Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

85 
Jahren fertiggestellt. Er ist echt englisch; 
vor dem Schloß, in der Breite der Garten 
fassade, breitet sich ein sanft abfallender 
halbkreisförmigerRasengrund,als Fleasure- 
ground, aus, dann aber sind hohe Buchen 
gruppen willkürlich durch den Garten ver 
teilt, die Schlängelwege hindurch so geführt, 
daß nirgends ein Hauptblick, sei es durch 
den Garten, sei es auf das Schloß entsteht; 
nur schräge und seitliche Durchblicke sind 
erlaubt. Aus dem Gebüsch leuchtet ein 
märkisches Gehöft, die Meierei der Prin 
zessin Luise, hier hinter Sträuchern Freund 
schaftsmonumente, hinten dichtbebuschte 
Hügel. Die Wasserstraßen sind jetzt ver 
schüttet, andereScherze, wie dieotahaitische 
Hütte, gothische Einsiedelei, chinesischer 
Pavillon sind verschwunden. Im Park zu 
Rheinsberg, wo Prinz Heinrich Hof hielt, 
ist dergleichen noch zu sehn; Grab Virgils’ 
Jupitertempel, chinesisches Haus. Der 
Garten von Schloß Monbijou, in seinem 
Grundstock im Anfang des iS. Jahrhunderts 
gebaut, wird im englischen Geschmack 
umgewandelt; noch 1787 mit Blumen 
parterres, Springbrunnen, geschorenen 
Hecken und Laubengängen, erhält er an 
deren Stelle in den 90er Jahren einfachen 
Rasengrund und den prachtvollen Baum 
stand; einzelne Statuen stammen noch aus 
der Zeit, aber Grotten, elegische Pavillons 
am Spreeufer, Freundschaftsdenkmale sind 
zerstört. Der Park von Charlottenburg, nach 
den Entwürfen Lenötres in französischer 
Weise gegründet, erhält seine jetzige Gestalt, 
Der symmetrische Grundriß ist fühlbar ge 
blieben; er verleiht der Anlage den einheit 
lichen Zug, Die Rückseite des Schlosses, 
nach dem Garten zu, besteht aus einer 
geradegestreckten, außerordentlich lang 
gezogenen Flucht von Gebäuden, dem zwei 
stöckigen kuppelbekrönten Hauptbau in 
der Mitte, und den niedrigen gedehnten 
Galeriegebäuden auf beiden Seiten. Diesem 
Zuge ist in seiner ganzen Länge eine weite 
ebene Fläche vorgebreitet, vor dem Mittel 
bau als glattgeschorener Rasengrund ge 
staltet, vor den Seitentrakten zieht sich 
beiderseits eine schnurgerade Reihe von 
Linden und Marmorhermen hin. Diese 
Wiederholung paralleler wagerechter Linien 
erweckt im Eintretenden sogleich eine 
große und ruhige Stimmung, Sie vermehrt 
sich noch, indem der Rasengrund in der 
Breite des Mittelbaus weit nach hinten 
zieht, feierlich von hohen vor- und zu 
rücktretenden Baummassen beiderseits be 
gleitet, bis zu dem langgestreckten See in 
der Mitte des Gartens, an dessen Ufern 
die Bäume weiterziehen, um hinter ihm, 
am gegenüberliegenden Ufer wieder gegen 
einander zu rücken; eine Bogenbrücke, 
Über den Ausflußkanal des Sees gespannt, 
verbindet an dieser Stelle die von beiden 
Seiten eng zusammengekommenen Laub- 
berge miteinander, so daß das Auge unter 
und über dieser Brücke her wie durch 
eine enge Schlucht in noch weitere grüne 
Fernen sieht. Umgekehrt, auf dieser Brücke 
stehend sieht man im Rückschauen den 
Spiegel des Sees, die Wiesenfläche, die sich 
zusammenschiebenden Baumwände links 
und rechts, als Abschluß das Schloßge 
bäude mit dem mächtigen Turm in der 
Mitte. Wagerecht das Seeufer, der Wiesen 
rand, die oberen und unteren Linien des 
Schlosses, dies Bild wäre streng und starr, 
Versailles zu vergleichen, wenn nicht durch 
die aneinandergereihten bewegtgezeich 
neten Baumwipfel Leben hereinkäme. Ne 
ben diesem Hauptblick gibt es noch einen 
seitlichen, wo man das Schloß, durch eine 
schräg den Garten zerschneidende Lich 
tung hindurch sieht, nur stückweise, um 
rahmt vom Laub, und wie in weiter Ferne, 
die dadurch hervorgerufen wird, daß Busch 
gruppen und halbversteckte Statuen in 
diese Blickbahn eingeschoben sind. 
Von gleicher Art, aber lieblicher ist der 
ebenfalls im Anfang des Jahrhunderts fran 
zösisch angelegte und nun nach englischer 
Weise umgewandelte Park von Nieder- 
Schönhausen. Klein und unansehnlich ist 
das Schloß, von Eosander gebaut, mehr 
ein Landhaus und nicht wie das Char 
lottenburger bestimmt, den Garten archi 
tektonisch zu beherrschen. Vor der Gar 
tenfront, deren Fenster bis auf die Erde 
reichen, wie es in französischen Garten- 
palais Sitte ist, breitet sich ein viereckiger 
Rasenplatz aus, von vier prachtvollen, auf 
die Ecken verteilten Platanen überschattet, 
nach hinten zu in einer langen Promenade 
fortgeführt; nach den Seiten und in schrä 
ger Richtung laufen von dem Platz breite, 
mit alten Kastanien geschmückte Alleen aus. 
Die im Beginn des 19. Jahrhunderts ent 
stehenden Parkanlagen, die die franzö 
sische Gesetzmäßigkeit mit Willen aus 
geben, haben Wirkungen, wie in Char 
lottenburg und Schönhausen, nicht mehr 
zu Stande gebracht. Immer wiederholt 
sich der Gedanke: Wiesen und hohe Baum 
gruppen im Wechsel; selten ist eine zen 
trale, alles erfüllende Idee zu spüren; 
nicht einmal in der nächsten Nähe der 
Architektur herrscht Plan und Ordnung. 
Ja, die Empfindung für Einstimmigkeit 
zwischen Gebäude und landschaftlicher 
Umgebung scheint sich zu verlieren. Unter 
Friedrich Wilhelm III. und IV. werden der 
Belle-Alliancepiatz, der Wilhelmsplatz und 
der Opernhausplatz mit gärtnerischem 
Schmuck versehen, nicht zu ihrem Vorteil. 
Wo aber hügelige Landschaften mit wechsel 
reichen Seeausblicken zur Verfügung stehen, 
ist diese romantische deutsch-englische 
Gartenkunst noch immer Gutes zu leisten 
fähig; so im Park von Babelsberg (Schloß 
1835 von Schinkel in englischer Neugothik), 
den Lenne und Fürst Pückler-Muskau auf 
den Hügeln an der Havel angelegt haben; 
hier sind hin und wieder schöne Blicke 
zwischen den Bäumen durch auf die unbe
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.