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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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beiden Straßenseiten begrenzt und ver 
lebendigt wird. Auch für die weniger be 
lebten Straßen mit Mietshäusern bildet die 
Schöpfung eines lebendigen Raumes, der 
innerhalb konformer Häuserreihen entsteht, 
das wichtigste Problem. 
Was den großen Straßenzügen Berlins 
am meisten nottut, ist eben das Zurück 
drängendes eigenwilligen architektonischen 
Wollens unter das vereinfachte Schema der 
Gesamtiinien. Die Straßen müssen den 
Forderungen des großen Verkehrs in großen 
monumentalen Formen entgegenkommen. 
Heute stehen wir noch unter der willkür 
lichen Hegemonie zahlreicher EinzelwÜlen, 
auf dem alten Standpunkte aus den Tagen 
Heinrich Heines, der in seinem trefflichen 
Urteil über Berlin sich also äußerte: 
„Straßen, die nach der Schnur und nach 
dem Eigenwillen eines Einzelnen gebaut 
sind und keine Kunde geben von der Denk 
weise der Menge. Die Stadt enthält so 
wenig Altertümlichkeit und ist so neu; und 
doch ist dieses Neue schon so alt, so welk 
und abgestorben, denn sie ist, wie gesagt, 
nicht aus der Gesinnung der Masse, son 
dern Einzelner entstanden,“ 
Für die künstlerische Erneuerung des 
Stadtbildes ist im wesentlichen wenig ge 
schehen. 
Bei dem Neubau Haus Kempinski von 
Alf, J. Baioke sind jene Momente schon 
bis zu gewissem Grade herausgearbeitet. 
Aber auch hier scheint noch zu viel Wert 
gelegt auf die individuelle Ausgestaltung 
der oberen Architektur, die doch an dieser 
Stelle für den Beschauer außer Beachtung 
bleibt. Für die in der Friedrich- und 
Leipzigerstraße gelegenen Bauten kommt 
es schließlich nur auf die individuelle Be 
tonung der innerhalb der Verkehrssphäre 
gelegenen architektonischen Fundamente 
an. Dieses aus Geschäftsrücksichten not 
wendige individuelle Herausheben wird je 
doch zum größten Teil durch die jeweilige 
Art der Reklame und Auslage schon er 
reicht; architektonisch ist daher die aller 
größte Zurückhaltung um so empfehlens 
werter, als jene zu künstlerischer Rück 
sichtnahme keine Veranlassung haben. 
Wenn man heute über die Entwicklung 
der Berliner Architektur, wie sie sich im 
Verlaufe des vergangenen Jahres in dieser 
Zeitschrift darstellt, berichten soll, so darf 
dieses Urteil auf Grund der zeitlichen und 
stofflichen Beschränkung nur relativ ge 
nommen werden. 
Gegenüber dem vorigen Jahrgange er 
weist sich die Mietshausarchitektur ungleich 
fortschrittlicher, Die Straßenfassade wird 
mehr und mehr zu einer bildartigen Fläche. 
Alle plastischen und dekorativen Einzel 
heiten treten zurück. Das hängt mit der 
unplastischen Neigung unserer Zeit zusam 
men, die bei größerer und rapiderer Inan 
spruchnahme sich mit mühseligen plasti 
schen Einzelheiten und ornamentalenDetails 
kaum noch abgibt und mehr auf einen ver 
einfachten großen Flächenstil hinaus will. 
Oberhaupt neigt unsere Zeit infolge der 
umfangreichen Erziehung zum künstleri 
schen Sehen mehr dazu, die Dinge bild 
artig in Zusammenhängen zu sehen, wie 
sie die moderne Lichtmalerei bis in die 
feinsten Nuancen hinein geschaffen hat. 
Es scheint, daß die bildartige Auffassung 
auch in der Architektur mehr und mehr 
nach Ausdruck ringt. Ein typisches Bei 
spiel sind hier die Wohnhäuser von Aiberf 
Geßner in Charlottenburg. Die Fassade 
wurde glatt gehalten wie ein Karton; selbst 
die Ziegel des Dachgeschosses hängen senk 
recht. Sehr fein ist, wie auch der Erker 
vorsprung mit abgeschrägten Ecken gleich 
sam aus der Fläche entwickelt wurde. Die 
Fensterreihen fügen sich wie ein Ornament 
der Gesamtfläche ein, helle weiße Stäbe 
in gelbem, grünem oder violettem Grunde. 
Durch diese farbenfreudige, lebendige Auf 
fassung werden auch die Hofwohnungen 
dieser Häuser zu einem menschenwürdigen 
Aufenthalte. 
Die Reaktion gegen die plastisch-orna 
mentale Überladung äußerte sich in An 
lehnung an antikische Bauformen, die in 
ihrer Vereinfachung zunächst dem neuen 
Empfinden unserer Zeit zu entsprechen 
schienen. Es bildete sich eine große Gruppe 
von Künstlern, die alle mehr oder weniger 
eklektisch gewisse Eindrücke der einfache 
ren Architektur des 18. Jahrhunderts ver 
arbeiten, manchmal so modern sind, wie 
man nur irgend verlangen kann, dann aber 
wieder durch unvermittelte, kaum verar 
beitete Übernahme alter Grundformen über 
den Werdeprozeß ihres Schaffens nicht im 
Unklaren lassen. Eine Art von Entwick 
lung scheint sich in diesen Werken anzu 
künden, gutes Wollen und ehrliche Absicht, 
und sicherlich werden viele dieser Künstler
        
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