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Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

Full text: Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

IX
und wenn es insofern eine allgemeine Bedeutung hatte, als dadurch das NichtVorhandensein einer Angriffstendenz in
dem Zweibund, wenigstens was Ru�land anbetraf, festgestellt zu sein schien, so war es doch weit entfernt, die Grund-
lage f�r ein engeres Verh�ltnis mit Deutschland abgeben zu k�nnen, wie denn auch die Intimit�t zwischen Ru�land
und Frankreich keine Abschw�chung erlitt und bald wieder eine Gestalt annahm, die das Bedrohliche f�r Deutschland
immer st�rker hervortreten lie�.
In beiden (�ndern wurde die gegen Deutschland gerichtete nationalistische Vewegung durch das Einverst�ndnis
mit England sehr verst�rkt und ermutigt: England erschien seit Algeciras geradezu als F�hrer einer gegen Deutschland
sich bildenden Koalition. Seme Hauptbeschwerde gegen Deutschland war die stetige Fortsetzung des Ausbaues einer
deutschen Kriegsflotte, deren allm�hliches Wachstum die Engl�nder zwang, bedeutende Anstrengungen zu machen, um
das f�r die absolute Seeherrschaft erforderliche Uebergewicht zu behaupten. Die n�chsten Jahre nach der Konferenz
von Algeciras sind angef�llt von englischen Bestrebungen, Deutschland zu einer Beschr�nkung und Festlegung des Ma�es
seiner Seer�stung zu bestimmen, um den Vorsprung, den England damals, namentlich durch den Vau der Dread-
noughts, gewonnen hatte, als eine unab�nderliche Tatsache festzuhalten und damit Deutschland in seiner Entwicklung
als Seemacht zu hemmen und auf den Grad der Unsch�dlichkeit f�r England herabzudr�cken. Man suchte zu diesem
Zweck auch die damals wieder zusammentretende Haager Friedenskonferenz zu benutzen. Diese Veranstaltung, bei der
fr�her Ru�land und England mit eindrucksvollen Geb�rden die Sache des allgemeinen Friedens vertreten hatten, war
in ihrer Nichtigkeit vor aller Welt offenbar geworden dadurch, da� der dort vertretene Friedensgedanke weder die
Engl�nder von dem Ariege gegen die Vuren noch die Russen von dem mit Japan abzuhalten vermocht hatte; jetzt
suchte England eben diesen Friedensgedanken dazu auszunutzen, um Deutschland auf ein Ma� von Seegeltung zu
beschr�nken, wie es der Bequemlichkeit der seebeherrschenden britischen Nation entsprach. Es war ein Ansinnen von
�hnlicher Naivit�t, als wenn Deutschland von Frankreich und Ru�land h�tte fordern wollen, da� die Summe der
Streitkr�fte dicser beiden Staaten nicht �ber das Ma� der deutschen hinausgehen d�rfte. Selbstverst�ndlich konnte sich
die deutsche Regierung einem solchen ihre Souver�nit�t beeintr�chtigenden Vorschlage gegen�ber nicht anders als ablehnend
verhalten; der Schiffsbau wurde vielmehr auf Grund des neuen Flottengesetzes von nach einem erweiterten Alane
ohne alle Ueberst�rzung, aber auch ohne Schwanken und R�ckschritte fortgesetzt. In England rief dieses zielbewu�te
und konsequente Verhalten eine steigende Beunruhigung hervor, die nicht etwa aus einer der Menge allerdings gelegentlich
vorget�uschten Gefahr eines deutschen Angriffs entsprang, sondern lediglich aus der britischen Anma�ung, die jede
Verschiebung des Machtverh�ltnisses zur See zugunsten einer anderen Macht als ein Verbrechen gegen die Majest�t
der ssebeherrschenden Nation empfand. Auf die anscheinende Entspannung, die das Marokko-Abkommen von
begleitete und durch den Besuch des A�nigs Eduard VII. in Berlin bezeichnet wurde, folgte sehr bald in England
ein neuer, durch wohlberechnete Agitation hervorgerufener Anfall von Invasionsfurcht, der den Zweck und jedenfalls
die Wirkung hatte, die aggressive R�stung Englands noch mehr zu verstarken. Eine Expeditionsarmee f�r einen
Angriff gegen Deutschland wurde geschaffen, die Zusammenziehung der englischen Arieasfiolte in der Nordsee wurde
weiter fortgesetzt, Schlachtschiffe in immer gr��eren Ausmessungen wurden gebaut. Die londoner Seerechts-Deklaration,
welche das Seebeuterecht einschr�nken und einen internationalen Prisen-Gerichtshof schaffen wollte, kam auf Betreiben
Englands nicht zur Ratifikation; man rechnete offenbar in England mit einem nahe bevorstehenden Seekriege und
wollte die Waffe, die England in der Kaperei besa�, nicht aus der Hand geben. In der Marokko-Arisis von ;y^
stand man einen Moment dem Ausbruch des Arieges ganz nahe.
w�hrend der zweiten Phase der Marokkostreitigkeiten war durch die jung-t�rkische Revolution von 5908
der Ansto� zu einer politischen Bewegung m Europa gegeben worden, die h�chst gef�hrliche Folgen nach sich zog.
Gesterreich verwandelte im selben Jahre die Okkupation von Bosnien und Herzegowina, die es imEinverst�ndnis mit
Ru�land nach dem letzten T�rkenkriege vorgenommen hatte, in eine f�rmliche Einverleibung, wobei ihm die R�cken-
deckung durch das verb�ndete Deutschland aufs wirksamste zustatten kam. Ru�land begr�ndete in derselben Zeit einen
Vund der Balkanstaaten, der auf die v�llige Vertreibung der T�rken aus Europa und auf die Verteilung ihres
Yohtnzou�n'Jahrbuch 1914. h
        
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