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Rede, gehalten zur Feier der fünfundzwanzigjährigen Regierung Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.

Full text: Rede, gehalten zur Feier der fünfundzwanzigjährigen Regierung Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.

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mit unheimlicher Pl�tzlichkeit, sur �eberraschung der europ�ischen Welt, eine neue ebenso zivilisierte wie waffcngewaltige
Gro߻nacht emporgekommen, die erst im Kriege mit China, dann in &cm gewaltigen Ringen mit Ru�land ihre
moralisch-politische Kraft und Ebenb�rtigkeit erwiesen hat: die erste moderne Gro�macht, die nicht der wei�en Rasse
und nicht dem christlichen Aulturkreis angeh�rt. Es ist ein Zeichen der Zeit, da� die Friedensvermittlung zwischen
Japan und seinem russischen Gegner durch den Pr�sidenten der Dereinigten Staaten von Nordamerika ins Werk gesetzt
und auf amerikanischem Boden zum Ziele gef�hrt worden ist, und da� dann auch die gro�e Umbildung von China,
die sich vor kurzem vollzogen hat, dem Vorbild der amerikanischen Verfassung gefolgt ist.
Zu gleicher Zeit ist ein allgemeiner und gewaltiger Trieb nach kolonialer Ausdehnung und �berseeischer Macht-
entfaltung in die Welt gekommen, der durch das Interesse der Industrie an der Beherrschung der Einkaufs und
Absatzm�rkte f�r ihre Rahstoffe und Fabrikate best�ndig gen�hrt und angestachelt wird. Ru�land ist mit seiner
zentralasiatischen Kolonisation und dem sie begleitenden Bahnbau bis dicht an die Grenzen von Indien vorger�ckt; es
hat nach der Vollendung seiner sibirischen Bahn den versuch gemacht, auch am Stillen Gzean eine m�chtige Stellung
zu gewinnen; und der Ausgang des Japanischen Krieges hat seine Ausdehnung in Vstasien wohl vor�bergehend
aufgehalten, aber nicht auf die Dauer gehemmt. England hat nicht nur seinen Kolonialbesitz, namentlich in Afrika,
noch bedeutend vermehrt, sondern es ist auch mit dem ernsthaften und keineswegs erfolglosen Versuch besch�ftigt, seine
gro�en �berseeischen Aolomen, soweit sie wei�e Bev�lkerung und eine freie Verfassung haben, fester mit den: Mutterland?
zu verbinden zu einem Ariegs- und Handelsbunde, der vielleicht dermaleinst die Form eines wirklich einheitlich
geleiteten Gcmemwcsens annehmen wird. Diese Au�euglieder Europas, die eben in ihrer geographischen tage die
g�nstigsten Bedingungen f�r eine fast schrankenlose Ausdehnung zu 3and oder �ber See vorfanden, haben sich so zu
wahren Riesenrcichen entwickelt, und das amerikanische Staatswesen strebt danach, seinen ganzen Aontinent zu erf�llen
oder zu beherrschen, solchen Staatenbildungen gegen�ber, deren Wirtschaftsniacht mehr noch als ihre Waffengewalt
das Gleichgewicht der Welt ins Schwanken gebracht hat, sehen sich die Staaten des alten Europa mit dem Schicksal
bedroht, zu M�chten zweiten Ranges herabzusinken, falls es ihnen nicht gelingt, durch straffere Anspannung der
wirtschaftlichen und milit�rischen Ar�fte ihre Bedeutung in der Welt zu erh�hen und durch die st�rkere Tragweite und
Durchschlagskraft ihrer Aktion den Nachteil des geringeren Aalibcrs auszugleichen. Die Vereinigten Staaten von
Nordamerika z�hlen mit ihren abh�ngigen Gebieten heute schon eine Bev�lkerung von weit �ber Millionen Menschen,
Ru�land eiue solche von 566 Millionen, England mit Indien und seinen Aalonien H23 Millionen, darunter etwa
63 Millionen Wei�e, d. h. nicht viel weniger als die 65 Millionen, die das Deutsche Reich unifa�t, das au�erdem
in seinen Schutzgebieten nur noch etwa �15 Millionen farbige Menschen beherrscht.
Schon diese Zahlen zeigen, da� das Zeitalter des Imperialismus f�r Deutschland eine nicht eben g�nstige
Wendung in den Weltverhaltnissen bedeutet; und dieser Eindruck verst�rkt sich, wenn man unsere eingeschlossene
geographische Mittellage auf ihre politischen Konsequenzen n�her pr�ft, wir sind aus allen Seiten umgeben von den
gr��ten Milit�rm�chten des Kontinents. Es ist eine kage, die unertr�glich w�re, wenn wir nicht mit Gesterreich in
einem festen und dauerhaften Bundesverh�ltnis st�nden, das freilich jetzt auch durch die Machtverschiebungen auf der
Valkanhalbinscl milit�risch an Wert und Bedeutung verloren hat. Rein Staat der Welt hat ein solche� Ma� von
milit�risch-politischem Druck an seinen Grenzen auszuhalten wie das Deutsche Reich. Andererseits fehlt uns jede
Gelegenheit zu einer Ausdehnung in der N�he unferer Grenzen. Ru�land hat Asien mit seinen unerme�lichen
Besiedelungsm�glichkeiten gleichsam vor der T�r: seine Ausdehnung ist ein langsames, stetiges Hin�berflie�en und
Hin�berschieben �bersch�ssiger Ar�fte in die gro�en benachbarten unkultivierten, halbzivilisierten R�ume. Gesterreich
w�chst in �hnlicher weise in die Valkanhalbinsel hinein; Italien braucht den Arm nur auszustrecken, um in die
gegen�berliegende nordafrikanische Welt hineinzugreifen, die der Erschlie�ung und Beherrschung durch europ�ische Staats-
und Aavitalmachl harrt; und in eben diesen Regionen hat sich Frankreich, die von dem spanischen Nachbar vernachl�ssigte
weit- und kulturpolitische Mission �bernehmend, ein gro�es �berseeisches Reich geschaffen, das es freilich nur so lange
mit Sicherheit wird festhalten k�nnen, als ihm England die Vormachtstellung in dem westlichen Becken des Mittelmeers
        
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