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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

R A MU IV - 
CONSTANTIN MEUNIER + 
EIN REFORMATOR DER PLASTISCHEN KUNST, 
Von ALFRED GOTTHOLD MEYER f 
Die Frühreife einzelner Großmeister der 
Vergangenheit, seit der Renaissance, ist 
längst zu einer Ausnahme geworden, allein 
dieser Fall steht in der modernen Künstler 
geschichte doch wohl völlig vereinzelt da, 
daß ein Künstler erst nach seinem fünfzig 
sten Lebensjahre sich selbst gefunden. 
Meunier ist 1831 geboren — und erst 1886, 
also mit 55 Jahren, schuf er das Werk, 
das kunstgeschichtlich sein wahres Lebens 
werk eröffnet, die Statue des „Marteleur“, 
seinen „Hammermeister". Sagt er doch 
in seinem kurzen Abriß seiner Lebens- 
geschichte selbst: „II y a, pour ainsi dire, 
deux vies dans ma vie". 
Ähnlich hatte sich einst der theoretische 
Vorkämpfer des deutschen Klassizismus 
ausgedrückt-.Joh.Joach. Winkelmann. Auch 
er spricht von einem zweiten, wahren 
Leben, aber er datierte diesen zweiten, den 
„wahren" Teil seines Lebens, von seinem 
Eintritt in Rom, von seinem persönlichen 
Verkehr mit der klassischen Kunst an. 
Das war ein Bekenntnis, das hundertfachen 
Widerhall gefunden hat in den Seelen der 
Künstler unseres Zeitalters und vor allem 
der Bildhauer. Immer von neuem wird 
es von der verjüngenden Kraft der antiken 
Kunst hervorgerufen. 
Meunier aber fand sein zweites, sein 
wahres Leben, an einer ganz anderen Stätte. 
Er datiert es von dem Tage an, wo er 
fünfzigjährig seine Heimatstadt Brüssel — 
er war in der Vorstadt Etterbeck geboren — 
verläßt, und sich in eine Landschaft begibt, 
die allem künstlerischen Schaffen ferner 
scheint, als wohl irgend ein anderer Land 
strich Europas: in den belgischen Kohlen 
distrikt, in die Provinz der Bergwerke und 
Fabriken, in das „Schwarze Land“, „le 
Borinage", das Gebiet von „Mons“ (Bergen) 
im Hennegau. Dort, im Bezirk der un- 
Dieser, uns nachträglich zur Verfügung gestellte 
Vortrag unseres verstorbenen Mitarbeiters entstand be 
reits vor acht Jahren im Anschluß an eine frühere 
Meunier-Ausstellung bei Keller & Reiner» 
Die Schristleitung» 
künstlerischsten Menschenarbeit, zwischen 
den Schachten der Bergwerke und rauchen 
den Fabrikschloten — dort hat Meunier 
seine Muse gefunden! 
Zuvor — und von Jugend an hatte er den 
Künstlerberuf erwählt — war seine Muse 
die gleiche wie für hunderte der mit ihm 
Strebenden, und nur wenige Züge in ihr 
lassen die kommende Wandlung ahnen. 
Aus kleinen Verhältnissen erwachsen, 
früh des Vaters beraubt, lernte er zunächst 
bei seinem ältesten Bruder, einem ge 
schätzten Kupferstecher, zeichnen. 
Dann kam er zur Brüsseler Kunst 
akademie — zunächst um Bildhauer zu 
werden. 
Sein Lehrmeister von 1847—1850 (also 
bis zu seinem 18. Jahre) ist Fraikin — ein 
tüchtiger Meister, der aber fast gänzlich 
im Bann des französischen Klassizismus 
steht, und neben wenigen Monumental 
werken mit seiner Kunst vorzugsweise im 
Reich der Venus, Amors und des Bacchus 
lebt. So modelliert auch sein junger Eleve 
Meunier damals eine nicht erhaltene Statue: 
,,la Guirlande“ der „Blumenkranz“! — 
Allein schon der zwanzigjährige Jüngling 
empfindet doch, daß dies nicht seine Kunst 
sei. Ja, wird zweifelhaft darüber, ob er 
überhaupt zum Bildhauer geschaffen sei. 
Er will Maler werden. 
Mit einer Reihe von gleichgesinnten Alters 
genossen macht er täglich Studien nach dem 
nackten Modell, und erwirbt inzwischen 
durch allerhand kunstgewerbliche und 
dekorative Arbeiten — wie durch Kartons 
für kirchliche Glasgemälde — seinen 
Lebensunterhalt. 
1857 stellt er sein erstes Gemälde in 
Brüssel selbständig aus — und dessen 
Thema lautet schon ganz anders als bei 
jenem ersten Bildwerk, der „Guirlande“. 
„Salle de St. Roche“ — ein Augenblicks 
bild aus einem Hospital — ein hoffnungs 
loses: „wie eine Krankenschwester einer 
Toten die Füße wäscht“. Das Gemälde 
ist nicht erhalten, aber seinen Charakter 
können wir aus seinem Titel ahnen. Mit
        
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