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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Platzecken wird aber ein befriedigender 
Aufbau der Westfront des ganzen Platzes 
nicht wohl denkbar sein. Denn einerseits 
müssen in ihm die seitlichen Häuserfronten 
aufgenommen werden, ihre Anlehnung 
finden; ihre im Verhältnis zum Tore nicht 
geringe Höhe muß durch einen höheren 
Abschluß scheinbar verkleinert werden; 
andrerseits kann für die ziemlich lange 
Gesamtfront mit dem Tore als Mittelpunkt 
eine nochmalige Gipfelung an den Seiten, 
eine mindestens fünf- besser siebenteilige 
Gliederung also nicht wohl entbehrt werden. 
Um so weniger, als die jetzt vorhandene 
„Wandlücke“, der starke Höhenunterschied 
zwischen Tor und den Wachtgebäuden, 
wie er jetzt besteht, ohne Schädigung der 
machtvollen Wirkung des Tores selbst 
nicht beseitigt, oder doch wenigstens nicht 
erheblich vermindertwerden sollte. Schwie 
rig wird es dabei nun wieder werden, die 
Eckbauten rechts und links genügend 
schmal zu halten, damit sie im Verein mit 
den anstoßenden erhaltenbleibenden Bau 
teilen nicht das Tor erdrücken. Endlich 
wird es nicht einfach sein, die seitlichen 
Durchbrechungen mit der Forderung mög 
lichst geschlossener Platzwände und mit 
dem durch die Säulenhallen gegebenen 
starken Rhyth mus in Gleichklang zu bringen. 
Dennoch ist zu hoffen, daß eine große Zahl 
von Lösungen mindestens den einen Be 
weis erbringen wird, daß weder Verkehrs 
rücksichten nochFreilegungslust der Schön 
heit von Platz und Tor Abtrag zu tun 
brauchen. Zu wünschen ist nur, daß diese 
Lösungen möglichst auf dem Boden der 
Wirklichkeit bleiben; denn nur wenn die 
Erreichbarkeit des geplanten Bildes klar 
ist, kann unter den gegebenen Umständen 
ein Einfluß durch dieses Bild auf die um 
zustimmende öffentliche oder maßgebende 
Meinung erhofft werden. Es wird daher 
auch, meine ich, die wirtschaftliche Frage 
nicht aus dem Auge zu verlieren sein; z, B. 
würde die Fortführung offener Hallen im 
Charakter der Wachtgebäude mit höheren 
Anschlußbauten an die Platz-Seitenwände 
trotz der einleuchtenden Einfachheit der 
Lösung sicher hinter Anordnungen zurück 
stehen müssen, die auch noch eine wirt 
schaftliche Ausnutzung der flankierenden 
Gebäude in Aussicht nehmen, wie etwa 
durch größere Kaffeehausanlagen u. dgl. 
mit, sagen wir, „hängenden Gärten“, die 
an dieser Stelle - bei guter Straßenspren 
gung gewiß eine ungemeine Anziehungs 
kraft ausüben würden, 
Doch, es kann nicht Ausgabe des „Artikel 
schreibers“ sein, der künstlerischen Phan 
tasie oder den Anschauungen der Preis 
richter die Wege zu weisen, Mögen die 
Fachgenossen, denen beneidenswerte Muße 
und Schaffenskraft zur Verfügung steht, 
beweisen, daß sie des alten herrlichen Tores 
Schönheit zu erhalten und zu steigern, ihr 
Werk aber in aller Eigenart doch jenem 
unterzuordnen und anzupassen wissen und 
daß sich in echt modernem Geist die 
Schönheit sehr wohl aus berechtigten prak 
tischen Bedürfnissen scheinbar zwanglos 
entwickeln läßt. Dann und wenn das Amt 
des Konservators der Altertümer endlich 
auch auf Berlin ausgedehnt wird, was leider 
-- siehe Opernhaus noch immer nicht 
der Fall ist nur dann wird die Zukunft 
des Brandenburger Tores gesichert sein. 
Hans Schliepmann,
        
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