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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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plastische Körperlichkeit des Dahinter 
überhaupt verborgen bleibt. Auf Grund 
dieser Auslassung lassen sich die Pro 
bleme neuer und alter Auffassung bei 
den Sportgebäuden von Hart & Lesser, 
äußerlich allerdings ein durchaus moder 
nes Motiv, aufs leichteste eruieren. Einen 
charakteristischen Beleg für diese moderne 
selbständige und originale Auffassung bil 
den die Trabener Wohnhäuser von Bruno 
Möhring. Hier ist mit einem Schlage ein 
völlig neuer Ausdruck geschaffen. Es ist 
überaus wichtig auf Grund dieser Schöp 
fungen die Neuheit des Künstlerischen für 
das moderne Auge bis in alle Einzelheiten 
zu verfolgen. Von größter Wichtigkeit ist 
das Zurücktreten aller plastischen Details. 
Unser Auge faßt heute selbst schon im 
Straßenverkehr nicht mehr die plastische 
Körperlichkeit der Einzelerscheinung. Das 
Ganze wird vielmehr zu einer vorüberglei 
tenden Reihung fast abstrakter schemen- 
artiger Elemente, Eine unendliche Reihe 
unzählbarer körperloser Einheiten, die 
Ornamentik der modernen Zeit. Etwas Un 
endliches liegt überhaupt im Wesen dieser 
Zeit, ein Etwas, das durch Eisenbahn 
schienen und Telephondrähte immer wieder 
geweckt wird. Für diese Größe und Weite 
der Auffassung bieten die Giebelanlagen 
der Villa Huesgen in der Gewalt des Hin- 
ausstrebens, in der Reihung der Ornamentik, 
der Gliederung der Fläche bis oben hinaus, 
wo wellenartige abstrakte Motive noch höher 
hinauszusluten trachten, den vollendetsten 
Ausdruck. Man vergleiche auch die Mate 
rialbehandlung des hohen Unterbaues der 
Kellerräume und des Gittertores, überall 
die gleiche malerisch zersetzende Art der 
plastischen Körperlichkeit, die hier durch 
die Natur des gewählten Materiales unter 
stützt wird. 
Auch im Innern in der feiner gearbeite 
ten Ornamentik der Holzteile, der Wand 
verkleidung, der Möbelbezüge, den Metall- 
körpern kommt die gleiche Einheit der 
Anschauung zum Ausdruck. 
Den besten Beweis für die Originalität 
dieser Anschauung liefert die Villa 
Breucker. 
Hier überrascht das Ebenmaß der sich 
türmenden Flächen, die nur im Erker und 
der Bindung der Ziegelsteine unter dem 
Dachansatz, dann in den Ziegeln des Daches 
selbst das Motiv der unendlichen Reihung 
betonen. Man ist versucht an italienische 
Villen zu denken, in den polypenartigen 
Armen jedoch, die als Träger über das 
flache Dach greifen, liegt ein Etwas, das 
keine Zeit vordem gekannt hat. 
Es wäre lächerlich die modernen Archi 
tekten rein äußerlich mit den hier ausge 
führten Anschauungen zu identifizieren. 
Vielleicht hat noch keiner von ihnen an 
derartige Analysen gedacht, aber bewußt 
oder unbewußt handeln wir alle aus dem 
Wesen unserer Zeit heraus nach den vor 
handenen Anschauungen der Zeit. Ihre Mög 
lichkeiten sind unendlich, unfaßbar wie das 
Wesen der Zeit selbst.
        
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