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Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

Full text: Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

XVIII
Grundsatz, da� Belgien nicht in die Gewalt eines m�glichen Gegners Gro�britanniens kommen d�rfe. Es ist kaum
zweifelhaft, da� England selbst bei den kriegerischen Entw�rfen fr�herer Jahre daran gedacht hat, Truppen in Antwerpen
oder Vstende zu landen, und da� es eine Verletzung der belgischen Neutralit�t durch Frankreich in der gegenw�rtigen
Gruppierung der Machte ganz anders beurteilt haben w�rde als die durch Deutschland. Man wird wohl nicht irre-
gehen, wenn man annimmt, da� zwar Sir Edward Grey und seine Gesinnungsgenassen von vornherein geneigt waren,
die g�nstige Gelegenheit zu benutzen, uni das in einen Zweifrontenkrieg verwickelte Deutschland als See- und Handels-
macht auf lange Zeit hinaus unsch�dlich zu machen, da� aber die R�cksicht auf die �ffentliche Meinung in den
demokratischen Kreisen und auf die dissentierenden Mitglieder des Kabinetts den Wunsch nahelegte, einen vorwand
wie den des Bruchs der belgischen Neutralit�t durch Deutschland als Kriegsgrund vor der Welt zu gebrauchen. Da�
es ein Vorwand war, erhellt nicht bla� aus dem obenerw�hnten bedingten Hilfsversprechen f�r Frankreich vom
2. August, wo von der �berschreitung der belgischen Grenze durch Deutschland noch keine Rede war, sondern auch aus
den Verhandlungen zwischen England und Deutschland selbst, in denen Sir Edward Grey sich wohl h�tete, auf die
deutsche Anfrage, ob England neutral bleiben werde, wenn Deutschland die belgische Neutralit�t respektiere, eine zusagende
Antwort zu erteilen. Es kann als ziemlich sicher gelten, da� wir mit der Gegnerschaft Englands rechnen mu�ten,
mochten wir nun in Belgien einmarschieren oder nicht. Velgien selbst hat offenbar die kriegerische lteberlegenheit von
England und Frankreich f�r so bedeutend gehalten, da� es im Bunde mit diesen M�chten seine Interessen am sichersten
wahren zu k�nnen meinte; sonst w�re nicht zu begreifen, wie es die deutschen Anerbietungen, seine Integrit�t und
Unabh�ngigkeit zu verb�rgen und allen beim Durchmarsch etwa angerichteten Schaden ersetzen zu wollen, so br�sk
abzuweisen und die Grenzverletzung durch eine f�rmliche Kriegserkl�rung zu beantworten f�r gut finden konnte. Das
namenlose Ungl�ck, das dadurch �ber Velgien gekommen ist, verdankt es den Ratschl�gen seiner falschen Freunde,
namentlich der Engl�nder, denen daran lag, da� hier im englischen Interesse ein m�glichst nachhaltiger Widerstand
geleistet werde. Die englische Kriegserkl�rung, die am H. August erfolgte, scheint, dem Bericht des englischen Botschafters
zufolge, f�r die deutsche Reichsregierung doch unerwartet gekommen zu sein; in der Bev�lkerung rief sie eine ungeheure
Erbitterung hervor; man hatte den Eindruck, als ob, uni ein Vild des Reichskanzlers zu gebrauchen, ein Mann, der
mit zwei starken Gegnern ringt, von einem dritten hinterr�cks �berfallen wird. Die Ausschreitungen gegen die englische
Votschaft erkl�ren sich hieraus und auch wohl aus hochm�tigen provozierenden Gesten des englischen Personals. Man
hielt es deutscherseits f�r n�tig, sich deswegen in aller Form zu entschuldigen; aber das Bedauern, welches der Kaiser
dem britischen Botschafter durch einen Adjutanten ausdr�cken lie�, war mit dem Hinweis darauf gepaart, da� jener
aus diesen porgangen ersehen k�nne, wie das deutsche Volk �ber den Schritt Englands denke; der Aaiser legte zugleich
seine W�rden als englischer Admiral und Feldmarfchall nieder.
Mit der Kriegserkl�rung Englands tritt erst das wahre Vild dieses Krieges in seiner ganzen Bedeutung
hervor. Er ist die sp�te Frucht der Einkreisungsbestrebungen K�nig Eduards VII., dessen Werk heute von dem
Minister Grey fortgesetzt wird. Drei Mitglieder des Kabinetts, darunter der Arbeiterf�hrer Vurns, nahmen ihre Ent-
lassung, weil sie die Verantwortung f�r die Greysche Politik nicht auf sich nehmen wollten. Der Krieg ist ein von langer
Hand vorbereiteter Ueberfall, bei dem England die politische F�hrung und Ru�land die Angreiferrolle �bernommen
hat, w�hrend Frankreich mit seinem Ha� und seiner Revanchelust mehr im Hintergrunde blieb. Es ist ein Kampf, bei
dem es sich nicht blo� um die Weltmachtstellung Deutschlands, sondern auch um den Bestand des Deutschen Reiches
und Preu�ens handelt. Man willdie machwolle Mitte Europas zerst�ren, die seit das Verh�ltnis der M�chte
so stark umgestaltet hat. Frankreich erhofft die Befriedigung seiner Rachegel�ste, die Wiedergewinnung von Elsa�-
lothringen, die St�rkung seines Ansehens in der N)elt. Ru�land will die Macht niederwerfen, die als Bundesgenosse
seines �sterreichischen Rivalen ihm bisher den Weg nach Konstantinopel gesperrt hat; es will Gesterreich selbst zer-
tr�mmern und alle Slawenv�lker unter dem Machtgebot des Zaren vereinigen ; es willdamit ein Uebergewicht in Europa
begr�nden, vor dem nicht nur das Deutsche Reich, sondern auch die deutsche Rasse aus der bisherigen machtvollen und
selbst�ndigen Stellung w�rde weichen m�ssen. England endlich will den verha�ten Konkurrenten in Handel, Schiffahrt
        
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