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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Unternehmerfrage imWege zu stehen. Dem 
nach Berlin kommenden Fremden fällt es 
leicht auf, daß diese Stadt, deren Bauwelt 
ja weitaus der jüngsten Zeit angehört, noch 
soviele „eingebaute“, nicht freistehende 
Theater besitzt. Ohne diese letztere Eigen 
schaft, die allerdings finanziell anspruchs 
voller ist, wird jedoch kaum jemals eine 
genügende Annäherung an das Ideal eines 
Theaterbaues möglich sein. Dient die 
Kunst dem Unternehmer, so macht sich 
dies bald auch in technischen Einzelheiten 
bemerkbar. 
So scheint uns alles bisher Gesagte eine 
genügend praktische Verwirklichung doch 
erst dann finden zu können, wenn der ge 
samte Theaterbau ganz und gar von keinem 
anderen Gedanken getragen wird, als von 
dem eines reinen Mittels zum Zwecke der 
höchsten Ermöglichung der Kunst im rein 
sten Sinne des Wortes. Die nächste not 
wendige Folge dieses Gedankens dürfte 
das steile Ansteigen der Parterrereihen 
sein. Dieses aber ändert bereits wesent 
lich die Baubedingungen und drückt die 
Bedeutung der Ränge so herab, daß da 
durch der Grundgedanke von Zasche, 
wenn auch nicht ganz verloren geht, 
so doch an direktem prakhschem Werte 
verliert. 
Nun drittens die Garderobenfrage! 
Schwerlich wird sich irgend jemand von 
uns vieler Theater erinnern, in welchen 
diese Frage auch nur annähernd gut ge 
löst ist. Ausnahmen bilden einige Hof 
theater, wie die zu Dessau und Karlsruhe, 
in denen die Garderobe ganz einfach auf 
gutes Vertrauen hin in den Korridoren auf 
gehängt wird. Daß dadurch auch das 
wirre Gedränge der Suchenden vermieden 
sei, wissen wir wenigstens nicht; die etwas 
ähnlichen Verhältnisse im Berliner Schiller 
theater sind doch auch noch lange nicht 
ein Ideal. Die Ersparung der Gebühr für 
die Aufbewahrung der Garderobe, in eini 
gen Berliner Theatern bereits durchgeführt, 
befreit zwar von einer der ärgerlichsten 
Ausgaben, die der Freund der redenden 
Künste kennt, nicht aber von dem Drang 
jener Augenblicke, da so und soviel Men 
schen ihre Arme mit der vorgehaltenen 
Garderobennummer ausrenken und dann 
mit dem Kopf und dem Mantel durch die 
Mauer der hinten Nachdrängenden durch 
zurennen suchen. 
Wer im glücklichen Besitz einer Loge 
ist, hat es damit leicht, falls er seine Gar 
derobenstücke im Hintergründe dieses Rau 
mes ablegen kann, Auch dies ist in den 
Logen nicht möglich, die nicht viel anderes 
als eine Summe von Sperrsitzen darstellen 
(„Fremdenioge“ u, dergl. mehr). Allein diese 
und andere durch das Logenprinzip er 
möglichten Vorteile legen doch die Frage 
nahe, ob sich denn dieses Prinzip nicht 
zum herrschenden des gesamten Theater 
baues machen läßt. 
Denken wir uns ein Parkett noch steiler 
ansteigend, als es bei der gewöhnlichen 
Durchführung des Prinzipes vom Amphi 
theater der Fall ist, so gewinnen wir hinter 
jedem Parkettsitze, schräg nach unten ge 
dacht, einen freien Raum, Stellen wir uns 
nun weiter vor, dieser Raum werde hinter 
je einer von den (einander nicht zu nahen) 
Sitzreihen praktikabel ausgestaltet, so läßt 
sich das gesamte Amphitheater in eine An 
zahl von Sitzgruppen mit freiem Hinter 
grund zerlegt denken. Je steiler wir nun 
das Parterre ansteigen machen, desto eher 
können wir uns diese Kombinationen zu 
wirklichen Logen ausgestaltet denken. 
Oder wir stellen uns umgekehrt eine 
lotrechte Wand vor, in welche Zellen ein 
geschnitten sind, ähnlich wie die Bienen 
zellen. Dieses gesamte Gebilde denken wir 
uns dann schräge nach hinten geneigt, mit 
einer solchen Verschiebung der Zellen, daß 
von jeder aus bei bequemem Sitz ein beque 
mer Ausblick auf die Bühne möglich wird. 
So bekommen wir, etwa bei der Neigung 
von 45 Graden, ein amphitheatralisches Ge 
bilde, das aus lauter logenartigen Einzel 
räumen bestellt. Den Zugang finden wir 
in der Hauptsache aus dem dreieckigen 
Raum unter der ansteigenden Fläche, für 
die Seitenteile wohl auch durch seitliche 
Zugänge. 
Diese logenartigen Räume sind natürlich 
nicht so geräumig überdeckt, wie die jetzi 
gen Logen; ihre Decke fällt vielmehr nach 
rückwärts ab, so daß der Eintretende aller 
dings mit dem ersten Schritt in einem ver 
engten Hintergründe steht. Da jedoch ir 
gendwie immer wieder Opfer an Raum 
bequemlichkeit gebracht werden müssen, 
so wird auch diese Schwierigkeit ihre 
Rechtfertigung finden. 
Dagegen bietet jenes schräge Abwärts 
gehen der Logendecke den Vorteil, daß 
durch solche Neigungsflächen die oben er 
wähnte „Destexion“ im Sinne von August 
Orth durchgeführt werden kann. Die Hören 
den sitzen dann innerhalb eines Schall 
verstärkers ; und sie sitzen überdies in 
einem Schutzraume, der sie optisch und 
geistig völlig auf die Bühne konzentriert, 
Von dem Interesse freilich, sich gegen 
seitig als eine vornehme Gesellschaft zu 
bewundern, das in den nach dem Ränge 
prinzip gebauten Theatern so üppig und 
so kunstschädlich befriedigt ist, muß hier 
allerdings abgesehen werden. 
Schreiber dieser Zeilen will die vor 
liegende Anregung lediglich als eine solche 
gegeben haben und ist sich nicht nur der 
Schwierigkeiten einer derartigen Anlage, 
sondern auch der Schwierigkeiten ihrer 
Planung bewußt. Allein die Hoffnung, durch 
eine solche Anregung vielleicht wenigstens 
andersartige Fortschritte im Theaterbau 
nahezulegen, rechtfertigt wohl den An 
spruch, den er damit an seine Leser ge 
stellt hat.
        
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