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Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

Full text: Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

Vwurde J89? schon geradezu die Forderung aufgestellt: Germaniam esse delendam, und es geh�rte seitdem zu den
tieblingsvorstellungen der Engl�nder, da� durch die Vernichtung der deutschen Handelskonkurrenz jeder Engl�nder um
ein entsprechendes Ma� reicher werden k�nne. Deutschland war in der Cat eine handeltreibende Weltmacht geworden
mit starken und best�ndig wachsenden �berseeischen Interessen. Eine Rede des Kaifers brachte das im Jahre 1896
zu wirksamem Ausdruck in der Veffentlichkeit. Der Ueberschu� unserer Bev�lkerung suchte und fand Nahrung in den
Exportindustrien; die Auswanderung h�rte mehr und mehr auf; statt Menschen f�hrten wir Waren aus, Auch in
England selbst fand unsere Industrie steigenden Absatz; uni� die Marke Made in Germany, die dazu bestimmt war,
ihn einzuschr�nken, hat vielmehr bei dem Ruf der deutschen Fabrikate noch dazu beigetragen, ihn weiter zu steigern.
Die deutsche Schiffahrt entwickelte sich ebenfalls stark; seit \8<)6 war die deutsche Flagge int Hamburger Hafen der
englischen �berlegen. Das deutsche Kapital suchte und fand lohnende Anlage im �berseeischen Ausland. Die Freund-
schaft mit der T�rkei, die schon seit \888 etwa sorgf�ltig gepflegt worden war, bot in dieser Hinsicht g�nstige Gelegen-
heiten. Das bedeutende Unternehmen der Vagdadbahn, f�r das namentlich die Deutsche Bank sich interessierte, wurde
ins ?ebat gerufen und erregte bald die eifers�chtige Aufmerksamkeit der Russen und der Engl�nder. Von China
erwarb das Deutsche Reich an einer gut gelegenen Stelle durch einen Pachtvertrag auf 99 Jahre das zukunftreiche
Mstengebiet von Aiautschou mit der Hafenstadt Cftngtau, und bald zeigte sich hier die F�higkeit der Deutschen zu
kulturf�rdernder Kolonisation in gl�nzendster Weise. Nur eine Kriegsflotte, die seinen �berseeischen Interessen entsprochen
h�tte, besa� Deutschland noch nicht. Zwar hatte der Raiser l�ngst den plan gefa�t, eine solche zu schaffen, aber was
bisher in verschiedenen Ans�tzen erreicht worden war, stellte noch keine respektable Seemacht dar. Immer wieder betonte
der Kaifer den Grundsatz: bitter not tut uns eine starke deutsche Flotte; un6 1897 fand er in dem Admirai Tirpitz
den Mann, der nicht nur verst�ndnisvoll auf feine plane einging, sondern es auch verstand, durch eine gro�z�gige
Aufkl�rungsarbeit das deutsche Volt in breiten Schichten mit opferwilliger Vegeisterung f�r diese gro�e nationale
Aufgabe zu erf�llen und durch das Flottengesetz von den Grund zu legen f�r eine deutsche Hochseeflotte, die aber
erst feit \90^ eine respektable Seemacht darstellte und immer so weit hinter der englischen zur�ckblieb, da� von der
Bedrohung Englands durch einen deutschen Angriff nicht die Rede sein konnte.
In England machte sich denn auch in den n�chsten Jahren noch keine besondere Unruhe in dieser Beziehung
bemerkbar. England sah immer noch in Frankreich und namentlich in Ru�land die m�glichen Gegner der Zukunft.
Mit Frankreich hatte es au�er anderen Aolonialdifferenzen damals eine immer sch�rfer werdende Spannung wegen
der Herrschaft in Aegyvten und im Sudan. Aber eine franz�sische Aolonne, die bis Faschoda vorgedrungen war, stellte
auf den Widerspruch Englands ihren Vormarsch ein: die franz�sische Regierung wich vor dem Machtwillen
Englands zur�ck und �berlie� dem alten Rivalen kampflos die Herrfchaft �ber Aegyvten, die England auf Grund
seiner Okkupation von im Gegensatz zu den Rechten des Ahedive und seines Suzer�ns, des Sultans, erstrebte.
Diese Dem�tigung Frankreichs vor England ist f�r die Zukunft von gw�er Bedeutung geworden, weil sie Frankreich
weiterhin als einen geeigneten Gegenstand der englischen Freundschaft erscheinen lie�. Um so st�rker waren aber die
Besorgnisse, die damals die russische Politik England einfl��te. Ru�land stand im Begriff, sich zum Herren in China
zu machen und die vorwaltende Macht in den ostasiatischen Gew�ssern zu werden. England aber, dessen See- und
Handelsmacht sich im kaufe des 59. Jahrhunderts immer offensichtlicher zu dein Anspruch auf eine f�rmliche Welt-
herrschaft gesteigert hatte, fand diese Aussicht unertr�glich, ohne jedoch in der kage zu sein, sie aus eigenen Ar�ften
zu vereiteln. Es suchte die Vundesgenofsenschaft Deutschlands zu gewinnen, um dieses gegen Ru�land auszuspielen.
Das Anerbieten war nicht ohne verf�hrerischen Reiz. Es h�tte einen sch�tzbaren R�ckhalt gegen�ber dem Zweibund
geboten, und h�tte auch wohl imFall eines Aonflikts die t�tige Mitwirkung Italiens verb�rgt, die bei der Gegnerschaft
Englands zweifelhaft werden mu�te. Aber dieser vorteilhaften Aussicht standen schwere Bedenken gegen�ber. Man
kannte die politische Methode Englands, die Kontinentalm�chte gegeneinander auszuspielen, zu genau, um nicht zu wissen,
da� bei einem B�ndnis mit England die Gefahr bestand, da� die eigenen Interessen den britischen dienstbar gemacht
w�rden. England suchte eben wieder einmal, wie Bismarck es ausgedr�ckt hat, �einen gro�en dummen Rerl auf
        
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