Path:

Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

46 
Meunier bringt hier auch niemals etwa 
den Kontrast zu den besitzenden Klassen, 
selbst nicht zu den geistigen Arbeitern, zur 
Geltung! 
Das unterscheidet seine Darstellungs 
weise von der des großen Sozialhistorikers, 
dessen Name auftaucht, sobald man Meuniers 
Bilder sah: von Emile Zola und seinen 
gewaltigen Charakterschilderungen. 
Auch Zola sucht allerdings objektiv zu 
schildern. 
Er schenkt uns nichts, wenn er die Ver- 
tiertheit dieser ärger als das Vieh sich 
mühenden Menschen charakterisieren will. 
Er gibt auch der Schilderung der Be 
sitzenden Licht genug. Allein die ganze 
Komposition seines Buches gibt zu er 
kennen, daß seine persönliche Sympathie 
auf Seiten der Arbeiter ist 
Auch Meunier bringt den Arbeitern sein 
volles Herz entgegen. Er sagt es ja selbst: 
„Une immense pitie me prend“. 
Allein in seinen Werken ist er nur der 
objektive Beobachter. Zu den sozialisti 
schen Tendenzbildern darf und wird man 
sie nicht zählen. Und dies gerade ist ihre 
Eigenart! Das sozialistische Tendenzbild 
hat in unserem Jahrhundert eine große 
Geschichte. 
Die frühere Kunst freilich kannte es 
überhaupt nicht, denn wo sie — man denke 
etwa an die niederländischen Genrebilder 
des J7. Jahrhunderts: Brouwer, Ostade — 
den Arbeiter und den Bauer schildert, da 
zeigt sie ihn fast ausschließlich bei seinen 
Freuden, bei Trank und Spiel und Liebes 
streit. 
Schwächlicher hatte das 18. und zum 
Teil das 19. Jahrhundert in seiner Genre 
malerei den gleichen Ton angeschlagen, in 
dem es die an materiellen Gütern Armen zu 
Trägern humoristischer Anekdoten macht. 
In ihrer Schilderung der Arbeiter, der 
Bauern, der Wilddiebe und Räuber, liegt 
etwas von dem schmunzelnden Behagen, 
mit dem der Bourgeois (im schlimmsten 
Sinne dieses Wortes) gelegentlich wie neu 
gierig und sensationslüstern das Proletarier 
dasein beachtet! 
So hatten auch einige Landsleute Meuniers 
zuvor in ihren Bildern solche Stoffe be 
handelt. 
Aber bei diesen äußerte sich eine gewisse 
Absichtlichkeit, welche Meunier ganz fern 
bleibt. Will man die seiner inhaltlichen — 
nicht formalen! — Darstellungsweise am 
ehesten verwandten Werke nennen, so 
neben dem Eisenwalzwerk unseres Menzel 
erst von 1876 vor allem: die Bauernbilder 
von Jean Francois Mitlet, dem Meister von 
Barbizon, dem Epiker des Bauernlebens. 
Millet zeigt den Bauer nicht, wie bisher, 
als Helden der Anekdote, sondern als Hel 
den, als Heroen, als Märtyrer der Arbeit. 
Auch Meunier hat übrigens gelegentlich 
selbst in seinen statuarischen Emzelflguren 
unmittelbar die gleichen Stoffe behandelt 
wie Millet. Bei seinem ,,Pflüger“ und „Der 
Fischer“. 
Diese Gestalten scheinen sich vor der 
Landschaft, vor dem Naturausschnitt zu 
erheben, dem sie entnommen sind. Man 
glaubt jenen Pflüger auf dem Felde selbst 
zu sehen, über das ein kräftiger Wind 
streicht. Erdgeruch umgibt ihn, und so 
auch jene Fischergestalten die Salzluft des 
Meeres. Da hat auch Meunier als Plastiker 
völlig jenes Ziel erreicht, das Millet als 
Maler sich stellt, da schildert auch er „die 
Harmonie des Menschen mit seiner Tätig 
keit“, mit der ihn umgebenden Natur selbst. 
„Die Harmonie des Menschen mit seiner 
Tätigkeit“ — so erklärte Millet den Begriff 
der Schönheit! 
Das ist auch das Glaubensbekenntnis 
Meuniers. Den Menschen als Arbeiter mit 
allen Mitteln physischer Kraft — das ist 
das Thema Meuniers. 
Er schildert den Menschen im Kampf 
mit der Natur, mit dem Dasein —- objek 
tiv, ohne jeden sentimentalen Zug, und 
dennoch werden diese Gestalten unter 
seiner Hand zu Helden. 
Dieser Inhalt seiner Kunst kennzeich 
net innerhalb der Plastik auch bereits im 
Hinblick auf deren ureigene formale Aus 
drucksweise auf den plastischen Stil als 
solchen eine bestimmte, reformatorische 
Richtung. Was hat Meunier dazu geführt, 
diese Gestaltenwelt zu verkörpern? — Doch 
nicht nur das persönliche Mitleid, das er 
mit diesen Menschen empfindet, sondern 
wie er ja auch selbst sagt: die künstlerische 
Freude an ihrer „beaute farouche“, an ihrer 
wilden Schönheit, die Freude, die der Plast 
iker, der Bildhauer empfindet, empfinden 
muß, angesichts dieser muskelstarken, seh 
nigen, stets bewegungsbereiten Menschen, 
die innerhalb unserer Zeit, gegenüber der 
geistig so hoch entwickelten, aber physisch 
so häufig degenerierten, hypernervösen 
Menschheit unserer höheren Gesellschafts 
schichten wie ein riesenhaftes Urgeschlecht 
erscheint! 
Er sucht und findet eine kraftvolle, phy 
sisch heldenhafte Menschenschönheit im 
Kreise derer, die im steten Kampf mit der 
Natur und mit den Elementen stehen — 
bei den Fabrikarbeitern und Bergleuten 
und er gibt sie so wieder, wie er sie sieht: 
in ihrer realistischen Gewandung, blusenar 
tigen Hemden, Schurzfell, Holzschuhen und 
Gamaschen; in dieser Hülle, die auch in 
Wirklichkeit doch die plastische Wucht 
des Menschenleibes gleichsam hindurch 
blicken läßt. 
Bei Meunier sieht man niemals glatte 
Formen, niemals glatt fortlaufende Kon 
turen! Er hat immer etwas von einer mo 
dellierenden Hand, die eine gewisse Un 
ebenheit absichtlich bestehen läßt. 
Nicht nur gleichsam als Rest der per 
sönlich schaffenden Künstlerkraft im 
Gegensatz zu dem objektiven Nachbild der
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.