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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

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Wer wagt auch nur einmal von diesem, 
mindestens diskutablen Standpunkte aus 
den Verkehrsgötzen auf Herz und Nieren 
zu prüfen? Man hält ihn für großstädtisch 
und modern. — Sind zwei Schlagworte 
einem dritten gleich, so macht eins immer 
das andere reich! Ist der Verkehr ein 
allgemeiner Glaubensartikel, so ist die Frei- 
legewut eine — „bessere“ Zeitkrankheit, 
wie der Stilpurismus eine war, die genau 
so viele Sünden wie jener schon begangen 
hat und genau wie jener aus einer begei 
sterten Kunstüberzeugung zu handeln meint. 
Nur die Einsicht in die geistige Mechanik, 
die solche Anschauungen hervorbringt, ist 
imstande, ihre Schädlichkeit einzudämmen. 
Die Ursache ist das, was ich das „Sehen 
mit Scheuklappen 1 ' nennen möchte, die 
Unmöglichkeit für die Beschränktheit, mehr 
als Eine Wahrnehmung aufzunehmen und 
zu verarbeiten. Dem Butterhändler, der 
seine erfrorenen Finger mit einem dicken 
Ring zu „schmücken“ meint, der Frau, 
die den unpassendsten Hut kauft, weil er 
an sich „schön“ ist und auch ihr „also“ 
gut stehen muß, dem Protzen, der wild 
gewordene Stuckphantasien für sein Haus 
in einer stillen, vornehm einfachen Straße 
wählt, damit man nur dies Haus sieht, ohne 
an die Umgebung zu denken, der Denk 
malskommission , die erst das Denkmal 
bestellt und dann nach dessen Aufstellungs 
ort sucht, dem einseitig Kunstbegeisterten, 
der nur „sein“ Lieblingswerk, seinen Künst 
ler gelten läßt und aus allem Drumherum 
herauspräparieren möchte: — ihnen allen 
fehlt der „zweite Gedanke“; sie haben nur 
einen. So ist ihnen irgend eine alte Kirche 
„schön“. Also: weg mit allem Drumherum, 
damit maus auch nur ja bequem hat, die 
Schönheit zu sehen, und damit auch der 
Einfältigste merkt: hier haben säe Dir was 
vor die Nase gestellt, was Du unbedingt 
ansehen mußt! Daß erst aus dem „Milieu“ 
im weitesten Sinne das Werk alle seine 
Reize entfaltet, daß aus ihm Geschichte, 
Maßstab, Steigerung, Hintergrund, Gegen 
satz entsteht, daß eine Isolierung des Wer 
kes also ein Ärmermachen wäre und nur 
in einem isolierten Kopf möglich ist, das 
bleibt ihnen verschlossen. Sie wollen ihren 
Liebling wie den Brillantknopf im Vorhemd 
oder den Baumkuchen auf der Festtafel 
hübsch deutlich und wichtig und selbst 
bewußt aufgebahrt sehen das getötete, 
weil vom Leben abgeschnittene Kunst 
werk! 
Ist schon die freigelegte Kirche ein trau 
riges Zeichen verzopfter Ästhetik, so würde 
das freigelegte Brandenburger Tor vollends 
zu einem Monument von unserer Zeiten 
Schande werden. Denn man mache sich 
nur klar: entweder müßten doch die Wacht - 
gebäude und die Straek’schen Säulenhallen 
bleiben und an den freigelegten Seiten 
natürlich noch sehr nachdrücklich ergänzt 
werden, oder aber man beließe nur das 
eigentliche Tor als Siegesmal. Im ersten 
Falle müßte dann das Vorspringen der 
Wachtgebäude, die ungleiche Lösung 
der Anbauten vorn und hinten, deren 
ästhetisch folgerichtige Verbindung an den 
neugeschaffenen Fronten übrigens kaum zu 
lösen wäre, völlig unmotiviert erscheinen; 
die ganze Gruppe würde sich viel zu schmal 
im eigentlichen Tore gipfeln. Bleibt dies 
aber allein erhalten, so würde es auf dem 
ungeheuren Platze gar ärmlich dastehen, 
weil ihm Tiefe und vor allem — Körper 
fehlt. Es würde eher wie eine Merk 
würdigkeit denn wie ein gewolltes Kunst 
werk, nicht so sehr viel anders als die 
berühmten antiken Säulengruppen auf dem 
römischen Forum wirken. Denn es ist 
nicht zu übersehen: die ganze Kunstidee 
von Langhaus ist viel ausschließlicher als 
etwa bei irgend einem römischen Triumph 
bogen Tor; es ist nur ein monumentaler, 
schön bekrönter Läuten-Durchgang, nicht 
ein „Mal“ in irgend einer Weise; die Plastik 
ist hier nur Schmuck, nicht Hauptsache, 
wie Inschrift und Reliefs hei den römischen 
Bögen. Das „Tor“ aber verlangt eben noeb 
durchaus seinen Gegensatz, die geschlossene 
Mauer, deren Durchbrechung es künstle 
risch ausdrückt, anderenfalls fehlt ihm die 
innere Notwendigkeit. Denn etwa als 
Unterbau der Quadriga würde doch nie 
mand just eine fünftorige Säulenhalle für 
das Natürlich-Gegebene halten. 
Wie so ein losgelöstes Tor wirkt, mag 
man am Berliner Tor in Potsdam be 
wundern, dessen Hervorückung der „Kunst 
wart“ schon vor Jahren als eine Art Schild 
bürgerstreich sinnfällig hinstellte. Jeden 
falls wirkt es wie ein steingewordenes 
Kommando: „Die drei mittelsten Rotten: 
drei Schritt vorwärts Marsch.“ Und plötz 
lich ist n un die „Fühlung“ fortgeblieben. 
Dabei ist dieses verschobene Tor verhält
        
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