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Zur Kindheits- und Erziehungsgeschichte Friedrich Wilhelms II.

Full text: Zur Kindheits- und Erziehungsgeschichte Friedrich Wilhelms II.

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die Erziehung seines Neffen nahm, sondern zeigt auch, wie richtig der A�nig den erzieherischen Wert der einzelnen
Unterrichtsgegenstande auffa�te, welch feines Verst�ndnis er f�r die Methodik des Unterrichts besa� und wie es ihm
vor allem am Herzen lag, einen ganzen Menschen aus dem Thronfolger zu machen, frei von allen Standesvorurteilen
und sich der gro�en Aufgabe bewu�t, die er ihm hinterlie�. Ich gebe die Instruktion in deutscher Uebersetzung, da
sie sonst immer im franz�sischen (Originaltext abgedruckt wird.^
Instruktion f�r den Major Vorcke.
Ich vertraue Ihnen die Erziehung meines Neffen, des mutma�lichen Erben der Arone an. Und da es
etwas ganz anderes ist, eine Privatperson zu erziehen wie denjenigen, der bestimmt ist, Staaten zu regieren, gebe ich
Ihnen hier eine Instruktion �ber alle Punkte, die Sie zu beobachten haben.
5. Die kehrer betreffend.
Mein Neffe mu� die alte Geschichte durchnehmen, er mu� die verschiedenen Monarchien kennen, die auf-
einander gefolgt sind, und aus der griechischen Geschichte besonders das, was sich im Ariege mit Artaxerxes, mit
Philipp und mit Alexander ereignete. In der r�mischen Geschichte die Zeit der punischen Anege und die Caesars.
Es er�brigt sich durchaus, sein Ged�chtnis durch die Namen der F�rsten, die aufeinander gefolgt sind, zu erm�den,
wenn er die der hervorragenden M�nner kennt, die eine gro�e Rolle in ihrem vaterlande gespielt haben.
Es gen�gt nicht, ihn, die Geschichte wie einem Papagei beizubringen. Ver gro�e Nutzen der Ereignisse des
Altertums besteht in ihrem vergleich mit denen der Neuzeit, in der Entwicklung der Gr�nde, die Revolutionen
hervorgerufen haben, und in dem Hinweis darauf, da� im allgemeinen das kaster seine Strafe, die Tugend
ihren tohn findet. Man mu� ihn weiter darauf aufmerksam machen, da� die Geschichtsschreiber der Alten nicht
immer zuverl�ssig sind und da� man pr�fen und Antik �ben mu�, ehe man glaubt. Ver richtigste und
zuverl�ssigste Teil der Geschichte ist der, der mit Aarl den. Gro�en beginnt, und mit unserer Zeit endet; ich
verstehe unter Geschichte die von Europa. Man mu� sie ihn mit Sorgfalt studieren lassen, sich nur an die Haupt-
tatsachen halten und erst beim Drei�igj�hrigen Ariege auf die Einzelheiten eingehen. Da� er die Geschichte seines
Hauses lernt, ist selbstverst�ndlich.
Veim geographischen Unterricht mu� man ihm einen allgemeinen Vegriff von den Staaten und ihrer Regie-
rung geben. Und da sich dieses Studium sehr gut mit dem der Geschichte vereinigen l��t, kann man ihm bei den�
Unterricht in dem einen gleichzeitig mit dem anderen vertraut machen.
In einiger Zeit wird man ihn einen kleinen Aursus in der kogik durchmachen lassen, frei von aller
Pedanterie und nur so weit, wie es n�tig ist, um ihn von selbst den falschen Punkt in einer Schlu�folgerung und
das Unrichtige in einer Vehauptung erkennen zu lassen. Sodann wird man ihn die Redner Cicero und Demosthenes,
einige Trag�dien Racines und anderes mehr lesen lassen k�nnen.
wenn er einige Jahre �lter ist, kann man ihm einen Abri� der philosophischen Meinungen und der ver-
schiedenen Religionen geben, ohne ihm Ha� gegen irgend eine derselben einzusto�en. Man lasse ihn sehen, da� sie
alle Gott verehren, jede aber nach ihrer weise. Er braucht nicht �bertriebene Achtung vor dem Prediger zu haben,
der ihn unterweist, und er soll die Dinge erst glauben, wenn er sie gepr�ft hat. Ich komme nun zur katholischen
Religion. Sie ist in Schlesien, den Cleveschen Herzogt�mern und auch sonst ziemlich verbreitet, wenn dieses Aind ein
fanatischer Calvinist w�rde, w�re alles verloren. Es ist sogar durchaus notwendig, den Prediger zu verhindern, in
falscher Fr�mmigkeit die Papisten zu beleidigen. Andrerseits mu� der Gouverneur in geschickter weise seinen Sch�ler
zu der Erkenntnis f�hren, da� es nichts Gef�hrlicheres gibt, als wenn die Aatholiken in einem kande die Vber-
Hand haben, hinsichtlich der Verfolgungen wie des Ehrgeizes der P�pste und da� ein protestantischer F�rst viel mehr
Herr im Hause ist als ein katholischer.
1 Vgl. ?uvres IX,IIIun�t 3. <^�t5.
        
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