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Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

Full text: Ursprung und Bedeutung des gegenwärtigen Krieges

XVI
eine �beraus schw�chliche Kundgebung, die nur beweist, da� die chauvinistischen Revanchehoffnungen, die seit
best�ndig die Triebfeder der offiziellen franz�sischen Politik gebildet hatten, doch nicht einer gen�gend breiten Popularit�t
sicher zu sein schienen, um sie in diesem Moment wirksam in den Vordergrund zu stellen.
England h�tte die M�glichkeit gehabt, w�hrend der kritischen Tage fr�her und nachdr�cklicher im Anne der
Erhaltung des Friedens einzuwirken, als es geschehen ist. Ein Anerbieten des K�nigs von England an den Zaren,
unter Umst�nden eine Vermittlung zwischen ihm und dem Deutschen Kaiser zu �bernehmen, ist erst an, 4. August
erfolgt, wo es bereits zu spat war. Es unterliegt auch keinem Zweifel, da� Ru�land bei seinem Entschlu� zum
Kriege mit Sicherheit auf die englische Vundesgenossenschaft gerechnet hat, und da� es Grund zu dieser Hoffnung hatte;
in seiner Antwort an den K�nig von England am 5. August gibt der Zar der Erwartung Ausdruck, da� England
nicht z�gern werde, Frankreich und Ru�land beizustehen. In der Tat hat England schon am 2. August der fran-
z�sischen Regierung seine Hilfe zugesagt f�r den Fall, da� Deutschland mit seiner Flotte gegen die K�ste Frankreichs
vorgehen werde. Deutschland war bereit, auf einen solchen Angriff zu verzichten, wenn es sich dadurch die Neutralit�t
Englands h�tte sichern k�nnen. Einen Moment lang hatte es sogar geschienen, als ob es m�glich sein werde, nicht
blo� England, sondern auch Frankreich in der Neutralit�t zu erhalten. Ar Edward Grey fragte am 5. August bei
dem deutschen Botschafter, F�rsten lichnowsky, telephonisch an, ob f�r den Fall, da� Frankreich neutral bliebe,
Deutschland sich eines Angriffs auf die Franzosen enthalten w�rde. Der Botschafter antwortete, er glaube die Frage
bejahen zu k�nnen, und der Kaiser erkl�rte in einem Telegramm an den K�nig von England, da� ein Angriff auf
Frankreich unterbleiben werde, wenn die franz�sische Regierung ihre Neutralit�t anbiete und diese durch die englische
Armee und Flotte garantiert werde. Man erkl�rte aber jetzt in England die Anregung f�r ein Mi�verst�ndnis,
offenbar aus dem Grunde, weil man von der deutschen Mobilmachung vorher noch keine Kunde gehabt hatte und
erst jetzt davon erfuhr. Das macht den Eindruck, als sei es dem englischen Staatsmann nur darauf angekommen,
die deutsche Mobilmachung durch Einleitung von Verhandlungen noch hinauszuschieben. Ueberhaupt spielt dieses Motiv
eine gro�e Rolle bei den schembar friedensfreundlichen Wendungen in der Politik unserer Gegner: man f�rchtete die
schnelle Mobilmachung Deutschlands und war bestrebt, einen m�glichst gro�en Vorsprung in den R�stungen zu gewinnen.
So fielen im Kreise der Staatslenkcr und Diplomaten die eisernen W�rfel, die f�r den Krieg entschieden.
Italien, der alte Dreibundgenosse, der jede Vermehrung des �sterreichischen Einflusses auf dem Valkan und in der
Adria mit Eifersucht betrachtete und beim Beginn des serbischen Konflikts nicht so wie Deutschland ins vertrauen
gezogen worden war, versagte sich und blieb neutral; es wurde �ffentlich erkl�rt, da� dies mit dem Geist und Buch-
staben des bestehenden B�ndnisses in Einklang sei; aber wenn zur Begr�ndung hinzugef�gt wurde, da� der Krieg,
den Deutschland f�hre, nicht defensiver Natur sei, so konnte das bei uns nur Kopfsch�tteln erregen; die tieferen Gr�nde,
die sich hinter diesem vorwand verbargen, sind schon oben angedeutet worden. Im deutschen Volke herrschte w�hrend
der letzten Iulitage eine ernste, auf alles gefa�te Spannung. Im Grunde durchaus friedfertig und voll vertrauen darauf,
da� alle M�glichkeiten zu einer ehrenvollen Bewahrung des Friedens von der Regierung gewissenhaft wahrgenommen
werden w�rden, war es doch zugleich von entschlossenem Kriegsmut beseelt, wenn die Haltung der Gegner die Bewahrung
des Friedens unm�glich machen w�rde. InBerlin wogte es abends Unter den linden und in den angrenzenden Stadt-
teilen von patriotisch erregten Menschenmassen, und oft erklang aus der Menge die �wacht am Rhein" oder �Deutschland,
Deutschland �ber alles". Schon am Abend des 3^. Juli, als die Entscheidung kaum mehr zweifelhaft sein konnte, hatte
der Kaiser, der von Potsdam nach Berlin �bergesiedelt war, vom Schlo� aus z�ndende Worte zu der Menge gesprochen,
die auf dem Schlo�platze in erwartungsvoller Erregung harrte. Er hatte davon gesprochen, da� der Neid der Nachbarn
Deutschland das Schwert in die Hand dr�cke. Er hatte darauf hingewiesen, da� ein Krieg enorme Vpfer an Gut und
Blut vom deutschen Volke erfordern werde. Er hatte der Hoffnung Ausdruck gegeben, da� man, falls es nicht noch
in letzter Stunde gelinge, den Frieden zu erhalten, den Gegnern zeigen werde, was es hei�e, Deutschland anzugreifen.
Er halte zum Schlu� die Menge aufgefordert, in den Kirchen die Hilfe Gottes zu erbitten; allabendlich riefen seitdem
die ernsten Glockenkl�nge zum Kriegsgebet, und lange Z�ge von Gl�ubigen zogen in die Gottesh�user, um des Kaisers
        
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