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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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geführt, freilich ohne daß auf diesem 
schwierigsten architektonischen Gebiete 
die Starrheit traditioneller Formen durch 
brochen wäre. Die Kirche in Lichtenberg 
von L. v. Tiedemann und R. Leibnitz, 
ferner die Bethanienkirche in Neu-Weißen- 
see von denselben Architekten zeichnen 
sich hier, abgesehen von dem eisernen 
Bestände einer uns längst fremd geworde 
nen mittelalterlichen Anschauung, wenig 
stens durch eine geschlossene Komposition 
und lebendige Materialbehandlung aus, die 
man auch im Inneren statt in überlebten 
gotischen Gewölbekappen in ornamentaler 
Beziehung, wenn möglich in Mosaiktech 
nik hätte weiterführen sollen. Die besten 
Kirchen sind leider nur Entwürfe geblieben. 
So der gewaltige Monumentalbau einer 
Lutherkirche von Otto Kohtz, schon des 
halb erfrischend, weil hier der Versuch 
einer völlig neuen Gestaltung gemacht 
wurde, und der Entwurf zu einer kleine 
ren Kirche von Josef Reuters, der sich 
durch die organische Geschlossenheit der 
Einzelheiten auszeichnet. Gerade bei den 
traditionellen Bestandteilen einer Kirche 
liegt die Gefahr einer Zersplitterung nahe, 
hier verrät sich stets der geschulte Geist 
in der Zusammenfassung des Gesamt 
organismus durch lebendige Fäden, welche 
die heterogensten Bestandteile überzeugend 
verknüpfen. Die Epiphaniaskirche in West 
end von Jürgen Kröger zeigt hier wenig 
stens Bestandteile guter Absicht. 
Als eine Art neuen Typs, ein Übergang 
vom Mietshause zum Landhause können 
die Häuser der stillen Sophienstraße in 
Charlottenburg in jeder Beziehung als 
Musterbeispiele gelten. Von durchaus 
neuer Auffassung zeugt besonders das 
Wohnhaus von Bruno Schmitz, schon 
nach außen von einer warmen Behaglich 
keit, jedoch nicht ohne abwehrende Note 
in der Gesamtphysiognomie, ein Eindruck, 
der an die Romantik englischer Land 
häuser erinnert. Hell und freundlich 
wirken daneben die Häuser von Otto 
March und von Kayser und von Grosz 
heim. Über die eigentlichen Landhäuser, 
die im verflossenen Jahrgange abgebildet 
wurden, ist an anderer Stelle berichtet 
worden. Hier scheint für Berlin in jeder 
Beziehung eine Stockung eingetreten zu 
sein, ein Zustand, der nur besser werden 
kann, wenn sich ein Unternehmen großen 
Stiles in Szene setzt. 
Abgesehen von den Bauwerken selbst 
soll hier zum Schlüsse vom Urteil über 
diese selbst gesprochen werden. 
Die allgemeine Ungleichheit und Un 
sicherheit des Urteils in künstlerischen 
Dingen läßt heute eine eigentliche Freude 
an architektonischen Neuschöpfungen kaum 
noch aufkommen. Im Kampf der Mei 
nungen gilt nur noch das Recht der per 
sönlichen Anschauung, das Streitobjekt 
selbst wird völlig gleichgültig. Wenn heute 
über die bedeutendsten künstlerischen Er 
scheinungen, es gibt ihrer nur ganz wenige, 
die verschiedensten Meinungen herrschen, 
so ist das an sich völlig gleichgültig, 
Wichtig bleibt, daß die künstlerischen Er 
scheinungen selbst aus dem Leben der 
Zeit nicht wegzudenken sind. Trotzdem 
droht der Streit der Meinungen zu einer 
wahren Kalamität zu werden; er droht 
die wenigen Großen in ihrer Entwicklung 
zu hindern. Das liegt zumeist an der 
für unsere Zeit charakteristischen Selbst 
überhebung. Es kommt heute nicht darauf 
an, eine lange Kultur des Auges, Maßstäbe 
für die eigene künstlerische Anschauung 
in langer mühevoller Erziehung zu erringen, 
es genügt vielmehr, angenommene un 
kontrollierbare Phrasen mit möglichster 
Dreistigkeit zu äußern. 
Jeder Skribent darf heute seine Meinung 
aller Welt vortragen. Das ganze Zeit 
schristenwesen verführt zu einer ober 
flächlichen Behandlung ernster Dinge. 
Hier ist in jeder Beziehung eine größere 
Bescheidenheit angebracht. Denn wichtiger 
wie eine alles negierende Kritik ist heute 
die Tatsache, dass eine allgemeine Grund 
stimmung nach neuem architektonischen 
Ausdruck ringt und ln ihrer Bedeutung 
erkannt wird. Die wirklich großen Werke 
sind selten, äußerst selten. Es bleibt nur die 
Losung: mehr gelten lassen, Nur dann kann 
das originale selbständige Schaffen, das heute 
meist noch verlacht wird, frei und beherr 
schend sich entfalten. M. Creutz,
        
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