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Erziehung und Unterricht der Königin Luise

Full text: Erziehung und Unterricht der Königin Luise

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einsamnielen sollten, Ihr keib ist aber auch nicht so schwach als der unsnge. Im Fall des Mangels ist ihr Magen
gewohnt ein paar Tage, ja ein paar Wochen zu hungren. Sie sind auch garmcht leckerhaft. Denn ein St�ck thranigten
Seehundes ohne Salz und ohne Brod schmeckt den Ar�nl�ndern eben so gut als uns unsere niedlichsten Frikassees.
Vie meisten wilden sind leichtgl�ubig und nehmen vieles f�r wahr an, was nach unsern Einsichten l�cherlich
oder ungereimt ist. Sie beZehen ohne Scham und Reue solche Handlungen, welche in unsern Augen grausam, schrecklich
und abscheulich sind. Sie erweisen aber doch einander gewisse Arten der Gef�lligkeit, so oft sie dazu Gelegenheit haben.
Vey ungew�hnlichen Anblicken und Gelegenheiten sind sie mehrentheils furchtsam, sind aber gegen den Schmerz weniger
empfindlich und ertragen ihn geduldiger als wir."
wir d�rfen nicht unterlassen darauf hinzuweisen, da� die K�nigin sp�ter, besonders in Briefen, mit gro�er
Leichtigkeit und Gewandtheit ihre Muttersprache handhabte. Ihr Stil ist der Ausdruck klarer Gedanken und gro�er
Gem�tstiefe; das Herz diktierte und dann ging die Feder leicht. Frau von Verg spricht von einer Naturanlage der
K�nigin, die ihr die eigenartige, so anmutende Pr�gung ihrer Gedanken erleichterte.
lieber die Schrift der Prinzessin ist zu bemerken, da� sie es im Franz�sischen viel eher zu einer ausgeschriebenen
Handschrift brachte wie im Deutschen. So steil und ungelenk die franz�sische Schrift noch im elften kebensjahr war,
so durchaus gewandt ist sie in den Heften der Jahre und 5?92. Die deutsche Schrift sieht anfangs besser aus,
wenn sie steil schreibt, wir haben auch aus ihrem zw�lften Lebensjahr noch Uebungshefte im Sch�nschreiben mit
Vorschriften der kehrerin oder des kehrers. Das eine beginnt mit dem stilistisch nicht einwandfreien, sachlich aber
an der Stelle sehr angebrachten Satz:
Alan f�ngt nicht ohne i??iit] des Guten �bung an
Voch leichter thut man, je �fter man's gelhan.
Mit der Schrift Luises ist es wie mit ihrer Orthographie; sie neigt auch darin zur Fl�chtigkeit, trotz der an einer
anderen Stelle des Schreibheftes mehrfach wiederholten Mahnung:
Um richtig, deutlich, sch�n und ausdrucksvoll zu schreiben,
Mu� man das Schreiben oft, mit �berlegung treiben.
Da� die Erziehung der A�niZin tuise eine wesentlich franz�sische war, ist das landl�ufige Urteil. Ohne
Einschr�nkung k�nnen wir das aber nicht zugeben. Denn der Unterricht in der Geschichte, zum Teil auch in der
Geographie, selbstverst�ndlich in der Religion und MiDeutschen wurde in deutscher Sprache erteilt. Dann m�ssen wir,
um gerecht zu bleiben, in R�cksicht ziehen, da� erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Sprach- und Aultur-
gef�hl des deutschen Volkes wesentlich erstarkt ist, und da� wir heute die Erziehung fr�herer Zeiten unter ganz anderen
Gesichtspunkten beurteilen. Schlie�lich ist es noch heute bei h�fischer Erziehung p�dagogisch-technischer Gebrauch, den
heranwachsenden Kindern erst die fremde Sprache beizubringen, da sie sie in j�ngeren Jahren bei t�glicher Anwendung
leichter lernen. Jede Zeit mu� aus sich heraus beurteilt werden. In der zweiten H�lfte des 3. Jahrhunderts
nahm der Einflu� des Franz�sischen auf die deutsche Geistesbildung noch immer zu und langsam erst begann unter
Heranziehung der Griechen, R�mer und Engl�nder die Emanzipation deutschen Geistes und Kulturlebens. Die Franzosen
waren die Lehrmeister der Zeit. �wie kann man", sagt Goethe noch in Wilhelm Meisters Lehrjahren �einer Sprache
feind sein, der man den gr��ten l^eil seiner Bildung schuldig ist, und der wir noch viel schuldig werden m�ssen, ehe
unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?" Gleich darauf aber r�hmt er auch �das herzliche, wahre, kr�ftige Deutsch".
Eine �hnliche Wirkung der Sprache, wie sie in diesen Veiworten zum Ausdruck kommt, empfinden wir bei der kekt�re
der Vriefe der A�nigin kuise. Ihre franz�sischen Briefe klingen viel konventioneller, gemachter und leerer als die
deutschen. Der franz�sische Wortschatz war damals kein sehr gro�er; Racines Sprache umfa�te nicht mehr als 600 W�rter.
Das gen�gte zur Wiedergabe pathetischer Deklamationen und logischer Raisonnements, aber nicht zum Ausdruck des
'
V. Vuch, ;e. Kapitel.
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