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Lektüre und Bibliotheken Friedrichs des Großen

Full text: Lektüre und Bibliotheken Friedrichs des Großen

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machen zu sehen. Sein Verhalten spreche nicht von wahrhaft freundschaftlichen Empfindungen, und Me Winkelz�ge,
die er mache, lie�en Aufrichtigkeit durchaus vermissen. Er folle der Wahrheit die Ehre geben, wenn er weiter Friedrichs
Achtung verdienen wolle. Sein guter Ruf verlange es, da� er sich bedingungslos auf seines alten Freundes Seite
stelle. So konnte Friedrich mit Recht Voltaire schreiben, er habe �Ttjieriot den Kopf gewaschen und ihm seinen Tadel
nicht vorenthalten; es sei zu hoffen, seine Ermahnungen w�rden Eindruck auf ihn machen. (3. Februar \73ty.) Eine
andere Stellung nahm Friedrich in seiner Beurteilung Thieriots der Marquise bu Chatelet gegen�ber ein. Denn sie
war, wie es in dem bekannten tiede �K�nig Wilhelm sa� ganz heiler" von der Kaiferin Eug�nie hei�t: �ganz
besonders auch diejenige, die ins Feuer blies hinein". Die Aeu�erungen des Kronprinzen lassen uns erkennen, wie er
�ber Thieriots Charakter und F�higkeiten dachte. Sie sind treffend und geben uns das richtige Vild von diesem in
menschlicher wie literarischer Bestellung recht untergeordneten Menschen. Die gro�e Erregtheit der Marquise beruhigte er
zun�chst durch leichte Scherze. Er suchte Thieriot, der es gelegentlich wage, in einer Dichtung Voltaires Ver�nderungen
vorzunehmen und auch sonst in seinen Mitteilungen �ber Voltaire die Gedanken des �unvergleichlichen Dichters" zu
verw�ssern, l�cherlich zu machen, wenn auch Eigenliebe der Beweggrund seiner Handlungen sei, so sei er doch trotz
feiner Fehler ein �bon gar�on, tr?s propre ? vous servir et ? vous amuser". Cfjiertot habe ihm allerdings den
Brief der Marquise geschickt; er k�nne aber nicht daraus schlie�en, da� jener boshaft sei. Hur Schw�che und Furcht-
samkeit verleiteten ihn zu unerlaubten Mitteln der Verteidigung und zu fadenscheinigen Ausfi�chten. Nachdr�cklich fei
er von ihm auf die Pflichten eines anst�ndigen Menschen hingewiesen worden. Er werde sich bessern; nicht jedermann
sei ein Held und der arme �yteriot schon ganz gewi� nicht. Er geh�re zu den schwachen Sterblichen, deren Tugend
wie ein Thermometer der Erw�rmung bed�rfe durch das Veisviel erhabener Eigenschaften, �pour se monter sur le
m?me ton", und dieses finde er in Cirey. Die Entschuldigung will die Marquise nicht gelten lassen; ob Schw�che
und Eigenliebe oder ob Bosheit zu schlechten Handlungen f�hre, fei f�r die Wirkung dieser gleichg�ltig; Thieriot sei
und bleibe ein ?ump. Den Vergleich mit dem Thermometer nehme sie an als liebensw�rdige Aufmerksamkeit f�r sie
selbst, die sich mit Physik besch�ftige. Friedrich jedoch blieb bei feiner Ansicht. Thieriot besitze nicht einmal Geist
genug, um boshaft zu fein;man �bersch�tze ihn und d�rfe ihn nicht f�r etwas nehmen, was er weder fei noch jemals
sein werde. Er habe ja auch nicht den geringsten Anla�, Voltaire zu sch�digen, dem er so viel perdanke und den er
blindlings verehre �ruminant, si je puis m'expr�mer ainsi, les pens�es que M, de Voltaire a d�j? dig�r�es". Er
sei der Herold der Werke des Meisters. ..Vous conviendrez donc, madame," so schlie�t er das Kapitel Chieriot in
seiner Korrespondenz mit den Freunden in Circy in einem Briefe vom 8. M�rz \?39, �qu'une faute de jugement,
une faiblesse d'esprit, qu'on ne doit imputer qu'? la nature, ont fait faire de fausses d�marches ? Thieriot;
joignez ? cela les mauvais conseils de personnes auxquelles il s'est confi�; ilfaut passer quelque chose ? l'hu-
manit�! Croyez-moi, madame, ne prenez point les choses ? la rigueur, vous perdriez un homme qui vous est
attach�, et dont l'unique d�feut est de n'avoir pas re�u de la nature un jugement et un g�nie digne de Cirey."
Die Mahnungen Friedrichs an die beiden Parteien biteben nicht ohne Wirkung. Thieriot f�rchtete die Ungnade des
Prinzen und schrieb auch Voltaire von solchen Vesorgnissen, indem er ihn f�r die Mi�stimmung des Kronprtnjen
verantwortlich machte. Unverfroren wie immer antwortete dieser am H. Februar �Eh, morbleu, ne voyez-vous
pas que je ne lui �cris point sur tout cela parce que je ne sais que lui mander apr?s votre malheureuse lettre?"
Gemeint ist die Friedrich �bersandte Abschrift des Thieriotschen Briefes an die Marquise. 3m M�rz und April lauten
die Briefe Voltaires an Ctu'mot schon viel vers�hnlicher, und Frau von Chatelet l��t sich durch ihn wieder B�dner
besorgen, �Pares cum paribus facillime congregantur," sagt Cicero. Mit Recht konnte daher Thieriot in seinen
beiden Briefen an den Kronprin3en vom H. und \\,Mai auf die stattgehabte Vers�hnung hinweisen und berichten,
Voltaire ziehe ihn bereits wieder f�r die verschiedensten Auftr�ge heran, und er selbst trage seines G�nners Bild auf
seinem Ringe. Gleichzeitig benutzte er die Gelegenheit, zu betonen, er habe in seinem Briefe an die Marquise getan,
was er tun konnte, und zum ersten Male deutete er Friedrich gegen�ber an, da� es nicht immer leicht sei, mit
Voltaire auszukommen. Trotzdem habe er seine Interessen bisweilen mehr wahrgenommen als dieser selbst, den feine
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