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Über Augengläser und optische Instrumente im Hohenzollern Museum

Full text: Über Augengläser und optische Instrumente im Hohenzollern Museum

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Kronprinzen erweckt haben. Diese oft wiederholte Behauptung wurde jetzt noch bei Gelegenheit der Tagung des
(Dptifer*2>rban�>es im Juni 19H zu Berlin von vielen Zeitungen abgedruckt. Hie ist g�nzlich unbewiesen, ja unm�g^
lich. Friedrich Wilhelm, der Gro�e Aurf�rst, wurde (620 geboren, und war zu seiner Ausbildung von bis
also von seinein \$, bis \8, Lebensjahre in den Niederlanden. Spinoza wurde zu Amsterdam geboren,
war also zwei Jahr alt, als Friedrich Wilhelm nach Amsterdam kam, und d�rfte also weder als Philosoph noch ah
CDpttfcc und Vrillenschleifer den branden burgisch en Thronfolger angezogen haben. ITtan sieht in wie widersinniger
weise manchmal Geschichte gemacht wird, Sp�ter habe der Aurf�rst den gastlich aufgenommenen Hugenotten, die
mit der Runst, Vrillengl�ser zu fertigen, vertraut waren, die Anregung gegeben, in Berlin eine �Schleiferei f�r
optische Gl�ser" Zu errichten. (Db dies mehr als eine sch�ne 2N�r ist, bleibt abzuwarten. Bis jetzt fohlen auch hier-
f�r historische Belege.
M�gen auch gelegentlich fr�her einige Vrillengl�ser in Preu�en geschliffen worden sein, eine wirkliche Vrillen-
industrie existiert tats�chlich in Preu�en erst seit als der erfindungsreiche Feldprediger August Duncker die Konzession
zum Vetrieb einer optischen Industrieanstalt inRathenow erhielt, m welcher invalide Soldaten und Milit�r-Waisenkinder
Besch�ftigung finden sollten. Aus diesen Anf�ngen ist dort eine ganz enorme Industrie geworden, die gr��te Vrillen-
schleiferei inEuropa und eine der gr��ten in der Welt, die allein mehr als sieben Millionen Gl�ser im Jahr ausschickt.
was die Form der Augengl�ser anbetrifft, so finden wir im Hohenzollern-TNuseum nat�rlich die �ltesten
Formen, wie sie als Nagel-, V�gel- und Federb�llen beschrieben sind, nicht vor. Es waren das sogenannte Nasen-
reiter, die auf der Nase mit der Hand festgehalten werde� mu�ten, oder die sp�ter primitive Klemmvorrichtungen
f�r die Nase hatten, Vorg�nger unserer Aneifer. So waren sie jahrhundertelang in den verschiedensten Formen von
zirka ab bis zirka ins Jahrhundert �blich. Daneben behauptete sich nur noch das gestielte Einglas, zuerst,
und vielleicht die aller�lteste Form als Aanvexglas, als 3eseglas f�r Presbyopen, Allerssichtige. Erst zirka 250 Jahre
sp�ter kam das Aonkavglas f�r Aurzsichtige auf. Vas erste Aonkavglas, von dem wir Aenntnis haben, findet sich
auf einem Gem�lde, dem Portr�t des Papstes Teo X. von Raffael, welches im Palazzo Pitti in Florenz aufbewahrt
wird, gemalt um
Solche gestielte Aonkavgl�ser finden sich also als erste Formen im Hohen zollern-3Nuseum aus dem Vesitz
der K�nige Friedrich des Gro�en, Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm IV, In diese Zeit f�llt in Frank-
reich eine Epoche der Neppigkeit, Exzentrizit�t und Aoketterie, die sich auch in zum Teil sehr absonderlichen, exzentrischen,
zuweilen auch sehr kostbaren Vrillenformcn �u�ert, wie sie besonders von den Incroyables und Ridicules getragen
wurden. Es w�ren besonders die Scherenbrillen in all ihren Varianten zu nennen. Entsprechend der Schlichtheit
und Einfachheit, die von jeher in unserm Kaiserhaus? geherrscht hat, jeder Uebertreibung und Unfinnigkeit abhold,
fehlen diese Formen in dem Hohenzollernhause, oder es sind, wie wir sehen werden, nur Andeutungen davon vorhanden,
die vielleicht Geschenke von andern H�fen sind.
Eine )etzt ganz vergessene Form der Augengl�ser, die, wie wir auch hier sehen, gro�e Verbreitung hatte,
waren die ein�ugigen Perspektive.
Im Jahre 5606 machte der Optiker Jean Appersey in Midbelburg eine bedeutungsvolle Entdeckung. Er
verband ein Aonkavglas voran (als Vkular) mit einem in bestimmter Entfernung dahinter gesetzten Aonvexglas,
wodurch entfernte Gegenst�nde vergr��ert, also n�her dem Auge erschienen. Der Ruhm der Erfindung wurde ihm
bald von mehreren streitig gemacht, so von Jacques Me'tius, Jack Jansscn und dem ber�hmten Italiener Galilei.
Die Gl�ser wurden in R�hren angebracht. So entstand das holl�ndische, sp�ter auch wohl Galileische genannte Fern-
rohr. Das Instrument war so gro�, da� es mit beiden H�nden gehalten werden mu�te oder ein Stativ hatte.
In der zweiten H�lfte des 58. Jahrhunderts gelang es, sie so klein und zierlich zu machen, da� sie in die
Faust einer Hand hineinpa�ten. Sie wurden in Frankreich lorgnettes, in Deutschland meist perspektws genannt. Nun
kamen sie sehr in INode, ja man kann behaupten, da� keine Form eines Augenglases zu irgendeiner Zeit beliebter
war, mehr getragen wurde und mehr zu Extravaganzen und Vizarrerien der Formen Anla� gegeben hat. Sie
        
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