Path:
Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

Full text: Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

IV
Der Nachfolger des ersten Kanzlers traute sich nicht zu, unter solchen schmierigen Umst�nden die komplizierte
Maschinerie der bestehenden B�ndnisvertr�ge mit Erfolg weiter zu handhaben; auch bef�rchtete er Mi�trauen von
�sterreichischer Seite, falls dort der russische Pertrag bekannt w�rde. Er unterlie� es, den zuletzt wieder auf drei Jahre
geschlossenen Vertrag zu erneuern, obwohl Ru�land dazu geneigt gewesen w�re, und so erlosch dieser R�ckversicherunas-
vertrag im Herbst Die Folgen davon machten sich bald in einer neuen Gruppierung des Staatensystems
bemerklich. Ru�land sah sich jetzt veranla�t, den franz�sischen Ann�herungsversuchen bereitwilliger als fr�her entgegen-
zukommen, und aus die Flottenbesuche von Kronstadt (J89() und Toulon ({893) folgte ein V�ndnis zwischen Frankreich
und Ru�land, dessen Wortlaut nicht ver�ffentlicht worden ist und das sich zwar als eine Ma�regel zur Erhaltung des
Friedens und des europ�ischen Gleichgewichts ausgab, tats�chlich aber seine Spitze gegen Deutschland kehrte. Der
Dreibund hatte in diesem Zweibund ein wirksames Gegengewicht erhalten. Auf der anderen Seite war Deutschland in
dem Moment, wo es imbegriff stand, den Vertrag mit Ru�land aufzugeben, vor�bergehend in ein n�heres Verh�ltnis
zu England getreten, dem viel daran gelegen war, da� Ru�land, damals sein bedeutendster Rival auf dem Kontinent,
die R�ckendeckung durch Deutschland verlor. England hatte kurz vorher begonnen, in W�rdigung der ver�nderten
Weltlage seine lange vernachl�ssigte Sser�stung auf ganz neue und sehr starke Grundlagen zu stellen. Das Flottengefetz
von 386 beruhte auf dem sogenannten two power standard, d. h. es war dazu bestimmt, eine Seemacht zu schaffen,
die st�rker sein sollte, als die Summe der beiden st�rksten Ariegsflotten, die England sich gegen�ber sah. Man dachte
dabei an Frankreich und Ru�land, die damals als die k�nftigen Gegner Englands erschienen. Die franz�sische Kriegs^
flotte betrug in diefem Zeitpunkt etwa zwei Drittel der Starke der englischen, die russische etwa zwei F�nftel der
franz�sischen. Noch etwas st�rker als die russische Flotte war die italienische, w�hrend die deutsche noch hinter jener
zur�ckblieb und erst an f�nfter Stelle stand. Diefe Geringf�gigkeit der deutschen Seemacht fl��te England Vertrauen
ein, so da� es J89O unbedenklich Helgoland im Austausch gegen bedeutende Gebiete und Anspr�che an der ostafrikanischen
K�fte an Deutschland abtrat, Es wurde damals das politische Prinzip proklamiert, da� Deutschland, die gro�e tand-
macht, und England, die gro�e Seemacht, einander gegenseitig erg�nzen m��ten, um den Frieden Europas aufrecht-
zuerhalten; und dieses Verh�ltnis fand seine eindrucksvolle Illustration durch die Szene vor dem pir�us J89O, wo der
Deutsche Aaiser als englischer Admirai die englische Mittelmeerstotte nach seinen Signalen man�vrieren lie�. Indessen
das gute Verh�ltnis zu England hatte seinen H�hepunkt �berschritten, sobald sich herausstellte, da� Deutschland den
Pertrag mit Ru�land nicht erneuert hatte, und es tr�bte sich mehr und mehr, als man in England sah, da� Deutsch-
land keineswegs geneigt war, seine Selbst�ndigkeit in der Weltpolitik aufzugeben. England begann damals, �berall
in der Welt m�chtig um sich zu greifen und ganz besonders in Afrika seine Herrschaft auszudehnen. Der plan einer
englischen Vahnverbindung Zwischen Kairo und Aapstadt, den Cecil Rhodes entworfen hatte, f�hrte zu dem
Versuch, im Gegensatz zu der AonZoakte von 588H ein St�ck des belgischen Aongo zu erwerben; aber bei diesem
Versuch trat Deutschland im Verein mit Frankreich dem vertragswidrigen Vorgehen Englands erfolgreich entgegen.
J895 stellte sich Deutschland in Verbindung mit Ru�land und Frankreich auch in Gegensatz Zu der japanisch-englischen
Politik in Vstasien. Vor allem aber war man in England emp�rt �ber das Telegramm des Deutschen Kaifers an
den Pr�sidenten Kr�ger von Transvaal, das die Vurenrepublik zu der erfolgreichen Abwehr des Jamesonschen Raub-
zuges begl�ckw�nschte, der ganz wider alles Recht unternommen war und auch in der englischen presse anstandshalber
verurteilt werden mu�te. Dieses Telegramm entsprang nicht etwa einer pers�nlichen Gef�hlspolitik des Raisers, sondern
war eine wohl�berlegte politische Kunbgebung, an die der Staatssekret�r von Marschall wohl die Hoffnung kn�pfte,
da� England von dem rechtswidrigen Vorgehen gegen die Vurenrepubliken durch energischen Widerspruch ebenso
abgebracht wer�en k�nne, wie \S<)^ von der Verletzung der Aongoakte. Die deutschen Handels- und Rolontalinteressen
waren in dem einen wie in dem anderen Falle durch Englands Vorhaben bedroht. Jene Hoffnung der deutschen
Reichsregierung hat sich freilich nicht erf�llt. Die Episode hat aber eine historische Bedeutung infofern, als bei diesem
Anla� die Eifersucht der englischen Gesch�ftswelt auf die in den letzten Jahrzehnten ganz gewaltig gesteigerte Aonkurrenz
des deutschen �berseeischen Exporthandels zu unverh�lltem Ausdruck kam. 3n einem Artikel der Saturday Revue
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.