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Friedrichsfeier vor hundert Jahren

Full text: Friedrichsfeier vor hundert Jahren

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2Narwitz Hat m seinen kebenserinnerungen von diesen in treuem Ged�chtnis behaltenen Episoden jene unvergleichlich
anschaulichen Schilderungen gegeben, die Carlyle als �sch�ne kleine Gem�lde, gebadet in Morgenlicht," bewunderte.
lieber die Sph�re der pers�nlichen Verehrung hinaus gewann nun Friedrichs Andenken f�r weite Areise eine
aktuell politische Vedeutung, als seit dem Tilsiter Frieden noch die bisher nur tastend und vereinzelt unternommenen
versuche zur Reform des alten Staatswesens die Reform auf der ganzen Cime durchgreifend und zielbewu�t einsetzte
und den heftigsten Meinungsstreit entfachte. Die Anh�nger des Alten glaubten ihre Sache nicht besser f�hren, ihren
Besitzstand nicht wirksamer verteidigen zu k�nnen, als wenn sie sich auf Friedrich beriefen. So ward fein Name in
der Reformzeit seit von den Aonservatwen wie ein sanier aufgepflanzt. �Friedrich der Gro�e war sein drittes
wort", sagt Clausewitz vom General R�chel, dem ausgepr�gtesten Anhanger des alten Heerwesens und des alten
Staats. R�chel selbst hat \8\3 in einem Briefe zu feiner Rechtfertigung gesagt: �Wenn ich vielleicht etwas strenge
dem System Friedrichs des Gro�en huldigte, so geschah dieses, weil Friedrich der Gro�e Friedrich der Gro�e war,
und weil ich es f�r unm�glich hielt, da� ein System je schlecht sein k�nne, welches so gro�e Wunder in der Welt
hervorgebracht hat, dessen innere Wirkungen dem gr��eren Teile von Europa n�tzte, im Innern des kandes Segen
und Wohlfahrt verbreitete und ein halbes Jahrhundert hindurch das erste 2Nuster zur Nachahmung f�r die denkenden
Wesen aller Weltteile tt>ar6.' /1 Etwas vorsichtiger als R�chel und auch etwas kl�ger war Marwitz, der Typus der
konservativen Opposition gegen die Reformen der Stein -Hardenbcrgschen Epoche. Marwitz ist nicht blind gegen
Friedrich den Gro�en; er unterscheidet zwischen dem alten und dem jungen Friedrich und stellt den jungen h�her.?
Immer aber spricht er von Friedrich im Cone gr��ter Anerkennung, Ehrfurcht, Verehrung, in einem Tone, der sich von
den �beraus abf�lligen Urteilen dieses streitbaren Mannes �ber Friedrichs Nachfolger und ihre Staatsm�nner scharf abhebt.
wie h�tten die Vork�mpfer und Anh�nger der Reform es sich gefallen lassen sollen, da� ihre Gegner die
keiche des Gro�en A�nigs ihnen rauben wollten? Schon damals, wie so oft in der Folge, ist Friedrich h�ben und
dr�ben, von den konservativen wie von den Liberalen, f�r die Partei in Anspruch genommen worden.
Mitten hinein in diesen Kampf der Parteien verfetzt uns Schleicrmachers gro�e politische Predigt auf Friedrich.
Vier Jahre vor der S�kularfeier, am sechsunoneunzigstcn Geburtstage, in der Dreifaltigkeitskirche zu Verlin gehalten,
l��t diese Predigt jenes wenige, was die S�kularfeier selbst an Kundgebungen bot, weit hinter sich: die S�kularfeier,
die so d�rftig ausfiel, war hier in w�rdiger weise vorweggenommen.
Die predigt vom 2H. Januar hat der feinsinnige Ausleger des politisch -patriotischen Gehalts der
Schleiermacherschen Aanzelreden gekennzeichnet als �ein einzigartiges Stimmungsbild aus der bewegten Zeit der nationalen
Erhebung". 6 Schleiermacher hat sie in die Sammlung seiner Predigten aufgenommen unter dem Titel �Ueber die
rechte Verehrung des einheimischen Gro�en aus einer fr�heren Zeit". Zugrunde legte er seiner Vetrachtung den
Text aus dem Evangelium 2Natlh�i 2H, Vers 5 und 2:
�Jesus ging hinweg von dem Tempel, und seine J�nger traten zu ihm, da� sie ihm zeigten des Tempels
Geb�u. Jesus aber sprach zu ihnen: Sehet Ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch, es wird hier nicht ein Stein
auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde."
welch ersch�tternder Text f�r eine Ged�chtnisrede auf den Helden einer gro�en Vergangenheit nach dem
Zusammenbruch seines Werkes! Da� eine Beziehung zwischen dem Vibelwort und dem Elend der Gegenwart gegeben
werden sollte, verstand sich von selbst und war zudem den H�rern nahegelegt worden durch die der Vorlesung des
Textes vorangegangenen EinleitunZsworte : �Ver 2H. des ersten Monats war ehedem in diesen t�ndern ein vielgefeierter
Tag, an welchem die Bewohner derselben sich laut und froh einem eigent�mlichen, erhebenden Gef�hl �berlie�en
�
das Geburtsfest des Gro�en A�nigs, der von seinem Volke verehrt, von ganz Europa wegen seines durchdringenden
1 Pertz, Gneisenau, 3, 682. Clausewitz. Nachrichten �ber Preu�en in seiner gro�en Katastrophe (Ariegsgefchichtliche Ein;el�
schriften, herausgegeben vom Gro�en Generalstabe, \0, �,35). � s Fr. A.l.von der Marnntz, herausgegeben von iNeufel, (, 55?, 53*.
�
8 3- Sauer, als politischer Prediger, S, 52;.
�i>btnj���n-Joljrbticij I9JI. 6
        
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