

Mann

%

Frau

%

22,3
6,0
5,2
4,8
4,4
4,4
4,0
3,6
3,6
3,2

Polen
Frankreich
Türkei
Italien
Österreich
Russische Föderation
Spanien
Thailand
Vereinigtes Königreich
Bulgarien

13,3
6,5
5,2
5,2
5,1
4,6
4,4
3,3
3,2
2,9

Türkei
Italien
Frankreich
Polen
Vereinigtes Königreich
Österreich
Vereinigte Staaten
Spanien
Libanon
Griechenland

13,5
7,6
6,6
6,5
6,3
4,6
4,0
3,3
2,8
2,5

19,0
14,3
9,5
9,5
9,5
4,8
4,8
4,8
4,8
4,8

Polen
25,9 Polen
Ukraine
8,1 Italien
Russische Föderation 7,1 Österreich
Vietnam
4,4 Türkei
Österreich
3,6 Niederlande
Thailand
2,8 Vereinigtes Königreich
Frankreich
2,5 Frankreich
Rumänien
2,4 Ungarn
Weißrussland
2,3 Vietnam
Ungarn
2,2 Griechenland

12,1
8,1
6,5
6,2
5,9
5,3
3,9
3,8
2,8
2,6

Berlin
Türkei
17,1 Türkei
Polen
14,1 Polen
Russische Föderation 7,9 Russische Föderation
Thailand
5,6 Vereinigte Staaten
Ukraine
3,2 Italien
Frankreich
2,4 Vereinigtes Königreich
Vereinigte Staaten
2,3 Libanon
Österreich
2,3 Österreich
Libanon
2,1 Frankreich
Vietnam
1,8 Kroatien

31,4
5,1
4,5
4,3
4,2
3,5
3,4
3,1
2,8
1,8

Thailand
10,5 Vereinigte Staaten
Brasilien
8,7 Brasilien
Vereinigte Staaten
8,4 Polen
Polen
5,9 Schweiz
Indonesien
3,6 Niederlande
Vietnam
3,3 Russische Föderation
Russische Föderation 3,1 Frankreich
China
3,1 Vereinigtes Königreich
Frankreich
3,0 Thailand
Türkei
2,6 Italien

22,2
14,9
10,3
4,4
4,1
3,0
2,8
2,3
1,7
1,6

10,1
8,3
7,5
7,3
5,7
4,9
4,8
3,6
3,4
3,1

Polen
Brasilien
Thailand
Italien
Niederlande
Österreich
Ungarn
Indonesien
Bulgarien
Frankreich

Brandenburg
Polen
Russische Föderation
Ukraine
Thailand
Kasachstan
Weißrussland
Vietnam
Österreich
Vereinigte Staaten
Vereinigtes Königreich

Russische Föderation
Ungarn
Türkei
Polen
Kasachstan
Vereinigtes Königreich
Österreich
Niederlande
Vereinigte Staaten
Italien

18,9
13,5
13,5
5,4
5,4
5,4
5,4
5,4
2,7
2,7

Vereinigte Staaten
Niederlande
Frankreich
Schweiz
Vereinigtes Königreich
Griechenland
Österreich
Ukraine
Kuba
Peru

48

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

kamen eher selten vor. So wiesen die Kombinationen
Polen mit der Türkei, Bosnien und Herzegowina mit
Kroatien sowie Bulgarien mit der Türkei mit jeweils
0,3 % aller ausländischen Paare die höchsten binationalen Anteile in Berlin aus. Im Land Brandenburg lebten mit 0,7 % Personen aus der Russischen Föderation
und der Ukraine am häufigsten zusammen.
Sozioökonomische Analyse erfordert
andere Datenbasis
Die bisherigen – demografischen – Auswertungen
basieren auf den Auszählungen des bereinigten Registerbestands.
Für die sozioökonomischen Analysen von Eigenschaften der Paare nach Migrationshintergrund,
Bildung, Beruf und Erwerbsstatus wurde auf die Ergebnisse der hochgerechneten Haushaltsstichprobe
zurückgegriffen, da sozioökonomische Merkmale im
bereinigten Registerbestand nur bedingt auswertbar
sind. Jede in der Stichprobe enthaltene Person hat
einen eigenen Hochrechnungsfaktor. Dieser wurde
3  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin
am 9. Mai 2011 nach Migrationshintergrund
Merkmal der Frau
Merkmal
des Mannes

ohne Migrationshintergrund
Anzahl

%

mit Migrationshintergrund
Anzahl

%

Ergebnis mit dem
Hochrechnungsfaktor des Mannes
Ohne Migrationshintergrund
Mit Migrationshintergrund

484 560
35 080

71,4
5,2

45 140
113 800

Paare besitzen gleiches schulisches
Bildungsniveau
Sowohl in Berlin als auch in Brandenburg lebten
überwiegend gemischtgeschlechtliche4 Paare zusammen, bei denen beide Personen den gleichen
Schulabschluss besaßen. Demnach kann nicht davon ausgegangen werden, dass Gegensätze sich anziehen, stattdessen gesellen sich Gleich und Gleich
gern.

6,7
16,8

Ergebnis mit dem
Hochrechnungsfaktor der Frau
Ohne Migrationshintergrund
Mit Migrationshintergrund

489 230
35 460

71,7
5,2

45 050
112 980

mittels eines Regressionsverfahrens bestimmt und
gibt an, wie die Anzahl der an einer Anschrift lebenden Personen zur Bestimmung der Gesamteinwohnerzahl sowie der zusätzlich erhobenen Merkmale
hochgerechnet werden soll.
Für sozioökonomische Auswertungen von Paaren
liegen im Zensusdatensatz keine eigenen Hochrechnungsfaktoren vor. Demzufolge war zu entscheiden,
ob für die folgenden Analysen der Hochrechnungsfaktor des Partners oder der Partnerin Anwendung
findet. Tabelle 3 stellt die absoluten und relativen
Anteile von gemischtgeschlechtlichen Paaren nach
deren Migrationshintergrund bei Anwendung des
jeweiligen gebundenen Hochrechnungsfaktors für
Berlin dar.
Die absoluten Werte unterscheiden sich, da für die
Berechnung des Hochrechnungsfaktors verschiedene soziale Merkmale berücksichtigt wurden. Die
Anteile bzw. Strukturen sind sowohl in Berlin als
auch in Brandenburg sehr ähnlich. Da die Hochrechnungen beider Personen der Paarbeziehung zu
gleichen strukturellen Ergebnissen kamen, wurde
den folgenden Ergebnissen bei gemischtgeschlechtlichen Paaren der Hochrechnungsfaktor des Mannes
zugrunde gelegt.
Somit ergaben sich für Berlin hochgerechnet
678 580 und für das Land Brandenburg 653 570 gemischtgeschlechtliche Paare. Dies entsprach in beiden Ländern leicht über 100 % der aus dem Registerdatenbestand ausgezählten Paare.

6,6
16,5

g  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011
nach Geschlecht und höchstem Schulabschluss
Berlin
Höchster Schulabschluss der Frau
Allgemeine/
fachgebundene
Hochschulreife

.

Fachhochschulreife

.

Realschul- oder
gleichwertiger
Abschluss

.

Brandenburg
Höchster Schulabschluss der Frau

.

.
.
Ohne
Schulabschluss

.

.

Fachhochschulreife

.

.

.

Anteile in %
40
30
20
10
unter 1

Realschul- oder
gleichwertiger
Abschluss

Haupt-/
Volksschulabschluss
Ohne
Schulabschluss

Allgemeine/
fachgebundene
Hochschulreife

.

.

Haupt-/
Volksschulabschluss

.

Ohne
Schulabschluss

.

.

Haupt-/ Realschul- oder FachAllgemeine/
Volksschul- gleichwertiger hochschul- fachgebundene
abschluss Abschluss
reife
Hochschulreife
Höchster Schulabschluss des Mannes

Ohne
Schulabschluss

.

.

.

.

.

.

Haupt-/ Realschul- oder FachAllgemeine/
Volksschul- gleichwertiger hochschul- fachgebundene
abschluss Abschluss
reife
Hochschulreife
Höchster Schulabschluss des Mannes

4 	 Aufgrund geringer Fallzahlen
wird auf die Auswertung gleichgeschlechtlicher Paare bei
Bildung und Beruf verzichtet.

49

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Bei nahezu jedem dritten gemischtgeschlechtlichen Paar (Abbildung g) in Berlin (30,0 %) verfügten
beide Personen über die allgemeine/fachgebundene
Hochschulreife (Abitur). In Brandenburg besaßen beide Personen der Paarbeziehung am häufigsten einen
Realschul- oder gleichwertigen Abschluss (41,2 %).
Die Anteile der Paare, bei denen sich die Schulabschlüsse unterschieden, lagen unter 10,0 %. Am
häufigsten zeigte sich dabei die Kombination allgemeine/fachgebundene Hochschulreife (Abitur) und
Realschul- oder gleichwertiger Abschluss. In beiden
Ländern war dies unabhängig davon, welches Geschlecht welchen Abschluss besaß.
Geschlechterbezogene Unterschiede in Bezug auf
den höchsten Schulabschluss sind kaum festzustellen. Differenzen sind eher bei allgemeinbildenden
Schulabschlüssen erkennbar. In Berlin betraf das
den Haupt-/Volksschulabschluss sowie den Realschul- oder gleichwertigen Abschluss, während dies
in Brandenburg zumeist auf den Realschul- oder
gleichwertigen Abschluss und die Fachhochschulreife zutraf. In Berlin und in Brandenburg bestand unter
den gemischtgeschlechtlichen Paaren eine maximale geschlechterbezogene Differenz von 2,5 Prozentpunkten zwischen dem Haupt-/Volksschulabschluss
und dem Realschul- oder gleichwertigen Abschluss.
Darüber hinaus betrug der absolute Unterschied zwischen dem Realschul- oder gleichwertigen Abschluss
und der Fachhochschulreife in Brandenburg 1,8 Prozentpunkte.

Praxisbezogene Lehre
•    Lehre, Berufsausbildung im dualen System
•    Fachschulabschluss
•     Abschluss einer Fachakademie oder Berufsakademie
•    Fachhochschulabschluss
Wissenschaftsbezogene Lehre	
•    Hochschulabschluss
•    Promotion
Während am 9. Mai 2011 in Berlin fast jedes zweite
gemischtgeschlechtliche Paar (47,2 
%) über eine
praxisbezogene Ausbildung verfügte und hier Paare
wohnten, die eine wissenschaftsbezogene Ausbildung (15,5 %) besaßen, hatten in Brandenburg zumeist Paare mit einer praxisbezogenen Ausbildung
(74,0 %) ihren Hauptwohnsitz (Tabelle 4).
Bei 22,2 % der gemischtgeschlechtlichen Paare in
Berlin hatte mindestens eine Person keinen beruflichen Abschluss, in Brandenburg waren es 8,7 %.
Hierbei ist zu beachten, dass bei den Personen ohne
beruflichen Abschluss auch die enthalten waren, die
sich noch in der beruflichen Ausbildung befanden,
unabhängig ob praxis- oder wissenschaftsbezogen.
Dies erklärt auch die höheren Anteile in Berlin.

Häufiger Paare ohne beruflichen Abschluss
in Berlin
Die Betrachtung der beruflichen Ausbildung erfolgte
mit Hilfe von zwei explizit für diese Auswertung gebildeten Kerngruppen. Hierzu wurden die Merkmalsausprägungen zum höchsten beruflichen Abschluss
zum einen in der Gruppe der praxisbezogenen Lehre
und zum anderen in der Gruppe der wissenschaftsbezogenen Lehre zusammengefasst:

4  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin
und Brandenburg am 9. Mai 2011 nach der Kategorie
der beruflichen Ausbildung
Kategorie der beruflichen Ausbildung der Frau
praxisbezogene Lehre

Kategorie
der beruflichen
Ausbildung
des Mannes

Berlin

V

Praxisbezogene Lehre
Wissenschaftsbezogene Lehre
Ohne beruflichen
Abschluss

Brandenburg
Frau

.

.

.

V

IV

.

BrandenBrandenBrandenBerlin
Berlin
burg
burg
burg

47,2

74,0

6,6

5,4

7,3

3,5

8,6

6,0

15,5

5,9

1,3

0,3

6,3

2,9

1,7

0,2

5,6

1,8

.
.

Anteile in %
30
20
10
unter 1

.

.

III

.

II

.

II

.

I

I

II

.

.

.

III
Mann

IV

V

I Arbeitskräfte ohne bildungsspezifische
Zuordnung
• Angehörige der regulären Streitkräfte
• Führungskräfte

III Gehobene Arbeitskräfte (Postsekundarbildung)
• Techniker und gleichrangige nichttechnische
Berufe

IV

.

Klassifizierung der beruflichen
Bildungsniveaukategorien

II Akademiker/-innen (Hochschulbildung)
• Akademische Berufe

III

I

ohne
beruflichen
Abschluss

%

h  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011
nach beruflichen Bildungsniveaukategorien
Berlin
Frau

wissenschaftsbezogene Lehre

.

.

.

I

II

III
Mann

IV

.

IV Fachkräfte (Sekundarbildung)
• Bürokräfte und verwandte Berufe
• Dienstleistungsberufe und Verkäufer
• Fachkräfte in Land-/Forstwirtschaft und Fischerei
• Handwerks- und verwandte Berufe
• Bediener von Anlagen/Maschinen
und Montageberufe

V

V Hilfsarbeitskräfte (Grundbildung)
• Hilfsarbeitskräfte

50

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Die Ergebnisse (Tabelle 4) zeigen, dass eher Frauen
in einer Partnerschaft keinen (Berlin: 7,3 % und Brandenburg: 3,5 %) bzw. noch keinen beruflichen Abschluss (Berlin: 1,3 % und Brandenburg: 0,3 %) besaßen. Die Differenzen sind somit 8,6 % bei den Frauen
zu 8,0 % bei den Männern in Berlin und 3,8 % zu 3,1 %
in Brandenburg eher gering.
Paare mit ähnlichen Berufsabschlüssen
und gleichrangigen Berufe
Für die Klassifizierung gemischtgeschlechtlicher
Paare nach den Berufen5 der Partner wurden für die
Hauptgruppen der International Standard Classification of Occupations (ISCO-08) fünf berufliche Bildungsniveaukategorien gebildet.
Am 9. Mai 2011 wohnten sowohl in Berlin (21,7 %) als
auch in Brandenburg (29,1 %) am häufigsten Fachkräfte zusammen (Abbildung h). Während sich am
zweithäufigsten in Berlin die Akademikerinnen und
Akademiker (14,4 %) eine gemeinsame Wohnung
teilten, lebten in Brandenburg eher Fachkräfte und
gehobene Arbeitskräfte (13,0 %) in einer gemeinsamen Wohnung.
Bei der Berufsausbildung und bei den ausgeübten Berufen zeigen sich Tendenzen, die denen der
schulischen Ausbildung gleichen. Demnach besaßen Paare ähnliche Berufsabschlüsse und übten
gleichrangige Berufe aus.
Auch waren überwiegend beide Personen einer
Paarbeziehung erwerbstätig, wobei der Anteil in
Brandenburg 1,7 Prozentpunkte über dem in Berlin
lag (Tabelle 5). In Paarbeziehungen, bei denen ein
Partner erwerbstätig war, waren sowohl in Berlin als
auch in Brandenburg eher Frauen erwerbslos: 3,7 %
der Frauen zu 3,4 % der Männer in Berlin und 3,0 %
zu 2,6 % in Brandenburg.

5  |  Gemischtgeschlechtliche Paare in Berlin und Brandenburg
am 9. Mai 2011 nach Erwerbsstatus
Erwerbsstatus der Frau
erwerbslos,
zuvor erwerbstätig

erwerbstätig

Erwerbsstatus
des Mannes

Berlin

Brandenburg

Berlin

Brandenburg

%
Erwerbstätig
Erwerbslos, zuvor erwerbstätig

91,9
3,4

93,6
2,6

3,7
1,0

3,0
0,8

6  |  Paare, bei denen beide Partner einen Migrationshintergrund
besitzen, in Berlin und Brandenburg am 9. Mai 2011
nach Herkunftsregion
Berlin
Herkunftsregion
des Mannes
bzw. der gleichgeschlechtlichen
Partnerin

Brandenburg

Herkunftsregion der Frau bzw.
des gleichgeschlechtlichen Partners
EU27- sonstiges sonstige
Land
Europa
Welt

EU27- sonstiges sonstige
Land
Europa
Welt
%

EU27-Land
Sonstiges Europa
Sonstige Welt

27,8
/
/

/
37,2
3,4

/
4,2
21,0

28,5
2,6
/

/
30,2
3,5

/
2,8
26,2

Jedes vierte Paar in Berlin
hat einen Migrationshintergrund
Von allen in Berlin hochgerechneten Paaren hatten
71,4 % beide Partner keinen Migrationshintergrund.
Bei 16,7 % hatten beide einen Migrationshintergrund.
In Brandenburg lagen die Anteile bei 94,3 % bzw.
2,0 %. In diesen Ergebnissen sind auch hochgerechnete binationale bzw. ausländische Paare enthalten. Diese wurden bereits mit dem demografischen
Merkmal der Staatsangehörigkeit ausgezählt.
Werden die Paare herausgenommen, bei denen
mindestens ein Partner einen ausländischen Pass
besaß, bleiben in Berlin hochgerechnet 558 Tausend
und in Brandenburg 637 Tausend Paare übrig, bei
denen beide Partner Deutsche sind und mindestens
ein Partner einen Migrationshintergrund aufwies.
Die Anteile in Berlin verteilten sich dann wie folgt:
Bei 87,3 % der Paare besaßen beide Partner keinen
Migrationshintergrund, in 7,0 % der Fälle hatte ein
Partner und in 5,6 % hatten beide Partner einen Migrationshintergrund. Für Brandenburg lagen die Anteile bei 96,8 %, 2,3 % und 0,9 %.
Aufgrund des gewählten Stichprobendesigns können regional tief gegliederte Aussagen nicht, wie
bei der Auszählung des Registerdatenbestandes
zum demografischen Merkmal Staatsangehörigkeit,
getroffen werden. Was aber gesagt werden kann, ist,
dass von den Paaren, bei denen beide Partner einen
Migrationshintergrund besaßen, beide Partner aus
einem EU-27-Land stammten: 27,8 % in Berlin und
28,5 % im Land Brandenburg. Mit 37,2 % und 30,2 %
waren die sonstigen europäischen Staaten in beiden
Ländern etwas häufiger vertreten (Tabelle 6). Auch
wenn aufgrund der Stichprobengröße nur der Migrationshintergrund nach Ländern betrachtet werden kann, sind Präferenzen bzw. Ähnlichkeiten bei
der Partnerwahl feststellbar.
Gleiche Datenbasis, trotzdem andere Ergebnisse
Nicht nur Deutschland, sondern auch die anderen
Staaten der Europäischen Union (EU) führten im Jahr
2011 eine Volkszählung durch. Für europäische Vergleiche können die Daten des statistischen Amtes
der Europäischen Union (Eurostat) genutzt werden.
Diese wurden von den nationalen Statistikämtern
erhoben und an Eurostat geliefert.
Trotz der gleichen Datengrundlage unterscheiden
sich die Ergebnisse der deutschen Paare im nationalen und europäischen Vergleich. Dies liegt u. a. an unterschiedlichen Definitionen. So zählen beispielsweise in den nationalen Auswertungen für Deutschland
Partner mit einem Nebenwohnsitz zum Haushalt,
während bei den europäischen Zahlen nur die Personen mit einem Hauptwohnsitz einbezogen wurden. Des Weiteren wurden die Daten von Eurostat
5 	 Das Merkmal Beruf beschreibt
die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit einer erwerbstätigen Person im Alter von 15 Jahren und
älter, die in einem einwöchigen
Berichtszeitraum mindestens
eine Stunde lang gegen Entgelt
oder als Selbständige/r oder
mithelfende/r Familienangehörige/r gearbeitet hat. Ebenfalls

als erwerbstätig gilt die Person,
die sich in einem formalen Arbeitsverhältnis befindet und
dieses im Berichtszeitraum nur
vorübergehend ausgeübt hat.
Bei Erwerbslosen bezieht sich
das Merkmal Beruf auf die zuletzt ausgeübte Tätigkeit, sollte
diese weniger als 10 Jahre zurückliegen.

51

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

harmonisiert, da die einzelnen Länder nicht nur über
leicht abweichende Definitionen verfügten, sondern
die Daten auch unterschiedlich erhoben wurden.
Beispielsweise gab es in manchen Ländern eine Vollerhebung und in anderen eine Registerauswertung.6
Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle
in Europa
Um eine Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen
Staaten zu erreichen, wurde ein Merkmalskranz definiert, den jeder Staat erfüllen musste. Eines dieser
Merkmale war der Typ der Kernfamilie7 nach der
Lebensform. Mit diesem Merkmal können die Paarstrukturen europaweit verglichen werden. Neben
den 28 Staaten der EU liegen für dieses Merkmal bei
Eurostat zusätzlich noch Daten zu Island, Lichtenstein, Norwegen und der Schweiz vor.
In den aufgeführten 32 Staaten lebten ca. 121,6 Millionen Paare. Ehepaare waren, wie in Deutschland,
die häufigste Form der Paarbeziehung – von 69,0 %
in Estland bis 97,1 % in Griechenland. Bei den eingetragenen Lebenspartnerschaften wiesen Belgien mit
5,2 %, Luxemburg mit 2,7 % und die Niederlande mit
1,3 % als einzige Länder Anteile von mehr als 1 % auf.8
Abbildung i stellt die Anteile der nichtehelichen
Lebensgemeinschaften an allen Paaren des jeweiligen Staates dar. Im Länderschnitt lag der Anteil bei
15,1 %, wobei der Anteil in Deutschland mit 13,8 %
etwas geringer ausfiel. Deutlich ersichtlich war ein
Nord-Süd-Gefälle. Im Norden waren die Anteile
nichtehelicher Lebensgemeinschaften höher als im
Süden.
i  |  Anteil nichtehelicher Lebensgemeinschaften an allen Paaren
am 9. Mai 2011 in ausgewählten Ländern Europas 2011

Ein Vergleich der Hauptstädte zeigt, dass der Anteil
der Ehepaare an allen zusammenlebenden Paaren
im Großraum Amsterdam (Niederlande) mit 68,1 %
am geringsten war. Den höchsten Anteil wies mit
93,0 % Zagreb in Kroatien auf. Wie bei den Staaten
wiesen auch die Hauptstädte von Belgien (Brüssel
4,8 %), Luxemburg (Luxemburg 2,7 %) und den Niederlanden (Großraum Amsterdam 1,8 %) bei den
eingetragenen Lebenspartnerschaften Anteile über
1 % aus. Mit 30,9 % aller Paare verfügte Stockholm
(Schweden) über den höchsten Anteil bei den nichtehelichen Lebensgemeinschaften, gefolgt von Paris
(Frankreich) mit 30,7 %.
Fazit
Um Paare nach demografischen und sozioökonomischen Merkmalen analysieren zu können, müssen
einerseits die Registerdaten und andererseits die
hochgerechneten Ergebnisse der Haushaltebefragung genutzt werden. Wird die Auswertung regional auf Europa erweitert, wird ein dritter Datenbestand benötigt.
Die Möglichkeit, diese drei Datenbestände kombiniert auszuwerten, ermöglicht dem Zensus 2011
Strukturanalysen, die mit anderen amtlichen Statistiken so nicht möglich sind. Der Fachbereich Bildungsstatistik hat beispielsweise einen deutlich
differenzierteren Merkmalskranz der einzelnen Bildungsbereiche als der Zensus; eine Paaranalyse ist
hier aber nicht möglich, da die Verknüpfungen von
Personen zu Haushalten nicht vorliegen. Der Zensus
2011 hat aber auch Grenzen: Aufgrund der vorgegebenen Datenbasis können nicht alle Merkmale
ausgewertet werden, so können z. B. die Bildungsverhältnisse bei den gleichgeschlechtlichen Paaren
aufgrund der geringen
Fallzahl in der Haushaltsstichprobe nicht bereitgestellt werden.
Die Strukturanalyse von
Paaren in Berlin und Brandenburg zeigt, dass sich
hier grundsätzlich Gleich
und Gleich gern gesellt,
aber auch Gegensätze anziehen.
Verena Kutzki, Diplom-Volkswirtin und

Anteil in %
	keine Angaben
		 unter 8
	 8 	bis unter 13
	12 	bis unter 16
	16 	bis unter 20
	20 bis unter 24
	24 und mehr
6 	Ein Überblick der verschiedenen Erhebungsmethoden
beim Zensus 2011 ist zu finden
unter: https://www.zensus2011.
de/DE/Zensus2011/Ausland/
Ausland_node.html
7 	Eine Kernfamilie besteht aus
zwei oder mehr Personen, die
zu demselben privaten Haushalt gehören und setzt sich zusammen aus der Bezugsperson

ren auf direkte Beziehungen
des privaten Haushalts – d. h.
(ersten Grades), d. h. auf Bezieeine nach Alter, Familienstand
hungen zwischen Eltern und
und Geschlecht festgelegte
Kindern.
zentrale Person des privaten
Haushalts – und mindestens 8 	Einige Länder weisen keine
Angaben zu eingetragenen
einer weiteren Person, z. B. der
Lebenspartnerschaften aus.
Partnerin/dem Partner oder
einem Kind der Bezugsperson. Österreich weist diese aufgrund
von Vertraulichkeit bei den
Dieses Familienkonzept beschränkt die Beziehungen zwi- Ehepaaren aus.
schen Vorfahren und Nachfah-

Master of Science, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Referat Zensus des Amtes für
Statistik Berlin-Brandenburg. Zuvor war sie
Mitarbeiterin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Sylke Orczewski, Diplom-Sozialwissenschaftlerin, ist im Referat Wahlen Berlin
des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg
beschäftigt, zuvor im Referat Zensus,
Bereich Personen und Haushalte.

52

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

	Soziales

	 ⌜	Asylbewerberleistungen in Berlin und Brandenburg 2014
		von Peter Kuchta

Kein Thema bewegt die Öffentlichkeit in letzter Zeit so sehr und führt zu immer neuen Konzeptionen, Handlungsszenarien und Kontroversen sowohl bei den politischen Entscheidungsträgern als auch in der Bevölkerung, wie die
Frage des Umgangs mit der wachsenden Zahl an Asylsuchenden und Asylbewerbern. Aufgrund des Zustroms von
Asylbewerbern und anderen schutzsuchenden Personen stehen auch die amtlichen Daten zum Thema Flucht und
Asyl im Fokus des öffentlichen Interesses.
Dieser Beitrag befasst sich vor allem mit den Angaben, die durch die Statistischen Ämter des Bundes und der
Länder erhoben werden. Diese beinhalten die jährlichen Ausgaben und Einnahmen für Asylbewerberleistungen
sowie Informationen über die Empfänger von Asylbewerberregelleistungen. Eine weitere Erhebung betrifft die
Empfänger von besonderen Asylbewerberleistungen und wird wie die beiden vorgenannten Statistiken ebenfalls
jährlich durchgeführt.

Statistiken zu einwandernden Personen
Jede asylantragstellende Person wird durch das
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
im Ausländerzentralregister erfasst. Dies gilt auch
für die sonstigen Schutzsuchenden wie Personen,
die als Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention eingestuft werden. Das Ausländerzentralregister umfasst alle Personen, die keinen deutschen
Pass besitzen und sich nicht nur vorübergehend in
Deutschland aufhalten. Die Auswertung des Ausländerzentralregisters durch das Statistische Bundesamt ergibt die Ausländerstatistik „Ausländische
Bevölkerung“.
Alle Menschen, die nach Deutschland einwandern,
unabhängig davon, ob sie als Asylbewerber ankommen oder nicht, unterliegen der Meldepflicht und
sind so in der Bevölkerungsstatistik wiederzufinden.
Allerdings ist zu berücksichtigen, dass zwischen der
Asylantragstellung und einer Anmeldung bei der
Meldebehörde durchaus Zeit vergehen kann. Damit
ergeben sich Abweichungen zwischen den statistischen Zahlen zu Asylanträgen und denen der Bevölkerungsstatistik.
Weitere diese Thematik tangierende Statistiken
sind die als Bundesstatistik durchgeführte „Einbürgerungsstatistik“ sowie die Statistik zur „Bevölkerung mit Migrationshintergrund“, die auf Angaben
aus dem Mikrozensus beruht. Nicht zuletzt gibt es
die Asylbewerberleistungsstatistik, deren Erstellung
auf § 12 des Asylbewerberleistungsgesetzes¹ beruht.
1	Asylbewerberleistungsgesetz
in der Fassung der Bekanntmachung vom 5. August 1997
(BGBl. I S. 2022), das zuletzt
durch Artikel 3 des Gesetzes
vom 11. März 2016 (BGBl. I S. 390)
geändert worden ist.	

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Ein erster Anbieter von amtlichen statistischen Daten zu Flüchtlingen und anderen Schutzsuchenden
ist das BAMF. Diese Bundeseinrichtung liefert monatlich aktualisierte Daten zur Entwicklung der in
der Bundesrepublik gestellten Asylanträge. Des Weiteren werden Informationen zu den zehn zugangsstärksten Herkunftsländern hinsichtlich der Antragsteller bereitgestellt.
Das BAMF ist im Bereich der Asylstatistiken nationaler Datenlieferant für Eurostat und die Europäische Kommission.2 Die durch das BAMF bereitgestellten Daten stellen keine Bundesstatistiken,
sondern Geschäftsstatistiken der für die Asylverfahren zuständigen Behörde auf Basis des Asylgesetzes
(AsylG)³ dar.
Auf der Ebene der Europäischen Union werden
statistische Daten zum Thema Asyl und Flüchtlinge
durch Eurostat angeboten. Dabei gibt es durchaus
Abweichungen zwischen den Werten von Eurostat und denen des BAMF, da beispielsweise bei
der Gesamtzahl der gestellten Asylanträge in der
Europäischen Union die Erst- und Folgeverfahren
berücksichtigt sind. Eine Trennung beider Verfahren ist aktuell noch nicht möglich, da nicht alle Mitgliedstaaten diese Zahlen getrennt erfassen und
aufschlüsseln.

2	 Artikel 4 der Verordnung (EG)
Nr. 862/2007 des Europäischen
Parlaments und des Rates zu
Gemeinschaftsstatistiken über
Wanderung und internationalen Schutz und zur Aufhebung
der Verordnung (EWG) Nr. 311/76

des Rates über die Erstellung
von Statistiken über ausländische Arbeitnehmer (ABl. L 199
vom 31.7. 2007, S. 23).

3	 Asylgesetz in der Fassung der
Bekanntmachung vom 2. September 2008 (BGBl. I S. 1798),
das zuletzt durch Artikel 1 des
Gesetzes vom 2. Februar 2016
(BGBl. I S. 130) geändert worden
ist.

53

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Das Asylverfahren
In einem ersten Schritt findet die „Verteilung“ der
Asylbewerber statt, also die Zuordnung zur zuständigen Erstaufnahmeeinrichtung. Diese wird mit
Hilfe des Systems EASY (Erstverteilung der Asylbegehrenden) ermittelt. EASY ist eine vom BAMF verwendete IT-Anwendung, mit deren Hilfe in Deutschland die Erstverteilung von Asylbewerbern auf die
Bundesländer erfolgt. Minderjährige ohne Begleitung werden nicht mit EASY verteilt. Gleichzeitig
dient das System der Zählung der Asylbegehrenden.
Sofern sich die asylsuchende Person nicht bereits in
der zuständigen Einrichtung befindet, muss sie sich
zu derjenigen Einrichtung begeben, die ihr zugeteilt
wird. In der Außenstelle des BAMF, die dieser Erstaufnahmeeinrichtung zugeordnet ist, stellt der Asylbewerber dann seinen Asylantrag. Über das BAMF
erfolgt dann die Verteilung nach dem sogenannten
Königsteiner Schlüssel.

⌜	Statistik erklärt – Königsteiner Schlüssel
Über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfolgt die
Verteilung der Flüchtlinge und anderen Schutzsuchenden nach dem
so genannten Königsteiner Schlüssel. Im Königsteiner Schlüssel ist
festgelegt, wie die einzelnen Länder der Bundesrepublik Deutschland
an gemeinsamen Finanzierungen zu beteiligen sind. Der Anteil, den
ein Land tragen muss, richtet sich nach seinem Steueraufkommen
und seiner Bevölkerungszahl: Je höher das Steueraufkommen und je
größer die Bevölkerung eines Bundeslandes ist, umso mehr Flüchtlinge muss es aufnehmen. Das Steueraufkommen wird dabei mit
zwei Dritteln, die Bevölkerungszahl mit einem Drittel gewichtet. Der
Schlüssel wird von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz jährlich
neu berechnet und im Bundesanzeiger veröffentlicht. Kontingentflüchtlinge und Asylbewerber werden seit Anfang 2005 nach dem
Königsteiner Schlüssel auf die Länder verteilt (§ 45 Asylgesetz).Nach
diesem Verfahren ergab sich für die einzelnen Bundesländer für das
Jahr 2015 folgende Verteilung:
Bundesland
Nordrhein-Westfalen
Bayern
Baden-Württemberg
Niedersachsen
Hessen
Sachsen
Berlin
Rheinland-Pfalz
Schleswig-Holstein
Brandenburg
Sachsen-Anhalt
Thüringen
Hamburg
Mecklenburg-Vorpommern
Saarland
Bremen

%
21,21 
15,52 
12,86 
9,32 
7,36 
5,08 
5,05 
4,84 
3,40 
3,06 
2,83 
2,72 
2,53 
2,03 
1,22 
0,96 

Der Königsteiner Schlüssel
verdankt seine Entstehung
dem Staatsabkommen
von 1949 im hessischen
Königstein. Er wurde zu dem
Zweck konzipiert, die Kosten
überregional bedeutender
Forschungseinrichtungen
gerecht auf die einzelnen
Länder zu verteilen. Der
heutige Anwendungsbereich
übersteigt den damaligen
um ein Mehrfaches. Zahlreiche Abkommen und Vereinbarungen greifen inzwischen
auf ihn zurück. Im Zuge der
Föderalismusreform 2006
wurde der Schlüssel im
Rahmen der Vorschrift des
Art. 104a Abs. 6 ins Grundgesetz aufgenommen.

Für die Verteilung und Aufnahme von Flüchtlingen
und Asylbewerbern gibt es zwei Verfahren. Das erste Verfahren betrifft Kontingentflüchtlinge. Dabei
handelt es sich zum Beispiel um Personen aus dem
erklärten Kontingent der Bundesrepublik Deutschland für syrische Flüchtlinge. Die Kontingentflüchtlinge reisen direkt nach Deutschland ein und werden nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt. Die
Leistungsträger werden durch die Ausländerbehörde über die Ankunft informiert. Gegebenenfalls
werden die eingereisten Personen zunächst übergangsweise untergebracht. Die Kontingentflüchtlinge können eigene Mietverträge abschließen und
erhalten Leistungen nach Sozialgesetzbuch II/XII
(SGB). Migrationsberatungsstellen unterstützen sie.
Das zweite Verfahren betrifft Asylbewerber. Diese
Personen reisen eigenständig nach Deutschland ein
und stellen dann einen Asylantrag. Sie verbleiben
circa drei Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung
(z. B. Eisenhüttenstadt für das Land Brandenburg).
Anschließend werden sie auf die Kommunen verteilt.
Oft kommt es zu einer Unterbringung in den Gemeinschaftsunterkünften der jeweiligen Verwaltungseinheiten der Bundesländer, wie Landkreise und kreisfreie Städte. Asylbewerber erhalten Leistungen nach
dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG), darunter auch Geldleistungen für den Lebensunterhalt.
Es kommt zur Prüfung des Asylantrages durch das
BAMF und des Aufenthaltsstatus durch die Ausländerbehörde. Bei einer Anerkennung des Asylantrags
entsteht ein Leistungsanspruch nach SGB II/XII. Der
Asylberechtigte kann dann einen eigenen Mietvertrag abschließen und wird ebenfalls durch Migrationsberatungsstellen unterstützt.
Im Fall einer Ablehnung des Asylantrages durch
das BAMF prüft die Ausländerbehörde, ob ein Aufenthalt z. B. aus humanitären Gründen dennoch
gestattet wird. Bei Ausreisepflicht kommt es zur Prüfung der Reisefähigkeit durch die Ausländerbehörde.
Daten der Asylbewerberleistungsstatistik
Mit der Asylbewerberleistungsstatistik werden umfassende und zuverlässige Daten über die sozialen
und finanziellen Auswirkungen des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) und über die entsprechenden Leistungsempfänger erhoben. Nach
diesem Gesetz erhalten seit November 1993 Asylbewerber und sonstige berechtigte Personen in
Deutschland bei Bedarf Leistungen.
Die von der amtlichen Statistik hierzu erfassten
Daten (seit dem Berichtsjahr 1994) lassen sich wie
folgt aufteilen:
•    Statistik über die Empfänger von Regelleistungen,
•    Statistik über die Empfänger von besonderen
Leistungen,
•    Statistik über die Ausgaben und Einnahmen.
Bei der Asylbewerberleistungsstatistik handelt es
sich um eine jährliche Sekundärstatistik mit Auskunftspflicht, bei der die in den für die Durchführung zuständigen Stellen auf Gemeinde- und Kreisebene vorliegenden Verwaltungsdaten statistisch
aufbereitet werden.
Die Statistik kann lediglich den gegenwärtigen
Stand der von den zuständigen Stellen gemeldeten

54

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Asylbewerber aufzeigen. Personen, die von einer
Stelle für weniger als zwei Wochen Leistungen nach
dem AsylbLG erhalten, werden nicht erfasst. Einreisende Ausländer, ob Flüchtlinge oder nicht, die die
„sozialen Netze“ nicht in Anspruch nehmen (sei es,
weil sie bei Verwandten unterkommen, bereits Arbeit in Aussicht haben oder aus anderen Gründen)
werden in dieser Statistik ebenfalls nicht berücksichtigt.
Wesentliche Erhebungsmerkmale über jeden Leistungsempfänger sind Geschlecht, Geburtsmonat
und -jahr, Staatsangehörigkeit sowie aufenthaltsrechtlicher Status. Zusätzlich werden für Leistungsempfänger nach § 2 (Leistungen in besonderen
Fällen) die Art und Form der Leistungen sowie die
Regelbedarfsstufe erfragt.
Für die Leistungsempfänger nach § 3 (Grundleistungen) ist die Form der Grundleistung (Sach- und/
oder Geldleistung) von Bedeutung. Des Weiteren
erfolgt eine differenzierte Erfassung der Geldbeträge zur Deckung aller notwendigen Bedarfe (siehe
AsylbLG, § 3 Abs. 1 S. 8 Nr. 1–6).
Nicht zuletzt werden für Haushalte und für die einzelnen Leistungsempfänger Daten aufgenommen,
um die Wohngemeinde und den Gemeindeteil, die
Art des Trägers, die Art der Unterbringung sowie
den Beginn der Leistungsgewährung nach Monat
und Jahr, aber auch die Art und Höhe des eingesetzten Einkommens und Vermögens nachweisen zu
können.
Selbst mit diesen Statistiken bleiben jedoch Informationslücken bestehen, da zum Beispiel alleinankommende Minderjährige, die einen Asylantrag
stellen, aus den Mitteln der Kinder- und Jugendhilfe
unterstützt werden und damit nicht in den genannten Erhebungen enthalten sind.

1  |  Asylbewerberregelleistungen¹ bei Unterbringung
in bzw. außerhalb von Aufnahmeeinrichtungen
nach Leistungsempfängern
Betrag zur Deckung des
Empfänger
der Leistung

persönlichen notwendigen
Zusammen
Bedarfs
Bedarfs
innerhalb
außerhalb
einer Aufnahmeeinrichtung
EUR

Alleinstehende
Erwachsene 
Zwei Erwachsene
als Partner
im gemeinsamen
Haushalt 
Weitere Erwachsene
ohne eigenen
Haushalt 
Jugendliche
15 bis 18 Jahre 
Kinder
7 bis 14 Jahre 
Kinder
0 bis 6 Jahre 

135

216

351

je 122

je 194

je 316

108

174

282

76

198

278

83

157

240

79

133

212

1 (hier Geldbeträge) gemäß § 3 AsylbLG, Stand 17. März 2016

Leistungen entsprechend dem AsylbLG
Mit der Verkündung des AsylbLG wurden die Leistungen nicht nur für Asylbewerber, sondern für alle
Ausländer (beispielsweise minderjährige Kinder)
mit einem nicht verfestigten Aufenthalt aus dem
ehemaligen Bundessozialhilfegesetz herausgelöst.
Damit wurde eine rechtliche Grundlage geschaffen, um umfassende und zuverlässige Daten über
die sozialen Bedingungen, die finanziellen Aufwendungen der Länder und Kommunen sowie den Personenkreis der Leistungsempfänger für Politik und
Wirtschaft zu erfassen.
Bei den sogenannten Regelleistungen handelt
es sich um die Grundleistungen, die im § 3 AsylbLG
geregelt sind. Diese sollen den Lebensbedarf der
Leistungsberechtigten an Ernährung, Unterkunft,
Heizung, Kleidung, Gesundheits- und Körperpflege sowie an Gebrauchs- und Verbrauchsgütern des
Haushalts im notwendigen Umfang decken. Die
Leistungen sind vorrangig in Form von Sachleistungen zu gewähren. Zur Deckung der persönlichen Bedürfnisse des täglichen Lebens erhalten die
Leistungsempfänger zusätzlich einen monatlichen
Geldbetrag (das sogenannte „Taschengeld“), wobei
diese auch durch Sachleistungen, Wertgutscheine
oder andere unbare Abrechnungen gedeckt werden können (abhängig vom Verwaltungsaufwand).
Wenn alle notwendigen persönlichen Bedarfe durch
Geldleistungen realisiert werden, dann beläuft sich
der monatliche Geldbetrag zur entsprechenden
Deckung auf die in der Tabelle 1 wiedergegebenen
Größenordnungen.
Erfolgt eine Unterbringung außerhalb von Aufnahmeeinrichtungen im Sinne des § 44 Asylgesetz,
sind vorrangig Geldleistungen zur Deckung des notwendigen Bedarfs zu gewähren.
Zusammenfassend gilt, dass in der für maximal
sechs Monate zulässigen Unterbringungszeit in einer Aufnahmeeinrichtung (§ 47 AsylG) die Deckung
des notwendigen Bedarfs (Ernährung, Kleidung, Gesundheitspflege und Gebrauchs- und Verbrauchsgüter) zwingend durch Sachleistungen erfolgt
(siehe § 3 Abs. 1 AsylbLG). Für die Absicherung des
notwendigen persönlichen Bedarfs trifft dies im
Grundsatz ebenfalls zu. Hier gilt allerdings die Einschränkung im § 3 S. 6 AsylbLG: Soweit die Gewährung von Sachleistungen nicht mit einem vertretbaren Verwaltungsaufwand möglich ist, können diese
auch in Form von Geldleistungen gewährt werden.
Nach Beendigung der maximalen Aufenthaltszeit
in der Erstaufnahme sind im Regelfall Geldleistungen zur Selbstversorgung zu gewähren. Die entsprechenden Beträge nach § 3 Abs. 2 AsylbLG sichern
dann die bis dahin als Sachleistung erbrachten Bedarfe ab. Dabei werden die Leistungssätze nach § 3
Abs. 1 und 2 addiert. Zusätzlich zu den Leistungssätzen nach § 3 Abs. 1 und 2 werden Leistungen für Unterkunft, Heizung und Hausrat nach § 3 AsylbLG, die
medizinische Versorgung nach § 4 AsylbLG sowie
sonstige Leistungen nach § 6 AsylbLG erbracht.
Neben den Regelleistungen können besondere
Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz
in Anspruch genommen werden. Diese werden in

55

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

speziellen Bedarfssituationen gewährt. Hierzu zählen die sogenannten anderen Leistungen gemäß
§§ 4 bis 6 AsylbLG, wie Leistungen bei Krankheit,
Schwangerschaft und Geburt sowie die Leistungen
für die Bereitstellung von Arbeitsgelegenheiten und
weitere sonstige Leistungen.
Bedarfe für Bildung und Teilhabe am sozialen und
kulturellen Leben in der Gemeinschaft werden bei
Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesondert berücksichtigt.
Zur Unterbringung von Asylsuchenden
Die Hauptlast bei den Aufwendungen für die Unterbringung und Betreuung für Asylbewerber tragen
die Kommunen (§ 10 und § 10a AsylbLG). Für das
Land Brandenburg regelt dies das Gesetz über die
Aufnahme von Spätaussiedlern und ausländischen
Flüchtlingen (LAufnG4). Darin heißt es im § 2:
	 Die Aufnahme, vorläufige Unterbringung und die
migrationsspezifische soziale Unterstützung der in
§ 4 genannten Personen sowie die Durchführung
des Asylbewerberleistungsgesetzes sind öffentliche
Aufgaben, die den Landkreisen und kreisfreien Städten als Pflichtaufgaben zur Erfüllung nach Weisung
übertragen werden.
In Berlin kommt das Landesämtererrichtungsgesetz (LAmtErG)5 zur Anwendung, welches durch das
Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo)
umgesetzt wird. Als wesentliche Aufgabe wird in
dem Gesetz die „Errichtung, Betrieb, Belegung und
Schließung von Erstaufnahmeeinrichtungen und
Gemeinschaftsunterkünften sowie Beschaffung
von Heim- und Wohnplätzen für Asylbewerber, Kontingentflüchtlinge und Flüchtlinge aus Kriegs- und
Bürgerkriegsgebieten, die vorübergehend Schutz in
der Bundesrepublik Deutschland erhalten“ hervorgehoben (Anlage 1 zu § 2 Abs. 1 Nr. 13 LAmtErG). Das
LaGeSo ist direkt der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales Berlin untergeordnet. Die Berliner
Bezirke sind an der Verwaltung nicht beteiligt.
Ziel der Kommunen ist es, die Asylbewerber so zügig wie möglich in für sie vorgesehene Unterkünfte
zu überführen. 57,4 % der Regelleistungsempfänger
in Brandenburg lebten 2014 in Gemeinschaftsunterkünften, 26,6 % konnten dezentral in Wohnungen
untergebracht werden. Die anderen 16 % verblieben
in den entsprechenden Aufnahmeeinrichtungen.
In Berlin waren 45,3 % der Asylbewerber dezentral und 40,4 % in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Entweder bestehen für beide Länder
unterschiedliche bautechnische und kapazitive Voraussetzungen oder die beiden Länder verfolgen
unterschiedliche Strategien zur Unterbringung von

4 	Gesetz über die Aufnahme von
Flüchtlingen, spätausgesiedelten
und weiteren aus dem Ausland
zugewanderten Personen im
Land Brandenburg sowie zur
Durchführung des Asylbewerberleistungsgesetzes (Landesaufnahmegesetz – LAufnG) vom
15. März 2016 (GVBl. I/16, [Nr. 11])

5	 Gesetz über die Errichtung
eines Landesamtes für Gesundheit und Soziales Berlin und
eines Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und
technische Sicherheit Berlin
vom 12. November 1997, das zuletzt durch Art. 2 G zur Errichtung eines Landesamtes für

Asylbewerbern. Das zeigt sich u. a. auch an der Dauer
der Leistungsgewährung. Während in Brandenburg
für 61,8 % der Betroffenen die Leistungsgewährung
spätestens nach einem Jahr beendet war, nahmen in
Berlin 53,4 % der Asylbewerber mindestens ein Jahr
und länger Leistungen in Anspruch. 14,0 Monate
durchschnittliche Leistungsgewährung in Brandenburg standen 23,1 Monate in Berlin gegenüber.
Durch Brandenburgs Landesregierung wurde im
März 2016 ein neues Aufnahmegesetz beschlossen,
welches die Kommunen entlasten und den bürokratischen Aufwand reduzieren soll. Parallel wird angestrebt, dass die Kreise mehr Wohnungen zur Verfügung stellen.
Auf Basis der geänderten Rechtsvorschrift wird
das Land Brandenburg die Kosten für die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen zukünftig komplett übernehmen. Des Weiteren werden auf der
Grundlage dieses Gesetzes die Kommunen bei der
Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnungen unterstützt. Gleichzeitig wird für eine bessere Sozialbetreuung gesorgt. Das Gesetz trat zum 1. April 2016
in Kraft und setzte das bisherige Landesaufnahmegesetz außer Kraft. Dabei wird davon ausgegangen,
dass die Kosten für die neuen Maßnahmen die Leistungen aus dem bisherigen Landesaufnahmegesetz
um rund 20 Mill. EUR übersteigen.
Während in Brandenburg, wie in den meisten anderen Bundesländern, ein sogenanntes zweistufiges
Unterbringungssystem angewandt wird (Flüchtlinge werden von der vom Land betriebenen Erstaufnahmeeinrichtung direkt auf die kommunalen
Gebietskörperschaften verteilt), liegt die Verantwortung für die Erstaufnahme und die weitere Unterbringung in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg
direkt bei den jeweiligen Landesregierungen. Hierbei handelt es sich um ein zentralisiertes (einstufiges) System. In Bayern, Baden-Württemberg sowie
Schleswig-Holstein findet dagegen ein dreistufiges
System Anwendung.
Die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Brandenburg befindet sich in Eisenhüttenstadt und hat mittlerweile 13 Standorte6, von denen aus die Verteilung
der Asylsuchenden auf die Kreise und kreisfreien
Städte erfolgt. Der Verteilungsschlüssel bemisst sich
nach der Verteilungsverordnung7 und differiert zwischen den einzelnen Kreisen und kreisfreien Städten
von 2,2 % (Frankfurt (Oder)) bis zu 8,2 % (Landkreis
Potsdam-Mittelmark). In Berlin existieren aufgrund
der in den letzten Jahren angestiegenen Flüchtlingszahlen mittlerweile acht Erstaufnahmeeinrichtungen.

Flüchtlingsangelegenheiten
und zur Anpassung betroffener
Gesetze vom 14. 3. 2016 (GVBl.
S. 93) geändert worden ist.

6 	 Ministerium des Innern und für
Kommunales Brandenburg
(MIK): Pressemitteilung
018/2016 vom 4. März 2016
„Brandenburg nimmt in den ersten zwei Monaten des Jahres
2016 insgesamt 4 459 Asylsuchende auf.“

7	 Verordnung über die landesinterne Verteilung von spätausgesiedelten Personen und ausländischen Flüchtlingen
(Verteilungsverordnung – VertVBbg) vom 19. Oktober 2010
(GVBl. II/10, [Nr. 68])

56

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Regelleistungsempfänger 2014
Im Jahr 2014 erhielten 9 927 asylsuchende Personen
in Brandenburg Regelleistungen nach dem AsylbLG.
Damit hat sich die Zahl innerhalb von 10 Jahren um
81 % erhöht, wobei sie in diesem Zeitraum erheblich schwankte. So gab es im Jahr 2008 mit 2 801 Personen die wenigsten Leistungsempfänger seit 1994,
während 1999 sogar mehr als 10 000 asylsuchende
Menschen registriert wurden.
24 607 Personen nahmen 2014 in Berlin diese Leistungen in Anspruch. Dieser Wert entsprach einem
Zuwachs um 74 % gegenüber 2005. Die geringste
Anzahl an Asylbewerbern wurde 2008 mit 9 965 Personen registriert. Dies war seit 1994 das einzige Jahr,
in dem die Zahl der Asylsuchenden unter 10 000 lag.
Die höchste Anzahl asylsuchender Menschen bis
einschließlich 2014 wurde durch die Berliner Behörden im Jahr 1998 mit 35 013 Personen erfasst.
Bei der Betrachtung der Regelleistungsempfänger nach dem Geschlecht wird ersichtlich, dass sowohl nach Brandenburg als auch nach Berlin immer
deutlich weniger Frauen als Männer kamen (siehe
Abbildung a). Dabei lagen die Anteile der Männer,
die im Land Brandenburg als Empfänger von Regelleistungen eingestuft wurden, zwischen 62,7 % im
Jahr 2011 und 73,0 % im Jahr 1998. In Berlin fielen die
anteilsmäßigen Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern deutlich geringer aus (minimal 54,0 %
Männer im Jahr 1994 und maximal 61,6 % im Jahr
2007).
Deutschlandweit zeigt sich eine ähnliche Situation. So stammten 2014 fast zwei Drittel der Asylerstanträge von männlichen Flüchtlingen. Laut
BAMF zeigen sich deutliche Unterschiede bei der
Herkunft der Flüchtlinge. Aus Staaten wie Syrien,
Afghanistan, Somalia und Eritrea waren von etwa
zehn Flüchtlingen lediglich zwei bis drei weiblich.
Unter den serbischen, albanischen und mazedonischen Flüchtlingen sowie denen aus dem Irak war
die Verteilung der Geschlechter deutlich ausgeglichener. Hier betrug der Anteil der Männer zwischen
50 % und 58 %.

2014 kamen die meisten Asylbewerber
aus Europa
Asylsuchende kommen aus den unterschiedlichsten
Gründen nach Deutschland. Wesentliche Gründe
sind Flucht vor Krieg, Folter und Verfolgung und
die Hoffnung auf ein besseres Leben. Gerade Kriege
und Konflikte führen zu humanitären Missständen,
oft verbunden mit der Zerstörung von Lebensraum,
der Bedrohung des Lebens und nicht zuletzt zu
Armut und Hunger.
Neben Flüchtlingen aus lebensbedrohlichen Lagen in einigen Staaten im Nahen Osten und in mehreren afrikanischen Staaten sind unter den Asylsuchenden aber auch Menschen aus Europa, die sich
ein besseres Leben in der Bundesrepublik erhoffen.
Von den 24 607 Asylbewerbern im Jahr 2014 in Berlin kamen mehr als 46,4 % aus Europa, gefolgt von
Asien mit gut 37,1 % und mit weitem Abstand Afrika
mit 7,1 %. Weiterhin gab es 9,1 % asylsuchende Personen, die in die Rubrik „übrige Staaten, staatenlos,
unbekannt“ einzuordnen waren. Dabei ist davon
auszugehen, dass in der Mehrzahl solcher Fälle die
Herkunft dieser in Berlin antragstellenden Personen
unbekannt ist oder diese als staatenlos eingestuft
wurde.
16,3 % der Berliner Regelleistungsempfänger kamen aus Serbien, gefolgt von fast 10,7 % aus Bosnien
und Herzegowina. Erst an dritter Stelle ist mit Syrien
ein asiatischer Staat aufgeführt (10,6 %). Bemerkenswert hoch war auch der Anteil der Regelleistungsempfänger aus der Russischen Föderation mit 8,4 %.
Von den afrikanischen Ländern war Ägypten mit 458
Personen der Staat, aus dem die meisten Asylsuchenden nach Berlin kamen. Die wenigsten Asylantragsteller hatten ihre Heimat in Kamerun (64 Personen) und in Kenia (57 Personen).
Auch nach Brandenburg kamen im Jahr 2014 die
meisten Asylbewerber aus Europa. Allerdings war
der Anteil mit 36,0 % deutlich niedriger als in Berlin.
An zweiter Stelle waren Bürger aus asiatischen Ländern (31,0 %), dicht gefolgt von Asylbewerbern aus
Afrika (27,4 %). Der Anteil der Asylsuchenden, die

a  |  Entwicklung der Zahl der Asylbewerberregelleistungsempfänger
in Berlin und Brandenburg 1994 bis 2014 nach Geschlecht

20 000

Berlin

17 500

männlich
weiblich

15 000

Brandenburg

12 500

männlich
weiblich

10 000
7 500
5 000
2 500
0
1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

57

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

in die Kategorie „übrige Staaten, staatenlos, unbekannt“ fielen, lag in Brandenburg mit 5,6 % niedriger
als in Berlin (Abbildung b).
Im Gegensatz zu Berlin kamen die meisten in Brandenburg asylsuchenden Menschen aus der Russischen Föderation (19,8 %). Schon an zweiter Stelle
wurden mit 12,0 % Asylsuchende aus Syrien gezählt
(Tabelle 2). Während in der Bundeshauptstadt über
16 % der Asylbewerber aus Serbien kamen, waren
es im Land Brandenburg 9,2 %. Aus Afghanistan
stammten 6,1 %. Weitere 5,8 % der Antragsteller kamen aus Kamerun, dicht gefolgt von Personen aus
Somalia (5,6 %).
Bei einer gesamtdeutschen Betrachtung zeigt sich,
dass 2014 die Mehrzahl der Regelleistungsempfänger europäischer (38,4 %) oder asiatischer Herkunft
(38,0 %) war. Es folgte Afrika mit 19,7 %. 2014 lag
die Zahl der serbischen Leistungsempfänger (einschließlich des Kosovo und Montenegro) bei mehr
als 70 000 Personen. Dies ent­sprach einem Anteil
von 19,3 % aller in Deutschland Asyl suchenden
Personen (362 850). Weitere 11,3 % ka­men aus den
syrischen Kriegsgebieten (41 025 Perso­nen). Danach
folgten mit etwas größerem Abstand Flüchtlinge
aus Afghanistan (6,1 %) und der Russischen Föderation (4,9 %).
Für das Jahr 2015 dürfte sich nicht nur die Zahl der
Asylbewerber deutlich erhöht haben, sondern es
sind auch Verschiebungen hinsichtlich der Anteile
der Herkunftsländer der Schutzsuchenden zu erwarten.
Besondere Leistungen
Bei den besonderen Leistungen (z. B. Hilfe bei Krankheit, zur Pflege, Hilfe bei Schwangerschaft, Geburt
und Mutterschaft, Bereitstellung von Arbeitsgelegenheiten sowie sonstigen Hilfen nach Kapitel 5-9
SGB XII) war im Land Brandenburg von 2005 bis 2014
ein Anstieg der Empfängerzahlen um 43 % zu verzeichnen. In Berlin ging im selben Zeitraum die Zahl
der Empfänger von besonderen Leistungen um gut
88 % auf 1 200 Empfänger zurück.

b  |  Anteil nach Herkunft der Asylbewerberregelleistungsempfänger in Berlin und Brandenburg 2014
nach Kontinenten
Berlin

Brandenburg
5,6

9,1

In beiden Ländern erhielten fast alle Empfänger
von besonderen Leistungen auch Regelleistungen.
Die Ausgaben für besondere Leistungen haben
sich in Brandenburg seit 2005 um rund 32 % auf fast
21 Mill. EUR im Jahr 2014 erhöht. In der Bundeshauptstadt blieben die Ausgaben im Betrachtungszeitraum mit gut 55 Mill. EUR nahezu konstant, wobei zu
berücksichtigen ist, dass sich im Jahr 2014 die Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt
mit gut 23,4 Mill. EUR zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben.
Steigende Ausgaben in Berlin und Brandenburg
nach 2009
Für die Durchführung der im AsylbLG festgelegten
Maßnahmen werden jährlich erhebliche finanzielle Mittel der kommunalen Haushalte geplant und
aufgewendet. 2014 betrugen die reinen Ausgaben
im Land Brandenburg 55,1 Mill. EUR und hatten sich
damit allein gegenüber dem Vorjahr um 61,2 % erhöht. In Berlin betrugen die vergleichbaren Ausgaben 184,3 Mill. EUR; hier gab es gegenüber 2013 eine
Steigerung um 45,5 % (Tabelle 3). Allerdings lagen
die reinen Ausgaben im Jahr 2009 mit 69,8 Mill. EUR
deutlich niedriger als 2005 mit 91,8 Mill. EUR, was vor

2  |  Empfänger von Asylbewerberregelleistungen in Berlin und Brandenburg
am 31. Dezember 2014
nach ausgewählter Staatsangehörigkeit
Empfänger von
Staatsangehörigkeit

Insgesamt

Serbien 
Bosnien und
Herzegowina 
Syrien 
Übrige Staaten,
staatenlos, unbekannt
Russische Föderation 
Libanon 
Vietnam 
Kosovo 
Afghanistan 
Pakistan 
Türkei 
Iran 

4 008

2 584

1 424

2 625
2 612

1 680
1 210

945
1 402

2 240
2 062
1 510
1 084
1 028
969
663
594
544

1 147
1 774
957
863
293
746
501
426
426

1 093
288
553
221
735
223
162
168
118

Russische Föderation 
Syrien 
Serbien 
Afghanistan 
Kamerun 
Somalia 
Übrige Staaten,
staatenlos, unbekannt
Eritrea 
Kenia 
Pakistan 
Vietnam 
Tschad

1 970
1 193
909
606
580
558

37,1

1 907
1 192
867
569
567
558

63
1
42
37
13
–

46,4
0,1
0,2 7,1
Berlin
11 422
1 748
60
9 137
2 240

Brandenburg
3 570
2 720
7
3 079
551

Angaben in %

27,4

Europa
Afrika
Amerika
Asien
Übrige Staaten, staatenlos, unbekannt

551
528
523
369
346
331

468
528
469
363
315
329

83
–
54
6
31
2

Hilfe zum
Lebensunterhalt

Berlin

36,0
31,0

Grundleistungen

Brandenburg

58

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

allem mit der relativ geringen Zahl an Asylsuchenden in Jahren wie 2009 zu erklären ist.
Von 1994 an haben sich die Bruttoausgaben für
Asylbewerber im Land Berlin bis zum Jahr 2009 fast
kontinuierlich rückläufig entwickelt. Lagen diese 1994 noch bei 318,7 Mill. EUR, so waren es 2009
rund 70,9 Mill. EUR. Damit hatten sich die Ausgaben
für Regelleistungen in diesem Zeitraum um 77,8 %
verringert. Schon 2010 stiegen die Ausgaben um
4,8 Mill. EUR auf 75,7 Mill. EUR. In den Folgejahren er-

höhten sich Bruttoausgaben deutlich, insbesondere
in den Jahren 2013 und 2014. Die Ausgaben lagen
2014 bei 185,3 Mill. EUR und damit gut 161 % über den
Kosten des Jahres 2009. Anhand der Abbildung c ist
auch zu erkennen, dass die Bruttoausgaben der Jahre 1994 bis einschließlich 1999 über denen von 2014
lagen. Allerdings ist für 2015 noch einmal ein deutlicher Bruttoausgabenanstieg zu erwarten.
Etwas anders sah die Kostenentwicklung im Land
Brandenburg aus. 1994 betrugen die Bruttoausgaben 40,3 Mill. EUR. Im Jahr 1995 erhöhten sich diese um 9 % auf 44,0 Mill. EUR.
3  |  Entwicklung der Ausgaben und Einnahmen
Ab 1997 war ein allmählicher, jedoch
in Berlin und Brandenburg 2005 bis 2014 nach Art der Leistungen
nicht kontinuierlicher Kostenrückgang
zu beobachten. Wie in Berlin fielen die
Ausgaben nach Hilfearten
2007
2009
2011
2013
2014
2005
Bruttoausgaben im Jahr 2009 am nied—
Einnahmen
rigsten aus. Damit hatten sich die Kos—
1 000 EUR
ten für Regelleistungen gegenüber 1995
Reine Ausgaben
um fast 61 % verringert. In der Zeit nach
2009 erhöhten sich die Bruttoausgaben
Berlin
in Brandenburg für die Jahre 2013 und
Ausgaben insgesamt
93 004 74 727 70 909 81 577 128 038 185 290
2014 besonders deutlich. So betrugen
davon
die Ausgaben 2014 rund 55,5 Mill. EUR
Leistungen in besonderen Fällen
42 491 37 470 34 755 35 297 28 068 26 899
und stellten die bisher höchsten Kosten
Grundleistungen
37 869 28 554 26 985 37 765 84 573 130 660
Leistungen bei Krankheit,
in der Zeitreihe c dar.
Schwangerschaft und Geburt
10 858
6 774
7 151
5 795 12 265 23 448
Neben den Ausgaben werden in einem
Bereitstellung von Arbeitsgewissen Umfang auch Einnahmen
gelegenheiten
52
43
53
203
219
253
nach
dem Asylbewerberleistungsgesetz
Sonstige Leistungen
1 735
1 886
1 965
2 517
2 912
4 031
generiert. Hierzu zählen der AufwenEinnahmen insgesamt
1 176
812
1 092
1 114
1 343
987
dungs- und Kostenersatz sowie die RückReine Ausgaben
91 828 73 915 69 817 80 464 126 695 184 303
zahlung der gewährten Hilfen durch den
Leistungsempfänger gemäß § 7 AsylbLG
Brandenburg
sowie durch den in § 7 Abs. 1 S. 2 AsylbLG
Ausgaben insgesamt
28 971 19 959 15 008 18 112 34 538 55 474
genannten Personenkreis. Außerdem
davon
sind
Einnahmen durch übergeleitete
Leistungen in besonderen Fällen
8 947
7 382
4 293
4 023
3 945
4 425
Unterhaltsansprüche
gegen bürgerlichGrundleistungen
13 076
7 987
6 469
8 388 20 540 34 500
rechtliche
Unterhaltspflichtige
(§ 9 Abs. 2
Leistungen bei Krankheit,
AsylbLG) sowie sonstige ErsatzleistunSchwangerschaft und Geburt
6 318
4 054
3 884
5 151
8 957 14 834
Bereitstellung von Arbeitsgen und Leistungen der Sozialleistungsgelegenheiten
301
194
155
220
288
415
träger (§ 9 Abs. 2 AsylbLG) möglich. Die
Sonstige Leistungen
328
343
207
329
808
1 299
Einnahmen im Land Berlin beliefen
Einnahmen insgesamt
206
331
191
204
342
346
sich 2014 auf 987 000 EUR (2005:  1,18 Mill.
EUR), während es im Land Brandenburg
Reine Ausgaben
28 765 19 628 14 817 17 907 34 196 55 128
346 000 EUR waren (2005: 206 000 EUR).
c  |  E
 ntwicklung der Bruttoausgaben für Asylbewerber 1994 bis 2014
in Berlin und Brandenburg

350 Mill. EUR
300
250
200
150
100
50

Berlin

Brandenburg

0
1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

Höchste Kostenanteile in Barnim
und Märkisch-Oderland
In den Kommunen des Landes Brandenburg und den Berliner Bezirken sind
aufgrund unterschiedlicher Zuweisungen bzw. vorhandener Gegebenheiten
regional große Unterschiede bei den
Ausgaben entsprechend der Anzahl der
Leistungsempfänger zu verzeichnen. So
tätigten die Brandenburger Landkreise
Barnim und Märkisch-Oderland den mit
Abstand höchsten Anteil der Ausgaben
mit 8,2 % bzw. 7,4 %. Bei den kreisfreien
Städten heben sich die Ausgaben in der
Landeshauptstadt Potsdam mit 3,1 Mill.
EUR heraus (5,6 %). In den anderen drei
kreisfreien Städten beliefen sich die Ausgaben auf 1,2 Mill. bis 1,4 Mill. EUR. Der
überörtliche Träger (Erstaufnahmeein-

59

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

richtung Eisenhüttenstadt) trug mit 20 % die Hauptlast der Gesamtaufwendungen (11,0 Mill. EUR).
Von den Bezirken Berlins hatten Mitte (5,1 %), Neukölln (3,6 %) und Friedrichshain-Kreuzberg (3,5 %)
die höchsten Anteile an den Ausgaben. Deutlich
stärker als im Land Brandenburg lag mit 55,5 % der
Kostenanteil beim überörtlichen Träger, der Zentralen Leistungs- bzw. Aufnahmestelle für Asylbewerber in Spandau (102,8 Mill. EUR).
Ausgaben für Grundleistungen
ist die wichtigste Hilfeart
Gegenüber Brandenburg ergaben sich auch teils
deutliche Unterschiede bei der Aufgliederung der
Gesamtausgaben nach einzelnen Hilfearten (Abbildung d). In Berlin entfielen 70,5 % der Ausgaben
auf Grundleistungen, während diese im Land Brandenburg bei 62,2 % lagen. Aufgrund der deutlich
geringeren Zahl an Asylbewerbern in Brandenburg
betrugen sie hier 34,5 Mill. EUR, in Berlin jedoch
130,7 Mill. EUR. Mit 14,5 % lagen die Kosten für Leistungen in besonderen Fällen in Berlin an zweiter
Stelle (26,9 Mill. EUR), gefolgt von Leistungen bei
%).
Krankheit, Schwangerschaft und Geburt (12,7 
In Brandenburg wurde für die Hilfeart „Leistungen
bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt“ mit
14,8 Mill. EUR deutlich mehr Geld ausgegeben als
für die Hilfeart „Leistungen in besonderen Fällen“
(4,4 Mill. EUR). Von deutlich geringerem Umfang
waren in beiden Bundesländern die Kosten für die
Bereitstellung von Arbeitsgelegenheiten bzw. für
„Sonstige Leistungen“.
Die Gründe für diese unterschiedlichen Ausgabenanteile können mit Hilfe der statistischen Daten
nicht stichhaltig dargelegt werden. Hier wären gegebenenfalls weitergehende Untersuchungen erforderlich.

d  |  A
 nteil der einzelnen Hilfearten an den Gesamtausgaben
für Asylbewerber in Berlin und Brandenburg 2014
Berlin

12,7

Brandenburg
0,1 2,2

0,7 2,3

14,5

0,8

26,7

70,5
Berlin
26 899 000
130 660 000
23 447 000
253 000
4 031 000

Brandenburg
4 425 000
34 500 000
14 835 000
415 000
1 299 000

Angaben in %

62,2

Leistungen in besonderen Fällen
Grundleistungen
Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt
Bereitstellung von Arbeitsgelegenheiten1
Sonstige Leistungen

1	 Hierzu zählen die zur Verfügung gestellten
Arbeitsgelegenheiten in Einrichtungen zur
Aufrechterhaltung und Betreibung der
Einrichtung sowie Arbeitsgelegenheiten bei
staatlichen, kommunalen oder gemeinnützigen Trägern.

Fazit
Die Asylbewerberleistungsstatistik ist ein finanzieller Nachweis für die vor allem in den Kommunen
zu leistende Arbeit auf dem Gebiet der Asylbewerber und Flüchtlinge. Weiterhin werden die Angaben
für die Planung und Weiterentwicklung des Asylbewerberleistungsgesetzes benötigt. Wie wichtig dies
ist, zeigt die jüngste Dynamik in der gesamten Asylund Flüchtlingsentwicklung seit Beginn des Jahres
2015. Die klaren Regeln, Vorschriften und Nachweisführungen, die mit dem AsylbLG bestehen, helfen
jedoch, Lösungswege zu finden und Maßnahmen
zur Bewältigung der Aufgaben zu koordinieren.
Basierend auf der Gesetzesnovelle vom 20. Oktober 2015 wurde zudem die ab dem 1. Januar 2016
quartalsweise durchzuführende Statistik über die
Empfänger von Leistungen für Bildung und Teilhabe
in das Erhebungsprogramm der amtlichen Statistik
aufgenommen.
Des Weiteren wurden die Fristen, in denen ein
Leistungsempfänger von Leistungen nach den §§ 3,
4 und 6 in die Leistungen nach § 2 wechselt, von
48 Monaten auf 15 Monate verkürzt.
Inwieweit es weitere Gesetzesänderungen geben
wird, kann nach dem derzeitigen Stand nicht konkret gesagt werden. Allerdings sind aufgrund der
hohen Dynamik auch nach Ansicht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales weitere Gesetzesänderungen möglich, wobei nicht eingeschätzt
werden kann, ob mögliche Novellierungen auch
den § 12 (Asylbewerberleistungsstatistik) des Asylbewerberleistungsgesetzes betreffen könnten.
Auch zukünftig wird es eher keine Verbindungen
von Daten des BAMF mit Daten anderer Statistikbereiche geben, da beispielsweise Asylbewerberleistungen auch registrierte Personen ohne aufenthaltsrechtlichen Status erhalten.
Deutlich wichtiger sind einheitliche Definitionen
der Merkmale und Abgrenzungen, da zurzeit die
Verwaltungsorganisation für Asylbewerberleistungen in den Bundesländern
unterschiedlich gehandhabt
Peter Kuchta leitet das Referat
wird.
Vorschulische Bildung, Soziales,
Rechtspflege im Amt für Statistik
Berlin-Brandenburg.

60

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Historisches

	⌜	Flüchtlinge in Berlin 1945/46
von Luisa Hilgert

Einleitung
In der „Berliner Statistik“, einem Vorgänger dieser Zeitschrift, erschien 1947
ein Artikel zum damaligen Flüchtlingsund Heimkehrerzustrom [1]. Danach
kamen von Juli 1945 bis Ende 1946 etwa
zwei Millionen Menschen in die kriegszerstörte Stadt.
Großer Zustrom nach Berlin
In Folge des von Deutschland begonnenen und verlorenen Zweiten
Weltkrieges kamen etwa 12 Millionen
Heimatvertriebene auf das Gebiet
der heutigen Bundesrepublik. „Ein
großer Teil dieser Flüchtlinge und
Ausgewiesenen […] wandte sich nach

Berlin, dem natürlichen Schnittpunkt
aller Verkehrsverbindungen zwischen
dem Osten und Mitteldeutschland“ [1].
Gleichzeitig kehrten viele Berliner nach
Evakuierung oder Kriegsgefangenschaft in die Stadt zurück. Allein von
Juli 1945 bis Ende 1946 kamen so etwa
zwei Millionen Menschen (siehe Tabelle).
Drohende Überbevölkerung
Um eine Überbevölkerung Berlins
und die damit verbundene Gefahr der
Seuchenausbreitung zu vermeiden,
wurden verschiedene Maßnahmen
ergriffen. So war die sowjetische Besatzungsmacht bemüht, einen Großteil der

61

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Flüchtlinge schon vor ihrem Eintreffen
in Berlin aufzufangen und in zugewiesene Aufnahmegebiete in Brandenburg,
Mecklenburg und Sachsen zu geleiten.
Selbstständige Wanderungen waren
ihnen nicht gestattet.
In Berlin selbst wurden zahlreiche
Durchgangslager mit einer Gesamtkapazität von bis zu 33 000 Personen
geschaffen. Diese dienten der Erstunterbringung und Entseuchung.
Während Heimkehrer in Berlin bleiben
durften, mussten Vertriebene die Stadt
nach kürzester Zeit wieder verlassen.
Notdürftige Versorgung
Die Weiterleitung der Vertriebenen
von Berlin „in die Aufnahmegebiete
erfolgte in der Regel nach 24stündigem
Aufenthalt, nachdem sie entlaust, auf
ihren Gesundheitszustand untersucht,
verpflegt und mit allem Erforderlichen,
soweit möglich, versehen worden
waren.“ [1] Dass die Versorgung der
Flüchtlinge angesichts der Umstände in
der Stadt häufig nur spärlich gewesen
sein dürfte, deutet der Artikel lediglich
an. Ein Zeitzeuge vom September 1945
berichtet in einer anderen Quelle:
„Verhungert, ermattet, mit abgerissener
Kleidung, zerfetzten Schuhen, schmutzige Bündel auf dem Rücken oder mit
dem von Wind und Wetter verdorbenen
Rest ihrer Habe auf Handwagen – so
ziehen sie ihre Straße“ [2]. Der Artikel in

der „Berliner Statistik“ merkt jedoch an,
„daß die Betreuung der Umsiedler im
Lauf der Zeit intensiver gestaltet wurde
und damit die anteiligen Kosten für den
einzelnen Umsiedler höher wurden.“ [1]
Über den gesamten Zeitraum von
Juli 1945 bis Dezember 1946 wurden
im Schnitt 7 Reichsmark (RM) pro
Flüchtling ausgegeben. Zum Vergleich:
1 kg Mischbrot kostete im Kleinhandel
zu dieser Zeit 0,44 RM [3].
Schwierige Rahmenbedingungen
Insgesamt war Berlin eher ein Durchgangs- als ein Aufnahmeort für
Vertriebene. In West-Berlin betrug ihr
Anteil an der Bevölkerung 1950 6,9 %
und in Ost-Berlin 6,0 %, während es im
gesamtdeutschen Durchschnitt etwa
17,5 % waren [4]. Zu berücksichtigen ist
dabei, dass sich durch die Zerstörungen
des Krieges die Zahl der Wohnräume in
Berlin in etwa halbiert hatte [5] (siehe
Abbildung), die Einwohnerzahl jedoch
nur um etwa ein Viertel zurückgegangen war [6]. Gleichzeitig war die Versorgungslage in Großstädten schlecht.
So gab es im Winter 1946/47 in Berlin
etwa 1 150 Hungertodesfälle [7]. Diese
Umstände erklären auch die damals
geringe AufnahLuisa Hilgert, Master of Science in Statistik,
mekapazität der
ist Referentin im Referat Mikrodaten,
Stadt.
Analysen, Forschungsdatenzentrum des
Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.

Quellen
[1] 	 Statistisches Amt von Groß-Berlin (Hg.) (1947):
Die Umsiedler- und Heimkehrerfürsorge in
Groß-Berlin 1945 und 1946. In: Berliner Statistik,
1. Jg., Heft 2, S. 38–39.
[2] 	 Deutmann, Karl (1945): Zerstörtes Berlin. In: LeMOZeitzeugen, Lebendiges Museum Online,
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland. URL: www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/
karl-deutmann-fluechtlinge.html
(abgerufen am: 15.02.2016).
[3] 	 Hauptamt für Statistik von Groß-Berlin (1949):
Durchschnittliche Kleinhandelspreise für
Lebensmittel.
In: Berlin in Zahlen 1946 bis 1947, S. 238.
[4] 	 Seite „Heimatvertriebene“. In: Wikipedia, Die freie
Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. Februar 2016.
URL:https://de.wikipedia.org/wiki/Heimatvertriebene (abgerufen am 15.02.2016).
[5] 	 Kürten, (Oskar) (1947): Groß-Berlins Verlust an
Wohnungen und Wohnräumen durch den Krieg.
In: Berliner Statistik, 1. Jg., Heft 2, S. 32.
[6] 	 Kürten, (Oskar) (1947): Die ortsanwesende Bevölkerung Groß-Berlins nach der Volkszählung vom
29. Oktober 1946. In: Berliner Statistik, 1. Jg., Heft 1,
S. 8.
[7] 	 Kürten, (Oskar) (1947): Hungertodesfälle in
Groß-Berlin Oktober 1946 bis Februar 1947.
In: Berliner Statistik, 1. Jg., Heft 2, S. 34.

62

Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg 1 ┏ 2016

Einladung

	⌜	 20. Konferenz „Messung der Preise“
16. und 17. Juni 2016

Im Juni findet die 20. Konferenz zur Messung der Preise in der amtlichen Statistik statt. Die Preisentwicklung ist von hoher Bedeutung für die Beurteilung
makroökonomischer Entwicklungen.
Neben methodischen Aspekten bei der Erhebung und den Berechnungen
in den Preisstatistiken sollen auch die Möglichkeiten des regionalen Preisvergleichs Schwerpunkte der diesjährigen Veranstaltung sein.
Anmeldungen richten Sie bitte an:
Preise@statistik-bbb.de
V
 eranstaltungsort

Schulungszentrum der
Deutschen Bundesbank
in Eltville

Informationen zur Veranstaltung finden Sie im Internet unter:
https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/messung-der-preise.asp
Die Konferenzreihe dient dem Gedankenaustausch zwischen Theoretikern,
Nutzern der Preisstatistiken und Kolleginnen und Kollegen der amtlichen Statistik. Seit 1995 wird die Konferenz vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
in Kooperation mit anderen Partnern an wechselnden Orten durchgeführt. In
diesem Jahr findet die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Deutschen
Bundesbank in Eltville statt.

Einladung

	⌜	 9. Berliner VGR-Kolloquium
23. und 24. Juni 2016

Schwerpunkt im 9. VGR-Kolloquium ist die Abbildung des Außenhandels
in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Die Möglichkeiten einer
gestiegenen Vergleichbarkeit, aber auch Analyseergebnisse von Zahlungsbilanzen und Außenhandel in den EU-Gesamtrechnungen, sind Schwerpunkte der diesjährigen Veranstaltung.
Beiträge zu diesen und anderen Themen können gern eingereicht werden.
Anmeldungen richten Sie bitte an:
vgr@statistik-bbb.de
V
 eranstaltungsort

Amt für Statistik
Berlin-Brandenburg
Standort Berlin

Informationen zur Veranstaltung finden Sie im Internet unter:
https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/home/vgr-kolloquium.asp
Das Kolloquium dient dem Gedankenaustausch zwischen Theoretikern, Nutzern und Kolleginnen und Kollegen der amtlichen Statistik. Seit 2008 wird das
VGR-Kolloquium einmal jährlich durch das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg ausgerichtet.

statistik	 Berlin

	Brandenburg

ΙΙ 	 Wir berichten fachlich unabhängig, ­neutral und objektiv über die Ergebnisse
der amtlichen Statistik.
ΙΙ 	 Wir haben den gesetzlichen Auftrag zur Datener­hebung mit der Möglichkeit
zur Auskunftsverpflichtung.
ΙΙ 	 Wir garantieren die Einhaltung des ­Datenschutzes.
ΙΙ 	 Wir wenden adäquate statistische ­Methoden und Verfahren an und erhöhen
kontinuierlich das erreichte Qualitätsniveau.

ΙΙ 	 Wir gewährleisten regionale und zeitliche Vergleichbarkeit unserer Statistiken
durch überregionale Kooperation.
ΙΙ 	 Wir ermöglichen jedermann Zugang zu statistischen Ergebnissen.
Wir sind der führende ­
Informations­dienstleister
für amtliche Statistik
in Berlin und Brandenburg
73

70
68

65
60

Land Brandenburg
Berlin

63
51

64
54
53

69

3

12
5
4
6

	 1	
	 2	
	 3	
	 4	
	 5	
	 6	

1

2 11
7

8

Mitte
Friedrichshain-Kreuzberg
Pankow
Charlottenburg-Wilmersdorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf

67
72

61

10

52

9
	 7	
	 8	
	 9	
	10 	
	1  1 	
	1  2 	

62
Tempelhof-Schöneberg
Neukölln
Treptow-Köpenick
Marzahn-Hellersdorf
Lichtenberg
Reinickendorf

66

51 	
52		
53		
54		

Brandenburg an der Havel
Cottbus
Frankfurt (Oder)
Potsdam

60 	
61 	
62	 	
63 	
64 	
65 	
66 	
67 	
68 	
69 	
70 	
71 	
72 	
73 	

Barnim
Dahme-Spreewald
Elbe-Elster
Havelland
Märkisch-Oderland
Oberhavel
Oberspreewald-Lausitz
Oder-Spree
Ostprignitz-Ruppin
Potsdam-Mittelmark
Prignitz
Spree-Neiße
Teltow-Fläming
Uckermark

71

51 Brandenburg an der Havel
52 Cottbus
53 Frankfurt (Oder)
54 Potsdam

60 Barnim
Unter
61 Dahme-Spreewald
www.statistik-berlin-brandenburg.de
62 Elbe-Elster
finden Sie einen Überblick über das ­gesamte
Leistungsspektrum des Amtes mit
63 Havelland ­Berichten, regionalstatistischen
­aktuellen Daten, Pressemitteilungen, ­Statistischen
64 Märkisch-Oderland
Informa­tionen, Wahlstatistiken und -­analysen.
65 Oberhavel
66 Oberspreewald-Lausitz
67 Oder-Spree
68 Ostprignitz-Ruppin
69 Potsdam-Mittelmark
70 Prignitz

Unternehmensregister

	 ⌜	Betriebe in Brandenburg 2013		
70

					
5 000 Betriebe

73
68

65

63
54
51
69

4 000

60

3 000

64

72
62

67

2 000

53

1 000

61
66

33,9 36,9 39,9

52

71

40

0
51 Brandenburg
an der
52 Cottbus
Cottbus 53 Frankfurt
54 Potsdam
Potsdam60 Landkreis
61 Barnim
Landkreis
Dahme-Spreewald
62 Landkreis
Elbe-Elster
63 Landkreis
64Havelland
Landkreis
Märkisch-Oderland
52
53 Frank-(Oder)54
51 Branden	 Havel
60 Barnim
61 Dahme62 Elbe63 Havel64 Märkisch-

	 furt 	
	(Oder)

	burg	
5 000 	a.d.Havel

Am 31. Dezember 2013 gab es
in Brandenburg insgesamt
107 784 Betriebe mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (svB) und/oder
steuerbaren Umsätzen aus
Lieferungen und Leistungen.
Die höchsten Zuwächse der
Betriebsgröße (svB je Betrieb)
zwischen 2006 und 2013
waren in den Landkreisen
Havelland 63 (+1,02) und Oberspreewald-Lausitz 66 (+0,91)
zu verzeichnen. Der größte
Rückgang wurde für die kreisfreie Stadt Cottbus 52 (–0,59)
ermittelt.
10

	Spree	wald

2 000
1 000
0
65 Landkreis
Landkreis
Oberhavel
67 Landkreis
Oder-Spree
68 Landkreis
69Ostprignitz
Landkreis
Prignitz
71 Landkreis
Spree-Neiße
72 Landkreis
Teltow-Fläming
73 Landkreis
Uckermark
65 66
Ober66Oberspreewald-Lausitz
Oberspree-	
67 Oder68 Ostprignitz69Potsdam-Mittelmark
Potdam-70 Landkreis
70 Prignitz
71 Spree72 Teltow73 Uckermark

	havel 	wald	Lausitz

	Spree		Ruppin
	

	Mittel	mark

9

Produzierendes Gewerbe (WZ -Abschnitte B–F)
Verteilung und Versorgung (WZ-Abschnitte G–L)
Übrige Dienstleistungen (WZ-Abschnitte M, N, P–S)

38

51 Brandenburg an der Havel

6

60 Barnim

7

113
9

64 Märkisch-Oderland

102

10

0,9

105

104

112

1,9

30
108

2,9

14

28

66 Oberspreewald-Lausitz

13

16

67 Oder-Spree
7

29

2711,9

3,9

15

65 Oberhavel

31

106

107
32

200 202
111 110 109

63 Havelland
8

103

101

54 Potsdam

62 Elbe-Elster

54

36

4

61 Dahme-Spreewald
51

68 Ostprignitz-Ruppin

17
201

69 Potsdam-Mittelmark

18

70 Prignitz

25

22

26

21

23

24

20

71 Spree-Neiße
6

72 Teltow-Fläming
73 Uckermark

62
5
65
63
60
69

5

64
4

4

0 svB je Betrieb
2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

	Fläming	
	
1

37
2

53 Frankfurt (Oder) 3

72
71
6
67
70
68
61

Neiße

1 Klassifikation der Wirtschaftszweige 2008,
	 Herausgeber: Statistisches Bundesamt 2008

52 Cottbus

7
66
73

Oderland

3 000

1

8

	land

4 000

10

53
52
9

	Elster

Betriebe mit sozialversicherungspflichtig
Beschäftigten
in Brandenburg 2013
nach Mittelbereichen
Am 31. Dezember 2013
waren in Brandenburg
insgesamt 674 159
sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
tätig.

Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten
an den svB des Landes in %
	

unter 1,0

	

1,0 bis unter 	2,0

	

2,0 bis unter 	3,0

	

3,0 bis unter 	4,0

	

4,0 und mehr	

	

Mittlere Betriebsgröße
in Brandenburg: 6,3 svB je Betrieb
Minimalwert:
3,1 svB (Erkner)
Maximalwert:
11,3 svB (Spremberg)

Perleberg - Wittenberge
Pritzwalk - Wittstock/Dosse
Kyritz
Zehdenick - Gransee
Neuruppin
Rathenow
Brandenburg an der Havel
Bad Belzig
Jüterbog
Luckenwalde
Zossen
Lübben (Spreewald)
Herzberg (Elster)
Elsterwerda - Bad Liebenwerda
Lauchhammer - Schwarzheide
Senftenberg - Großräschen
Lübbenau/Spreewald
Spremberg
Forst (Lausitz)
Guben
Cottbus
Beeskow
Eisenhüttenstadt
Frankfurt (Oder)
Fürstenwalde/Spree
Seelow
Erkner
Schwedt/Oder
Prenzlau
Templin
Oranienburg
Hennigsdorf
Eberswalde
Bernau bei Berlin
Bad Freienwalde (Oder)
Strausberg
Neuenhagen bei Berlin
Königs Wusterhausen
Ludwigsfelde
Potsdam
Werder(Havel) - Beelitz
Falkensee
Nauen
Teltow
Finsterwalde
Schönefeld - Wildau

1
2
3
4
6
7
9
10
13
14
15
16
17
18
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
36
37
38
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
200
201
202
        
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