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Rede, gehalten zur Feier der fünfundzwanzigjährigen Regierung Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.

Full text: Rede, gehalten zur Feier der fünfundzwanzigjährigen Regierung Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm II.

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durfte! Es war die gro�e Zeit unseres Volkes, auf die er zur�ckblickte, die Zeit der Erf�llung jener patriotischen w�nsche
und Hoffnungen, die dein Geschlecht der Freiheitskriege noch nicht bcschiedcn gewesen war und an der die n�chsten
Generationen fast schon verzweifelt hatten. wie hatte sich inzwischen die Welt verwandelt! Die Herrschaft der fremden
Aronen auf deutschen: Voden hatte v�llig aufgeh�rt; das stammverwandte Schleswig-Holstein war endlich dem Vaterlands
wiedergewonnen; der l�hmende Streit um die Vorherrschaft inDeutschland war durch einen kurzen gewaltigen Waffengang
endg�ltig entschieden; in dem unvermeidlichen Ariege mit dem Erbfeind deutscher Macht und Gr��e war durch unerh�rt
gl�nzende Siege die Einigung der deutschen St�mme und die Gr�ndung des Reiches errungen, zugleich auch die alte,
in den Tagen der Ohnmacht verloren gegangene Westmark dem deutschen Namen zur�ckgewonnen worden, wahrlich
ein Gegenstand von begeisternder Gr��e; und wir verstehen den hochgestimmten Iubelklang der Feier, die einen der
Schlu�akkorde jenes heroischen Zeitalters bildet.
Die 25 Jahre der Regierung Kaiser Wilhelms II., auf die wir heute zur�ckblicken, sind f�r unser Vaterland
ohne so gewaltige Ersch�tterungen in Sturz und Sieg verlaufen; und wir haben Grund, mit dankbaren Herzen diese
F�gung des Schicksals zu preisen. Denn wir bed�rfen des Friedens, um zu vollenden, was unsere V�ter geschaffen
haben; und wenn uns auch die Erfahrung nicht erspart geblieben ist, da� nichts schwerer zu ertragen ist als eine Reihe
von guten Tagen, so ist diese Zeit doch auch erf�llt gewesen von unabl�ssiger redlicher Arbeit, und wir haben der Welt
bewiesen, da� wir imstande sind, was vor HI Jahren im Sturm und Drang der Ariegsbegeisterung geschaffen worden
ist, auch m der n�chternen werktaasstimmung einer langen Friedenszeit zu behaupten und fortzubilden, und da� es
nicht blo� die geniale Araft eines gro�en Staatsmannes war, was Volk und Reich zusammenhielt, sondern der innere
tebenstrieb selbst, der in dem wieder hergestellten Volksk�rper waltet und der ihm allein eins lange und gesunde Fort-
dauer verb�rgen kann. So rauscht unser Staats- und Volksleben heute beruhigt in breiter, gewaltiger F�lle dahin,
den: Strome gleich, der die hemmenden Gebirgsschranken in brausenden Katarakten durchbrochen hat und nun in
ungehemmtem Taufe der Unendlichkeit des Weltmeeres cntgegengleitet. Freilich � auch die Ebene hat ihre Gefahren ;
und wenn der Strom seine Schiffe glatt und sicher dem Meere zuf�hren soll, so mu� daf�r gesorgt werden, da� er in
seinem kaufe nicht versandet und versumpft. Darin besteht der gr��te Teil der politischen Friedensarbeit, welche die
Regierungsgeschichte unseres Aaisers erf�llt.
Aber man w�rde diese Zeit nicht verstehen, wenn man sie nur als eine Epoche epigonenhafter Vollendung
auffassen wollte. Raum je ist in einein Geschlecht so stark wie in dem gegenw�rtigen die Empfindung lebendig gewesen,
da� es im Anfang eines neuen Weltalters steht. In Technik und Verkehr, in Aunst und Wellanschauung, in:
Wirtschaftsleben wie in den Beziehungen der V�lker und Staaten untereinander vollziehen sich gro�e weltbewegende
Ver�nderungen, die in ihrer Gesamtheit einen neuen Abschnitt im kcben der Menschheit und auch unseres eigenen
Volkes bedeuten. Wir m�ssen es der zuk�nftigen Geschichtsschreibung �berlassen, den vollen Inhalt dieses Rapitels
abzuhandeln und seine Ueberschrift zu finden; wir wollen nur versuchen, einzelne Zeichen der Zeit zu erkennen
und zu deuten.
Am st�rksten tritt im Staatcnleben die gro�e, alle Beziehungen der V�lker beherrschende Tatsache hervor, da�
erst in unseren Tagen durch die Fortschritte des Verkehrs und der Technik die verschiedenen Teile unserer immer dichter
bev�lkerten Erdoberfl�che in unmittelbare Ber�hrung miteinander getreten sind, da� sie politisch und wirtschaftlich
einen Zusammenhang gewannen haben, der die V�lker und Staaten fortan fast wie die Glieder eines gro�en Gesamt-
organismus erscheinen l��t. Das europ�ische Staatensystem, das seit vier Jahrhunderten den Rahmen unserer Geschichte
bildet, ist im Begriff, sich zu einem weltstaatensystem zu erweitern, in dein ganz andere Ma�st�be und Macht-
gruppierungen gelten, als wir sie bisher gewahnt waren. Amerika ist aus seiner politischen Absonderung herausgetreten
und hat seit den: kubanischen Ariege von begonnen, die Welt des Stillen Vzeans in seine Machtsph�re hinein-
zuziehen; und mit der nahe bevorstehenden Vollendung des Panamakanals wird die gro�e Umw�lzung sich vollziehen,
die schon Bismarck kommen sah: da� an Stelle der Randl�nder des Atlantischen die des Stillen Gzeans den Haupt-
schauvlatz der Weltgeschichte bilden werden. Jenseits des Gro�en Wassers, der amerikanischen Westk�ste gegen�ber, ist
        
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