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Die Aquarell Sammlung Kaiser Wilhelms I. : Ein Beitrag zu seiner Lebensgeschichte

Full text: Die Aquarell Sammlung Kaiser Wilhelms I. : Ein Beitrag zu seiner Lebensgeschichte

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Der Feldmarfchall Manteuffcl, der in den gro�en politischen Gesch�ften stets bew�hrte �diplomatische General", ward
nach Warschau vorausgesandt, um den Zaren �ber die Sachlage im Sinne des Kaifers aufzukl�ren. Als am
2. September die Fahnen aus dem palais des Kaisers abgeholt wurden zur Gro�en Herbstparade � es war Prinz
Wilhelm, unser jetziger Kaiser und K�nig, der die Fahnenkompagnie f�hrte �, war in Berlin das Vcwu�tsein
allgemein, sich mitten in einer politischen Krise zu befinden; des Kaisers Verdienst war es, sie zu beschw�ren. Am
3. September morgens, nachdem er noch einen -Befehl veranla�t, die deutschen Zeitungen zur M��igung in ihren Aeu�e-
rungen gegen Ru�land anzuhalten, reiste der Kaiser �ber Bromberg, wo ihn Manteuffel von Warschau r/er erwartete,
und Thorn nach Alexandrowo, der russischen Grenzstation, hart s�dlich der Weichsel, um 3 Uhr nachmittags hier von
dem Zaren mit seinen j�ngsten S�hnen Sergius und pauI und seinem Neffen Nikolaus, Sohn des Gro�f�rsten
Konstantin, in alter Herzlichkeit empfangen, hier im engsten Zusammensein � der Kaiser wohnte im Vahnhofs-
geb�u6e, der Zar im Zollamts � verst�ndigten sich die Herrscher rasch; jeuer Vnef des Zaren m�ge als �non avenue"
gellen, sie gelobten sich die alte Freundschaft aufs neue, und auch mit dem Minister des Ausw�rtigen von Afters und
mit dem Kriegsminister ZUiljuttn kam Kaiser Wilhelm in gutes Einvernehmen. Die Hauptsache war, den Zaren von
dem rein defensiven Grundgedanken des noch im werden begriffenen deutsch-�sterreichischen Verst�ndnisses und da� dieses
nach dem Ausscheiden Oesterreichs aus Deutschland nur die naturgem��e Ausf�llung einer T�cke sei, zu �berzeugen,
was schlie�lich auch gelang. Die Gefahren des Nihilismus, auf welche der Kaiser ernstlich hinwies, glaubte der Zar
freilich mit (Energie �berwinden zu k�nnen: anderthalb Jahre sp�ter fiel er selbst ihm zum Gpfer! � �Die Aufrecht-
erhaltung des Friedens unter den drei Kaiserm�chten ist ein Meisterst�ck diplomatischer Umsicht", so urleilte sp�ter der
Reichstagsabgeordnete ?u6a>ig windthorst: hieran hat Kaiser Wilhelm das vollste Ma� pers�nlichen Verdienstes gehabt.
AmH. September mittags fand die �Entrevue" ihr Ende, am 5. September hielt der Kaiser zu K�nigsberg i.f)r.
die f?arade ab �ber das I.Armeekorps unter General Freiherrn Albert von Varnekow, der am 6. September das
Korpsman�ver folgte.
Auf diesem gro�en politischen Hintergrunde hebt sich der schlichte Vorgang wirksam ab, den unser \O6. Vild,
von Hermann Luders, darstellt: �tuisenwahl, den 7. September \87ty," Das war das schlichte Gartenhaus auf
den sogenannten Hufen, eine viertel Meile s�dwestlich von K�nigsberg, wo K�nig Friedrich-Wilhelm III. mit der
K�nigin ?uife die Sommermonate der Jahre l808 und 8O9 verlebt, und das Kaiser Wilhelm von der Familie
Vusolt erworben hatte, um Haus und Garten zum Andenken vornehmlich feiner Mutter, deren Namen es nun trug,
dauernd zu erhalten, nach piet�tvoller Wiederherstellung des alten Zustandes im Aeu�eren und Inneren, hier hatte
der Kaiser zuletzt am 20. April geweilt, auf jener Reise nach St. Petersburg svgl. oben S. 3^), wie er diese
erinnerungsreiche St�tte vordem schon \B6{ und besucht hatte. Nun kam er wieder von einer Ru�landfahrt
hierher, unter wie anderen Konstellationen als damals! � ?s war ein fonnt�glicher Ruhetag; nach dem Gottesdienste
in der Schlo�kapelle zu K�nigsberg, dem Vfsiziers-Rennen bei dem Glferschen Gute Metgeten, fuhr der Kaiser erst
nach 3u6itten, einem Dorfe drei viertel Meilen westlich von K�nigsberg, um die Kirche zu besuchen, wo das K�nigliche
Elternpaar �fters zum Gottesdienste gewesen war, dann zu den Hufen. Nur fechs Zimmer enthielt das kleine Haus,
�so beengt, da� es kaum einem beg�terten Privatmann hinreichen d�rfte", hatte damals, ein Vesucher berichtet;
aber der Garten, der �Hippeische", spater der �Vusollsche", nach den Besitzern genannt, war sch�n und aus-
gedehnt, in ihm hatte sich der Kaiser mit seinen Geschwistern oft und gern getummelt. So leicht war das Haus
gebaut, da� bei Sturmwind
�
und der fehlte auch im Sommer nicht
�
die Fenster keinen Schutz boten und die
K�nigin Luise sich auf dem Flur betten mu�te, hier an der St�tte der gr��ten Einfachheit und wirklichen Ent-
behrungen des K�nigspaares stand nun Kaiser Wilhelm, unter dem Eindrucke von Alexandrowo, unmittelbar nach
russischen Erfahrungen und Einwirkungen, wie sie fo oft das herz der K�nigin tuise bewegt und erf�llt hatten �
�e dei dl ehe furono L'assalse ilsovvenirl"
Vei aller Schlichtheit der Ausstattung macht doch der helle, wohnliche Raum mit hellgelber Tapete, buntem
Teppich und hellbraunen M�beln einen freundlichen, anheimelnden Eindruck: das Wohnzimmer der K�nigin tuise,
        
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