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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Natur auf mechanischem Wege, sondern 
auch im Sinne eines gewissen Impressio 
nismus: Er will auch in der Plastik, nur die 
Impression, den Gesamteindruck des Fern 
bildes wiedergeben. 
Das zeigt sich vor allem auch in den 
Reliefs, wo die Gestalten zusammen mit 
ihrem Hintergrund einen Ausschnitt des 
Wirklichkeitsbildes geben. Diese Reliefs 
sind stilistisch meisterhaft komponiert. Sie 
verzichten keineswegs auf die bildliche Ge 
staltung des Hintergrundes. Derselbe zeigt 
die Felswände, aber auch das wogende 
Ährenfeld und die emporzüngelnden Flam 
men, selbst die Wolken sind als kubische 
Ballen gestaltet. In ihren Figuren ferner 
herrscht eine große Mannigfaltigkeit der 
Reliefhöhe, der Rundung — von fast ganz 
frei, fast als Vollfiguren gearbeiteten bis 
zu nur umrissenen Gestalten. 
Dennoch entsprechen diese Reliefs — wie 
schon Treu hervorhob — den besten an 
tiken Reliefdarstellungen oft in über 
raschendem Grad. In wahrhaft muster- 
gütiger Art erfüllen sie die Forderung, die 
jedes gute Relief berücksichtigen muß: sie 
vereinen Tiefenvorstellung und Flächen 
wirkung. Sie genügen diesem Postulat 
unter den schwierigsten Bedingungen: bei 
einer Gestaltenfülle, die in ihrem plastischen 
Reichtum zuweilen einen Michel-Ange- 
lesken Zug hat. 
Auch in diesen Reliefs aber hat die For 
menbehandlung selbst und die Einzelgestalt 
dieselben stilistischen Eigentümlichkeiten 
der Statuen und Freigruppen: l. Die Ge 
schlossenheit des Gesamtumrisses. 2. Die 
wuchtig-massige Produktion und 3. dabei 
eine gewisse Unbestimmtheit der Einzel 
form. Diese Stilistik ist es letzthin, die 
Meuniers Kunst so selbständig macht — 
diese Stilistik, denn es bedarf kaum erst 
der Betonung, daß Meunier jeder skla 
vischen Nachahmung der Wirklichkeit fern 
bleibt, daß er die Natur nachschafft, mit 
einer unübertrefflichen Sicherheit in der 
Beobachtung der plastischen Formenge 
setze. 
Gerade in unseren. Tagen sind dieselben 
von einem Bildhauer, der den ganzen Geist 
der antiken und der Renaissance-Skulptur 
in sich aufgenommen hat, in einer tief 
durchdachten Theorie erörtert worden: von 
Adolf Hildebrandt, dessen Schriftchen: „Das 
Problem der Form in der bildenden Kunst“ 
in der Tat als eine unumstößlich wahre 
Ästhetik der Plastik bezeichnet werden 
darf. 
Der Hauptgedankengang ist folgender: 
Der Künstler weicht von der Natur, von 
dem Bilde, welches das Auge wahrnimmt, 
und der photographische Apparat fixiert, 
ab. Er muß abweichen, denn es ist ihm 
technisch unmöglich, die Gesamtfülle der 
Erscheinungen (man denke etwa an die 
Blätter eines Baumes oder die Haare des 
Menschen) wiederzugeben, oder vollends 
das in seinen Übergängen ganz unbe 
stimmte Bild einer schnellen Bewegung! 
Aus der Erscheinungsfülle kann er nur 
eine Auswahl treffen. Und diese Auswahl 
muß die „typischen Wirkungsakzente“ 
geben, so daß das Kunstwerk als eine 
„neue, iür sich bestehende Realität“ die 
gleiche Wirkung ausübt, wie das natür 
liche Urbild. 
Hildebrandt selbst faßt seine Theorie in 
den Satz zusammen: 
„Die Darstellung der Natur ist für den 
Künstler eine Wiedergabe der von seiner Vor^ 
Stellung schon verarbeiteten und als räum 
liche Wirkungswerte geprägten Formen- 
welt.“ 
Der Plastiker gibt dabei den Raumwert 
der Erscheinung. 
Den „Raumwert der Erscheinung“ — das 
kubisch, körperlich, im Sinne der Tiefen 
dimension Maßgebende und dabei doch 
auch: die Verschleierung, das Unbestimmte 
der Einzelform, wie es ein einheitliches 
Flächen- und Fernbild dem Auge stets nur 
zeigt — die Impression, der Gesamteindruck 
im Sinne des Impressionismus. Das hat 
Meunier vereint in seinen Skulpturen 
wiederzugeben versucht! In einer ganz 
eigenartigen Verbindung einer echt plasti 
schen und einer malerischen Auffassung. 
Und auch für diesen Gesichtspunkt steht 
Meunier kunstgeschichtlich neben dem 
großen Reformator der modernen Malerei: 
neben Jean Frantpois Millet. 
Millet in seinen Bauern und Meunier in 
seinen Bergleuten und Fabrikarbeitern — 
sie beide haben in diesen Gestattenkreisen, 
die wir in unserer entgötterten und der 
göttlichen Nacktheit entfremdeten Zeit all 
täglich vor Augen sehen, der animalischen 
Urkraft des Menschengeschlechts nach 
gespürt, seinem Urzusammenhang mit der 
Natur, in Arbeit, Kampf und Sieg. Sie 
haben diese urwüchsige Kraft mit dem 
prometheischen Funken echt künstlerischer 
Gestaltung beseelt, und dabei urewige Ge 
setze ihrer Kunst einem neuen zukunsts 
vollen Leben entgegengeführt. 
Aber freilich: jede Reformation ist nur 
ein Anfang, kein Abschluß! Eine Auflehnung 
gegen das Hergebrachte, die leicht über 
ihr Ziel hinauseilt — ein Übergangsstadium! 
Wir können wahrlich nichtwünschen, daß 
uns die Kunst der.Zukunft nur die schwere 
körperliche Arbeit, nur die animalische 
Schönheit des Menschengeschlechts vor 
Augen stelle. 
Geist und Seele müssen und werden ihr 
Recht verlangen, und aus den Höhlen der 
Arbeit wird auch diese neue Kunst wieder 
dereinst den Flug aufwärts wagen zu den 
Höhen, wo der Menschheit ewige Ideale 
thronen.
        
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