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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

THEATERBAU. 
Von Dr. HANS SCHMIDKUNZ (Berlin-Halenaee). 
Es würde uns zu weit führen, wollten 
wär hier die Gesamtheit der Fragen auf 
rollen, die sich auf dem Gebiete des 
Theaterbaues erheben, Auch nur eine Über 
sicht über die Berliner Theater würde bei 
ihrerVielgestaltigkeitundMenge den Rahmen 
unserer Zeilen sprengen. Vielleicht könnte 
dann die Etage über ein altes, doch neuerdings 
verschärftes Unrecht an die Spitze zu stellen 
sein: daß nämlich besonders in unseren 
Tagen der Bauunternehmer des Theaters 
den Architekten lediglich als einen der 
vielen Angestellten seines Bureaus betrach 
tet und ats solchen verhindert, sein tech 
nisches und künstlerisches Werk vor der 
Öffentlichkeit zu vertreten. Parallel damit 
geht Analoges im Kunstgewerbe, Fort 
während werden uns auf größeren und 
kleineren Ausstellungen Werke der ange 
wandten Kunst vorgeführt, als Erzeugnisse 
irgend einer Unternehmerfirma, während 
wir doch die Hauptperson, den entwerfen 
den Künstler, nicht kennen lernen. Frank 
reich hat seine Künstler gegen diese Unter 
drückung bereits seit längerem gesetzlich 
geschützt. In unseren Zeilen können wir 
nur noch mit diesem einen Wort uns den 
bisher recht spärlichen Verwahrungen an 
schließen, die gegen jenen Unfug, zumal 
anläßlich der neuen Kunststätte am Nollen- 
dorfplatz, laut geworden sind, und alle 
Kunstfreunde aufrufen, in dem Widerstände 
gegen jene Schädigung der Kunst zu 
sammenzuhalten. 
Ein ganz besonderesInteresseamTheater- 
bau in den letzten Jahren war das an der 
äußeren Erscheinung der Bauten. Damit 
steht es ähnlich wie mit dem Interesse für 
dieFassaden unserer gewöhnlichen Straßen 
häuser, hinter dem das Interesse an den 
Innenformen in trauriger Weise zurück 
getreten war. Indessen ist der Theaterbau 
über diese Verkehrtheit, die das Innere vom 
Äußeren ableitet, statt es umgekehrt zu 
machen, doch schon seit längerem hinaus 
gekommen. Es war bereits vor Jahr 
zehnten eine gewichtige Errungenschaft 
unseres Gebietes, daß man die Eigenart 
des aus dem Zweck entsprungenen Inneren 
in der äußeren Erscheinung anschaulich 
ausprägte. In Deutschland hat G, Semper 
durch seinen Dresdener Hoftheaterbau, in 
Frankreich J. L, Ch. Garnier durch seine 
Große Oper zu Paris je ein Musterbei 
spiel dieses Strebens gegeben. Wertvolle 
andere Stücke, wie das Festspielhaus Bay 
reuth, das Lessingtheater Berlin, und unter 
anderen selbst das Jantschtheater im Wie 
ner Prater schließen sich in diesem Sinn 
an. 
Nun darf allerdings hinter diesen Fort 
schritt nicht mehr zurückgewichen werden. 
Doch immerhin liegen auch hier Gefahren 
vor. Erstens verleitet dieses Prinzip zu 
der Meinung, die technische Aufrichtigkeit 
genüge bereits zu einer künstlerischen Voll 
kommenheit; wie wir ja einen ähnlichen 
Denkfehler auch im Kunstgewerbe all- 
augenblicks wiederfinden. Zweitens liegt 
die Gefahr vor, daß die verschiedenen 
rundlichen und eckigen Bestandteile des 
Innenraumes eine gekünstelte Kombination 
von verwickelter Geometrie in der Außen 
erscheinung erzeugen. Ein derartiger Tadel 
wird ja auch gegenüber dem Garnierschen 
Bau in Paris erhoben; abgesehen davon, 
daß dort die Vermeidung jener technischen 
Dürftigkeit zu einem überreichen Schmuck 
geführt habe, bei dem doch der Eindruck 
des Monumentalen fehle. 
Drittens aber besteht die Gefahr, daß 
durch die Lebhaftigkeit des Interesses für 
diese äußere Ausprägung das nicht minder 
notwendige Interesse für die Zweckmäßig 
keit und Schönheit des Innenraumes ge 
schwächt werde. Was dessen ästhetische 
Seite betrifft, so sind wir ja nur erst wenig 
über den Prunk der Renaissance- und Ba 
rockformen, sowie über den dürftigen Protz 
der Empireformen hinausgekommen, unter 
deren Herrschaft das moderne Theater groß 
geworden ist. Noch immer beherrschen 
die Karyatiden an den Brüstungen, das ge 
zwungen Heroische im Vorhang und son 
stige Künstlichkeiten den Charakter des 
Inneren. Hauptsächlich aber ist derjenigen 
Kultur, die sich in jenen Formen ausge 
sprochen hat, in erster Linie die folgen 
reiche Scheidung zwischen Parterre und 
Rängen, speziell Logenrängen, zu danken; 
wozu in zweiter Linie allerdings auch noch 
derGrund hinzukommt,daß bei demRänge- 
system eine größere Zahl von Personen im 
selben Raum unterzubringen ist, als bei 
dem System des Amphitheaters. 
Auffallend wenig ist ein neuerer Berliner 
Theaterbau beachtet und nachbildend ver 
wertet worden, mit dessen sezessionistischer 
Formensprache ja nicht jedermann einver 
standen sein muß, der aber eine achtungs 
würdige eigene Leistung ist: das von 
August Endell erbaute Theater in der 
Köpenickerstraße, das nach bekannten An 
fängen eines höheren Varietes nunmehr dem 
Possenbedürfnis dient. 
Das Streben nach Prunk und Luxus ist 
für Theaterunternehmungen, die nicht auf 
dem Felsengrund einer fürstlichen oder 
wenigstens städtischen Subvention ruhen, 
erst recht verhängnisvoll. Der architek 
tonische Luxus und das Budget sind schließ 
lich nicht mehr in Einklang zu bringen. 
Als Hauptbeispiel kennen wir in Berlin 
das in gutem Sinne des Wortes luxuriös 
angelegte Theater des Westens, dessen 
weiträumige Sitzanlagen den Besucher wohl 
N. A.W. IX. Ti,
        
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