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Voltaire als Kritiker der Oeuvres du Philosophe de Sanssouci

Full text: Voltaire als Kritiker der Oeuvres du Philosophe de Sanssouci

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Dinge finden, und nichts von diesem leeren paralogtsmus, dieser Schlagsahne (cr?me fouett�e), die nur Worte breit-
zieht und nicht Gedanken. Nur Euch franz�sischen Virgilen und Horazen ist es erlaubt, diese gl�ckliche Auswahl
harmonischer Worte anzubringen, diese Mannigfaltigkeit der Wendungen, zwanglos pont ernsten Stil zum munteren
�berzugchen un& die Blumen der Veredsamkeit mit den Fr�chten des gesunden Sinnes zu einen. Wir Fremdlinge,
die wir auf die Vernunft an unfcrm Teile nicht verzichten, wir merken doch, da� wir niemals an die Eleganz und
Reinheit heranreichen k�nnen, welche die strengen Gesetze der franz�sischen Poesie verlangen. Dieses Studium erfordert
den Menschen ganz. Tausend Pflichten, tausend Besch�ftigungen zerstreuen mich. Ich bin ein Galeerensklave, an &as
Schiff des Staates angeschmiedet, oder wie ein totse, der das Steuerruder nicht zu verlassen noch einzuschlafen wagt,
ohne bas Geschick des ungl�cklichen p?linurus zu bef�rchten. Die Musen verlangen die Zur�ckgezogenheit und ein
v�lliges Gleichma� der Seele, dessen ich fast niemals genie�en kann. Gft, wenn ich drei Verse gemacht habe, unter-
bricht man mich; meine Muse erkaltet und mein Geist kommt nicht leichter wieder in die Richte. ?s gibt gewisse
privilegierte Seelen, die im Get�mmel der H�fe wie in der Zur�ckgczogenheit von Cirey, in den Zellen 6�t Vastille
wie auf den Strohs�cken der Reisequartiere, Verse machen. Die meine hat nicht die Ehre zu dieser Zahl U geh�ren;
sie ist eine Ananas, die im Creibhause Fr�chte tr�gt und in freier ?uft zu Grunde geht."
Nun war es an Voltaire, Farbe zu bekennen. �Sagen Sie mir nicht, Sire, da� ich als Hofmann zu Ihnen
spreche," so antwortet er ([7,M�rz {7$$} auf den ersten Brief, noch ehe der zweite unterwegs ist. �wenn es sich um
Verse handelt, kenne ich keinen Unterschied der Person. Ich verehre, wie ich es schulde, Friedrich den Gro�en, der
sein K�nigreich von den Sachwaltern befreit hat und der in Dresden den Frieden gegeben hat; aber ich spreche hier
zu meinem Mitbruder in Apoll." Daran schlo� sich eine ziemlich lange Reihe von Korrekturen zu der �bersandten
�p�tre ? Darget. Inzwischen kam der zweite Brief, und Voltaire sah sich veranla�t, in seiner Antwort (59. April \7^9)
noch weiter auszuholen und seinem �Mitbruder in Apoll" nebst einer von vorn bis hinten durchkorrig^rten Abschrift
jener �p�tre eine kleine Dissertation �ber die Verskunst und ihre Schwierigkeiten zu �bersenden.
Voltaire geht davon aus, da� in Friedrichs Gedichten treffliche, geradezu vollendete Stellen sich finden. Er
bezeichnet dem Verfasser einzelne dieser Stellen: �Sie m�ssen f�hlen, da� in diesen Versen der Reim, die Z�sur, der
Wohlklang (Ic nombre) dem Sinne keinen Eintrag tun, da� die Sauberkeit der Konstruktion die Araft erh�ht ...
Ein Dutzeud Verse in diesem Geschmack zeigen mehr Genie und verschaffen mehr Ansehen als hunderttausend mittel-
m��ige. Hier sind also St�cke zum Vergleich, die Sie Sich selbst geschaffen haben. Hier ist Ihr Eichgewicht des
Heiligtums.^ Messen Sie an diesem Gewicht alle Verse, die Sie machen werden .... Wenn Sie ein so vollendetes
St�ck wie jenes gemacht haben, f�hlen Sie nicht, Sire, in der Tiefe Ihres Herzens, wie schwer die Verskunst ist?
Ich glaube Sie davon �berzeugt; aber wenn Sie es nicht w�ren, so w�rde ich bitten, Ihren Brief an Darget zu
�berlesen, den ich Surer Majest�t unterstrichen und mit Noten bedeckt zur�ck schicke. Glauben Sie nicht, da� ich alles
angemerkt habe. Sagen Sie Sich selber alles, was ich Ihnen nicht sage, pr�fen Sie, was ich Ihnen zu sagen wage,
und dann, Sire, wenn Sie es wagen, klagen Sie mich an, da� ich mit zuviel Milde verfahre, warum ich heute so
freim�tig zu Ihnen spreche? warum ich Ihnen so detaillierte Antiken gebe? warum ich in Zukunft, wenn es
Eurer Majest�t nicht mi�f�llt, Sie hart behandeln werde? Nun: weil Sie dessen wert sind; weil Sie in der Tat
ausgezeichnete Sachen machen; ich sage nicht: ausgezeichnet f�r einen Mann Ihres Ranges, den man in der Regel
lobt wie man die Binder lobt; ich sage: ausgezeichnet f�r den besten unserer Akademiker. Sie haben ein wunderbares
Genie, und dies Genie ist gepflegt. Aber wenn Sie in der gl�cklichen Mu�e, die Sie Sich mit so viel Ruhm verschafft
haben, fortfahren. Sich mit den sch�nen Wissenschaften zu besch�ftigen; wenn diese Leidenschaft der gro�en Seelen bei
Ihnen andauert, wie ich es hoffe; wenn Sie Sich in allen Feinheiten unserer Sprache und unserer Dichtung, denen
Sie so viel Ehre machen, vervollkommnen wollen, dann w�rden Sie die G�te haben m�ssen, t�glich zwei Stunden
mit mir zu arbeiten, sechs Wochen oder zwei Monate lang; ich w�rde mit Eurer Majest�t kritische Bemerkungen
'
Poids de sanctuaire, bas Eichgewicht des j�dischen Tempels, vgl. Kautjfd^ Bibel�bersetzung, Anhang S. H05,
22'
        
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