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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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der Wahl eines so krassen Stoffes stand 
der junge Maler damals in Belgien nicht 
allein. Durch den Maler Degroux vor allem 
war dort damals das „Armeleute - Bild“ 
bereits eingeführt. Dennoch muß die Wahl 
dieses Stoffes bei einem ursprünglich von 
klassizistischer Schulung ausgegangenen 
Künstler überraschen. 
Fortan ist Meunier auf den jedes dritte Jahr 
stattfindenden Kunstausstellungen Brüssels 
regelmäßig mit einem Gemälde vertreten. 
Und zwar vorwiegend mit Kirchenbildern 
ernsten Charakters, z. T. in staatlichem 
Auftrag. 
In seiner Lebensskizze legt Meunier selbst 
auf diese Arbeiten nicht das geringste Ge 
wicht. Er berichtet von ihnen nur mit der 
Kühle eines Chronisten: „Diese Arbeiten 
füllen die zeitlich erste Periode in meiner 
Tätigkeit als Künstler aus, als deren äußerer 
Abschluß eine Reise nach Spanien betrachtet 
werden mag". 
Dann aber heißt es in dieser Selbst 
biographie weiter: 
„Da führte mich der Zufall in das pays 
noir, in das „schwarze Land“, in das Land 
der Arbeit. Mich packte seine tragische, 
wilde Schönheit. Wie eine Offenbarung 
ergriff es mich: „une reveiation d'utie 
oeuvre de vie ä creer: wie eine Offenbarung, 
die zu lebendigem Schaffen drängt. Ein 
ungeheures Mitleid faßt mich, „une immense 
pitie". 
Aber noch dachte ich dabei nicht an 
plastische Darstellung. 50 Jahre war ich 
damals alt, aber ich fühlte in mir un 
bekannte Kräfte, wie eine neue Jugend, 
und tapfer machte ich mich ans Werk. 
Das war wahrlich kühn genug, denn ich 
hatte eine zahlreiche Familie zu ernähren.“ 
Mit dieser mutigen Tatkraft hat Meunier 
1880, an der Schwelle des Greisenalters, sein 
zweites, sein wahres Leben als Künstler 
begonnen. — 
Dessen kunsthistorisch bleibende Be 
deutung spricht sich bereits in jenem 
zunächst rein äußerlichen Element aus, 
welches eingangs neben jenem seltsamen 
so spät erst zur Reife führenden Ent 
wicklungsgang, als die zweite, wichtige 
Eigenart im Wirken Meuniers bezeichnet 
wurde: der Inhalt, die stoffliche Wahl 
seiner Werke! 
„Diese tragische, wilde Schönheit packt 
mich und ein unendliches Mitleid ergreift 
mich“ — so schildert Meunier selbst den 
Eindruck, den die Welt von Borinage, die 
Welt der Bergleute und Fabrikarbeiter dort 
auf ihn gemacht hat. 
Und als ein echter Künstler fühlt er fortan 
den Zwang, diesen Eindruck in künst 
lerischen Taten auszusprechen. 
Seine Stoffe sind fortan begrenzt. An die 
Stelle der antiken Gottheiten und Heroen 
treten die Grüben- und Fabrikarbeiter des 
belgischen Kohlendistriktes, tritt selbst 
dessen landschaftliches Milieu. 
Denn Meunier war von 1880 nicht sofort 
als Bildhauer tätig, sondern als Maler, 
Vielfach gibt er Landschaftsbilder, ohne 
alle Staffage, Landschaftsbilder, in denen 
jedoch die Natur keinen Raum hat; rings 
nur Werk von Menschenhand, und kein 
frohes Werk, sondern der Schauplatz der 
strengsten, gewaltigsten Arbeit, wo der 
Mensch die Kraft der Elemente in seinen 
Dienst nimmt: Fabrikgebäude und rau 
chende Schlote, Gerüste, Schienenwege und 
Ketten, Aufzüge und Feueressen — staubige 
Straßen und dürftige Ziegelhäuser: ein 
zelne Teile jenes gewaltigen Maschinen- 
Organismus, der aufgeboten wird, um der 
Erde ihre Schätze, dem Feuer seine Ge 
staltungskraft zu entringen. 
Dazu dann die dürftigen Stätten, in denen 
die hierfür tätigen Menschen hausen, die 
Straßen in diesen ärmlichen belgischen 
Arheherdörfern. Oft ohne Staffage! Nur 
den Schauplatz der Arbeit! 
Dann aber auch die dort hausenden 
Menschen selbst! Die Kohlen- und Fabrik 
arbeiter ! 
Schon in diesen Gemälden und Pastellen 
finden sich die gleichen Gestalten wie später 
in seinen Statuen, Gruppen und Reliefs — 
z. T. sogar die gleichen Kompositionen: 
Bergleute auf dem Arbeitswege. 
Schon hier wird man unmittelbar an die 
literarische Schilderung des Lebens in den 
heutigen Kohlenbergwerken gemahnt, an 
eine Stelle in Zolas Roman „Germinal“, 
da wo er den Aufbruch der Arbeiter schil 
dert: „ein langsamer Zug von Schatten . . . 
Die Kohlenarbeiter, die ihre Schultern da 
herschoben und ihre Arme, mit denen sie 
nichts anzufangen wußten. Nur mit dünner 
Leinwand bekleidet, zitterten sie in der 
Kälte, ohne sich deshalb mehr zu beeilen. 
In regelmäßiger Reihe zogen sie mit dem 
Getrappel einer Herde längs des Weges 
dahin.“ — In der Tat der beste Wort- 
Kommentar zu diesem Bilde! 
So auch, wenn Zola an einer anderen 
Stelle den eigenartigen Gang dieser Männer 
schildert: „mit einer wiegenden Bewegung 
der Lenden, die ihre derben Knochen unter 
der dünnen Leinwandhülle ihre Kleidung 
hervortreten ließ!“ So wird man auch vor 
einem zweiten Bild, das die bei der Ein 
fahrt ins Bergwerk wartenden Arbeiter 
zeigt, an Zolas Beschreibung dieser Szene 
vor dem Voreux-Schacht erinnert. Schon 
als Zeichner und Maler beobachtet dann 
Meunier — wie später der Bildhauer — die 
Bergleute bei der Arbeit selbst! 
Wie sie die Kohlenwagen, „Hunde“, vor 
wärtsschieben, ein ungemein schlicht und 
wahr erfaßtes Momentbild, ohne Schau 
stellung. 
Ferner: ein Arbeiterdorf am Morgen und 
eine Ziegelbrennerei. Die Gestalten sind 
breit angelegt, die Körper silhouettenartig, 
als Ganzes — ein plastischer Zug. Die 
ersten, mächtigen Eindrücke seines neuen
        
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