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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

VOM SEHEN UND DER ANSCHAUUNG 
U JK 1V1U JJ12/ JK IN Jtw JN Xii XX. 
Von MAX CREUTZ. 
Wenn heute bis zum Überdruß immer 
wieder die Rede ist von einer modernen 
Bewegung in Architektur und Kunstge 
werbe, von einer praktischen Schönheit, von 
großen Flächen und klaren Linien, von all 
den schönen Dingen, die wir in Kunstzeit 
schriften immer wieder mit bewunderns 
werter Ausdauer lesen, so müßte man nach 
Feststellung dieser nun wirklichen fest 
stehenden Tatsachen, über dieses Thema 
endlich einmal aufhören dasselbe zu sagen, 
wenigstens soweit es sich hier um Äußer 
liches handelt. Aber man darf nicht ver 
gessen, daß die moderne Bewegung samt 
ihren schriftstellerischen Äußerungen im 
Grunde veranlaßt wird durch eine tief 
gehende, die Gesamtanschauung von 
Grund aus neugestaltende Bewegung. 
Die künstlerische Anschauung aller Zeiten 
ist in ihrem Wechsel stets durch ge 
waltige Bewegungen eingeleitet und be 
dingt worden. Die Kunst der Völker 
wanderungszeit, die Kreuzzüge und ihr 
Hinausziehen in weite Fernen, verwandt 
mit dem Raumempfinden gotischer Kathe 
dralen, die Renaissance und die Geistes- 
kultur ihrer reformatorischen Bestre 
bungen, kurz alle Zeiten bergen tief 
gehende Gemüts- und Geästesbewegungen, 
die im Künstlerischen zum Ausdruck 
kommen. In ähnlicher Weise hat auch 
die sogenannte moderne Zeit eine große 
Bewegung durchgemacht, identisch im 
letzten Grunde mit den Errungenschaften 
der Technik, die kein Volk und keine Zeit 
vorher gekannt hat. Die Psychologie unserer 
Zeit ist für uns selbst kaum ergründet, und 
es können auch hier nur wenige allerdings 
wesentliche Momente hervorgehoben wer 
den. Für die Stimmung und Anschauung 
des modernen Menschen, Welt und den 
Dingen gegenüber erscheint als Wichtigstes 
die in den modernen Verkehrsmitteln ge 
gebene Möglichkeit einer schnellen Fort 
bewegung der eigenen Existenz. Für den 
Blick aus dem Eisenbahnzuge verwischt 
sich die Plastik der naheliegenden Er 
scheinung, und erst für die Ferne vermag 
es das Auge, die Landschaft zu erfassen 
und langsamer an sich vorüberziehen 
lassen. 
Die eigne Körperlichkeit gewinnt also 
mehr Distanz zu den Erscheinungen. Das 
plastisch Greifbare verschwindet und das 
Auge sieht die Welt bildartig in eine Fläche 
gerückt. Alle Formen des modernen Lebens 
entwickeln sich überhaupt infolge der er 
höhten Ansprüche mit größerer Schnellig 
keit. Ihr kann sich niemand entziehen. Eine 
schnellere Erledigung, bisweilen eine ge 
wisse oberflächliche impressionistische Auf 
fassung ist die Folge, die jetzt auch in künst 
lerischen Dingen zum Ausdruck kommt. 
Damit hängt auch der Tiefstand der Plastik 
und ihre malerische Zersetzung zusammen. 
Diese Auffassung kommt bewußt oder un 
bewußt heute schon in der Architektur 
in vollem Umfange zur Geltung. Man 
vergleiche das in dieser Nummer ab 
gebildete Mietshaus von Langhammer 
wie hier in der ganzen Anlage der 
Fassade, der Abschrägung der Balkons 
und den Glaseinbauten die gleichen 
Flächenelemente zum Ausdruck kommen, 
wie die glatten Giebel der Kirche von 
Vollmer und Iwan, mit der Plastik der 
Dachformationen des 18. Jahrhunderts in 
Kampf geraten, und zu einem altmär 
kischen Stallgebäude wie das von Baum 
garten in starken Gegensatz treten. Für 
die bildartige Flächenanschauung ganzer 
Straßenfassaden kommt hinzu, daß die
        
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