Path:
Zur Kindheits- und Erziehungsgeschichte Friedrich Wilhelms II.

Full text: Zur Kindheits- und Erziehungsgeschichte Friedrich Wilhelms II.

95
Es versteht sich von selbst, da� mein Neffe lesen, schreiben und rechnen lernt. Daher �bergehe ich diese Punkte
mit stillschweigen. Er ist noch zu jung, um die Befestigungslehre zu lernen. Dazu wird Zeit sein, wenn er oder
;;Jahre alt ist.
Ver Unterricht in den k�rperlichen Hebungen, wie Tanzen, Fechten und Reiten, kann nachmittags statt-
finden, zur Zeit der Verdauung. wenn das Rind kust haben sollte, lateinisch, polnisch oder italienisch zu lernen, so
soll dies nur von ihm abh�ngen. Zeigt er aber keine Neigung daf�r, so soll man ihn nicht dazu zwingen, ebenso-
wenig zur Musik.
Das gilt f�r seine Studien und k�rperlichen Uebungen. Ihre gro�e Runst wird es sein, ihn alles mit tust
und Liebe machen zu lassen, die Pedanterie bei diesen Studien g�nzlich zu meiden und ihm Geschmack daran beizu-
bringen. Deshalb darf man, zumal am Anfang, nichts �bertreiben.
wir kommen jetzt zum bedeutendsten und wichtigsten Teil der Erziehung, n�mlich zur sittlichen. Weder Sie
noch irgend eine Macht der Welt wird den Charakter eines Aindes �ndern k�nnen. Alles, was die Erziehung vermag,
ist die Heftigkeit der keidenschaften zu m��igen. Behandeln Sie meinen Neffen wie eine Privatperson, die ihr Gl�ck
machen mu�. Sagen Sie ihm, da� er, wenn er Fehler hat oder nichts lernt, von jedermann verachtet werden wird.
Halten Sie ihm das Beispiel des Herrn von Schwebt und Heinrichs vor Augen. Man darf ihn: durchaus keine
Raupen in den Aopf setzen und mu� ihn ganz schlicht erziehen. Er soll verbindlich sein gegen jedermann und, hat
er sich eine Grobheit gegen irgend jemanden zu Schulden kommen lassen, so soll dieser sie ihm sofort wiedergeben. Er
soll lernen, da� alle Menschen gleich sind und da� die Geburt nur eitel Dunst ist, wenn sie nicht vom Verdienst
getragen wird, kafsen sie ihn, damit er dreist wird, mit jedermann allein sprechen. Was schadet es, wenn er Unsinn
schwatzt? Man wei�, da� er ein Aind ist. Sorgen Sie nach besten Ar�ften bei seiner ganzen Erziehung daf�r, da�
er selbst�ndig handelt und da� er sich nicht daran gew�hnt, sich leiten zu lassen. Er soll f�r seine Torheiten ebenso
verantwortlich sein, wie f�r das, was er Gutes tun wird.
Es ist von gr��ter Wichtigkeit, ihm Geschmack f�r das Milit�rwesen beizubringen. Daher m�ssen Sie ihm
bei jeder Gelegenheit sagen und es ihm von anderen sagen lassen, da� jeder Mann von Geburt, der nicht Soldat
ist, nur ein Elender ist. Man mu� ihn, so oft er es w�nscht, zur Besichtigung von Truppen f�hren. Man kann
ihm die Aadetten zeigen und mit der Zeit f�nf oder sechs kommen lassen, die ihm ihre Uebungen vormachen. Dies
mu� ihm als Vergn�gen und nicht als erscheinen. Denn die gro�e Aunst besteht darin, ihn an diesem Hand-
werk Geschmack finden zu lassen, und es hie�e alles verderben, wenn man ihn damit langweilen und es ihm dadurch
�berdr�ssig machen w�rde. Er soll mit jedermann sprechen, mit dem Aadetten, mit dem Soldaten, mit dem B�rger,
damit er dreist wird.
Vor allem sto�e man ihm Anh�nglichkeit an dieses tand ein, und wer sich mit ihm unterh�lt, soll nur als
Patriot zu ihm reden. Und bei jedem Thema und bei jeder Unterhaltung kann man moralische Betrachtungen ein-
stechten, um ihm die Menschlichkeit, die G�te und die Gesinnungen zu predigen, die ein Mann von Ehre und
besonders ein Prinz haben mu�.
Es ist mein Wunsch, da� er, wenn er �lter geworden ist, anfange, seinen Dienst als Leutnant zu tun, damit
er alle Grade durchmacht. Man darf ihm daher keine Flausen in den Aopf setzen. Die Offiziere, die mit ihm speisen,
sollen ihn angreifen und necken, damit er dreist und munter werde, und er soll m�glichst viele Menschen sehen. Wenn
er kust hat, in seinen Erholungsstunden Rinder seines Alters zu sehen, so wird das nichts schaden. Er ist ein wenig
schweigsam, und es ist durchaus notwendig, ihn lebendiger zu machen. Daher m�ssen Sie darauf bedacht sein, ihn so heiter
als m�glich zu stimmen. Bei jeder Gelegenheit m�ssen Sie Ihr gr��tes Augenmerk darauf richten, ihm oie Achtung
und die tiebe einzufl��en, die er seinem Vater und seiner Mutter schuldet, und Ehrerbietung gegen seine Angeh�rigen,
wenn Sie ihn n�her kennen gelernt haben, m�ssen Sie sehen, welche Neigungen er hat. Beh�te uns Gott davor,
sie zu unterdr�cken, aber wir wollen daran arbeiten, sie zu z�geln, wenn er auf seinem Zimmer ist, darf er nichts
wn, ohne Rechenschaft dar�ber zu geben, au�er in seinen Erholungsstunden. Zst er nachgiebig, seien Sie mild, ist er
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.