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Der älteste Sohn der Königin Luise und sein erster Erzieher

Full text: Der älteste Sohn der Königin Luise und sein erster Erzieher

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englische Einrichtungen bei Friedrich-Wilhelm IV. bestimmte. Vas hat neuerdings Erich 3or an in seiner Schrift
�ber die Bildung des Herrenhauses (Berlin \909) deutlich gezeigt. Schon Hardenberg hat den verh�ngnisvollen Einflu�
Ancillons auf seinen Z�gling erkannt, als er klagte: �Des Kronprinzen Aleben am Alten per Ancillon." Jakob Caro
hat einst in feinem Artikel Ancillon in der �Allgemeinen Deutschen Biographie" die Vermutung ausgesprochen, da�
h�fischer Einflu� dem glatten Theologen zu seinem Kosten verhelfen habe. Er spricht sp�ttisch von �weichlichen Hof-
damenseelen". Nachdem wir es inzwischen l�ngst aus Rankes Mitteilungen wu�ten, da� es kein Geringerer als der
Freiherr vom Stein war, der es anregte, die �molluskenhafte Natur Ancillons", wie (Lato sich liebevoll ausdr�ckt, in
so bedeutungsvolle N�he des Thronfolgers zu bringen, hat Georg Schuster in den Tageb�chern Delbr�cks reichliches
neues Material zur Erh�rtung dieser Tatsache gebracht.
Neben gewissen politischen Grundanschauungen, wie sie ihm von Ancillon eingeimpft wurden, die sich zu
Tr�umen, w�nschen und Bestrebungen verdichteten und den phantasievollen Politiker Friedrich-Wilhelm entstehen
lie�en, behauptete sich aber, wie man wei�, in dem Z�gling Delbr�cks die K�nstlernatur. Sie fand au�er in dem
ganzen Wesen Friedrich-Wilhelms, au�er in den vielen Anregungen, die er K�nstlern w�hrend seiner Kronprinzenzeit
und noch mehr als K�nig Gelegenheit nahm zu geben, einen besonderen Ausdruck in dem Fortbestehen seines unerm�d-
lichen Zeichentriebs. Unmittelbar nach seinen, Tode sind in den k�niglichen Schl�ssern Zeichnungen von seiner Hand
gesammelt, deren Zahl in die Tausende geht, vielfach tragen sie das charakteristische Handzeichen des Kronprinzen,
eine Steinbutte, durch das auf den Scherznamen, den er im Familienkreise f�hrte, �Vutt", angespielt wurde. Der
Architekt, der am meisten unter seiner Regierung mit ihm in Ber�hrung kam, Adolf St�ler, hat �ber jene von
Friedrich-Wilhelm geschaffenen Zeichnungen im Jahre einen unterrichtenden Vortrag gehalten (erschienen
Berlin 186 Als der K�nig im Oktober ;85? von der Krankheit erfa�t wurde, von der er nicht mehr genesen
sollte, fiel es den Getreuen am meisten aus, da� er nicht mehr zeichnete. Diese Tatsache war f�r sie das sicherste
Kennzeichen, da� feine Produktivit�t vollkommen aussetzte. Seine edle Gemahlin, K�nigin Elisabeth, empfand �ber
das darin liegende Erlahmen seines regen Geistes den tiefsten Schmerz. Als zwei Freunde des K�nigs, die Grafen
vo� und Groben, ini Januar mit ihr am Teetisch von den phantastische humoristischen Zeichnungen ihres Gemahls
gesprochen hatten, klagte sie nachher dem General Gcrlach: �Diese Reden zerschnitten mir das Herz; denn das kommt
nie wieder, dieses poetisch Geistreiche ist f�r immer vorbei, selbst wenn es besser wird." Man ermi�t, wie dieses
Zeichentalent eine der liebensw�rdigsten Seiten des geistvollen und so ungl�cklichen Monarchen gebildet hat, die allerdings
f�r die Au�enwelt so gut wie gar nicht in die Erscheinung getreten ist.
Ueberblicken wir die Erziehung Friedrich-Wilhelms durch Delbr�ck und die Berufung eines Ancillon an
Delbr�cks Stelle, so erkennen wir wieder, da� die Wahl der f)rinzenerzieher eins der gef�hrlichsten Gl�cksspiele ist.
Man darf sich dabei aber auch gegenw�rtig halten, da� es bei der ganzen Natur dieses Thronerben zweifelhaft bleibt,
ob Menschen kr�fte imstande waren, die in ihm lebenden ungesunden Elemente zu unterdr�cken; nur soviel scheint fest-
zustehen, da� nicht das Richtige geschehen ist, die Entfaltung dieser ungl�cklichen und f�r einen K�nig von Preu�en
weniger erw�nschten Anlagen einzuschr�nken, vielmehr da� jene unerfreulichen Eigenschaften gro�enteils stark gef�rdert
worden sind. Bei den reichen Gaben und der Herzensg�te Friedrich-Wilhelms IV. darf man sich auch im Hinblick
auf die Erziehung des Prinzen des schmerzvollen Wortes feines treuen Leopold von Gerlach erinnern, der beim Tode
seines huldvollen Gebieters klagend rief: �welch edles Feuer ist dort durch eigene und fremde Schuld ohne Nutzen
verzehrt worden, oder, dies Bild ist wohl unrichtig, hat dort unn�tz gebrannt, obschon es, anders geleitet und angewandt,
hatte leuchten und w�rmen k�nnen."
        
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