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Full text: Berliner Architekturwelt Issue 9.1907

DIE ZUKUNFT DES 
BRANDENBURGER TORES ZU BERLIN. 
Berlin hat verhältnismäßig nur wenige 
ältere Baudenkmäler, und unter ihnen sind 
noch nicht ein Dutzend wirklich ersten 
Ranges. Zu diesen aber gehört neben 
Schlüters und Schinkels und Gontards 
Meisterwerken durchaus das populärste 
von allen, des älteren Langhans’ Branden 
burger Tor. Nicht umsonst ziehen fürst 
liche Gäste stets durch dieses Tor ein; 
muß es doch in jedem den Anschein er 
wecken, als ob es nur in eine Stadt alter 
Kultur, eine Kunststadt und eine Weltstadt 
führen könnte. Seine Eindrucksgröße ist 
so gewaltig, daß es auf seine ganze Um 
gebung einwirkt: noch der Pariser Platz 
erscheint uns schön, obwohl er nur mit 
Häusern zweiten und dritten Architektur 
ranges besetzt ist, unter denen nur die 
Werke Stülers ein, aus liebevollem Ver 
ständnis geborenes ehrfürchtiges Distanz 
gefühl, ein selbständiges und doch harmo 
nisches Mitklingen und Nachklingen auf 
den großen Akkord des Säulentores offen 
baren. Im übrigen wirkt bei dem Platz 
eindruck hauptsächlich die wohltätige, nur 
vom sogenannten Blücherschen Palais ge 
störte Maßstabseinheit und die annähernd 
gleiche, für die Großstadt geringe Höhe der 
Gebäude. Aber diese alle sind eben nur 
die Trabanten des Fürsten in der Mitte, 
des Tores; die Unauffälligkeit jener erhöht 
nur die Wirkung des eigentlichen Schluß- 
und Gipfelpunktes für den Gesamteindruck, 
der eben einzigartig, herrlich ist, 
Aber Berlin ist zwar Weltstadt, doch 
weder recht eine Stätte alter Kultur, noch 
eine Kunststadt, wie das Brandenburger 
Tor glauben machen möchte. Sonst wür 
den wir dies Städtebild wie einen köst 
lichen Schatz hegen. In Wirklichkeit 
aber wurde nur mit Mühe durch den Er 
laß einer besonderen Polizei-Verordnung 
im letzten Augenblick noch einmal verhin 
dert, daß moderner Ausbeutungstrick neben 
das Tor in aller Dickfelligkeit amerikani 
sierter Selbstsucht einen unflätigen Riesen 
kasten setzte, und neuerdings bedrohen 
zwei andere Mächte des Wahnes die Zu 
kunft des harmonischen Bildes: Verkehrs- 
bedürinisse und Denkmaisfreilegung. 
Wer heute gegen die Allmacht der Ver- 
kehrsbedürfnisse ankämpfen will, muß stchs 
schon gefallen lassen, für einen Junker 
Don Quixote angesehen zu werden. Wenn 
die Anbetung Gottes halb so sicher stände 
als die des Mammons und des zu ihm füh 
renden Verkehres, so würden alle groß 
städtischen Laster bald vor Kirchen keinen 
Raum mehr finden. Giebt es etwas Wich 
tigeres, als daß Herr Schulz möglichst 
schleunigst vom Dienst in die Schlafschuhe, 
Herr Meyer auf die Börse, Herr von Müller 
in den Automobil-Klub und Klingelbolle zu 
allen Kunden kommt? Könnten die sich 
etwa einen anderen Weg suchen, als das 
angeblich zu eng gewordene Brandenburger 
Tor? Bewahre! — Derselbe Berliner, der 
sich durch die engsten Drehtüren in seine 
Kneipe quetschen läßt und die Unhöflich 
keit der Ladenbesitzer gar nicht fühlt, die 
ihm den Türeingang durch Reklameschau 
kästen bis auf dreiviertel Meter verengen, 
derselbe Berliner hält es für selbstverständ 
lich, daß die besten Prunkstücke der Stadt 
dem Moloch „Verkehr“ zum Opfer fallen 
müssen. Der Verkehr setzt sich aus tau 
send Eilenden zusammen, die letzten Endes 
doch nur dem Kirchhof zustreben; aber 
die noch für späteste Zeiten geschaffenen 
Kunstwerke könnennichtbeanspruchen, daß 
sich Kreti und Pleti anderwärts ein Loch 
suchen, ihren Pfennigsorgen nachzulaufen!
        
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