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Das Marmorpalais im Neuen Garten zu Potsdam

Full text: Das Marmorpalais im Neuen Garten zu Potsdam

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Vamen schnitten zu, andere n�hten mit der Maschine oder mit der Hand, andere strickten, die Prinzessin immer sehr
flei�ig mitten dazwischen. Zun�chst wurden w�rmende Aleidungsst�cke jeglicher Art s�r Ainder von ein bis mer Jahren
in Angriff genommen, aber bald wurde das Programm erweitert und auf das Alter bis zu zehn Jahren ausgedehnt.
Unter diesen Amdern aus verschiedenen Airchspielen Potsdams und den Wohlt�ligkeitsan stalten wurde auch besonders
der Arbeiterkinder aus dem Neuen Garten von der Prinzessin gedacht. Neben diesen n�tzlichen Sachen, die in erster
tinie ja auch den Eltern eine wohltat gew�hrten, hatte die Prinzessin dabei aber auch eine Freude f�r die Ainder
seclen, in die sie sich als Mutter so gut hineinzudenken vermochte, im Auge, und tagt�glich konnte man sie in Begleitung
einer ihrer Damen herumfahren und in den Spielsachen- und Auchenl�den ihre Eink�ufe machen sehen. Besonderen
Jubel erregte es dann zuweilen, wenn eine C�te voll Auchen gleich unter den vor der T�r sich ansammelnden Aindern
verteilt wurde. Aufzeichnungen des verstorbenen Gberhofg�rtners Nietner erm�glichen es, eine Schilderung der ersten
Armenbescherung von Weihnachten 5 mit den etwas gek�rzten Worten eines Augenzeugen zu geben. Endlich
kam das langersehnte Fest heran, und wieder ordnete die hohe Frau den Aufbau und alle Vorbereitungen zur
Bescherung an. Es war hierzu die sogenannte Marmorgalerie ausgew�hlt, ein pr�chtiger, langgestreckter Raum im
Potsdamer Stadtschlosse. Eine nur in Stuhlh�hc durch die ganze Galerie hinlaufende breite Tafel nahm die Geschenke
der Riemen auf, die zu beiden Seiten so aufgestapelt waren, da� neben jedem Hauptgeschenke, bestehend in einen:
vollst�ndigen Anz�ge, oder f�r die gro�en Ainder in einzelnen Kleidungsst�cken, noch sehr h�bsche Spielsachen � Spiel-
sachen, deren sich die vornehmsten Ainder nicht zu sch�men brauchten �, sowie ein Aorb mit Aepfeln, N�ssen und
Honigkuchen zu einem Platz geh�rten, der durch einen gro�en Zettel mit dem Namen und der tistennummer des
Rindes markiert war. Eine gleiche Nummerkarte war jedem eingeladenen Ainde oder seiner F�hrerin eingeh�ndigt
worden. F�nf reichgeschm�ckte Weihnachtsb�ume sowie zwei Gaskronen sandte?! ihr kicht durch den gro�en Raum,
dessen geschliffene Marmorw�nde jeden Strahl hundertfach zur�ckgaben. In der Mitte war in dichtem TannenZr�n
ein wohlgelungenes der heiligen Nacht aufgestellt, das jeden Eintretenden sofort in die feierlich
and�chtige Stimmung versetzte, die der Fr�hlichkeit eines solchen Weihnachtskinderfestes stets vorausgehen soll. Um 3 Uhr
erschien am Arme ihres Gemahls die Prinzessin, uni ihni ihre Anordnungen zu zeigen, der des Staunens nicht m�de
wurde und ein �ber das andere Mal ausrief: �Aber Victoria, wie hast Du das alles so hinter meineni R�cken
fertig schaffen k�nnen?" Zur Vescheruna selber konnte der Prinz nicht bleiben, da er zum Aaiser nach Verlin
mu�te. Um 3 l/2 Uhr erschienen zehn bis zw�lf Damen, die an den Vorbereitungen t�tigen Anteil genommen hatten
und der Vescherung beiwohnen sollten, w�hrend der Schlo�hof sich allm�hlich derartig mit Aindern, Kinderwagen
und ihrer Vegleitung f�llte, da� ein wagen nur noch mit gro�er Vorsicht hindurchkommen konnte. Endlich schlug
es H Uhr von der Nikolaikirche, die T�ren wurden ge�ffnet und hinein trat, zuerst sch�chtern und von dem tichter-
glanz geblendet, mit erwartungsvollen Mienen die Schar der Ainder. Vald waren die jedem einzelnen bestimmten
Pl�tze gefunden, und wurde die Feier durch einige gemeinschaftlich gesungene Weihnachtslieder eingeleitet. Erg�tzlich
war es hierbei, den Widerstreit der Gef�hle in den Aindergesichtern zu beobachten. Einige kleine vierj�hrige M�dchen
waren, um die Sache zu beschleunigen, den anderen mit ihren wohlgelernten tiedern immer um einige Takte voraus,
w�hrend ihre kleinen grellen Augen unausgesetzt die in ihren H�nden befindliche Nummer abwechselnd mit der an
dem Aorbe angebrachten verglichen. Va stritten sich einige kleine Jungen, allerdings nur mit lebhaften Gesten, um
eine so ungl�cklich in die Mitte zwischen die ihnen zugedachten Pakete gerutschte Trompete, da� zun�chst allerdings
schwer festzustellen war, wohin sie geh�rte. Auch der Prinzessin entgingen derartige am�sante kleine Intermezzi nicht,
und erh�hten ihre Freude an den: ganzen Vorgange, der den m�tterlichen Regungen ihrer Seele die gr��te Befriedigung
gew�hrte. Der Gesang war beendet und nach einigen freundlichen Worten der Prinzessin gab der diensttuende
Aammcrherr das Signal zum Angriff, aber mit wenigen Ausnahmen wagte die Mehrzahl der Ainder sich nur
langsam und sch�chtern vor, sei es, da� der Glanz und die ungewohnte Helligkeit sie verwirrten, oder war es die
Furcht vor den gro�en pfefferkuchenreitcrn, die jeden Platz zu bewachen schienen, und welche die hohe Frau noch in
letzter Stunde aus Verlin hatte kommen lassen, da in Potsdam Husaren von dem Regiment des Prinzen, die es sein
        
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