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Eine türkische Gesandschaft am Hofe Friedrichs des Großen im Winter 1763/64

Full text: Eine türkische Gesandschaft am Hofe Friedrichs des Großen im Winter 1763/64

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23erlin, Me Residenz des �K�nigs von Brandenburg", so hebt Me Beschreibung an, ist ber�hmt, �weil es
ihresgleichen nicht gibt, vor HO, 50 Jahren war sie noch ganz bedeutungslos/" Aber, indem Achmet einen R�ck-
blick auf ihre Vergangenheit wirst, verschmelzen sich ihn,, in seltsamen, Irrtum, der Gro�e Kuvf�rft uni� der erste
K�nig zu einer einzigen Person.^ Er erzahlt, da� Friedrich T. zur Erweiterung der Htadt die Spree in mehrere
Kan�le leiten, mehr als 30 h�lzerne Vr�cken dar�ber schlagen lie�, und �sein eigenes Vild aus Erz zu pfer6c ward
am Eingang einer steinernen Vr�cke aufgestellt". Aber diese Kan�le sind nichts anderes a?s die gro�en Festungs-
gr�ben, die Kurf�rst Friedrich-Wilhelm, bei Ausf�hrung seines umfassenden Vefestigungsplanes, in zwei Armen um
Verlin und K�Un f�hrte. And auch das Denkmal ist fein anderes als das von Schl�ters Meisterhand geschaffene
Reiterstandbild des Gro�en Aurf�rsten. An den Ufern, so wird das wachstun: der Stadt geschildert, erhoben sich
H�user und Fabriken und �mehrten sich mit jedem Cage". Drei- und mehrst�ckig sind die H�user und aus Stein;
ausdr�cklich bemerkt Achmet, da� sie � ein im Grient unbekannter Vrauch � unterkellert seien. Nur f�r einige
Quartiere, wie 5. V. f�r die unter Friedrich Wilhelm I. ausgebaute Fried richstaot, trifft seine weitere Behauptung zu,
da� alle neu aufgef�hrten Geb�ude �nach der Schnur von gleicher Tnauert}�f?e" seien, und eine Iiebertreibung ist es,
sch�tzt er die Breite der Strafen auf HO bis 50 Ellen. Aber wir haben zu bedenken, da� er eben das betont, was
ihm im Gegensatz zu den heimischen Gepflogenheiten als neu und besonders bemerkenswert erscheint.
Auch unserem T�rken fallen, gleichwie den meisten Fremden, die Verlin besuchten, die au�erordentliche Aus-
dehnung der Stadt und die zahlreichen innerhalb ihres Weichbildes liegenden G�rten auf. Und bewundernd schreibt er:
fast alle Gem�searten und seien vorhanden oder w�rden wenigstens in der Unigegend angebaut, die Vlumen-
und Pfianzenzucht siehe auf hoher Stufe. F�gt er aber hinzu, da� im Winter die gegen Aalte empfindlichen Pflanzen
in Gew�chsh�usern untergebracht w�rden und da� er sogar pflanzen gesehen habe, die, wie der Aaffeebaum, nur in
Arabien gediehen, so ist das freilich nur ein Einzelfall, eine Reminiszenz an den Vesuch des botanischen oder, wie er
damals hie�, des �Ar�utergartsns" der Realschule.^
was die Bev�lkerung betrifft, so hebt Achmet den �Wohlstand" der Vcrliner hervor: �Sie haben sch�ne
H�user und leben mit Aufwand." Dabei erw�hnt er ihre �besondere Vorliebe f�r Porzellan"; und diese ��ber die
Grenzen getriebene Liebhaberei" geht so weit, da� die Gro�en sich davon Sammlungen anlegen und bannt ganze
Zimmer ausstatten. Dann macht er die durch ihre seltsame Vcgr�ndung �berraschende Bemerkung: �Da das Aliina
gem��igt ist, so gibt es sowohl viele sch�ne als Frauen." Ein besonderes Interesse bekundet er endlich f�r
religi�se Fragen. So betont er ausdr�cklich, da� die Einwohner Lutheraner, abgesagte Feinde der Aatholiken seien.
Jedoch unerfindlich bleibt seine k�hne Behauptung: �Sie leugnen nicht das prophetcntum INahomeds und sch�men
sich nicht zu sagen, da� sie noch Moslim werden wollen."
Endlich hat Achmet auch f�r die wirtschaftlichen Verh�ltnisse ein offenes Auge. Er kommt auf die Einfuhr-
verbote f�r fremde waren und auf die Errichtung von Fabriken und Manufakturen zu sprechen, als deren Haupl^
gesichtspunkt er bezeichnet, da� �nicht zuvicl Geld aus dem tande gehe". Er erl�utert die Bedeutung der iNe�m�'rktc
f�r den europ�ischen Handel und schildert den ausgedehnten binnenl�ndischen Schiffahrtsverkehr, an dem auch Verlin,
als Handelsempore zwischen Breslau und Hamburg, seinen bedeutenden Anteil hat. Anschaulich-naiv mutet die Be-
schreibung an, wie die Schiffe, �mit allen Arten von Waren und Proviant beladen", �ohne Furcht vor Aorsaren
1 vgl. Rolland, 3. 25.
� 8 So hat sich nach Achmets Darstellung auch Friedrichs �Urgro�vater", der Gro�e Kurf�rst, in die
�vor beil�ufig <<� Jahren zwischen Ru�laud und Schweden gef�hrten" Kriege gemischt und sich �sowohl Preu�ens als auch des K�tiigstttcls"
bem�chtigt. � 3 vgl. �Helden^, Staats- und leben5arschichte", ?5o. 8, 5, 162. � * Diese �Vorliebe f�r die l��os?im" glaubt Achmet ferner
nicht nur bei den polen zu finde�, die, wie er s>,gt, sich r�hmten, da� fie 1115 diesem Grunde t�rkische Aleidmig angenommen H�rten, sondern
auch bei K�nig Friedrich selbst, der aus gleicher Ursache den meisten seiner Truppe� �gr�ne Uniform" gegebeil habe, fo da� feine �ach'
barn, �bis in die Stele ge�rgert", spottend sagten: �da� der K�nig Musulman werden wolle". Vekanntlich aber trugen nur 2 preu�ische
Husaremegimenlcr und die J�ger gr�ne Uniform. Und Friedrichs angebliche t�rkische Sympathien lie�en sich nur aus einem v�lligen
Mi�verst�ndnis feiner ber�hmte� Toleranz-Erkl�rung ableite�: �Alle Religionen sind gleich gut, wann nur die teule, so sie professiren,
ehrliche leute fein, und weun T�rken und Heiden k�men und wollten dastand peitplirni, so wollen wir sie Mosqueen und Kirche� bauen."
        
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