Gesundbrunnen viel günstiger angelegt werden könnten als in dem
Entwurf der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft. Ich habe zur
Beurteilung dieser Frage Verkehrszählungen anstellen lassen, und zwar
auf der Großen Berliner Straßenbahn, um festzustellen, an welchen
Stellen am meisten Personen ein- und aussteigen. Da hat sich herausgestellt, 172
daß an der Hochstraße im Laufe eines Tages auf der einen
Seite 2293, auf der- anderen Seite 2293 Personen ein- und ausgeltiegen
sind, am Bahnhof Gesundbrunnen 1002 bezw. 1508, an der
Ramlerstraße 885 bezw. 912 Personen. Es ergibt sich daraus, daß
der größte Straßenbahnverkehr an der Hochstraße ist, der geringste
Verkehr an der Ramlerstraße und der mittlere Verkehr am Bahnhof
Gesundbrunnen. Die AEG hat deshalb in ihrem Untergrundbahnprojekt 172
einen Zugang nach der Hochstraße hinangelegt, wo der größte
Verkehr ist, den zweiten Zugang an den Bahnhof Gesundbrunnen,
mährend nach dem neuen Vorschlage des Haus- und Grundbesitzervereins 172
der zweite Zugang nach der Ramlerstraße hin verschoben
werden soll. Ich kann also auch nicht finden, daß diese Zugänge
zweckmäßiger vorgeschlagen sind als in dem Ihnen vorgelegten Projekt.
Aber auch bezüglich der Höhenlage ist eine Verbesserung kaum
eingetreten. Der Höhenunterschied vom Bahnsteig bis zur Straßenoberkante
ist bei dem Projekte der AEG 9,8 m, in dem Vereinsentwnrfe
14,70 m. Bei dem anderen Ausgange ist der Höhenunterschied
14,10 rn in dem Entwurf der AEG, 12,30 m in dem neuen Entwürfe.
Es ist dabei aber von dem Verfasser wieder übersehen worden, daß
die Brücke an jener Stelle höher liegt als das Straßenniveau am
Bahnhof, und daß dort noch eine größere Höhe von l,io in zu erklimmen
ist, so daß 13,40 rn herauskommen. Es ist also auch in diesem Punkte
wenig Unterschied zwischen beiden Entwürfen.
Der Verfasser des neuen Entwurfs glaubt nun aber, die Treppe
durch eine Rampe von einer Steigung 1:16 teilweise beseitigen zu
können. Das ist für das Publikum keine große Annehmlichkeit; man
soll solche Zugänge möglichst nicht unter eine Steigung von 1:20
legen; 1:16 ist schon ziemlich steil.
Ich komme also zu dem Urteil, daß dieser neue Untergrundbahnhof, 172
wie ihn der Haus- und Grundbesitzerverein projektiert hat, gegenüber 172
dem Bahnhof, wie ihn die AEG ins Ange gefaßt hatte, keine
Vorteile bietet.
Der Herr Stadtverordnete Lentz war nun ferner der Ansicht, daß
der Betricbsausfall bei diesem einen Bahnhöfe höchstens 55000M betragen
würde; irgendwelche rechnerischen Unterlagen dafür hat er nicht gegeben.
Die AEG schätzt diese Differenz auf jährlich 125000 M und kommt
dabei zu einem Kapitalaufwands von über 3 Millionen M.
Es ist uns nun ferner der Vorwurf gemacht worden, daß wir
nicht mit Bergmann verhandelt haben. Ich glaube, außer Herrn
Bergmann wären noch viele andere Unternehmer bereit gewesen, die
Bahn zu bauen; aber solche, die sie finanzieren wollen, glaube ich,
sind sehr wenig vorhanden. Herr Stadtrat Alberti wird sich über
diesen Punkt noch näher auslasten. Bisher ist es Herrn Bergmann
seit vier Jahren noch nicht gelungen, die Verlängerung der Nordsüdbahn
bis nach Frohnau hin zu bewirken; es ist zwar viel verhandelt worden,
aber die Finanzierung ist noch nicht gelungen.
Der Herr Stadtverordnete Lentz hat ferner hervorgehoben, daß
wir in der Vorlage erklärt haben, es sei ein Vorteil, wenn die Rampe
im Kottbuser Damm fortfiele, und zwar nicht nur die Rampe, sondern
auch der Einschnitt in der Straße. Sicherlich ist dies Fall, denn der
Uebergangspunkt von der Hoch- zur Untergrundbahn ergibt in der
Straße immer eine unbequeme Stelle für den Verkehr.
Herr Stadtverordnete Lentz folgert nun: was dem Süden zuteil
wird, muß auch dem Norden zukommen. Aber wo legen wir die
Rampe im Norden hin? Doch nicht in die Straße, sondern in den
Humboldthain. Dadurch wird keiner in der Badstraße geschädigt. Daß
die Hochbahn in der Badstraße wirklich Platz hat, habe ich Ihnen
durch Zeichnungen, glaube ich, bewiesen; jedenfalls nimmt sie nicht
mehr Raum ein als die Schwebebahn, die seinerzeit von den Bewohnern
des Gesundbrunnens — doch gewünscht wurde.
Meine Herren, wir haben nur noch wenig Zeit bis zum 1. April.
Bis dahin mir sind wir selbständig. Ich möchte deshalb die dringende
Bitte an die Versammlung richten, daß sic heute zum Schluß komme;
denn sonst wird das Bahnprojekt eine Verbandsangelegenheit, und es
wäre doch wünschenswert, daß lvir selbst für dieses Verkehrsprojekt, an
dem wir schon so viele Jahre arbeiten, eine Regelung treffen, die der
ganzen Stadt zugute kommt. Ich möchte Sie dringend bitten, die
Vorlage des Magistrats anzunehmen.
Stadtverordneter Goldschmidt: Meine Herren, meine Freunde
haben den Wunsch, diese Vorlage noch einmal einer Ausschußberatung
zu unterwerfen, weil sie glaüben, daß an dem Vertrage selbst doch
noch mancherlei zu ändern ist. Indes, wenn diese Ausschußberatung
nun endlich zu einem praktischen Resultate führen soll, würde es allerdings 172
zweckmäßig sein, wenn sich die Versammlung schon heute darüber
klar werden wollte, ob am Gesundbrunnen die Bahn als Untergrundbahn 172
weitergeführt werden soll oder, wie die Vorlage vorschlägt,
in einer Hochbahn zu enden hat. Wenn diese Frage von der Versammlung 172
bereits entschieden sein würde, könnte mit aller Ruhe an
die weitere Bearbeitung des Vertrages durch den Ausschuß gegangen
Iverden.
Ich bin der Meinung, die der Herr Kollege Lentz hier bereits
vertreten hat, daß wir den Gesundbrunnen schlechterdings nicht anders
behandeln können als den Süden von Berlin; denn es muß ganz
naturgemäß auf die Bewohner des Gesundbrunnens einen ungünstigen
Eindruck machen, wenn wir in Gemeinschaft mit dem Magistrat dem
Süden aus Grund der Klagen das gewähren, was er verlangt hat,
auf die Klagen des Gesundbrunnens aber garnicht hören. Wenn also
die Bahn in ihrem südlichen Verlauf als Untergrundbahn geführt
werden soll, so muß das meines Erachtens auch am Gesundbrunnen
geschehen. Meine Herren, dann müßte natürlich auch in der heutigen
Versammlung darüber entschieden werden, ob die Stadt bereit ist, die
von der Gesellschaft geforderten Zuschüsse zum Ban der Bahn zu
gewähren, und ob sie ferner bereit ist, die Forderung zu gewähren,
daß an bestimmten Haltestellen eine Mindesteinnahme garantiert
wird. Ich bin der Meinung, daß die AEG den Bau so gut gerechnet
)at, daß sie dieser Zuschüsse nicht benötigt. Es will mir überhaupt
cheinen, daß die AEG in erster Linie das Interesse hat, an dem Bau
elbst viel zu verdienen.
(Sehr richtig!)
Denn die Gesellschaft selber garantiert der Stadt nur, daß sie für
die Zeit des Baues und für noch zwei weitere Betriebsjahre die Bürgschaft 172
für die Erfüllung des Vertrages übernimmt. Wenn dann diese
zwei Jahre herum sind, dann hat die AEG der Stadt gegenüber keine
weiteren Verpflichtungen; denn die AEG will für den Betrieb der
Bahn eine neue Gesellschaft gründen. Ans dem Vertrage geht mit
keinem Wort hervor, ob die AEG sich selber bei dieser Gesellschaft
beteiligt; es geht nicht daraus hervor, wenn sie das tun will, in welchem 172
Umfange dies geschehen soll. Es erscheint mir daher in hohem
Maße bedenklich, einen Vertrag abzuschließen, der später von einer
Gesellschaft erfüllt werden soll, die wir garnicht kennen, die jetzt noch
völlig in der Luft schwebt. Wir müssen doch eine gewisse Verantwortung 172
mit übernehmen, auch gegenüber den Leuten, die das Geld
für diese Bahn geben sollen. Die Stadt übernimmt die Hälfte der
Baukosten mit 42,5 Millionen Mark, und weil sie die Hälfte übernimmt,
liegt ihr eine gewisse moralische Bürgschaft ob, auch gegenüber den
übrigen Geldgebern, die sich an dem Geschäfte beteiligen. Gleichviel
ob nun noch die wenigen Millionen für die Fortführung der Untergrundbahn 172
am Gesundbrunnen hinzukommen oder nicht, der Verkehr,
der auf dieser Bahn möglich sein wird, kann unmöglich die Bausumme
verzinsen. Es ist angenommen worden, auch von durchaus zuständigen
Sachverständigen, das; der Verkehr aus dieser Strecke 35, 40 oder
45 Millionen Personenfahrten pro Jahr betragen wird. Wenn aber
die Bausumme verzinst werden soll, dann müssen 80 Millionen Personensahrten
im Jahre mit Bestimmtheit angenommen werden. Es ist
ein Tarif von 10, 15, und 20 Pfg. vorgesehen; da aber die Kosten
der Verzinsung und Jnbetriebhaltung bei diesem Tarife durch
40 Millionen Personenfahrten nicht gedeckt werden können, ist mit
Wahrscheinlichkeit eine weitere Erhöhung des hier vorgesehenen Tarifs
notwendig, und wir haben als Stadtverwaltung Rücksicht darauf zu
nehmen, daß die Strecke vom Gesundbrunnen nach Rixdorf nur für
einen bestimmten Teil der Bevölkerung in der Hauptsache in Betracht
kommt, einer Bevölkerung, die weniger zahlungsfähig ist. als diejenige
es ist, für die eine Bahn mit hohen Tarifen nach dem Westen geführt
wird. Wir haben für die Strecke Gesundbrunnen—Rixdorf eine Bevölkerung, 172
die im wesentlichen aus Arbeitern und kleinen Gewerbetreibenden 172
besteht, und für die ist es das allerwichtigste, eine Bahn
mit einem billigen Tarif zu bekommen. Der Tarif für die Balm
nach vorliegendem Prospekt muß höher werden, als er vorges
wenn die Kosten der Bahn sich verzinsen sollen.
Ich habe vorhin'gesagt: die AEG hat in erster Linie ein Z
an dem Bau viel zu verdienen. Das geht aus dem Vertra
hervor. Sie macht zunächst darin die Bedingung, daß 2 Milliom
Rückstellungen zur Bausumme hinzukommen; sie macht ferner zur Bedingung, 172
daß ein Neuntel der Kosten für sie als Gewinn hinzugerechnet
wird. Der Kollege Lentz hat schon ausgerechnet, welche hohe Summe
das ausmacht. Da muß ich mich wirklich wundern, warum der Magistrat 172
nicht auf das wiederholte Verlangen eingegangen ist, den Bau
dieser Bahn auszuschreiben.
(Hört, hört!)
Die Behauptung, die Herr Stadtbaurat Krause vorhin aufstellte, daß
zwar auch andere Firmen wohl in der Lage seien, die Bahn zu bauen,
aber nicht zu finanzieren, kann ich nicht ohne weiteres gelten lassen.
Wenn eine große, an sich gute Firma mit der Stadt Berlin einen
Vertrag macht, dann wird sie meines Erachtens dadurch ebensogut in
den Augen von Geldgebern dastehen wie die AEG.
(Sehr richtig!)
Die AEG hat aber noch ein weiteres Interesse daran, die Bahn
auch dann zu bauen, wenn sie ihr nicht soviel einbringen sollte, wie
sie haben will. Die AEG hat ans dem Gebiete des Schnellbahnbaues
bisher noch keine hervorragenden Leistungen auszuweisen; wenn sie
also diese Bahn in Berlin bauen kann, so kann sie für andere Offerten
auf diesen wichtigen Umstand hinweisen.