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Miscellanea Zollerana

Full text: Miscellanea Zollerana

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Friedrich der Gro�e und der Verliner Aalender. noch die Franzosen geschont; sollte sein Spott jetzt and) Kaiser
Joseph treffen?von Gustav Verthold volz. Stellen wir zun�chst zusammen, tuas �ber die Entstehung
jenes Kalenderbandes vorliegt.^In der Geschichte &es Berliner Kalenders traben die Jahre l77 I.
und l?72 eine gewisse Bedeutu,:g erlangt, fiel doch in diese Zeit eine
Episode, die des politischen Beigeschmacks nicht entbehrte und Friedrich
den Gro�en 311 pers�nlichem (Eingreifen veranla�t?, preu� berichtet
dar�ber in seiner Biographie des K�nigs': man habe es in Wien �bel
gebeutet, da� dem �Genealogischen Kalender auf bas Jahr 1771 /y,der
zw�lf Darstellungen ans dem �Don (puirotc" brachte, bas Bildnis
Kaiser Josephs II. als Citelkupfcr beigegeben war. Darauf habe
der K�nig der Akademie der Wissenschaften befohlen, �n�chstem Jahr
noch l�cherlichere Sujets 311 bot Kalenderkupfern 311 w�hlen und
fein eigenes Vilduis vorzusetzen." Thodowiecki habe rinn den
�Hafenben Roland" ausgesucht und Daniel Verger daz� bas Bildnis
Friedrichs gestochen. lieber dieselbe Episode liegt ein zeitgen�ssischer
Bericht vor ineinem Schreiben der K�nigin-WitweUlrike vonSchweden,
die vom �ezember l,??! bis in den Sommer des folgenden Jahres
bei ihrem Bruder, K�nig Friedrich, 311 Besuch weilte. Sie schickte
im Fr�hjahr \7?2 ihrem Sohne, 'K�nig Gustav III., die beiden
Kalender, mit den Worten: ,,Vous savez que l'un est de l'ann�e
pass�e, et que le libraire y vivait mis le portrait de l'Em-
pereur et dans l'intervalle des mois l'histoire de Don Qu�chot;
la cour de Vienne en fut scandalis�e, croyant que c'�tait
une satire ordonn�e par leR[oi] mon fr?re. Pour satisfaire
l'Autriche, ila fait mettre au frontispice de l'almanac de
cette ann�e son portrait avec l'histoire de Roland le furieux.
Comme avec le temps cela fera une anecdote historique qui
caract�rise l'esprit des deux monarques, je vous les envoie."
Unsere Untersuchung f�hrt nus in die Epoche des k�nstlerischen
Aufschwunges, de� der Berliner Kalender eben bornais erlebte, und
der mit dein Namen ?cmiel Chodowieckis untrennbar verkn�pft ist.
Die Akademie der Wissenschaften besa� das Privileg zur Herausgabe
der Kalender f�r bit1 gesamte Monarchie, und l�cttrt sie auch das
Recht f�r deren Herstellung und Verkauf verpachtete, so hatte fie sich
doch die (Oberaufsicht vorbehalten. Bisher hatte der �Genealogische
Kalender" 3 nur praktischen und guteittetls wirtschaftliche� Bed�rfnissen
gedient. Er enthielt, au�er den Kalenderangaben im engeren Sinne,
die �Liste" der regierenden F�rstenh�user, Ma�- und (Seiuidjtstabellfii,
das �Verzeichnis" der poftPiirfe, die Messen und M�rkte usw. Uud
der k�nstlerische V>il beschr�nkte sich auf ein Portr�t, das in der
Regel ein Mitglied des K�nigshauses darstellte, und auf die Monats
-
kupfer: Zeichnungen, in denen meist die einzelnen Jahreszeiten und
Monate charakterisiert ober Allegorien, von moralisierenden werfen
begleitet, geboten wurden, indessen beides, Zeichnungen wie Derse,jedes k�nstlerischen Gehaltes bar. Da erfolgte endlich der Umschwung,
der �or allem dem abeint Suljer 311 danken ist. Als imMai 1767
der derzeitige P�chter, Kriegsrat Gravius, ihn� die Zeichnungen f�r
den �Genealogischen Kalender" f�r 1769 vorlegte, da erkl�rte er, in
heiligem Zorn enlbiennelld: �Man wei� nicht, ob man die dummen
sogenannten Erfindungen und perse oder die gar zu elenden Zeich"
nungen mehr verachten soll." Er bef�rwortete, die Akademie solle,
um �einem solchen Greuel ein Ende zu machen", die Lieferung bei:
Kupfcrplatteu, welche dem Kupferstecher !l)olffgang uud nach dessen
Code seinen Erben �bertragen war, selbst �bernehmen. Jedoch erst
in einer Denkschrift vom 3(. Dezember 1768, die vou ihm verfa�t
uud von seinen Kollegen, den Akademikern Beausobre, Caftillon und
Merian mitunterzeichnet war, finden sich die bestimmt formulierten
Vorschl�ge, da� Thodowiecki und Meil � �nos meilleurs dessina-
teurs", wie sie hier genannt werden,
� jeder eine �folge von Stichen
f�r die zw�lf Monate ,,nach ihrer eigenen Erfindung" herstellen sollen,
schon zwei Cage sp�ter gab Chodowiecki seine Zusage, und so brachte
der Kalender von (770 feine ber�hmten Kupfer zu ?efftngs �Minna
von Varnhelm".
Diefe �historifche Anecdote" l��t sich leider nicht v�llig auf-
kl�ren; denn trotz umfassender Nachforschungen war die von preu�
imAusz�ge wledergegebene Kabinettsordre des K�nigs an die Akademie
der Wissenschaften nicht mehr 311 ermitteln, und ebenso nichts Genaueres
�ber die Beschwerde der Vesterreicher; wenigstens findet sich in den
Berichten des preu�ischen Gesandten in Wien diese Angelegenheit
nicht mit einer Zeile erw�hnt. Indessen sind die Tatsachen selbst
durch die identischen Angaben der K�nigin Ulrike vollauf beglaubigt.
Eine andere Frage ist die, ob der K�nig der Wahl der Kupfe�
stiche des Kalenders von l??!, die man inWien als eine Verspottung
Josephs II.deutete, g�nzlich fer �gestanden hat. Mit anderen Ivorten:
war der Argwohn der Vesterreicher gerechtfertigt? Bekannt sind ja
die scharfen und freim�tigen Urteile, die Friedrich in wort und
Schrift, zumal in seinen Poesien �ber hochstehende Pers�nlichkeiten
gef�llt hatte und die durch Indiskretion an die Geffentlichkeit ge-
drungen waren/ Er hatte weder die Russen �och die Engl�nder
F�r den Kalender des folgenden Jahres entwickelte Beausobre
in einer Venkschrifl vom ".Dezember 5?6? seine Ideen, wieder fiel
die Wahl auf Chodowiccki und Meil; die begleitenden Perfe 311 den
Kupfern sollten Francheville und die Karschin liefern, und zwar nach
den Sujets, die ihnen die beiden Kupferstecher angeben w�rden.
iF�r d�5 folgend ist da� Archiv der N�nigllcheii Akademie d� Wissenschaften
jlt �frlin bcnn^t ?orften.
�
'J ?t etfrfjien iri �?ei Uu^oben, bcut(di inib fnin^�fifdj.
Ver vollsl�ndige liiel lautet ; �<3enrlilc'gischl-l Kalender auf d�5 Hcchr 1,7**, mil Hupfrrn
gezieret und mit Oem'hncha�ung brr X�nigl. Atadem� der Wissenschaft^� zu Urr�n
t?errtU�ge3ct"pn," (^Almai-ac g�n�alogique ptiur l'an 17**, avec Papprobaiirm de
l'Acadcmic Royale des 5cie11ces et belles Lettres ? Berlin' 1.}
>, Friedrich tac Gro�e, ob, III,S. 27* tBerlin 1833).
�
� X&di bei nicht
gcnauPi tniiirrlen ilrfdjiift in der UniiifrfltJt^h't'liothFf zu Hjpfah.
�
3 �3I. oben
S. (0?, sowie Kos�, �K�nig Friedrich hfr �ro�c" (�b, II,5. 2&0f.) und �Preu�en
und Tluglnnb im p�i dem fiebcnj�ljrigen Rriege" (preu�ijd;c Icchrb�cher,
8b. 5?, S. 298 ff.)-
35*
        
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